Medizin gegen Falschinformation

Lina Graf

Als bei ihr Hashimoto diagnostiziert wurde, machte Lina Graf die unerfreuliche Erfahrung, wie schwierig es sein kann, im Netz korrekte Informationen zu Krankheiten oder körperlichen Beschwerden von Falschinformationen zu unterscheiden. Mit „Doc2Me“ hat die Tirolerin eine Plattform gebaut, die Fachexperten dabei unterstützt, ihr Wissen möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Mitte 2022 sagte Robert Califf, damals Leiter der US-amerikanischen Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA): „Ich habe dem Kongress immer wieder gesagt, dass Falschinformationen die häufigste Todesursache sind.“ Studien legen nahe, dass soziale Medien besonders anfällig für medizinische Misinformation sind: Ein 2024 von der University of Chicago publiziertes Paper untersuchte Tiktok-Videos zu Nasennebenhöhlenentzündungen und fand heraus, dass rund 44 % davon faktisch falsche Informationen enthielten. Dass jüngere Nutzer Umfragen zufolge vermehrt auf Instagram und Tiktok recherchieren, verstärkt das Problem.

Genau gegen diese „Infodemie“ möchte Lina Graf mit ihrem Start-up „Doc2Me“ vorgehen. Die Plattform unterstützt einerseits medizinische Fachkräfte – Ärzte, Apotheker, Mitarbeiter in Kliniken – dabei, Inhalte zu produzieren, und verbindet andererseits diese Menschen mit „Over-the-Counter-Marken“ (OTC), also Herstellern von rezeptfreien Medikamenten, die Werbung für ihre Produkte machen und dafür über vertrauenswürdige Experten kommunizieren möchten.

600.000 € hat das vierköpfige Team – bestehend aus Graf, ihren Mitgründern Daniel Steiner und Thomas Schwarz und einem Angestellten – insgesamt aufgenommen, davon 150.000 € durch die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Profitabel sei „Doc2Me“ noch nicht, aber es wachse „sehr, sehr schnell“, so Graf. Soll heißen: Wöchentlich kommen neue Apotheken dazu – und mit jeder wächst die Deal-Pipeline mit OTC-Marken. Diese bezahlen das Start-up für die Produktion von Inhalten mit Fachexperten und die Nutzungslizenzen der Inhalte.

Die Idee zu diesem Projekt kam Graf 2021, als sie merkte, wie schwierig es bei der Recherche zu einer Krankheit sein kann, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden, nachdem bei ihr die Schilddrüsenerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis diagnostiziert wurde. „Ich habe das getan, was wahrscheinlich alle von uns als Erstes tun – und zwar gegoogelt, was das genau ist. Bald war ich auch auf Tiktok und Instagram und bin so in dieses ‚Rabbit Hole‘ voll mit Misinformationen gefallen. Jedes Video hat mir etwas anderes erzählt, und alle haben das sehr überzeugend getan.“ Am Ende holte Graf sich die Informationen von einem Arzt – und beschloss, Ärzte und anderes medizinisches Fachpersonal vor die Kamera zu holen.

Gemeinsam mit Steiner gründete sie 2022 Femble, eine Community für Frauengesundheit mit dem Wissen von Ärzten. Die Gründer veröffentlichten auf der Plattform Videos von Medizinern und halfen diesen, die Inhalte zu produzieren. In einem Interview mit dem Brutkasten 2025 sagte Graf: „Mit Femble ermöglichen wir es Ärzten, zu vertrauenswürdigen Health-Influencern für ihre eigenen Patientinnen zu werden.“ Bald erreichte die App rund 50.000 Nutzer, so Graf.

Doch das „Doc2Me“-Team erkannte, dass das Geschäftsmodell nicht skalierbar war. „Jedes Video hat Wochen gebraucht: Einen Termin mit dem Arzt finden, filmen, schneiden, die Freigabe-Schleife mit dem Arzt drehen … Da war klar: Der Engpass ist nicht der Content, sondern die Zeit der Ärzte. Also haben wir die Technologie gebaut, mit der sie selbst produzieren können“, sagt Graf. Diese Werkzeuge generieren etwa automatisch Untertitel für die Videos, helfen beim Schneiden und übersetzen die Inhalte. Die Plattform steht weiterhin für die Veröffentlichung zur Verfügung, doch viele Kliniken zeigen die Inhalte heute auch an anderen Orten, etwa dem Bildschirm im Warteraum. „Es ging vor allem um Patienten-Edukation“, sagt Graf.

Dieses Jahr veränderte „Doc2Me“ sein Geschäftsmodell erneut, nachdem eine „sehr bekannte OTC-Marke“ auf Graf zukam und fragte, ob „Doc2Me“ das System auch für Apotheken anbieten könne, damit Fachleute Videos drehen, die OTC-Hersteller anschließend als Werbung verwenden könnten. „Die Marken haben das Budget, das bisher in Fernsehwerbung floss, und die Apotheker haben das Wissen und Vertrauen der lokalen Bevölkerung. Das Schwierige ist, beide Seiten effizient miteinander zu verknüpfen. Und das hatten wir schon gemacht, nur für einen anderen Zweck“, sagt Graf. Dabei teilen Apotheker „Doc2Me“ mit, welche Produkte oder Marken sie empfehlen können, und das Start-up fragt bei den Herstellern an, ob sie an einer Kooperation interessiert sind, erklärt sie. (Die OTC-Marke, die sich dieses Jahr an „Doc2Me“ gewandt habe, sei die einzige Ausnahme.) „Es geht uns nicht darum, den Apothekern Marken vorzuschlagen, von denen sie bezahlt werden. Wir möchten wissen, über welche Produkte sie etwas erzählen wollen. Es soll edukativ sein, nicht marktschreierisch“, sagt Graf. Seit Sommer 2026 laufen laut ihr 16 Pilotprojekte mit namhaften OTC-Marken.

So will Graf gegen die „Infodemie“ vorgehen, die sie nach ihrer Diagnose selbst plagte. Sie sagt: „Unsere Vision ist, dass in zehn Jahren keine Gesundheitsmarke mehr ohne eine echte Fachstimme kommuniziert.“

Text: Erik Fleischmann
Foto: Lucas Acea

Erik Fleischmann,
Redakteur

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