MIT FREUNDEN WIE DIESEN...

Titelbild: Ryan Williams, CEO Cadre

Der Tech-Gründer Ryan Williams erfindet mit seiner Plattform Cadre Immobilieninvestitionen neu. Doch sein wichtigster Geldgeber, Jared Kushner, steht permanent im politischen Kreuzfeuer.

Kurz vor Weihnachten ­veröffentlichte die Associated Press einen Artikel darüber, wie ­Ivanka Trump und ihr Mann, Jared Kushner, persönlich von den großzügigen neuen Steuer­erleichterungen profitieren könnten. Die Reform hatten sie als ­Berater ­ihres Vaters bzw. Schwiegervaters, der zufällig auch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, in die Wege geleitet. Ebenso erwähnt in der vielfach ­zitierten ­Geschichte: Kushners 50 Millionen US-$ Investition in das Immobilien-Start-up Cadre. Das verzweifelte Stöhnen, das damals von ­Cadres Hauptquartier in Manhattan ausging, war wahrscheinlich bis zum Weißen Haus zu hören. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass der ­politische Aspekt des Ganzen nicht frustrierend oder ­beunruhigend ist“, sagt Ryan Williams, CEO und Gründer von Cadre, so sachlich wie möglich. „Es gibt Leute, die nicht mit uns arbeiten wollen (­wegen der Kushner-Verbindung, Anm.), und das verstehen wir. Aber wir haben über 80 Investoren. Jared ist ein passiver Investor, der keinen opera­tiven Einfluss hat.“

Keine Trennung, keine Kunden?

Williams zeigt auf die Dutzenden von Mitarbeitern, die fleißig an ihren Schreibtischen im Büro von Cadre arbeiten. Sie betreiben eine Website, auf der qualifizierte Investoren detaillierte Informationen über Wohn- und Büroimmobilien – mit virtuellen Spaziergängen, Karten, Mieterlisten und langen Memos ­voller Datenpunkte – einsehen können. „Es lenkt uns nicht ab“, so Williams. Doch das Thema umgibt ihn buchstäblich. Das Büro, auf das er zeigt, im historischen Puck Building in Manhattans trendigem Nolita-Viertel, gehört Kushner Companies. Es wurde von Jared Kushner ­geleitet, bevor er ins Weiße Haus zog. Williams entwickelte und inkubierte das Cadre-Konzept mit Kushner und seinem Bruder Josh. ­Viele der großen Immobilienunternehmen, die die Cadre-­Finanzierungsplattform angenommen haben, kamen durch Jared Kushner auf die Plattform; Josh Kushners Risikofonds Thrive ­Capital stellte das wichtige Startkapital. Josh ­Kushner ist in Cadres Vorstand – und arbeitet zwei Stockwerke darüber. Williams hat ein Produkt, das Trans­parenz, Liquidität und Kostensenkungen fördert: Per Mausklick können Investoren Immobilienbeteiligungen ohne die Doppel­gebühren traditioneller Immobilienfonds erwerben und über einen neuen Sekundärmarkt verkaufen. Doch er trägt seine Beziehung zum Weißen Haus wie einen zwei Tonnen schweren Anker mit sich herum.

Im vergangenen April flog Williams ­allein nach Tokio, um den Softbank-Milliardär ­Masayoshi Son zu treffen. Williams hat bisher 133 Millionen US-$ für Cadre eingesammelt, mit einer Bewertung von zuletzt 800 Millionen ­US-$. Beim Abendessen in Sons Haus in Tokio warf der Milliardär eine 500-Millionen-US-$-Investition in den Raum. „Im Grunde genommen fragte er, als wir (danach, Anm.) herumspazierten: ,Haben wir zu diesem Preis einen Deal?‘“, so ­Williams. „Ich fühle mich geehrt und schätze die Gelegenheit sehr“, antwortete Williams. Cadre war kurz davor, den Durchbruch zu schaffen. Und Wil­li­ams, der bereits rund 160 Millionen US-$ besaß (Forbes schätzt seinen Anteil an Cadre auf etwa 20 Prozent), würde stinkreich werden. Doch wenige Wochen danach veröffentlichte Bloomberg News einen Artikel, in dem die mögliche Verbindung zwischen Jared Kushner, Cadre, Softbank und saudischen Geldgebern ­herauskam. Die Gespräche mit Softbank verliefen sich bald darauf.

