Neue Wege liefern

In einer Branche, die Start-ups reihenweise verschluckt, hat Byrd eines gelernt: Wer zu lange an der falschen Vision festhält, verliert. Zwei Drittel seiner Lagerzentren baute das Wiener Start-up seit 2022 wieder ab – stattdessen ­richtet es seinen Fokus auf die Technologie hinter dem ­Versand. Die Infrastruktur des Unternehmens soll es ­Händlern erleichtern, in Europa zu skalieren. Der US-Gigant Amazon dient in nur einer Hinsicht als Vorbild.

Als die Folge von „2 Minuten, 2 Millionen“ im März 2017 über die Bildschirme lief, beobachtete sich das Byrd-Team selbst dabei, wie es ein Geschäftsmodell präsentierte, das mit der eigenen Realität längst nicht mehr übereinstimmte. Intern war die Entscheidung bereits gefallen: Weg vom ursprünglichen B2C-Ansatz, hin zu einer B2B-Ausrichtung. Doch die Kameras waren da längst abgeschaltet. Die Ausstrahlung verzögerte sich um Monate – als die Episode schließlich ein halbes Jahr später gesendet wurde, war das Gezeigte bereits überholt. Interessenten mussten reihenweise darüber auf­geklärt werden, dass das Unternehmen inzwischen anders aufgestellt war. Den Ruf als „Meister des Wandels“ tragen die Gründer heute mit einem Augen­zwinkern. „Viele Start-ups justieren ihr Geschäftsmodell im ersten Jahr nach“, sagt Alexander Leichter, CEO und Co-­Founder von Byrd. „Wir standen damit eben mehr
in der Öffentlichkeit.“

Neun Jahre später hat das Logistik-Tech-Unternehmen 50 Mitarbeiter, betreibt acht Lagerzentren in vier Ländern und steht nach eigenen Angaben kurz vor der Profitabilitätsschwelle. Die Büros liegen in Wien und Berlin. Dass die Gründer selbst an verschiedenen Orten leben und arbeiten, ist allerdings nicht der einzige Grund, weshalb das Interview mit Forbes digital stattfindet: Mitgründer Sebastian Mach und seine Frau erwarten ihr erstes Kind, da rückt die berufliche Terminplanung in den Hintergrund. Leichter und Mitgründerin Petra Dobrocka vertreten ihren Kollegen. Sie geben Einblick in die Erkenntnisse, die sie in rund zehn Jahren Gründertum gesammelt haben, und in das, was in den kommenden Jahren folgen soll.

Das Umfeld ist alles andere als einfach: Die Logistik­branche gilt als besonders herausfordernd, denn der Kostendruck ist massiv und die Erwartungen der Kunden sind hoch; Konkurrenten wie Amazon verfügen über ein weltweites Logistik- und Versandnetzwerk. Wie gelingt es einem Wiener Start-up, inmitten dieser Herausforderungen zu expandieren?

Um das zu verstehen, sind ausgerechnet die Unterschiede zwischen Amazon und Byrd ausschlaggebend. „Wir sehen Amazon nicht als direkten Konkurrenten“, sagt Leichter. Das Start-up im Bereich E-Commerce-Fulfillment mit dem umsatzstärksten Marktplatz der Welt (2025 setzte Amazon rund 717 Mrd. US-$ um, sprich 617 Mrd. €) zu vergleichen wäre wohl vermessen. „Das sind auch nicht unsere Kunden“, so der Gründer. Byrd möchte vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen erreichen, die jährlich um die 10 Mio. € im E-Commerce umsetzen und bereits grenzüberschreitend aktiv sind. Im direkten Wettbewerb steht das Start-up nach eigenen Angaben mit Fulfillment-Dienstleistern wie Fiege, Geodis und DHL Fulfillment. Doch in einem Aspekt dient der US-Gigant als Referenzpunkt: Während die meisten Unternehmen entlang nationaler Grenzen agieren, hat Amazon ein europäisches Distributionsnetzwerk aufgebaut. Daran arbeitet auch Byrd. Selbst zwischen Deutschland und Österreich sorge der internationale Paketversand für viel zu viel Reibung. „Der Mehrwert, den wir generieren können, ist die gesamteuropäische Idee“, sagt CEO Leichter.

