L’homme Machine

Die Verlegerin im Interview über die Philosophie hinter der Mensch-Maschine.

Was bedeutet ‚künstliche Intelligenz‘ für Sie?
Ich verstehe darunter die Verarbeitung von riesigen Datenmengen, es geht um Quantitäten und um Rechenleistung. Darin sind uns Computer natürlich maßlos überlegen. Aber ist es Intelligenz?

Also ein Kategorienirrtum?
Ich frage mich, wie es zu diesem Begriff gekommen ist und wer ein Interesse daran hatte. Was sagt er über die menschliche Intelligenz aus, wie wirkt der Begriff auf uns zurück? Es ist doch so: Je häufiger und länger wir in Suchmaschinen unterwegs sind, desto stärker füttern wir das System mit unseren Daten – und daraus wird KI erzeugt.

Vermeiden Sie aktiv, das System zu füttern?
Es ist das Dilemma unserer Zeit, dass man nur radikal aussteigen kann. Den Stecker könnten wir jetzt noch ziehen, in Zukunft vielleicht nicht mehr. Waffen können mittels Gesichtserkennung so programmiert werden, dass sie eigenständig über Leben und Tod entscheiden. Letztendlich könnte KI auf kriegerische Nutzung hinauslaufen. Computer und Internet wurden im militärischen Kontext erfunden, und ob der Computer diese Ursprungsintention wieder loswird, frage ich mich.

Sehen Sie auch positives Potenzial in der Weiterentwicklung?
Ich glaube, dass viele Menschen unter stupider Arbeit leiden. Ande­r­erseits: Wie würden wir uns wohl entwickeln, wenn wir stets tun könnten, was wir möchten? Fehlt nicht ­irgendwie der Stachel im Fleisch? Der Antrieb, der Widerstand, der innere Konflikt? Die Idee ‚L’homme machine‘, also des ­‚Menschen als Maschine‘, stammt aus der Zeit der Aufklärung. Die Geister, die wir mit den Maschinen gerufen haben, haben uns viel Wohlstand gebracht. Aber sie erinnern auch an den Zauberlehrling. Die Revolution der maschinellen Intelligenz fordert uns mit Rufzeichen dazu auf, unser Menschenbild zu überdenken.

Was ist am Menschenbild der Gegenwart bedenkenswert?
Der Solipsismus, ein gewisser rücksichtsloser Drang zur Selbstverwirklichung, zum Wettbewerb, die Kosten-Nutzen-Rechnung bis ins Privateste hinein, die maschinelle Vernunft eben. So wahr und wichtig Selbstverwirklichung ist, so falsch ist sie auch: Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Werte sind zu sehr zur Geschmacksfrage geworden, auch im Bereich der Kunst. Es gibt viele Menschen, die Künstler sein oder werden wollen – und damit nur sich selbst verpflichtet. Dieses Lebensmodell ist wohl auch ein Versuch, der Determiniertheit unserer Zeit zu entkommen.

KI steuert die gesellschaftliche Kommunikation, unser Ausschnitt der Wirklichkeit wird von Algorithmen mitbestimmt.
Ganz genau. Ich werde so auch manipuliert. Nicht von einer Person, aber von vielfältigen Interessen. Wer bestimmt, was wichtig ist? Und aus welchen Gründen?

Hängt die Wiedergabe nicht davon ab, nach welchen Infor­mationen wir suchen?
Sicher. Ich begegne natürlich auch vielen tollen Dingen im Netz, habe aber trotzdem schnell das Gefühl, Lebenszeit zu verlieren. ­Insofern ist die Auswahl wichtig.

Heute kann ich mir theoretisch zu jedem Thema auf der Welt Zugang verschaffen. Bei einem Buch oder einer gedruckten Zeitung wird mir die Auswahl abgenommen.
Vor allem weiß ich – oder kann ich wissen –, wer sie getroffen hat. Ich kann die Güte einer Auswahl doch nur bewerten, wenn ich den Auswähler kenne.

Sind Sie selbst in Social-Media-­Netzwerken aktiv?
Nein. Meine Kinder haben diese Erfahrung, sind aber auch skeptisch geworden. Sie sind damit aufgewachsen, das Interesse flaut wieder ab. Mein jüngerer Sohn ist 19 und liest jetzt plötzlich wieder dicke ­Bücher. Er bemerkt, dass eine an­dere Qualität des Konzentrierens entsteht. Wir sind ja zu ‚Kurz­strecken-Lesern‘ geworden.

Beobachten Sie das auch an sich selbst?
Ich bin eher Langstrecke. Ich ­klinke mich aus, was diese Häppchen-Information betrifft. Sie dient oft nur dazu, mitreden zu können.

Was macht die Qualität von ­gedruckten Büchern aus?
Ihre lange ‚Halbwertszeit‘. In den Archiven sind jahrhundertealte ­Werke immer noch da und lesbar. Das ist bei digitalen ­Datenträgern schon nach einem Jahrzehnt schwierig. Das Buch ist eine geniale Erfindung, so wie das Rad. In seiner Einfachheit ist es schwer zu toppen.

Wie wirkt sich der Faktor Geschwindigkeit auf Ihre Branche aus?
Wenn früher ein Buch gedruckt wurde, war es zumindest zehn oder auch 15 Jahre lieferbar. Heute ist das Aufmerksamkeitsfenster nach ein, zwei Jahren zu. Was sich nicht schnell verkauft, muss aus den Buchhandlungen verschwinden.

