Licht in den Compliance-Dschungel bringen

Christian Pittner wollte eigentlich Helikopterpilot werden. Die Pandemie machte ihm einen Strich durch die Rechnung – und ihn zum Seriengründer. Mit Noknots baut Pittner nun eine KI, die Onlineshops durch mehr als 50.000 Seiten EU-Produktverordnungen navigiert.

Als Christian Pittner sich 2020 an einer Flugschule in Santa Barbara einschrieb, hatte er sein Leben bereits danach ausgerichtet: Praktikum in den USA organisiert, Grundwehrdienst absolviert, Arbeitsstelle gesichert. Dann kam Corona – und die Behörden blieben auf beiden Seiten des Atlantiks geschlossen. Parallel brach sein erstes Unternehmen zusammen, ein Hardware-Start-up, dessen Produkte in China gefertigt wurden. „Wir waren das erste medial berichtete Start-up in Österreich, das wegen Corona pleitegegangen ist“, erzählt Pittner.

Aus der doppelten Krise entstand die Idee zu einem zweiten Unternehmen: Gemeinsam mit einem Freund entwickelte Pittner innerhalb von sechs Tagen einen Onlineshop für Start-up-Produkte; ursprünglich als Beitrag zur angeschlagenen Szene gedacht, nicht als Geschäftsmodell. Das Projekt wuchs rasch – und wurde nach 16 Monaten an Niceshops verkauft, einen der größten E-Commerce-Anbieter im deutschsprachigen Raum. Pittner blieb weitere zweieinhalb Jahre an Bord und baute den Shop zum größten seiner Art in Europa aus.

Dort kam er erstmals mit einem Problem in Be­rührung, das ihn bis heute beschäftigt: Produktdatenmanagement im Rahmen der EU-Regulierung. Jede Angabe auf einem Etikett unterliegt Vorschriften, teils bis ins Detail – bei Kosmetik etwa regelt die EU rund 35.000 zugelassene Inhaltsstoffe einzeln, inklusive Höchst­konzentrationen. Gemeinsam mit einer Kollegin, die sich intern auf Compliance spezialisiert hatte, entstand die Idee, das Thema mit künstlicher Intelligenz anzugehen. Pittner und Susanne Rosenkranz gründeten daraufhin das Start-up Noknots. „Während der Entwicklung mussten wir uns so tief einlesen, dass es wenige Nichtjuristen gibt, die sich so intensiv mit EU-Ver­ordnungen beschäftigt haben wie wir“, sagt Pittner.

Wir wollen, dass Compliance im Produktdatenmanagement auf Autopilot läuft.

Christian Pittner

Der erste Anlauf scheiterte an Halluzinationen der KI-Modelle. Gemeinsam mit der FH Joanneum in Graz baute das Team daraufhin eine eigene Datenbank auf, die relevante EU-Verordnungen erfasst – nur mit kontrolliertem Kontext lasse sich das Halluzinieren der Modelle vermeiden, so Pittner. Der Umfang der einschlägigen Rechtstexte sei seit 2010 von zehn auf über 20 Millionen Wörter gewachsen. Pittner kündigte als Erster seinen Job, Rosenkranz blieb zunächst als Leiterin der Warenwirtschaft bei Niceshops und wechselte im vergangenen Jahr vollständig zu Noknots. Später ergänzte Patrick Hopfner das Gründungsteam als CTO.

Das Tool prüft Produktdaten hinsichtlich der ­relevanten EU-Verordnungen, erkennt fehlende Warn­hinweise, überschrittene Konzentrationsgrenzen oder verbotene Inhaltsstoffe – mit Verweis auf Verordnung und Artikel, und mit „Human in the Loop“: Kunden bestätigen die Prüfung aktiv, bevor Ergebnisse übernommen werden. „Wir wollen, dass Compliance im Produktdatenmanagement auf Autopilot läuft“, so Pittner. Ende August soll die Datenbank alle wichtigsten Produktkategorien abdecken, im September folgt eine zweite Beta-Phase. Der Launch ist für das vierte Quartal 2026 geplant, alternativ Anfang 2027 – im Weihnachts­geschäft bleibt Onlineshops erfahrungsgemäß keine Zeit für neue Software.

Nach eigener Einschätzung sind 90 bis 95 % der europäischen Onlineshops nicht vollständig compliant. Am stärksten nachgefragt ist Noknots im Kosmetikbereich sowie im Textilsegment, das durch den kommenden digitalen Produktpass zusätzlich reguliert wird. Eine große deutsche Drogeriemarktkette habe Interesse angemeldet, andere Kunden testen das Produkt gerade. Eine durchschnittliche Abmahnung wegen Verstößen gegen Produktverordnungen beziffert Pittner, basierend auf einer eigenen Bottom-up-Berechnung, mit rund 14.000 €. Auf einer Reise ins Silicon Valley stellte das Team zudem fest, dass die Nachfrage außerhalb Europas mindestens ebenso groß ist: Für US-Unternehmen, die in die EU verkaufen wollen, sei die Regulierung faktisch unüberwindbar.

Eine erste Finanzierungsrunde in den USA kam 2025 aus mehreren Gründen kurz vor Abschluss doch nicht zustande. Bislang finanziert sich das Unter­nehmen über das FFG-Basisprogramm. Der neue Plan des heute fünfköpfigen Teams: nach dem Launch direkt eine Seed-Runde aufzusetzen. Momentan ist keine neue Pre-Seed-Runde vorgesehen, vereinzelt führen Pittner und sein Team aber Gespräche weiter.

Auf die Forbes 30 Under 30-Liste hat es Pittner im letztmöglichen Jahrgang geschafft. Zuvor war er mehrfach nominiert, ohne auf die Shortlist zu kommen. Als die Liste 2026 veröffentlicht wurde, befand sich der Gründer in Wels, wo er einen Vortrag hielt. Pittner scrollte auf seinem Handy durch die Namen der Listmaker, gegen Ende tauchte sein eigener auf. Trotz der späten Stunde rief er sofort Familie und Freunde an. „Das Start-up-Leben ist teilweise sehr anstrengend“, kommentiert Pittner den Augenblick – „aber für solche Momente ist es das wirklich wert.“

Foto: Noknots

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