Williams hat eine große Anzahl von Unterstützern mit Verbindungen zur ­aktuellen Trump-Ära. Neben Peter Thiel, Trumps größtem Unterstützer aus dem Silicon Valley, gibt es etwa noch George Soros, das Aushängeschild für rechte Verschwörungstheoretiker. Aber als Politiker und „Präsidentenflüsterer“ ist es ­Jared Kushner, der Williams Kopfschmerzen verursacht. Er weigert sich, sich von seinem Cadre-Anteil zu trennen, obwohl er bei allen möglichen Entscheidungen, die Cadre betreffen könnten, aktiv involviert ist.

Williams Werdegang

Wie viele junge Start-up-Unternehmer weiß Williams, wie man sich selbst vermarktet. Sein persönlicher Elevator Pitch: ein Kind aus Louisiana, das anfing, Würmer zu zerschneiden und sie als Köder an Teenager zu verkaufen; dessen extrem erfolgreiches Arm- und Stirnbandlabel ihm von der Goldman Sachs Foundation, und der ­National Foundation for Teaching Entrepreneurship höchste Auszeichnungen einbrachte. Dann kamen Harvard, Goldman und Blackstone, ­später die „Forbes 30 Under 30“ und der Aufstieg von Cadre.

Dennoch gibt es Aspekte seines Lebenslaufs, die Williams nicht so gerne thematisiert. Sein Vater, ein Rechtsanwaltsfachangestellter, und seine Mutter, eine Sozialarbeiterin, trennten sich, als er etwa sechs Jahre alt war. Williams und seine Familie lebten in Mietwohnungen im Norden der Stadt, die lange Zeit mit Kriminalität und anhaltender Armut zu kämpfen hatte. „Es war hart“ ist alles, was Williams dazu sagt. Sein großer Durchbruch kam kurz vor der Highschool, als seine Mutter mit der Familie in den eher erfolgsorientierten New Yorker Vorort Ossining umzog. Williams stürzte sich in seine schulischen und unternehmerischen Aktivitäten. In Harvard studierte er Wirtschaftswissenschaften.

Es war auch in Harvard, wo Williams Josh Kushner traf. Die beiden wurden nach Williams’ erstem Jahr Freunde, als er ein Praktikum bei Goldman Sachs absolvierte. Im Abschlussjahr versuchte Josh Kushners Vater, Charlie Kushner, die Philadelphia 76ers zu kaufen, und brachte Williams dazu, bei seinem Gebot zu helfen. Die Kushners verloren die Ausschreibung, waren aber von Williams überzeugt. Etwa zu dieser Zeit machte Williams auch seinen ersten Versuch, Immobilien zu erwerben.

2012 wechselte Williams zu Blackstone, der weltweit größten Immobilieninvestmentgesellschaft, um an Hotel- und Wohnungsgeschäften zu arbeiten. Einige Blackstone-Investoren meckerten darüber, dass sie sich nicht aussuchen konnten, in welche einzelnen Immobilientransaktionen sie sich einkauften. Sie konnten ihre Beteiligungen auch nicht verkaufen, wenn sie Geld brauchten. Und Williams konnte nicht anders, als die hohen Gebühren zu bemerken, die bei ­Immobilieninvestitionen weit verbreitet sind. Inzwischen hatte der Kongress 2012 den „Jobs Act“ verabschiedet, der es unter anderem ­ermöglichte, dass Onlineportale Crowdfunding-Immobilien anbieten. „Ich hatte das Gefühl, dass sich hier eine große Chance an der Schnittstelle von Immobilien und Technologie bietet“, sagt ­Williams.

Jared Kushner spielte bereits mit der Idee, online Geld für die Deals von Kushner Companies zu sammeln. Williams hatte jedoch ein umfassenderes Ziel: die Schaffung eines digitalen Syndi­kationssystems, das von zahlreichen Immobilien­betreibern genutzt werden konnte. Es entstand eine Partner­schaft. Williams würde Cadre als CEO leiten und das Unternehmen als Broker-­Dealer ­lizenzieren lassen. Kushner Companies, unter der Leitung von ­Jared Kushner, würde die ersten Deals auf der ­Cadre-Plattform listen. Josh Kushners ­Thrive ­Capital würde Williams helfen, Tech-Talente zu rekrutieren. Und beide Brüder würden Geld aufbringen und Williams reichen Investoren und ­anderen Immobilienbetreibern vorstellen.

