Luxus durch Unbehagen

Sport-Tourismus ist mit jährlich 672 Mrd. US-$ das am schnellsten wachsende Segment der globalen Sportindustrie. Vorne mit dabei: viel beschäftigte Führungskräfte, die vierstellige Beträge zahlen, um sich bei Rennen wie dem „Mallorca 312“ stundenlang zu quälen. Warum buchen diese Top-Verdiener Schmerzen statt Sonnenliegen?

Es ist sechs Uhr morgens in Platja de Muro auf Mallorca. Die Sonne geht gerade auf und die Straßen sind voll: Tausende von Menschen schieben sich vorwärts. Die Musik dröhnt, die Leute singen mit. Sie kommen aber nicht gerade von einer Nacht im Club zurück. Sie sind auch nicht betrunken.

Sie stehen kurz davor, an einem der härtesten Radrennen der Welt teilzunehmen: dem „Mallorca 312“. Der Plan ist, eine komplette Runde um die Insel (312 Kilometer und 4.500 Höhenmeter) an einem einzigen Tag zu bewältigen. Es ist keine gemütliche Radtour: Entlang der Strecke gibt es mehrere Zeitlimits, und wer eines verpasst, scheidet aus.

Viele der Radfahrer, die sich zur Startlinie begeben, sind Führungskräfte und Geschäftsleute. Ihre Arbeits- und Familienpläne sind vollgepackt. Trotzdem räumen sie sich jede Woche 13 bis 20 Stunden für Training frei. Wenn nötig, trainieren sie in den dunklen, kalten Wintermonaten – und wenn das Training endet, beginnt das wahre Leiden.

Das „Mallorca 312“ ist Teil eines umfassenderen Wandels in der Art und Weise, wie Menschen reisen. Laut dem im Januar veröffentlichten Bericht „Sports for People and Planet“ des Weltwirtschaftsforums generiert Sporttourismus jährlich rund 672 Mrd. US-$ (578 Mrd. €) an Einnahmen. Er gilt als der größte Treiber für zukünftiges Wachstum und als das am schnellsten wachsende Segment der globalen Sportindustrie, die einen Gesamtumsatz von jährlich 2,3 Bio. US-$ aufweist, der laut Prognosen bis 2050
auf 8,8 Bio. US-$ steigen soll. Im Sporttourismus am stärksten nachgefragt sind erlebnisorientierte Ver­anstaltungen und Abenteuerreisen.

Darunter fällt auch das Luxussegment an Ver­an­staltungen für Radfahrer, Triathleten und Marathonläufer. Man kann es als bewusste Entscheidung betrachten, in den Urlaub zu fahren und Strapazen auf sich zu nehmen, anstatt sich einfach nur auf einer Sonnenliege zu entspannen.

Das globale Marktforschungsunternehmen Data­intelo berichtet, dass der Markt für Ausdauersport­veranstaltungen im Jahr 2025 auf 14,8 Mrd. US-$ geschätzt wurde und bis 2034 voraussichtlich 28,6 Mrd. US-$ erreichen wird, was auf einen Wandel von einer Nische zum Mainstream hindeutet. Dies ist größtenteils auf einen kulturellen Wandel nach der Covid-Pandemie zurückzuführen, der die Menschen gesundheitsbewusster gemacht und ihren Fokus auf einen aktiven Lebensstil gelenkt hat. In diesem Zusammenhang hat auch die Bedeutung von Erlebnissen und Veranstaltungen zugenommen.

Laufen dominiert den Veranstaltungsmarkt und bleibt mit 38 % der Gesamtteilnehmer das Einstiegsgebiet in den Ausdauersport, gefolgt von Radfahren (21,3 %), Triathlon (15 %), Expeditionsrennen (9 %) und Schwimmen (7 %). Etwa 88 % der gesamten Anmeldeeinnahmen im Jahr 2025 stammten von Amateuren, was auf ein Geschäftsmodell der Massenbeteiligung bei Ausdauerveranstaltungen hindeutet. Das Erwachsenen-Segment (18 bis 59 Jahre) machte 71,4 % der Gesamtteilnehmer aus, wobei die Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen die ausgabenstärkste Bevölkerungsgruppe darstellt. Diese vereint etablierte Karrieren, finanzielle Stabilität, Gesundheitsmotivation sowie das Bewusstsein für Herz-Kreislauf-Risiken und das Streben nach Langlebigkeit im mittleren Lebensalter.

Eine hohe Kaufkraft ist eine der Voraussetzungen – die Gebühren reichen von weniger als 100 US-$ bei lokalen Rennen bis zu über 800 US-$ für Langstrecken-Triathlons wie Ironman-Rennen, oder sogar noch höher für Ultramarathons wie den „Marathon des Sables“ in der marokkanischen Sahara; und diese Startgebühren beinhalten keine Ausrüstung, Trainingspläne, Reise­kosten, Hotels oder sonstigen Extras.

