Neu Karlsruhe

Vor gut hundert Jahren flohen deutsche Familien vor der Hyperinflation nach Argentinien und gründeten dort eine Genossenschaft. Heute ist deren Marke Playadito der meistverkaufte Yerba-Mate des Landes. Doch seit Präsident Javier Milei den Markt Ende Dezember 2023 dereguliert hat, sind die Preise für die Blätter der Mate-Pflanze – von denen viele Bauern finanziell abhängig sind – stark gefallen. Playadito-Geschäftsführer Gustavo Quatrin hält jedoch die Deregulierung durch Milei für den falschen Schuldigen.

Egal ob im Park, hinter der Theke in der Postfiliale, im Büro, im Fitnessstudio oder auf dem Weg zu einem dieser Orte – wer in Argentinien unterwegs ist, stößt schnell auf die kleinen Becher, in denen grüne ­Blätter in heißem Wasser schwimmen. Yerba-Mate ist so etwas wie das Nationalgetränk Argentiniens, das auch in Uruguay, Paraguay und im Süden Brasiliens viel getrunken wird – und zwar von so gut wie jedem. Eine Porteña, wie die Bewohnerinnen der Hauptstadt Buenos Aires genannt werden, formuliert es so: „Vom reichsten CEO bis zum ärmsten Bauern: Jeder trinkt hier Mate.“

Das koffeinhaltige Aufgussgetränk geht auf die ­Guaraní zurück, das indigene Volk, das in Teilen der heutigen Staaten Bolivien, Argentinien, Paraguay, Brasilien und Uruguay siedelte. Berichten zufolge kauten die Guaraní die Blätter des Mate-Baums oder tranken Wasser, in dem die Blätter gezogen hatten. Heute verlassen laut dem Instituto Nacional de la Yerba Mate (INYM) mit Sitz in Posadas rund 267 Millionen Kilogramm pro Jahr die Mühlen des Landes für den Inlandsmarkt – knapp sechs Kilogramm pro Argentinier. Rund 13.000 Bauern bauen auf 230.000 Hektar Mate-Sträucher an, die ausgewachsen wie kleine Bäume mit grünen Blättern und kleinen, violett-roten Beeren aussehen. Fast die gesamte Produktion – vom Anbau bis zur Verarbeitung – spielt sich in den nordöstlichen Provinzen Corrientes und Misiones ab.

An der Grenze von Corrientes und Misiones liegt Colonia Liebig, ein Ort mit knapp 4.500 Einwohnern. Hier arbeitet die Cooperativa Agrícola de la Colonia Liebig, eine Genossenschaft aus rund 130 Erzeuger­familien mit insgesamt mehr als 350 Angestellten, die auf deutsche Einwanderer zurückgeht. Das privat gehaltene Unternehmen veröffentlicht keine Umsatzzahlen, doch die größte Marke, Playadito, setzte laut INYM-Daten 2025 rund 56,7 Millionen Kilogramm an Yerba-Mate im Inland ab – ein Marktanteil von rund 20 % (und 20,4 % mehr als im Vorjahr). Bei solchen Absätzen und markttypischen Preisen ergibt sich ein Jahresumsatz von 112,5 bis 135 Mrd. Argentinischen Pesos (65 bis 78 Mio. €).

Seit 1990 führt Gustavo Quatrin als CEO die Genossenschaft. „Ich bin aufgrund der Empfehlung eines Freundes hier“, sagt der gelernte Wirtschaftsprüfer aus der Provinz Santa Fe. Quatrin hat die Cooperativa Liebig durch eine der größten Wachstumsphasen der Genossenschaft geleitet: 40 Jahre lang führte der Konkurrent Las Marías den Markt für Yerba-Mate an, doch vor rund einem Jahr wurden die verschiedenen Marken des Unternehmens (am Absatz gemessen) von Playadito überholt (auch wenn Las Marías im ersten Halbjahr 2026 laut INYM wieder etwas aufgeholt hat).

Der Markt für Yerba-Mate wackelt jedoch. Zwar sind die nominalen Verbraucherpreise seit 2024 recht stabil, und in einem Land mit hoher Inflation (laut IMF betrug sie 2025 im Schnitt fast 42 %) bedeutet das einen realen Rückgang. Doch seit die Regierung von Präsident Javier Milei den Yerba-Markt Ende 2023 dereguliert hat, ist der Preis für „hoja verde“, das grüne Blatt der Mate-Pflanze, auf etwa die Hälfte gefallen. Besonders die Landwirte, die die Pflanze anbauen und die Blätter ernten, trifft das hart – und entsprechend groß ist ihr Ärger gegenüber den „molinos“, wörtlich „Mühlen“, die die Blätter zu Yerba-Mate verarbeiten. Doch Quatrin sagt, der Preisverfall habe nichts mit der Deregulierung zu tun – und tatsächlich findet sich eine ähnliche Episode in der Geschichte von Yerba-Mate.

