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Lara Sophie Bothur gilt als Pionierin unter den Tech-Influencerinnen auf Linkedin: Ihr Job ist es, den Menschen die Angst vor neuen Technologien zu nehmen. Firmen wie Google, Nvidia und Porsche zahlen ihr dafür Summen, über die sie lieber schweigt. Die Forbes U30-Listmakerin verdient an der KI-Welle, ohne je selbst eine KI gebaut zu haben – und das ausgerechnet auf Linkedin, das laut ihr das größte ungenutzte Potenzial unter allen sozialen Plattformen hat.
Seit Jahresbeginn ist die Tech-Influencerin das Gesicht von Google für KI in der EMEA-Region und nach eigenen Angaben eine von acht Influencern, mit denen Nvidia in Europa zusammenarbeitet. Hinzu kommen Jahrespartnerschaften mit Porsche und Deloitte Deutschland sowie Verträge mit den Robotik-Unternehmen ABB und Neura Robotics, den Softwarekonzernen IBM und SAP, dem Cloud-Anbieter AWS und dem Autozulieferer Schaeffler. Gemessen an den Reichweiten von Content Creators auf anderen Plattformen wirkt die Reichweite von Bothur auf Linkedin überschaubar – doch sie erreicht dort eine besonders attraktive Zielgruppe. „Auf Instagram träumen die meisten von einem Porsche, während sich manche Menschen auf Linkedin auch wirklich einen leisten können“, erklärt Bothur. 60 % ihrer Follower kommen aus Europa, je 20 % aus den USA und Indien. Darunter sind viele Gründer, CEOs, Software-Engineers und Vertriebsleiter. Fast ein Viertel der Firmen, die ihr folgen, hat mehr als 10.000 Mitarbeiter.
Während ihr die Visagistin das Gesicht pudert, tippt Lara Sophie Bothur auf ihrem Handy, verschickt Sprachnachrichten und nimmt einen Anruf entgegen. Vor einigen Minuten, um Punkt zehn Uhr, musste ein wichtiger Linkedin-Post raus. „Ich wollte nie so eine Influencerin werden, die die ganze Zeit am Handy ist“, sagt sie, halb zur Entschuldigung, halb lachend, und tippt weiter. Es ist ein bezahlter Beitrag, weshalb die 30-Jährige in den ersten Minuten jeden Kommentar liken und beantworten muss. „Das ist wichtig, damit wir mehr Reichweite bekommen“, erklärt sie.
Beim Berliner Fotostudio ist sie mit dem neuesten Porsche 911 Targa 4 GTS vorgefahren, den sie im Rahmen ihrer Partnerschaft mit dem Sportwagenbauer nutzen darf. „Ich bin schon noch vorsichtig mit so einem Auto. Den Bezug zu Geld habe ich nicht verloren“, sagt Bothur. Seit Jahren lebt sie in derselben 44-Quadratmeter-Wohnung in Hamburg – wobei „leben“ fast zu viel gesagt ist, denn zu Hause ist sie an zwei, drei, höchstens fünf Tagen im Monat, sagt sie. Allein im Herbst führt ihr Terminkalender sie von Tech-Messen wie der IFA in Berlin über die Dreamforce in San Francisco bis hin zur „AWS re:Invent“ in Las Vegas. „Ich liebe es, etwas so Großes aufzubauen und meine laufenden Kosten niedrig zu halten“, sagt sie. Bothur wirkt offen, warm und nahbar – und doch weiß kaum jemand so gut wie sie, wie man sich inszeniert.