Zum Vergleich: Das „Mallorca 312“ kostet etwa 180 bis 220 €, aber wenn sich Radfahrer für ein All-inclusive-Paket anmelden, steigt der Preis auf 750 bis 1.100 € für ein Basispaket (das Startgebühr, Hotel und Betreuungspersonal umfasst); 1.100 € bis 1.600 € für die Premium-Variante – oder 1.500 € bis 2.000 € und mehr für ein Boutique-Erlebnis mit Luxushotels, VIP-Zugang zum Rennen und Concierge-Service. Wenn die Startgebühr nur noch 15 % der Gesamtkosten ausmacht, liegt der Wert nicht mehr im Rennen selbst; es wird zu einem Luxusprodukt, das Veranstaltung, Tourismus und Gastfreundschaft bündelt.

Dieser Trend wird manchmal als „Tourismus des künstlichen Unbehagens“ bezeichnet und ist zugleich eine Möglichkeit, Unbehagen als neue Form von Luxus zu suchen.

Während der Trend wächst, bleiben Fragen: ­Warum sollte sich jemand für so eine Form von Urlaub entscheiden? Warum sollte man sich bewusst zehn Stunden auf dem Fahrrad quälen und an einem Tag 6.000 Kalorien verbrennen? Wer sind die Menschen, die sich für diesen Lebensstil mit vollem Termin­kalender und endorphingetränkten Ferien entscheiden?

Die Daten der Veranstalter zeigen, dass 8.500 Teilnehmer am diesjährigen „Mallorca 312“-Radrennen teilnahmen. Die Mehrheit gehörte der Altersgruppe der 45- bis 54-Jährigen an (32 %), gefolgt von den 35- bis 44-Jährigen (25 %) und den 55- bis 64-Jährigen (21 %). Die am stärksten vertretenen Nationalitäten, insgesamt 70, waren Spanien (34 %), Großbritannien (17 %) und Deutschland (15 %). Die Geschlechterverteilung ist völlig unausgewogen: 88,3 % Männer, nur 11,7 % Frauen.

Eine Studie der Universität der Balearen aus dem Jahr 2025 zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von „Mallorca 312“ zeigte, dass diese beachtlich sind. Demnach generiert die Veranstaltung durchschnittlich 6,4 Übernachtungen pro Teilnehmer, wobei 81 % in Hotels oder Aparthotels, nur 6 % in Mietwohnungen und lediglich 4 % in Airbnbs übernachten. Die durchschnittlichen täglichen Ausgaben der Teilnehmer (die oft mit Freunden und Familie reisen) wurden auf 296,56 € geschätzt (im Vergleich zu den 195 €, die ein durchschnittlicher Tourist ausgibt); bzw. auf 1.907 € pro Aufenthalt.

Lange Strecken zu fahren ist meditativ. Man kämpft gegen sich selbst, und das verändert einen.

Chantal Höfler

Die Studie stellt zudem fest, dass die Zielgruppe aus „erwerbstätigen Erwachsenen mit hoher Kaufkraft“ besteht (gibt aber keine Auskunft über deren genaue Einkommen). Eine Ironman-Umfrage aus 2015 ergab jedoch, dass das Haushaltseinkommen von Triathleten (eine ähnliche Zielgruppe wie beim „Mallorca 312“) bei etwa 247.000 US-$ lag und dass der typische Teilnehmer ein berufstätiger Mann mittleren Alters in der Altersgruppe von 40 bis 55 Jahren ist (70 bis 80 %). Von 2024 bis 2025 ist die Beteiligung von Frauen an Ironman-Rennen in den USA und Kanada um 10 % gestiegen.

Bettina Iseli (32), CEO der PCS Holding in Zürich, ist eine Elite-Triathletin. Die Entscheidung, am „Mallorca 312“ teilzunehmen, traf sie erst drei Wochen vor dem Rennen. Für sie seien Ausdauersportarten eine Möglichkeit, ihre Grenzen zu erkunden; und ein Balanceakt, sagt sie: „Ich brauche das wirklich als persönliches Projekt“, so Iseli. „Ich bin immer noch eine ehrgeizige Amateursportlerin und genieße es, mich selbst auf die Probe zu stellen und zu sehen, wie weit ich kommen kann.“

Für andere geht es um Kontrolle: Nachdem er aus seinem Job gedrängt worden war, fand Stephen Letourneau, ein ehemaliger Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung beim US-amerikanischen Lebensmittelkonzern Pepsi Co, im Ausdauersport einen Weg, seine Autonomie zurückzugewinnen. Beim Radfahren hat der 55-Jährige das Gefühl, endlich selbst entscheiden zu können, wie viel Schmerz und Unbehagen er ertragen will und wie viel er aushalten kann. Diese Freiheit gibt ihm ein Gefühl der Autonomie, das ihm
am Ende seiner beruflichen Laufbahn gefehlt hatte.

