Leise rieselt der Schnee

Im Juni verbrannten spanische Behörden dreißig Tonnen Kokain – die größte Menge, die je bei einer einzigen Polizeiaktion sichergestellt wurde. Am Markt hat das quasi nichts geändert: Der Großhandelspreis fällt seit Jahren, die Reinheit steigt; und in österreichischen Kläranlagen misst man heute fünfmal so viel Kokain wie 2016. Wie Europas Kokainmarkt immer größer wurde – und warum Rekordbeschlagnahmungen genau das beweisen.

Zwei Tage und zwei Nächte dauerte es, bis alles verbrannt war – dreißig Tonnen Kokain, in Plastikfolie gewickelt, gingen im Juni in einer spanischen Ver­brennungsanlage in Flammen auf. Mehr als 800 Mio. € war ihr Marktwert. Die Ladung hatten spanische Sicherheitskräfte Anfang Mai vor der Westsahara gesichert. Es war die größte Kokainmenge, die weltweit je bei einer einzelnen Polizeiaktion beschlagnahmt wurde.

Bemerkenswert war aber weniger die Menge als die Route: Das Kokain kam aus Südamerika, in See ge­stochen war die „Arconian“ aber in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone; einem Hafen, in dem es laut dem Kriminalitätsindex der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC), einem ­Analysehaus, seit mindestens fünf Jahren keine einzige Drogenbeschlagnahme gegeben hatte. Was auf den ersten Blick wie ein Erfolg aussieht, erzählt bei genauerem Hinsehen eine kompliziertere Geschichte; über einen Markt, dessen tatsächliche Dimension greifbarer wird, wenn man über einzelne Sicherstellungen hinausblickt. Es ist schwierig, die Folgen der „Arconian“-Aktion auf den Kokainmarkt zu messen, doch es ist unwahrscheinlich, dass sie eine große Delle in den Konsum geschlagen hat.

In Südamerika wurden 2024 auf 384.800 Hektar Anbaufläche rund 4.100 Tonnen Kokain hergestellt – beides Höchstwerte, laut dem Weltdrogenbericht 2026 des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Zehn Jahre zuvor lag die Produktion bei rund einem Fünftel davon. Kokain ist die wohl lukrativste Droge: Der Straßenpreis eines Kilogramms beträgt rund 20.000 €, die Produktionskosten der dafür notwendigen Menge an Koka-Blatt dürften bei rund 400 € liegen. Dazwischen muss das Kokain aus den rohen Blättern produziert werden; doch mit Abstand am meisten steigt der Wert, wenn die Droge in Europa ankommt. Nach Cannabis ist Kokain laut der Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) auch die am zweithäufigsten konsumierte illegale Droge Europas, und anders als bei Heroin, dessen Markt seit Jahren schrumpft, zeigen alle Kurven nach oben: In Österreich fiel die Zahl der Heroinanzeigen von 3.507 im Jahr 2019 auf 1.514 im Vorjahr, während die Kokainanzeigen im selben Zeitraum um mehr als 60 % zulegten. Die Kokainrückstände im europäischen Abwasser stiegen allein zwischen 2024 und 2025 um 22 %.

„Die Produktion nimmt zu, die Sicherstellungen nehmen zu, die Reinheit nimmt zu – alle Indikatoren gehen in die Höhe“, sagt Thomas Pietschmann, Research Officer bei UNODC und einer der Hauptautoren des Weltdrogenberichts. „Hätten wir diese Sicherstellungen nicht, würde alles explodieren. So explodiert es halt nur zum Teil“, sagt Pietschmann.

Ein Grund dafür ist, dass der Preis in den letzten ­Jahren stark gesunken ist. „Vor zwei Jahren haben wir noch 40.000 bis 50.000 € pro Kilo Kokain im Groß­handel geschätzt. Jetzt sind wir teilweise schon unter 20.000, 18.000 €“, sagt Daniel Lichtenegger, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Suchtmittelkrimina­lität im österreichischen Bundeskriminalamt (BK).

Der Straßenpreis blieb dabei fast unverändert (in Österreich rund 85 € pro Gramm, mit einer Spanne von 50 bis 120 €, so Pietschmann) – doch die Reinheit ist gestiegen. Früher lag der Reinheitsgrad in Wien im Straßenhandel im Schnitt bei rund 20 %, sagt Lichtenegger, der seit 20 Jahren im Suchtgiftbereich arbeitet; heute seien es 80 bis 90 % – „und der Straßenhandelspreis ist eigentlich nicht gestiegen“; dies auch, weil Drogenpreise recht unflexibel sind, da sie in der Regel rund sind. „Sie können am Drogenmarkt nicht um 5,60 € und 5,65 € verkaufen“, erklärt Pietschmann. Um bei einer Transaktion auf das richtige Wechselgeld zu pochen, bräuchte es ziemlich starke Nerven – „es muss natürlich alles schnell gehen“.