Welche Faktoren müssen heute zusammentreffen, damit ein Buch schnell Aufmerksamkeit erfährt?
Ein Fernsehgesicht des Autors und ein reißerisches Thema. ­Diese Strategie haben viele Verlage verfolgt, und es ist eine Zeit lang für manche ganz gut gelaufen. Unser Konzept war das ohnehin nie.

Wie stark hat die Digitalisierung zu einer Veränderung der Verlagsbranche beigetragen?
Sehr. Ich habe 1989 begonnen, da gab es noch Bleisatz. Die gesamte Buchproduktion besorgte die Druckerei; ein Manuskript ging durch viele Hände: Der lektorierte Text ging vom Verlag zum Auftrags­bearbeiter der Druckerei, dann zum Schriftsetzer, zum Korrektor, zurück in den Verlag, durchlief dann erneut diese Stufen, und erst danach wurde gedruckt. Nach und nach habe ich alle diese Tätigkeiten in den Verlag geholt, wir waren damit wesentlich günstiger und schneller. Und seither schicken wir die fixfertigen Daten an die Druckerei, sie werden direkt auf die Druckplatten belichtet, und schon läuft die Maschine an.

Das klingt nach einer Entlastung.
Entlastung und Belastung – die Fehleranfälligkeit ist weniger geworden, die Mehrarbeit war dafür bei uns. Aber es war auch ein großer Lernprozess, insofern habe ich die Digitalisierung als Rettung für den Verlag erlebt.

Ihr Verlag bietet sehr ausgewählte Werke an. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese aus?
Das Kriterium ist Begeisterung, ein Berührtsein von Inhalten. Ich möchte voller Überzeugung ein Buch anpreisen können. Ich ­versuche, die Vertreter zu überzeugen, die versuchen, die Buchhandlungen zu überzeugen. Wenn im Gespräch der Funke überspringt, geht es weiter. Wir machen circa 20 Bücher pro Jahr, oft sehr aufwendige und umfang­reiche, und hinter denen stehen wir.

Können Sie auf Dauer gegen die großen Verlage bestehen?
Diese Marketingpower haben wir natürlich niemals. Große Schiffe sind aber auch schwerer zu manövrieren. Nicht umsonst gab es ­Seeschlachten, bei denen kleine und wendige Boote im Vorteil waren. So ähnlich verstehen wir uns. Wir haben geringe Overheadkosten, können rasch entscheiden. Das Schönste aber ist, inhaltlich unabhängig zu sein.

Ziehen Sie eine positive Bilanz in puncto Automatisierung?
Ich habe ein 15-jähriges Sterben einer ehemals großen und guten Druckerei erlebt. Die Gewerkschaften pochten zu sehr auf ihre alten Privilegien, dabei hätte es vielleicht nur gute Führung gebraucht, um gut in die digitale Zeit zu kommen und Arbeitsplätze zu erhalten. Die Setzer waren gebildete Menschen, durch sie ist so viel Geistesgeschichte gegangen! Ich habe Drucker kennengelernt, die echte Künstler waren und mich für das Buchbinderhandwerk begeistert haben. Die kognitive Intelligenz hat andere Formen von ­Intelligenz unterdrückt, etwa die soziale, emotionale, ästhetische. Durch die Automatisierung ist die Maschinenvernunft zu wichtig geworden.

Sie meinen das reine Funktio­nieren?
Es muss sich alles rechnen, bis in die privatesten Dinge hinein. Im Grunde werden wir zermalmt vom Effizienzdenken. Ich verlange von mir, dass ich wie eine Maschine funktioniere, sonst bin ich unzufrieden. Ich bin aber auch unzufrieden, wenn ich immer nur funktionieren soll.

Lässt sich die Liebe zum Detail von intelligenten Maschinen erledigen?
Einen Text kann man durch ein Lektoratsprogramm schicken, mittlerweile werden sogar Bücher von KIs geschrieben. Aber ich sehe in der Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren ein enges Vertrauensverhältnis, das man nicht ersetzen kann. Vielleicht fehlt mir dafür auch die Fantasie.

Glauben Sie, dass Maschinen fühlen können? Kann eine Maschine Begeisterung oder Trauer zeigen? Oder simuliert sie diese Gefühle nur?
Mein erster Impuls ist, mit Nein zu antworten, Gefühle sind etwas Lebendiges. Werden aber Emotionen auf biochemische Informationsketten reduziert, ist dieser Prozess durchaus programmierbar. Und eine Maschine könnte Trauer zeigen.

Ist das dann ein Gefühl oder sieht es nur wie ein Gefühl aus?
Die Maschine ist gefüttert mit Daten und reagiert entsprechend.

Reagiert dann nicht auch der Mensch einfach auf ein inner­liches Programm?
Dann müsste ein kleiner Homunculus da oben in unserem Gehirn sitzen, eine Art ‚künstliche Intelligenz‘.

Dieser Artikel ist in unserer Februar-Ausgabe 2018 „Künstliche Intelligenz“ erschienen.

Up to Date

Mit dem FORBES-Newsletter bekommen Sie regelmäßig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-Mail-Postfach geliefert.