Der Drang nach selbst gewählten Unannehmlichkeiten ist auch instinktiv eine Möglichkeit, sich von Bildschirmen und Tabellenkalkulationen zu lösen. Gezwungen zu sein, stundenlang Fahrrad zu fahren, ist wahrscheinlich eine der besten Möglichkeiten, wirklich vom Arbeitsmodus abzuschalten. „Wenn ich fahre, bin ich völlig frei und kann alles richtig in mich aufnehmen“, sagt Arnold Büssemaker (59), Unternehmens­jurist bei der Kanzlei Heuking in München.

Diese Denkweisen entstehen nicht von heute auf morgen, sie entwickeln sich über Monate disziplinier­ten Trainings und Jahre täglicher Routine, die eine überdurchschnittliche Belastbarkeit und Arbeits­auslastung fördern. Es ist ein Mix aus Engagement, Struktur und Leidenschaft, der sowohl in der Unternehmenswelt als auch in der Ausdauersport-Szene zu finden ist. „Meine Freunde bezeichnen mich manchmal als die am wenigsten spontane Person der Welt, weil mein Privat- und Berufsleben zeitlich streng abgegrenzt sind“, sagt Chantal Höfler (34), Leiterin eines inter­nationalen Teams von Tech-Fachleuten im Energiesektor in Graz, Österreich. „Im Jahr 2025 trainierte ich durchschnittlich 20 Stunden pro Woche, was zwei bis drei zusätzlichen Arbeitstagen pro Woche entspricht.“

Wenn ich fahre, bin ich völlig frei und kann alles richtig in mich aufnehmen.

Arnold Büssemaker

Die Zahlen und Routinen dieser Leistungssportler lassen sich sehen. Iseli beispielsweise trainiert zusätzlich zu ihrer 60-Stunden-Woche im Winter durchschnittlich 15 Stunden pro Woche (im Sommer sind es 20 und in den Ferien sogar 30), und Letourneau sagt, er sei im Vorfeld von Mallorca pro Woche etwa 350 Kilometer mit dem Rad gefahren. Spencer Collard, ein bei KPMG in Dubai ansässiger Unternehmensberater, fuhr allein im Vorfeld des „Mallorca 312“ seit Jahresbeginn mehr als 6.000 Kilometer mit dem Rad.

Einer der wichtigsten Luxusaspekte des „Discomfort-Tourismus“ ist kognitive Entlastung: die Aus­lagerung der Reise-Logistik an einen Premium-Reiseveranstalter, was viel beschäftigten Berufstätigen ein Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Entspannung verschafft – und den Vorteil, im Hotel anzukommen, ohne an etwas anderes als das Rennen denken zu müssen. Das Pauschalangebot des Reiseveranstalters ist für viele die einzige Möglichkeit, sich einen garantierten Startplatz beim „Mallorca 312“ zu sichern, da die Plätze innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Anbieter wie das britische Unternehmen Sportive Breaks, die in der Schweiz ansässige Firma Huerzeler und das belgische Unternehmen Rompelberg bieten Pakete an, die Startplatz, Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, Flughafentransfers, private Mechaniker und zusätzliche Unterstützung während des Rennens umfassen.

Doch nicht jeder versteht Luxus so. Für Iseli und andere steht an erster Stelle, an den Veranstaltungen teilnehmen zu können und ein Land zu entdecken, umgeben von Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen.

Am 25. April waren die Bedingungen dafür perfekt: blauer Himmel, warme Temperaturen und für den Autoverkehr gesperrte Straßen – überall nur Radfahrer und Berge. Die lange Fahrt wird zu einem vereinten Kampf der Teilnehmer, die durch die gemeinsam verbrachten Stunden zusammenwachsen und am Ende eine persönliche Verwandlung durchlaufen.

„Lange Strecken zu fahren ist meditativ. Man kämpft gegen sich selbst, und das verändert einen“, sagt Höfler. Das gilt umso mehr nach einer Veranstaltung, auf die man sich monatelang vorbereitet hat – und wenn das bewusst erzeugte Unbehagen endlich seinen Sinn, seinen wahren Grund findet: „An der letzten Raststätte, bei Kilometer 280, hatte ich Tränen in den Augen. Ich hatte noch 30 Kilometer vor mir, aber ich wusste, dass ich es schaffen würde“, sagt Letourneau.

Text: Nick Busca
Fotos: Sportive Breaks, Sportograph

Forbes Editors

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