Die Vorgeschichte der Cooperativa Liebig beginnt im heutigen Baden-Württemberg. „Der Samen wurde im Januar 1924 in Deutschland gelegt“, heißt es in dem Film, der im kleinen Museum der Genossenschaft läuft, „als die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg das Land niederdrückte.“ Familien aus Karlsruhe und Pforzheim schlossen sich zu einer Auswanderungs­genossenschaft zusammen; das Land, auf dem sie landeten, gehörte der britischen Liebig’s Extract of Meat Company. Über 250 Deutsche lebten monatelang in einem gemeinschaftlich organisierten Lager. Die Siedlung, gegründet am 29. Mai 1924, hieß zunächst Nueva Karlsruhe, Neu Karlsruhe; am 19. Dezember 1926 wurde die Cooperativa Agrícola de la Colonia Liebig gegründet.

53 Jahre lang war die Genossenschaft nur Lieferant für andere Unternehmen, bevor sie 1979 die erste eigene Mühle in Betrieb nahm und das erste Paket von Playadito in den Handel ging. Rund 15 Jahre später expandierte Playadito von einer regionalen Marke zu einer nationalen. Damals, so Quatrin, drängten größere Unternehmen, nationale Marktführer, auf regionale Märkte: „Es gab die Wahl, ein nationales Unternehmen zu werden oder als regionales zu leiden, und zwar stark.“

Ende der 1980er-Jahre hatte die Kooperative über 200 Gesellschafter, aber nur einen jungen Industrie­betrieb. 70 davon, so Quatrin, lieferten längst nichts mehr, hielten aber Kapitalanteile. 1990 beschloss die Versammlung: Wer zwei Jahre in Folge nicht liefert, muss seine Anteile verkaufen. Aufgenommen wird seither praktisch nur, wer aus einer der Familien stammt, die geblieben sind. Quatrin – dessen Familie zwar nicht zu den Gesellschafterfamilien gehört, der aber nach 25 Jahren als CEO dennoch Gesellschafter wurde – ­verteidigt die geschlossene Genossenschaft: „In keinem Moment musste die Genossenschaft zu einem der rund 130 Gesellschafter sagen: ‚Ich kann dir nicht alles ab­kaufen, was du produziert hast.‘“

Gleichzeitig soll die Betriebsform es der Cooperativa Liebig ermöglichen, langfristig zu planen. Führung und Verwaltungsrat arbeiteten mindestens 20, teils 40 Jahre zusammen, betont Quatrin; ein verstorbener Schatzmeister saß 41 seiner 73 Lebensjahre im Rat. Bei einem Rundgang durch eine Lagerhalle betont Quatrin, dass er zwar CEO sei, aber in engem Austausch mit dem Präsidenten Daniel Handziak stehe. „Ich treffe natürlich eigenständig Entscheidungen. Aber wir kennen uns schon so gut, dass ich mit 99 % Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass er genauso handeln würde wie ich.“

Auf unserem Rundgang wird sichtbar, was diese Kontinuität in Anlagen bedeutet: In einer eigenen Baumschule werden rund eine Million Pflanzen im Jahr gezüchtet, die ausschließlich auf Feldern der Gesellschafter angepflanzt werden, erklärt uns der Verantwortliche. 120 Tage dauert es bis zur Keimung, weitere acht Monate, bis ein Setzling aufs Feld kann. Bis zu 90 Jahre könne ein Strauch brauchbare Blätter tragen. Nach der Ernte wird dem Grünblatt ein Hitzestoß von rund 600 Grad Celsius verpasst, um die Fermentation abzubrechen. Danach wird die Ernte dreieinhalb Stunden über zwei je rund 30 Meter langen Bändern getrocknet. Die Biomasse für das Feuer liefert ein hauseigenes Sägewerk. Nach Qualitätskontrollen verlassen bis zu 300.000 Kilogramm Fertigware die Anlage an einem Tag. Jeden Morgen verkostet die Führungsrunde den Mate des Tages – dasselbe Produkt, das an diesem Tag ins Regal geht.