Williams’ erste Deals ­waren ­Immobilien, die die Kushners betreiben sollten: vier Apartmenthäuser in Queens, die für 55 Millionen US-$ gekauft wurden sowie ein Mehrfamilienhaus in Chatham, New Jersey, für 100 ­Millionen US-$. Dadurch konnte Williams beweisen, dass Immobilien über das Internet ­finanziert werden konnten; und er konnte im März 2015 in einer ersten Venture-Runde mit Blue-Chip-Investoren wie Thiels Founders Fund oder Joshs Thrive Capital 18,5 Millionen US-$ aufbringen.

„Jareds Beiträge waren früh sehr wichtig für das Unternehmen“, sagt Williams. ­Cadre hat heute bereits mit 17 Immobiliengesellschaften zusammengearbeitet. Diese haben sich so einen neuen Investorenpool ­erschlossen, der durch die einfache Schnittstelle und die ­attraktive Gebührenstruktur überzeugt werden ­konnte. ­Cadre berechnet ein Prozent im Voraus plus 1,5 Prozent jährlich auf den Eigenkapitalwert und beansprucht einen kleinen Teil der 15-­prozentigen Gewinnbeteiligung der Immobilienbetreiber. Doch im Gegensatz zu ­vielen traditionellen Immobilieninvestmentmanagern erhält Cadre keine zusätzlichen 20 Prozent der Gewinne als „Performance“-Gebühr. Im Jahr 2015 schloss Williams auch eine wichtige Allianz mit Soros Fund Management, der Investmentgesellschaft von George Soros. Soros ­beteiligte sich an Cadre und stellte 250 Millionen US-$ zur Verfügung: Wenn ein Immobilienbetreiber zustimmt, ein Projekt mit Cadre durchzuführen, und ­Williams nicht genügend Eigenkapital online beschaffen kann, um es zu finanzieren, springt ­Soros ein. Bislang musste Williams nicht darauf zurückgreifen.

Nach der Wahlnacht

Josh Kushner, der nach eigenen Angaben nicht für Trump gestimmt hat, hatte Forbes erzählt, wie er die Wahlnacht 2016 erlebt hat. Er wusste, dass er viel zu tun hatte, um seine Angestellten zu beruhigen. In der nächsten Woche traf er sich mit 100 von ihnen, um ihnen zu versichern, dass mit Jared Kushner im Weißen Haus nichts untergehen werde. Williams selbst weigert sich diplomatisch, zu sagen, für wen er gestimmt hat. Er berief am nächsten Morgen nach dem Wahlergebnis ein Treffen mit allen Beteiligten ein. „Meine Botschaft war, dass wir grund­legende Werte haben – unabhängig davon, was in Washington geschieht. Ich werde in Bezug auf Jareds Pläne und Rolle transparent sein“, sagt Williams. Als klar wurde, dass Jared Kushner ins Weiße Haus unterwegs war, traf Williams eine Vereinbarung mit ihm: Er würde aus dem Vorstand von Cadre ausscheiden und einen wesentlichen Teil seines Eigenkapitals abgeben – eine Erkenntnis, erklärt Williams, dass Kushner Cadre nicht mehr beraten könnte. Aber Jared Kushner behielt zwischen drei und sechs Prozent an Cadre, wie sein neuestes Bundesformular zur Offenlegung von Vermögenswerten vermuten lässt.

Die Stolpersteine treten immer wieder auf. Vergangenes Jahr berichtete Associated Press, dass Kushner Companies in New York City Unterlagen eingereicht hatte, in denen fälschlicherweise behauptet wurde, dass es keine mietregulierten Mieter gäbe, die in den auf Cadre aufgeführten Apartments in Queens lebten, als sie im Jahr 2015 die Baugenehmigungen beantragt hatten. Bloomberg News legte nahe, dass der Wiederverkauf der verbesserten Wohnungen im Jahr 2017 – der einzige Verkauf bisher auf Cadres Plattform – weniger profitabel gewesen wäre, wenn es eine angemessene Offenlegung gegeben hätte. Cadre sagte, dass von dem Problem nichts bekannt war und dass Einreichungen bei den Behörden in die Verantwortung der operativen Partner fielen – in diesem Fall Kushner Companies, die wiederum sagt, dass ihre Einreichungen von Dritten erstellt worden waren.

