Live-Shopping E-Commerce

Live-Shopping galt in Europa lange als Nischenformat. Doch mit dem Deutschland-Start von TikTok Shop, neuen Messmöglichkeiten bei Amazon Live und einem veränderten Kaufverhalten im Social Commerce wächst der Druck auf Händler, das Format strategisch ernster zu nehmen.

Live-Shopping ist im E-Commerce nicht mehr nur ein Trend, über den gesprochen wird. 2025 und 2026 verdichten sich die Signale, dass das Format vom experimentellen Marketingkanal zu einem ernstzunehmenden Wachstumstreiber werden könnte. Der Grund dafür liegt nicht allein im Hype um Social Commerce, sondern in einer strukturellen Veränderung des Kaufprozesses: Aufmerksamkeit, Produktdemonstration, Vertrauen und Checkout rücken näher zusammen. Genau darin liegt die wirtschaftliche Relevanz des Formats.

Ein wichtiger Auslöser ist die Plattform-Infrastruktur. TikTok hat den Start von TikTok Shop in Deutschland im März 2025 offiziell angekündigt und das Angebot mit direkt kaufbaren Videos, LIVE Shopping und integriertem Checkout beschrieben. Amazon wiederum hat im Juni 2025 neue Amazon-Live-Signale in der Amazon Marketing Cloud eingeführt. Für Werbetreibende bedeutet das vor allem eines: Live-Shopping wird besser messbar. Und erst wenn ein Kanal nicht nur Reichweite erzeugt, sondern sich auch sauber in Verkäufe und Werbewirkung übersetzen lässt, wird er für größere Händler wirtschaftlich interessant.

Hinzu kommt ein Konsumentenverhalten, das sich bereits deutlich in Richtung Social Commerce verschiebt. Laut DHL sind 66 Prozent der befragten Konsumenten an Live-Stream-Shopping-Events interessiert. Die Studie basiert auf einer weltweiten Befragung von 24.000 Onlinekäufern in 24 Märkten und zeigt damit kein isoliertes Einzelphänomen, sondern ein breiteres Marktsignal. Live-Shopping profitiert dabei von einer Entwicklung, die Konsumenten längst kennen: Produkte werden nicht mehr nur aktiv gesucht, sondern zunehmend in Inhalten entdeckt.

Für Händler ist genau das der strategische Hebel. Klassischer E-Commerce trennt Reichweite, Produktinformation und Kauf oft in mehrere Schritte. Live-Shopping verkürzt diese Strecke. Das Format verbindet Entertainment mit Beratung, Produktdemo mit Kaufanreiz und Community mit Transaktion. Besonders stark ist diese Mechanik dort, wo Produkte erklärt, gezeigt oder emotional aufgeladen werden müssen, etwa in den Bereichen Beauty, Fashion, Home oder Consumer Electronics. Der eigentliche Wert liegt deshalb nicht nur im Verkauf während eines Livestreams, sondern in der höheren Kaufwahrscheinlichkeit entlang des gesamten Funnels.

Gleichzeitig wäre es zu früh, von einem bereits gesicherten Durchbruch in Europa zu sprechen. Die Marktlogik spricht für Wachstum, aber noch nicht für eine flächendeckende Skalierung in allen Kategorien. Entscheidend wird sein, ob Händler das Format nicht als isoliertes Social-Media-Experiment behandeln, sondern als integrierten Vertriebskanal mit klarer Angebotsstrategie, professionellem Hosting, belastbarer Datenbasis und sauberem Fulfillment. Live-Shopping funktioniert nicht allein durch Präsenz vor der Kamera, sondern durch operative Exzellenz dahinter.

Dazu kommt ein Faktor, der oft unterschätzt wird: Vertrauen. Die Europäische Kommission hält in ihrem Consumer Conditions Scoreboard 2025 fest, dass Onlinekäufer über 60 Prozent häufiger Probleme bei Einkäufen erleben als stationäre Käufer. Gleichzeitig nennen viele Konsumenten Sorgen rund um personalisierte Werbung, Fake Reviews, irreführende Rabattdarstellungen und Online-Scams. Für Live-Shopping ist das besonders relevant. Denn je unmittelbarer der Kaufimpuls ausgelöst wird, desto höher sind die Anforderungen an Transparenz, Preiswahrheit, Kennzeichnung und Retourenprozess. Ohne Vertrauen wird aus Conversion schnell eine Hürde im Kaufprozess.

Gerade deshalb könnte Live-Shopping in den kommenden Jahren zu einem relevanten Wachstumstreiber im E-Commerce werden. Nicht weil es den klassischen Onlineshop ersetzt, sondern weil es eine Schwäche vieler Shops adressiert: die Lücke zwischen Inspiration und Kauf. Plattformen wie TikTok und Amazon schaffen dafür die Infrastruktur, Konsumenten zeigen Offenheit für das Format, und Händler suchen nach Kanälen, die Reichweite und Conversion enger miteinander verzahnen. Für den europäischen Markt ist die entscheidende Frage deshalb nicht mehr, ob Live-Shopping technisch möglich ist, sondern in welchen Kategorien und Geschäftsmodellen es sich wirtschaftlich tragfähig entwickeln lässt.

Foto: Sora

Forbes Digital

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