Die Frau, die hier für das Forbes-Covershooting geschminkt wird, gehört zu den reichweitenstärksten Tech-Influencern im deutschsprachigen Raum. Der studierten Wirtschaftspsychologin folgen auf Linkedin rund 400.000 Menschen. Ihre Beiträge erreichten im vergangenen Jahr nach ihrer Rechnung rund 400 Millionen Impressionen. Das entspräche einem Werbewert, den Bothur mit 13 Mio. € beziffert, ohne dafür einen Cent Mediabudget eingesetzt zu haben. Softwarekonzerne von Google, Open AI und SAP über Hardwarehersteller wie Nvidia und sogar der Autobauer Porsche bezahlen sie dafür, dass sie deren Technologien so erklärt, dass ein Millionenpublikum sie versteht. Zusätzlich verkauft Bothur Großkonzernen eine Bestätigung von außen: „Wenn du als Firma die ganze Zeit selbst sagst, wie toll du bist, ist das nur die halbe Miete – es ist etwas anderes, wenn jemand Externer das bestätigt.“
Im Oktober 2021 nahm Bothurs Karriere als Tech-Influencerin im Wohnzimmer ihres Großvaters in Berlin ihren Anfang. Der damals 101-Jährige wollte wissen, wie die Enkelin zu ihm gekommen sei – mit Carsharing, antwortete sie und erklärte Schritt für Schritt, wie die Technologie funktioniert; so lange, bis sie eine Sprache gefunden hatte, die für ihn verständlich war. Noch am selben Abend schrieb die damals 25-jährige Deloitte-Beraterin auf Linkedin über diese Begegnung: „Menschen entwickeln Technologie für Menschen – und auf dem Weg verlieren wir den Menschen.“ Fast in Echtzeit konnte sie verfolgen, wie die Zahl der Likes und Kommentare immer weiter anstieg, erinnert sie sich. Innerhalb einer Woche erreichte der Beitrag mehr als 350.000 Menschen. „Mit dieser Frage hat mir mein Opa meinen Traumjob geschenkt“, sagt Bothur. Seither beschreibt sie ihr Ziel als Tech-Influencerin mit einem einfachen Vergleich: „Technologie sollte sein wie Eis essen: nicht elitär, sondern etwas, das jeder genießen und nutzen kann.“ Durch ihren Großvater und den viralen Beitrag hatte sie begriffen, dass Technologie eine „Übersetzung“ braucht. Die Angst vor neuen Technologien erklärt sie sich schlicht aus Unverständnis: „Wenn ich etwas nicht verstehe, lehne ich es ab, kritisiere es, nutze es nicht.“ Sobald man es an einem konkreten Beispiel zeige, wird der Nutzen für die Person erst greifbar.
Die gebürtige Bremerin, aufgewachsen an der Ostsee nahe Kiel, hat Wirtschaftspsychologie im Bachelor und Tech-Psychologie im Master an der Hochschule Fresenius studiert und arbeitete ursprünglich seit 2021 bei Deloitte im Tech-Consulting, wo sie neben Astrophysikern saß, die ihr Quantum-Machine-Learning erklärten. Sie verstand es nicht, fragte nach – und verstand es wieder nicht. „So, wie ich das meinem Opa erklärt habe, hätte ich mir gewünscht, dass die Experten es für mich getan hätten“, sagt sie. Was ihr fehlte, machte sie sich zur Aufgabe. Den Anfang machte eine Mobilitätsstudie von Deloitte; ein 20 Seiten langes PDF, das, so Bothur, ohnehin niemand liest. „Ich habe mir diese Themen geschnappt und auf eine ganz andere Art und Weise kommuniziert“, erzählt Bothur. Statt die Studienergebnisse einfach zu verschicken, flog sie nach München zu Lilium, einem Hersteller elektrischer Flugtaxis, traf dort die Gründer und erklärte entlang des konkreten Beispiels anschließend auf Linkedin, wie die Zukunft der Mobilität aussehen könnte. Der Beitrag erhielt so viel Zuspruch, dass Deloitte ihr anbot, das künftig in Vollzeit zu tun, als eine Art Corporate Influencer. Bothur sollte durch ihr Auftreten auf Linkedin ein tieferes Vertrauen und eine bessere Reputation für das Unternehmen aufbauen.