All diese Zahlen sind nur teilweise belastbar. Beschlagnahmungen geben Hinweise auf die Menge an Kokain, die im Umlauf ist, und auch die Bemühungen von Behörden, die Droge zu sichern. Abwasseranalysen sind zwar ein robuster Indikator für Konsummengen, geben aber wenig Hinweise zur Prävalenz (also zum Anteil der Bevölkerung, der überhaupt konsumiert) oder zur Reinheit. Außerdem führen eher Städte Abwasseranalysen durch, die bereits wissen, dass sie ein Drogenproblem haben. Umsatzschätzungen setzen sich aus Informationen aus Ermittlungsmaßnahmen, Sicherstellungen, Qualitäten und Abwasseruntersuchungen zusammen. Das zeigt, wie schwierig es ist, präzise Aussagen über den Kokainmarkt zu machen – und warum jede Statistik nur einen Ausschnitt der Entwicklung zeigt.

Insgesamt ist aber davon auszugehen, dass Europa heute der zweitgrößte Kokainmarkt der Welt ist – und der am schnellsten wachsende. 5,5 Millionen Menschen haben hier 2024 Kokain konsumiert, 22 % aller Konsumenten weltweit, so der Weltdrogenbericht 2026. Größer ist nur Nordamerika.

Hätten wir diese Sicherstellungen nicht, würde alles explodieren. So explodiert es halt nur zum Teil.

Thomas Pietschmann
Research Officer, UNODC

Lange waren die Handelswege von Kokain recht simpel: Das Rauschgift wurde (und wird nach wie vor) in Kolumbien, Peru und Bolivien produziert, in Containern verschifft und landete in Europas größten Häfen: in Rotterdam, Antwerpen, Hamburg und Le Havre. „Bis 2020, 2021 war es immer dasselbe Muster: große Container aus Kolumbien, zunehmend aus Ecuador, in die großen Häfen Nordwesteuropas“, sagt Ruggero Scaturro, Senior Analyst bei der GI-TOC.

Doch in den letzten Jahren veränderte sich die ­Lieferkette. In Rotterdam sank die beschlagnahmte Menge von über 72,8 Tonnen (im Jahr 2021) auf
11,5 Tonnen (2025), laut den Jahresübersichten des zuständigen HARC-Teams (kurz für Hit and Run Cargo), das verschiedene Behörden zur Sicherstellung von ­Drogen bündelt. In Antwerpen waren es 2023 noch 116 Tonnen, im ersten Halbjahr 2026 nur noch 5,4.

Stattdessen beliefern lateinamerikanische Kartelle kleinere Häfen – „Wasserbett-Effekt“ nennen Fachleute das. „Wenn ich weiß, dass auf dieser Straße immer die Polizei steht, nehme ich eine Parallelstraße“, so Scaturro. Kokain kommt heute über kleinere Häfen in Portugal, Skandinavien und Italien, über Schnellboote in der Straße von Gibraltar, über Abwürfe auf offener See, über halb tauchfähige Boote und zunehmend über Westafrika, wie auch die „Arconian“. Statt weniger großer Liefe­rungen gibt es viele kleine: In den Niederlanden wurden 2021 noch 22 Sendungen mit einem Gewicht von über einer Tonne abgefangen, 2024 nur noch acht.

Österreichs Kokain kommt laut UNODC-Daten vor allem aus den Niederlanden. Über die Balkanroute liefern außerdem serbisch-montenegrinische und türkische Gruppen mit Pkw, Bussen und Lkw, wie der aktuelle Lagebericht des Bundeskriminalamts (BK) festhält. Wie robust die Lieferwege sind, hat die Pandemie gezeigt: Als der private Grenzverkehr fast zum Erliegen kam, erzählt Lichtenegger, blieben Menge, Qualität und Preis praktisch unverändert. Was es ins Land schaffte, kam über den regulären Wirtschaftskreislauf. Konsumiert wird Kokain hierzulande vor allem in Wien, Tirol und Vorarlberg.

Klassische Kartelle gibt es in Europa jedoch nicht. „Man sieht keine ethnisch definierten Gruppen mehr, die den ganzen Kokainhandel kontrollieren“, so Scaturro. Bewegt werde der Großteil des Kokains von Menschen mit einem normalen Beruf – Speditionsleiter, Kaufleute, Obsthändler –, die auch Kokain schmuggeln. Sehr wohl gebe es aber regionale Gruppen, die in der Regel von den jeweiligen Diaspora-Gemeinden geprägt sind: In der Schweiz sind kosovo-albanische Netzwerke im Kokainhandel führend, in Spanien und Frankreich marokkanische, in Italien nigerianische Bruderschaften. In Österreich dominieren serbisch-montenegrinische Gruppen den organisierten Straßenhandel – hierarchisch struk­turiert, mit Schmuggelwegen über die Balkanroute, wie der BK-Lagebericht festhält.

