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Titelbild: Drei junge Männer, Sebastian Holler, Sebastian Maier und Florian Krendl, auf einer Holzbank sitzend

Drei junge Niederösterreicher planen unter dem Motto „Europe Goes Silk Road“ eine 33.000 Kilometer lange Forschungsreise von Wien aus entlang der Seidenstraße bis nach China.

Wissenschaftler? ­Abenteurer? Oder doch Unternehmer? Auf den ersten Blick ist vielleicht nicht ganz klar, in welche Kategorie die drei Niederösterreicher hinter dem Projekt „Europe Goes Silk Road“ passen. Die Antwort: vermutlich in alle drei – und vielleicht noch mehr. Denn ­Sebastian Holler, Sebastian Maier und ­Florian Krendl planen eine ­Forschungsreise von Wien nach Shanghai. In einem grünen Mitsubishi-Kleinbus – Baujahr 1991, Spitzname „grüne ­Mamba“ – wollen Holler und ­Maier 33.000 Kilometer zurücklegen und dabei über 20 Länder durchqueren – über den Balkan, vorbei am Schwarzen Meer, über den Kaukasus und ­dabei durch Länder wie den Iran und Pakistan bis nach China. Krendl wird die Reise von Österreich aus ­koordinieren. Um Abenteuerurlaub geht es den dreien aber nicht: „Wir wollen in Europa ein Bewusstsein für das Thema Seidenstraße schaffen und es dann an Entscheidungsträger, aber auch in die Bevölkerung hineintragen“, sagt Sebastian Holler.

Die „Belt and Road Initiative“

Doch was steckt überhaupt hinter dem Konzept der ­„Neuen ­Seidenstraße“? Offiziell als „Belt and Road Initiative“ bezeichnet, ­verfolgt die chinesische Regierung ­unter ­diesem Namen ein ­gewaltiges Infra­strukturprogramm, das die Handels­wege zwischen Europa und ­Asien verbessern soll. Das ­gesamte Inves­ti­tionsvolumen der ­Initiative soll bei mindestens einer ­Billion US-$ liegen, auch, wenn die Experten­schätzungen auseinandergehen. Der Name bezieht sich auf die antike Seidenstraße, auf der schon vor Jahrhunderten Güter von ­Asien nach ­Europa transportiert wurden. Im Jahr 2013 präsentierte der chinesische Präsident Xi Jinping die ­Initiative offiziell, Pläne dafür hatte es aber schon länger gegeben.

Der etwas irreführende Name deutet bereits auf die zwei Teile hin, aus denen die Initiative besteht. Einer ist der „Belt“: ­mehrere Handelswege zu Land, die sich an der historischen Seidenstraße orientieren. Gesamt gibt es sechs Korridore, darunter die sogenannte neue eurasische Kontinentalbrücke, die von ­China über Russland und Kasachstan nach Europa führt. Die „Road“ wiederum ist die maritime Seidenstraße, bezeichnet also Meereswege von ­Asien nach Europa und Afrika.

„Geschichte erforschen und Zukunft entdecken“

Das Ziel von „Europe Goes Silk Road“ ist nun also eine Art Realitycheck: Was passiert wirklich bei den einzelnen Projekten der Initiative? Wie wirkt sich das auf die Bevölkerung vor Ort aus? Und gibt es vielleicht neue Aspekte, die bisher noch nicht beleuchtet wurden? „Wir wollen Geschichte erforschen und Zukunft entdecken“, sagt Sebastian Maier. Er ist derzeit Doktorand an der Technischen Universität Wien und bringt den technischen Blickwinkel in das Projekt. Sein Kollege Sebastian Holler forscht am Institut für Friedenssicherung und Konfliktforschung der Landesverteidigungsakademie und liefert somit die sozialwissenschaftliche Perspektive. „Es ist extrem befruchtend, diese unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen. So können wir ein ausgewogenes Bild präsentieren“, sagt Holler.

Foto: Drei junge Männer stehen nebeneinander und schauen in die Kamera.

Holler war es auch, dem die Idee zur Forschungsreise kam, vor ein paar Jahren, als er gerade im Großraumschlafwaggon mit der Transsibirischen Eisenbahn gen Osten reiste. Vor gut zwei Jahren sprach er Maier darauf an, der schnell überzeugt war. Doch eine reine Forschungsreise war nicht das, was den beiden vorschwebte. Sie wollten eine breitere ­Diskussion zum ­Thema anstoßen. „Wissenschaft soll kein Selbstzweck sein, wissenschaftliche Erkenntnisse müssen transportiert werden“, erläutert Holler. Daher holten sie mit Florian Krendl für Social Media und Marketing jemanden ins Boot, der schon länger auf Instagram über ­seine Reisen berichtet.