Den offiziellen Titel für die neue Rolle dachte sich Bothur selbst aus: „Voice for Innovation“. „Die Kollegen haben sich bestimmt gedacht: Du bist jetzt hier die Stimme für unsere Themen? Dabei hast du das doch letzte Woche noch gar nicht verstanden!“, erinnert sie sich und lacht. Genau darin liege aber ihre Stärke, erklärt Bothur: Sie brauchte die Experten, um die Geschichte überhaupt erzählen zu können, und die Experten brauchten sie, um ihr Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Über die Jahre wuchsen ihre Followerzahlen – doch damit auch das Misstrauen: Am 29. Januar 2024 um 7:40 Uhr (Bothur weiß es auf die Minute genau) ging ein Presseartikel online, der ihre Reichweite infrage stellte. Am Abend desselben Tages knackte sie die Marke der 200.000 Follower. „Mir war überhaupt nicht nach Feiern, ich habe diesen Meilenstein nie gefeiert“, sagt sie. Der Vorwurf, ihr Wachstum sei zu schnell, um echt zu sein, verdichtete sich zum Verdacht, sie habe Follower gekauft. „Ich wusste ja, dass ich nichts Falsches gemacht habe. Es hätte aber sein können, dass mir jemand Follower gekauft hat“, sagt sie – „jemand, der mir etwas Gutes oder eben etwas Schlechtes wollte.“ Die Nachforschungen zogen sich über ein halbes Jahr. „Ein Shitstorm ist oft ein Stellvertreter für ein anderes Thema“, sagt Bothur. Sie habe einen Nerv getroffen: bei Start-ups, die gegen einen Großkonzern nicht ankommen, bei anderen Corporate-Influencern, die langsamer gewachsen waren, und bei einer „alten weißen Männer-Gang“, wie sie es nennt. Deloitte als Wirtschaftsprüfung konnte Bothurs Wachstum mit eigenen Forensikern und Statistikern prüfen. Am Ende teilten sowohl Deloitte als auch Linkedin mit, dass an den Vorwürfen nichts dran sei. „Ich saß in der Bahn, war so erschöpft; und mir kullerten einfach die Tränen“, sagt sie. Danach ließ sie sich einen Tag lang von der Kamera begleiten und zeigte offen, wie sie arbeitet, bis hin zu einem Linkedin-Beitrag über Hörtechnologie, der elf Millionen Mal gesehen wurde. „Da dachte ich mir: Jetzt zeige ich euch, was ich kann!“, erinnert sie sich.
Menschen entwickeln Technologie für Menschen – und auf dem Weg verlieren wir den Menschen.
Lara Sophie Bothur
Bothur bewegt sich in einem Feld, das von männlichen Gründern und CEOs geprägt ist. Den ersten Blick kennt sie: „Was macht die denn hier?“ Doch sobald sie zu reden beginne, merkten die Leute, dass sie tief im Thema stecke, erzählt Bothur. Ein „Woman in Tech“-Etikett trägt sie trotzdem nicht vor sich her. „Wenn ich als Frau die ganze Zeit ‚Women in Tech‘ thematisiere, verliere ich so viele Männer, die sich nicht angesprochen fühlen“, sagt sie. Sie sei einfach eine Frau, die sich für Tech interessiere, und hoffe, dadurch auch ein Vorbild zu sein. In der Tech-Szene freut sie sich immer, neue weibliche Gesichter zu sehen. „Vielleicht würde man dann mehr über die Emotionalität sprechen“, sagt sie. Frauen seien stark in der Kommunikation und sehr intuitiv, und genau das brauche eine Debatte über neue Technologien, die vielen Angst machen.
Im Oktober 2025 zog Bothur den Schlussstrich unter fast fünf Jahre Angestelltendasein. Leicht fiel ihr das nicht, sagt sie, denn: „Ich bin ein treuer Hund.“ Deloitte habe ihr eine berufliche Grundlage gebaut. „Ich wusste, dass da ein Business mit viel Potenzial ist. Es wäre unternehmerisch dumm, dem nicht nachzugehen“, sagt sie. Sie habe sogar angeboten, die Rolle intern bei Deloitte auszubauen, doch dem Wirtschaftsprüfungskonzern sei das zu weit weg vom Kerngeschäft und mit zu vielen Compliance-Fragen verbunden gewesen. Also entschied sie sich für die Selbstständigkeit; und Deloitte Deutschland wurde ihr erster Kunde. Die ersten Monate liefen besser als geplant. „Ich hatte natürlich einen riesigen Vorteil, weil ich schon viele wichtige Kontakte während meiner Zeit bei Deloitte aufgebaut hatte“, sagt Bothur.