Der Kampf gegen den Kokainhandel ist ein ­harter, doch internationale Kooperation sei das, was am meisten helfe, so Pietschmann. Auf europäischer Ebene ist zuletzt viel passiert – im Jänner 2024 startete die EU-­Hafenallianz, eine öffentlich-private Partnerschaft von Mitgliedstaaten, Kommission, EU-Agenturen, Hafenbetreibern, Reedereien sowie Zoll- und Strafverfolgungsbehörden, die Häfen gegen kriminelle ­Unterwanderung und Korruption absichern soll; in deren Rahmen wurden über 200 Mio. € für Scantechnik investiert. Im De­zember 2025 folgten eine neue EU-Drogenstrategie und ein Aktionsplan mit 19 Maßnahmen bis 2030. Er ­bündelt sechs Schwerpunkte – von der Anpassung an neue Schmuggelrouten und den Onlinehandel über die engere Zusammenarbeit von Polizei, Justiz und Zoll bis zur ­Kooperation mit Drittstaaten. Konkret schlug die ­Kommission etwa neue Regeln für Drogenausgangsstoffe vor: Echtzeitmeldungen bei größeren Sicher­stellungen und ein Verbot eigens entwickelter Ersatzchemikalien. Ein weiterer Schwerpunkt ist Prävention – vor allem, um zu verhindern, dass Jugendliche für die organisierte Kriminalität angeworben werden. Parallel wird der Ton militärischer: Das Maritime Analysis and Operations Centre – Narcotics in Lissabon drängt laut einem ­internen „Call to Action“ darauf, bei Verfolgungsjagden auf die ­Motoren von Schmugglerbooten schießen zu dürfen.

Die Zusammenarbeit einzelner Organe helfe auch, etwa beim Container Control Programme, bei dem ­Polizei, Zoll, Hafenbehörde und Marine in einer ­ge­meinsamen Einheit arbeiten. Ebenfalls wichtig sei Korruptionsbekämpfung: „Wenn ich 30, 40, 50 Leute bestechen muss (statt nur einiger weniger; Anm.), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass einer davon ehrlich ist und das Ganze auffliegen lässt“, so Pietschmann.

In Österreich arbeiten rund 600 Beamte schwerpunktmäßig gegen Suchtmittelkriminalität, 2 % der Exekutive. Sichergestellt wurden 2025 274,6 Kilo, fünf Jahre davor waren es noch 63 gewesen. Das Abwasser­monitoring weist für Österreich einen Konsum von fünf bis sieben Tonnen Kokain pro Jahr aus – die sicher­gestellten Mengen dürften also 5 % betragen.

Das BK setzt daher nicht auf Tonnage: „Wenn ich einen Container sicherstelle, in dem zehn Tonnen Kokain drin sind, ist das natürlich toll. Aber ich habe dann vielleicht nur den Lkw-Fahrer als Kurier festgenommen“, sagt Lichtenegger. Wichtiger sei es ihm, die kriminellen Gruppen zu infiltrieren und Informationen zu sammeln, um später effektiver gegen sie vorgehen zu können.

Behörden erzielen Erfolge – doch sie schaffen es nicht, das Angebot zu verknappen oder den Konsum zu reduzieren. „Sicherstellungen, Drogendelikte und Fest­nahmen erzählen uns nur, wie gut die Polizei darin ist, das zu entdecken, was sie entdecken will“, sagt Scaturro. Der beste Test, ob In­ter­dik­ti­on den Konsum reduziert, ist der Preis – und der fällt. „Es ist ein Rohstoff“ – wo es eine starke Nachfrage gibt, dort wird der Markt dafür sorgen, dass es auch ein Angebot gibt. Das zeigt sich auch im Jahresverlauf: Im Sommer verschiebt sich die Nachfrage dorthin, wo die zahlungskräftige Kundschaft hinfährt – Ibiza, Mykonos, die spanische und italienische Küste –, im Winter zurück in die Hauptstädte. Scaturro: „Wenn Sie Anfang Mai in den Supermarkt gehen, steht die Grillmischung im Regal und die Holzkohle daneben. Genau dasselbe Prinzip gilt für Kokain: Das Angebot bereitet sich auf die Nachfrage vor, die es erwartet.“

Kurzfristig heißt das für Europa vor allem: mehr davon. „Das ist die eine Branche, der es momentan absolut gut geht“, sagt Pietschmann.

Fotos: Forbes Austria, Georg Eierman / Unsplash

Erik Fleischmann,
Redakteur

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