Wie viele Märkte in Argentinien war der Yerba-Mate-Markt lange Zeit stark reguliert. Seit den 1930er-Jahren wurden Anbaugrenzen gesetzt. Als 1991 der damalige Präsident Carlos Menem die zuständige Kommission auflöste, fielen die Preise für „hoja verde“ über die nächste Dekade stark. Landwirte blockierten mit Traktoren Straßen, und 2002 wurde das INYM geschaffen, das bis Ende 2023 Mindestpreise für das „grüne Blatt“ setzte (heute soll das INYM vor allem Dialog zwischen den an der Produktion beteiligten Parteien schaffen; es erhebt auch Daten zum Yerba-Mate-Markt).

Quatrin sagt, dass die Überproduktion von Yerba-Mate Teil eines Zyklus sei („Wir sind in dem Teil des Zyklus, in dem es mehr Angebot an ,hoja verde‘ gibt als Verbrauch“), und weist darauf hin, dass die Preise bereits vor der Deregulierung fielen. Dass die Lage der Bauern prekär ist, bestreitet er nicht, doch er weist da­rauf hin, dass Liebig seine Landwirte unterstützt. Sollten sich durch die niedrigeren Rohstoffpreise Übergewinne ergeben, würden diese mit den Landwirten geteilt – immerhin bauen die meisten Gesellschafter selbst Mate an. Medienberichten zufolge müssen viele Landwirte ihre „hoja verde“ allerdings zu verlust­bringenden Preisen verkaufen.

Zahlen des INYM deuten darauf hin, dass es tatsächlich ein Überangebot an Mateblättern gibt. 2024 war mit 987 Millionen Kilogramm an geerntetem Grünblatt ein Rekordjahr; 2025 waren es 9,9 % weniger, was aber auch noch historisch viel ist. Das INYM rät Mate-Land­wirten, auch andere Produkte anzubauen.

Roberto Ferreyra, Direktor für den Erzeugersektor im INYM, sagte nach einem Treffen mit Federico Sturzenegger, dem Minister für Deregulierung: „Seit er mit seiner Politik angefangen hat, sind zweieinhalb Jahre vergangen. Es ist nicht so, dass wir abwarten müssten, was dabei herauskommen wird – sie ist gescheitert.“ Hugo Sand, Direktor des Verbands der Land- und Viehwirtschaftsbetriebe von Misiones, sagte gegenüber der Zeitung La Nacion: „Ist das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage wirklich frei, wenn 13.000 Produzenten ihre Finanzmittel verlieren, es viele Rohstoffanbieter gibt und nur drei Abnehmer? Das hier ist ein Oligopson (Marktform, bei der wenige große Käufer vielen kleinen Anbietern gegenüberstehen; Anm.)“ – er schneidet damit an, dass die drei größten Yerba-Mate-Produzenten (Liebig, Las Marías und CBSé) rund die Hälfte des Markts kontrollieren.

Trotz Ferreyras Aussage ist es wohl noch zu früh, um ein eindeutiges Fazit der Deregulierung zu ­ziehen. Die Exporte sind gestiegen – nicht nur bei Liebig, sondern auch bei anderen Produzenten – und die realen Preise von Yerba-Mate in den Supermarktregalen sind gesunken. Produzenten und Konsumenten könnten also zu den Gewinnern zählen – bisher allerdings auf Kosten von vor allem kleinen Landwirten. Das Überangebot drückt den Preis für „hoja verde“ nach unten, und es bleibt abzuwarten, ob er sich in Zukunft auf einem ­höheren Niveau einpendelt. In Argentinien kann es außerdem gut sein, dass sich die Gesetzeslage in den nächsten Jahren wieder ändert, sollte zum Beispiel Milei die Präsidentschaftswahlen im Oktober 2027 verlieren.

In den letzten Jahren, erzählt Quatrin, sei der Umsatz aus anderen Teilen der Welt schneller gewachsen als der im Heimatmarkt. Aktuell macht er rund 2 bis 3 % des Absatzes aus. Neue Importeure in Italien, Portugal, Frankreich und England sowie Investitionen in Tee­beutel-Maschinen und die Robotisierung des Versands sollen den Exporten einen Schub geben. Argentinienweit war laut INYM im Jahr 2025 mit rund 58 Millionen Kilogramm ein Exportrekord zu verzeichnen.

In Europa wird Mate immer häufiger als Zutat in Softdrinks – wie bei der Schweizer Marke El Tony Mate – verwendet. Eine Argentinierin, auf diesen Trend angesprochen, schnaubt: „Komische Sachen macht ihr dort!“ In Argentinien ist das Getränk eben eine ernste Angelegenheit.

Fotos: Pablo Reinsch

Erik Fleischmann,
Redakteur

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