Rund 15 Anfragen erreichen sie pro Woche. Aus zunächst acht festen Partnerschaften sind heute Verträge mit insgesamt 30 Unternehmen geworden. Bothur bietet ihren Kunden sowohl einzelne Linkedin-Postings als auch langfristige Kooperationen an, die eine Mischung aus Video- und Bildformaten sowie Event-Auftritten umfassen. Zusätzlich wird sie regelmäßig als Keynote-Speakerin und Moderatorin gebucht. Hinter den langfristigen Partnerschaften, sagt Bothur, stünden Monate an Beziehungsaufbau, Gesprächen und manchmal auch Beiträge, die sie zunächst unbezahlt veröffentliche.
Bothur nimmt Partnerschaften und Kundenaufträge nur an, wenn sie von der Innovationsfähigkeit der Technologie oder des Produkts überzeugt ist. Eine Anfrage aus dem Bereich Essenslieferung, bei der es um mehr als 60.000 € ging, lehnte sie ab: „Ich kann nicht Essenslieferungen bewerben und am nächsten Tag Robotics-Use-Cases vorstellen. Das wäre nicht authentisch“, erklärt sie. Zwei Exklusivitäten ging sie trotzdem ein: mit Deloitte und Porsche. Sosehr diese Auswahl ihre Glaubwürdigkeit stärkt, sosehr markiert sie zugleich deren Grenze. Denn Bothur zeigt nur, wovon sie überzeugt ist; eine kritische Gegenstimme findet in ihren Beiträgen keinen Platz. „Wenn ich von etwas nicht überzeugt bin, berichte ich gar nicht darüber“, sagt sie. „Es ist nicht meine Art, dann kritisch darüber zu schreiben. Das kann ich auch gleich lassen, weil ich ja trotzdem Werbung mache.“
Wie nah Erklären und Werben beieinanderliegen, benennt Bothur inzwischen selbst. Rund 80 % ihrer Linkedin-Beiträge seien derzeit bezahlt. Ein Problem sieht sie nicht: Sie berichte über dieselben Firmen wie früher, nur seien daraus bezahlte Partnerschaften geworden. „Was heißt schon unabhängig sein?“, fragt sie. „Natürlich bin ich eine Vertreterin all dieser Firmen, aber ich arbeite nur mit denen zusammen, die ich schätze und an die ich glaube.“ Für Britta Behrens, eine der führenden Linkedin-Expertinnen in Deutschland, ist ein Business-Influencer nur dann glaubwürdig, wenn seine Expertise wirklich zum Unternehmen passt und eine Technologie dadurch eingeordnet werden kann; einmalige Kooperationen würden schnell als reine Werbung auffliegen, langfristige Partnerschaften wirken dagegen glaubwürdiger. Legt man Behrens’ Maßstäbe an Bothur an, fällt das Ergebnis zwiespältig aus: Zwar setzt sie bewusst auf lange Partnerschaften, einen klassischen technischen Abschluss hat sie jedoch nicht.
Über ihre Einnahmen als Tech-Influencerin spricht Bothur nicht im Detail. Ein einzelner bezahlter Linkedin-Beitrag koste bei ihr fünfstellig, Partnerschaften starten bei 50.000 € und reichen bis zu 250.000 €. Bei rund 30 Kunden schätzt Forbes den Jahresumsatz von Bothur im niedrigen siebenstelligen Bereich ein. Bereits ihre ersten Monate in der Selbstständigkeit brachten ihr ein Vielfaches dessen ein, was sie zuvor als Angestellte bei Deloitte verdient hatte, verrät sie. Bothur hat kein Social-Media-Team um sich; ihre einzige Mitarbeiterin ist ihre Mutter, die das Backoffice übernimmt. Bei der Planung und Produktion ihres Linkedin-Contents verzichtet Bothur bewusst auf externe Unterstützung – mit Ausnahme von KI, die Rohtexte für ihre Beiträge erstellt, sowie einer externen Foto- und Filmagentur.