Täglich auf dem Smartphone

Denn „Europe Goes Silk Road“ soll sich nicht darauf beschränken, dass nach Ende der Expedition einige wissenschaftliche Publikationen erscheinen. Über ­Social-Media-Kanäle wie Instagram soll täglich vor Ort berichtet werden. „‚Europe Goes Silk Road‘ ist ­täglich auf deinem Smartphone“, erläutert Holler die Idee. „Auch, wenn wir zwei Wochen irgendwo im Gebirge im Schnee gefangen sind, wird Florian dafür sorgen, dass die Bericht­erstattung ­aufrechterhalten wird“, sagt ­Holler. Auf der wissen­schaftlichen Seite hat sich das Team bereits eine ganze Reihe an Beratern an Bord geholt – darunter etwa den Geopolitikexperten Walter ­Feichtinger von der Landesverteidigungs­akademie, die Sinologin Susanne Weigelin-­Schwiedrzik von der ­Universität Wien und den Logistik­experten ­Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Start im Sommer 2019

Losgehen soll es im Frühsommer. „Wir geben uns mindestens sechs Monate, wollen uns aber eine gewisse Flexibilität bewahren. Wenn die Expedition neun Monate dauert, dann dauert sie eben neun Monate.“ Ähnliches gilt für die Route: Hier stehen zwar einige Fixpunkte fest – etwa der Trockenhafen im ­chinesischen Korgas nahe der Grenze zu Kasachstan oder der Hafen im pakistanischen ­Gwadar, die zu den bekannteren Projekten der „Belt and Road Initiative“ zählen. „Aber genauso interessant ist, was dazwischen liegt“, sagt Maier.

Umstrittenes Projekt

Die „Belt and Road Initiative“ der chinesischen Regierung ist ­alles andere als unumstritten. Malaysia stoppte zum Beispiel nach ­einem Regierungswechsel im Vorjahr mehrere Projekte. Auch in ­Pakistan und auf Sri Lanka gibt es ­ähnliche Debatten. „Der Trend hin zu ­zunehmendem Widerstand gegen BRI-­Projekte setzte sich im ­dritten Quartal 2018 fort“, heißt es etwa in der vierteljährlichen ­Analyse der „­Economist Intelligence Unit“ zur „Belt and Road Initiative“. Die Befürchtung: eine Abhängigkeit von China. ­Diese ­Aspekte sind auch bei „Europe Goes Silk Road“ ein Thema: „Wir sehen das Thema nicht aus der chinesischen Perspektive, sondern wollen abbilden, wie es wirklich ist. Da werden wir natürlich auch Konfliktfelder thematisieren.“ Genauso sollen aber Chancen beleuchtet ­werden. Finanziert wird die Reise übrigens grundsätzlich privat – allerdings ist man zusätzlich noch auf der ­Suche nach Sponsoren.

Der Beginn von Marcovision

Wenn die „grüne ­Mamba“ gegen Ende des Jahres dann in ­Shanghai angelangt ist, ist das Projekt aber nicht zu Ende. Die Resultate ­werden aufgearbeitet, auch ein Kongress ist geplant. „Das Projekt ist interessant für Unternehmen, die schon vor Ort sind oder in einem der Länder aktiv werden wollen“, erklärt Krendl. Und so ist die Expedition gleichzeitig der Beginn des eigenen Unternehmens „Marcovision“. Der Name bezieht sich einerseits auf den Entdecker Marco Polo, der im 13. Jahrhundert die Seidenstraße bereist haben soll. „Vision“ wiederum signalisiert den Blick in die Zukunft. Die auf der Expedition ­generierten Forschungs­ergebnisse sollen gemeinsam mit dem Expertenstab so aufbereitet werden, dass sie für in ­Eurasien aktive Firmen nützlich sind. Dass das langfristig ein Unternehmen tragen kann, steht für die drei Gründer außer Frage – die Nachfrage sei vorhanden. Für 2020 sind bereits die nächsten Expeditionen geplant.

Text: Dominik Meisinger
Fotos: David Višnjić

Dieser Artikel ist in unserer Jänner-Ausgabe 2019 „Growth-Innovation-Forschung“ erschienen.

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