Williams hat sich von Kushner Companies distanziert und erklärt, dass er jetzt bearish auf den New Yorker Markt sei. Cadre hat seit diesen beiden ersten Proof-of-Concept-Transaktionen im Jahr 2015 keine Vermögenswerte bei ­Kushner Companies gekauft. Neue Deals oder nicht – es gibt Grenzen für das, was Williams tun kann, um den Lärm zu beruhigen, solange Jared Kushner seinen Anteil behält. So hat Cadre kürzlich ein Investitionsprogramm gestartet, um die Steuervergünstigungen der Opportunitätszone zu nutzen, die das Weiße Haus in Gang gesetzt hat.

Der Blick nach vorne

Dennoch bewegt sich Cadre immer weiter nach vorne. Bislang hat Williams’ Plattform mehr als 500 Millionen US-$ ­Eigenkapital eingesammelt. Damit hat das Unternehmen den Erwerb von Immobilien im Wert von zwei ­Milliarden US-$ von New York bis San Diego in 22 separaten Transaktionen finanziert. Das ist nur ein winziger Teil in einem Markt mit einem Gesamtwert von 14 Billionen US-$ für gewerbliche Immobilien. Aber genug, um die Idee der Syndizierung von hochwertigen gewerblichen Immobilien online zu bestätigen. Cadre strebt jährliche Renditen im unteren bis mittleren Bereich an; sein einziger realisierter Deal ­brachte eine interne Rendite von 16 Prozent. Im ­Oktober wurde ein verwaltetes Portfolioprodukt auf den Markt gebracht, mit dem Kunden bereits ab 25.000 US-$ pro Transaktion in zehn Projekte investieren können. Mit anderen Worten, sie können ein diversifiziertes Gewerbeimmobilienportfolio ohne viel Arbeit erhalten, wenn es um das Screening von Vermögenswerten geht. Gleichzeitig startete Williams einen Sekundärmarkt, der es Cadre-Kunden ermöglichte, ihre Anteile an Immobilienvermögen auf Knopfdruck zu ­verkaufen. Bisher gab es 40 Sekundärgeschäfte mit ­einer durchschnittlichen Prämie von drei Prozent ­gegenüber der letzten Bewertung.

Aber warum hat Jared Kushner nicht einfach seinem Schützling (und seinem Bruder) so einen unglaublichen Ärger erspart? Vor ­allem, wenn steuerrechtliche Bestimmungen genau ­solche Transaktionen und es damit Kushner ermöglichen, Cadre-Aktien zu verkaufen und die Steuern auf seinen Gewinn zu verschieben? Vielleicht liegt es daran, dass er lausige Vorbilder hat. ­Indem er sich nicht von seinem Vermögen trennt, um seinen Posten im Weißen Haus anzunehmen, missachtet der Milliardär alle möglichen ­klaren Interessenskonflikte und Vergütungsnormen. Oder vielleicht ist es das Ego: Vielleicht ist es zu schwer, zu sehen, dass Cadre sonst nichts mit ihm zu tun hat. Unabhängig davon: Williams wird die Frage nicht direkt ansprechen, zusätzlich sind ihm die Hände gebunden: „Wir haben keine echte Handhabe, es sei denn, es handelt sich um kriminelles Verhalten oder grobe Fahrlässigkeit. Ich kann niemanden wirklich zwingen, seine ­Anteile zu verkaufen.“ Was den politischen Lärm betrifft, „so versuche ich, ihn nicht persönlich zu nehmen“, sagt Williams. Die Medien und der Rest des Landes mögen von Trump und seiner Familie besessen sein, fügt er hinzu: „Aber ich lebe, esse, atme Cadre.“

Text: Nathan Vardi / Forbes US
Foto: Jamel Toppin / Forbes US
Übersetzung: Wolfgang Steinhauer

Dieser Artikel ist in unserer Februar-Ausgabe 2019 „Spielen-Wettbewerb“ erschienen.

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