Anders als die meisten Content Creators, die oft Accounts auf mehreren Plattformen betreiben, ist Bothur von einer Plattform – Linkedin – abhängig, deren Algorithmus kaum jemand versteht und die (zumindest theoretisch) ihre Regeln von einem Tag auf den anderen ändern kann.
Kaum jemand hat deshalb den Algorithmus so genau studiert wie Bothur. „Content sind 20 %, Technik sind 80 %“, sagt sie. Der Algorithmus funktioniere wie eine Maschinerie: In der ersten Stunde entscheide die Engagement-Quote des Beitrags, weshalb jeder Kommentar schnell beantwortet werden müsse. Ein großer Account, der früh reagiert, helfe zusätzlich. In der Anfangszeit bediente Bothur das Spiel mit dem Algorithmus an zwei Geräten parallel, um einen höheren Output liefern zu können. Und was, wenn die Reichweite über Nacht einbricht? „Das ist ein Algorithmus, den man nicht zu 100 % durchschauen kann. Dass ein Post viral geht, kann ich nur bedingt kontrollieren“, sagt sie. Anfangs habe sie „alle Knöpfe die ganze Zeit gedrückt“, um dem Algorithmus in die Karten zu spielen, gibt Bothur offen zu. Oft habe sie dabei Viralität über den Inhalt gestellt. „Mit Reichweite kommt Verantwortung, und das habe ich mit der Zeit mehr realisiert“, sagt die Tech-Influencerin. Heute nehme sie sich daher bewusst mehr Zeit, auch wenn das Reichweite koste, antworte persönlich auf Nachrichten und verzichte auf typische Linkedin-Floskeln.
Linkedin hat als Businessplattform wahrscheinlich das größte ungenutzte Potenzial überhaupt
Lara Sophie Bothur
Der weltweite Markt für Influencer-Marketing hat sich laut dem Branchenreport der Agentur Influencer Marketing Hub seit 2020 mehr als verdreifacht und stieg von rund 24 Mrd. US-$ (21 Mrd. €) im Jahr 2024 auf etwa 32,55 Mrd. US-$ im Jahr 2025. Die breitere Creator Economy, zu der auch Bothurs Geschäft zählt, schätzt die Bank Goldman Sachs für 2024 auf rund 250 Mrd. US-$ und erwartet bis 2027 einen Anstieg auf etwa 480 Mrd. US-$. Der größte Teil dieses Geldes fließt allerdings über Instagram, Tiktok und Youtube in die Felder Mode, Beauty und Reisen. Bothur operiert in einer weit kleineren B2B-Ecke, in der Unternehmen erst allmählich nachziehen. Rund 85 % der B2B-Marketer in Amerika setzten 2024 laut Top Rank Marketing Influencer-Programme ein. Linkedin dominiert dabei: Der Mutterkonzern Microsoft wies für die Plattform 2024 einen Umsatz von über 15 Mrd. US-$ aus. Linkedin soll inzwischen rund 1,3 Milliarden Mitglieder weltweit zählen. Laut einer Analyse der Marketingagentur Refine Labs erzielen Beiträge über persönliche Linkedin-Profile rund 2,75-mal so viele Impressionen und fünfmal so viel Interaktion wie identische Inhalte über einen Unternehmenskanal.
