neu denken statt verfallen lassen

Europa ist reich. Nicht nur an ­Kapital, sondern vor allem an ­Werten. Das klingt sehr philosophisch, und das ist es bis zu einem gewissen Grad auch. Doch diese Werte können, wenn wir sie klug nutzen, auch das Fundament für eine äußerst erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft bilden.

Das gelingt aber nur, wenn wir – Deutsche, ­Österreicher, Schweizer, Europäer – lernen, diese Werte zu schätzen und sie gleichzeitig in die Zukunft zu tragen. Wer sich in der Immobilienbranche umsieht, merkt: Wir reißen lieber ab, statt zu bewahren. Wir suchen den schnellen Neubau, während die eigentliche Stärke darin liegt, das Vorhandene zu schätzen und klug zu transformieren. In der Architektur zeigt sich das seit Jahren: Wer ein denkmalgeschütztes Haus saniert, wer historische Substanz nicht nur schützt, sondern in neue Funktionen überführt, baut nicht nur Wände, er baut Brücken – zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Architektinnen wie Tilla Theus oder Entwickler wie Udo Schloemer, die beide in diesem Magazin zu Wort kommen, haben vorgemacht, wie das geht. Man achtet auf die Geschichte, man nimmt sie ernst – und macht sie zugleich nutzbar für eine neue Zeit. Die Gebäude bleiben wiedererkennbar, aber sie erzählen ein anderes Kapitel und bekommen eine andere Funktion. Und genau das ist die eigentliche Kunst: nicht im Alten zu erstarren, sondern es zum Fundament des Neuen zu machen.

Die Länder Europas könnten davon lernen. Auch hier gibt es eine Substanz, die viele andere Regionen der Welt nicht haben: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Bildungssysteme, Menschenrechte, ­Religions-, ­Meinungs- und Pressefreiheit. Das mag selbst­verständlich wirken, für manche vielleicht sogar als Hindernis – aber beides ist nicht der Fall. Vielmehr sind das Assets von unschätzbarem Wert. Sie schaffen ­Verlässlichkeit, Sicherheit, Vertrauen – die Grundrisse, auf denen Unter­nehmen gedeihen können. Doch statt sie zu nutzen, reden wir sie schlecht; statt sie zu pflegen, ­gefährden wir sie durch Kleinmut, Überregulierung und Selbstzweifel.

Gründer finden in Europa alles, was sie brauchen: Talente, Schutz, Infrastruktur. Aber sie finden zu selten den Mut, aus dieser Substanz Neues zu schaffen. Der „American Dream“ lässt sich mit keinerlei Daten belegen – doch das Narrativ, der Glaube an diesen Traum, führt dennoch dazu, dass jedes Jahr Millionen Menschen versuchen, es in den USA „zu schaffen“. Auch der arabische Raum hat in Sachen Marketing aktuell die Nase deutlich vor Europa. Wobei die Stimmung in anderen Regionen der Welt gar nicht so schlecht ist; in Europa selbst beschwert man sich aber, statt in Aktion zu treten. Wir behandeln unser Erbe wie ein denkmalgeschütztes Haus, das man lieber verfallen lässt, weil eine umfassende Sanierung anstrengender ist als ein Abriss.

Der Staat könnte diesen Prozess der Sanierung ­beschleunigen. Wie es steuerliche Vorteile für die Sanierung historischer Gebäude gibt, könnte es auch Anreize geben, die europäische Substanz in Unter­nehmensgründungen zu übersetzen. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel Geld zu verteilen – viel eher sollten wir die Gründer machen lassen und ihnen lediglich den Rahmen bieten.

Denn was bei Denkmälern längst Konsens ist, sollte auch für Unternehmertum in Europa gelten: Das Alte bewahren, um das Neue möglich zu machen. Nicht Abbruch, sondern Umbau. Nicht Nostalgie, sondern ­Zukunft aus Substanz. Wer das versteht, baut keine Ruinen, sondern die Kathedralen von morgen.

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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