Dieses Potenzial möchte Linkedin nun ausnutzen und nimmt sich ein Beispiel an anderen sozialen Netzwerken. Die Plattform brachte zuletzt zwei Neuerungen heraus, um die Creator-Inhalte für B2B-Werbung zu monetarisieren. Wie viel Geld in diesen Programmen steckt, zeigte zuletzt ein Reuters-Bericht vom Juni 2026: Beim Modell Top Voices 360 vermittelt Linkedin Werbekunden für gesponserte Kooperationen an Creators. Zwischen Mai 2025 und Mai 2026 wurden so mehr als 20 Mio. US-$ umgesetzt, mit Kunden wie SAP und IBM. Das Werbemodell Brandlink dreht das Prinzip um: Hier schalten Unternehmen gegen eine Umsatzbeteiligung ihre eigene Werbung rund um die Videos von Creators. Für dieses Format erwartet Linkedin im laufenden Geschäftsjahr fast eine Verdreifachung der Erlöse.
Die meistgefolgten Profile auf Linkedin gehören derzeit allerdings nicht externen Influencern, sondern den Gründern und Vorständen selbst. Microsoft-Mitgründer Bill Gates führt die Liste mit annähernd 40 Millionen Followern an, dahinter Virgin-Gründer Richard Branson und Microsoft-Chef Satya Nadella. Selbst die Seiten großer Konzerne wie Google reichen weiter als fast jeder einzelne Influencer. Im deutschsprachigen Raum nennt Bothur den Siemens-Chef Roland Busch, dessen Profil gerade rasant wachse, ganz ohne die Reichweite einer externen Stimme. Ihren Job mache das trotzdem nicht überflüssig, sagt sie: Längst nicht jeder Vorstand könne es so gut wie Busch, und viele wollten es auch gar nicht. Und mit den neuen Werbeprogrammen werde sich erst noch zeigen, wie viel in der Plattform stecke. „Linkedin hat als Businessplattform wahrscheinlich das größte ungenutzte Potenzial überhaupt“, sagt sie. „Der Kuchen ist so groß, ich kann ihn nicht alleine essen.“
Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig ordnet ein, dass Vorstände streng genommen keine Corporate Influencer seien, weil Kommunikation ohnehin zu ihrem Aufgabenprofil gehöre. Externe Stimmen wie Bothur erfüllten eine andere, ergänzende Funktion: „Sie geben Unternehmen den Zugang zu ihren Netzwerken und erzielen Reichweiten und fachliche Diskussionen in Bereichen, wo die interne Kommunikation oder die Pressearbeit nicht hinkommt“, erklärt Expertin Behrens. Anders als die eigenen Mitarbeitenden lasse sich außerdem eine bezahlte Stimme über Verträge und Briefings direkt steuern.
Das Geschäftsmodell hat allerdings auch eine persönliche Grenze: Es lässt sich nicht skalieren, da Bothur nicht überall zugleich vor der Kamera oder auf der Bühne stehen kann. Doch so wie derzeit, erläutert sie, werde sie in fünf Jahren ohnehin nicht mehr arbeiten. Vielmehr wolle sie sich dann auf langfristige, ausgewählte Partnerschaften konzentrieren. Im nächsten Schritt will sich Bothur beruflich breiter aufstellen – im Sommer zieht sie sich etwa für anderthalb Monate zurück, um ein eigenes Start-up aufzubauen. Es geht um Tech-Education; ein Business, das auch dann funktionieren soll, wenn sie nicht mehr selbst durch die Welt reist. Darüber hinaus denkt Lara Sophie Bothur über ein Buch zu diesem Thema nach, für das ihr nach eigenen Angaben bereits die sechste Verlagsanfrage vorliegt. Zukünftig kann sie sich durchaus auch vorstellen, eine Tech-Dokumentation für Netflix zu produzieren.
Trotz aller Begeisterung für neue Technologien bleibt Bothurs Antwort auf die Frage nach der Zukunft analog: Was würde sie ihrem Großvater antworten, wollte er heute wissen, ob er den neuen Technologien vertrauen kann? Bothur überlegt kurz. „Du kannst dir selbst am besten vertrauen“, sagt sie. „Wenn du dir selbst vertraust, dass du eine gute Zukunft haben möchtest und für dich und dein Umfeld gut sorgst, dann kannst du auch darauf vertrauen, dass KI daran nichts ändern wird.“ •
Fotos: Peter Rigaud