Die selbstbewusste Vision zeugt davon, wie sich das Unternehmen in seiner rund zehnjährigen Geschichte weiterentwickelt hat. Die Ursprungsidee war simpel: sperrige Gegenstände von A nach B zu bewegen. Leichter selbst wollte eine Lampe per E-Bay verkaufen – „ich habe einen ganzen Tag damit verbracht, Verpackungsmaterial zu besorgen, einzupacken und mich bei der Post anzustellen“. Er schlussfolgerte, dass es eine einfachere Lösung geben musste, und entwickelte ein Geschäftsmodell: Ein Fahrradkurier holte die Ware ab, die anschließend zentral verpackt und günstig versandt wurde.

Viele Start-ups justieren ihr Geschäftsmodell im ersten Jahr nach. Wir standen damit eben mehr in der Öffentlichkeit.

Alexander Leichter

Der erste Mitgründer, den Leichter ins Boot holte, Christoph Krofitsch (er schied nach vier Jahren einvernehmlich aus), hatte wie Leichter für das öster­reichische Nationalteam gerudert. Krofitsch brachte den weiteren Mitgründer Sebastian Mach an Bord, über einen gemeinsamen Kontakt stieß Petra Dobrocka dazu. Ursprünglich sollte sie in den Bereichen Marketing und Vertrieb unterstützen. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass Petra mehr weiß als wir alle zusammen“, lacht Leichter. So wurde Dobrocka zur vierten Mitgründerin. Besonders gut kannten die Gründer einander nicht – entschieden wurde aus dem Bauch heraus.

Die ersten Herausforderungen warteten nicht lange. Das ursprüngliche Geschäftsmodell scheiterte an der schlechten Stück-Ökonomie: Kunden nutzten Byrd nur für die schwierigsten Fälle, waren mittelfristig jedoch nicht bereit, den entsprechend höheren Preis zu zahlen. In mehreren Schritten und über 18 Monate hinweg entwickelte das Team die B2C-Dienstleistung zuerst in B2B-Pickups und schließlich in ein klassisches E-Commerce-Fulfillment-Geschäft weiter. Der entscheidende Impuls kam von Kleinhändlern, die ihr Inventar direkt bei Byrd einlagern wollten. Aus dem Betrieb eigener Lager erkannten die Gründer, dass ihre Stärken eher bei Technologie und Kundenservice liegen als in der physischen Lagerhaltung. Daraus entstand das heutige Plattformmodell: Byrd stellt die Software, Partner-­Lagerhäuser stellen die Infrastruktur.

Um diese Umstellung zu meistern, musste das Selbstbewusstsein des Start-ups einer realistischeren Einschätzung weichen. In einem Interview im Mai 2022 sprachen die Gründer davon, zusätzlich zu den vorhandenen Büros in Wien und Berlin weitere Standorte in London, Mailand, Barcelona und Paris zu eröffnen. In London und Barcelona etwa führte Byrd kurzzeitig Büros, entschied sich aber bald dazu, diese wieder zu schließen.

„Die letzten Jahre waren von sehr viel Ver­änderung geprägt“, sagt Dobrocka und bezieht sich damit auf die Covid-Pandemie, aber auch den daraus ­resultierenden Konkurrenzkampf am E-Commerce-Markt. Das Start-
up sah sich gezwungen, einen stärkeren Fokus auf effizientes, profitables Wachstum zu setzen. Die Entscheidung, unprofitable Märkte zu verlassen, schlug sich in der Bilanz nieder: Im Jahresabschluss 2024 schrumpften immaterielle Vermögenswerte und Finanzanlagen auf ein Minimum zusammen. Außerplan­mäßige Abschreibungen auf die Ländergesellschaften in Italien und Spanien drückten das Ergebnis zusätzlich. „Wir konzentrieren uns jetzt voll auf unsere Kernmärkte und die Skalierung unserer Technologie“, sagt Dobrocka. Nur acht der 20 Standorte haben die Effizienzkur überlebt. Derzeit ist Byrd in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich mit eigenen Fulfillment-Centern aktiv – beliefert aber Länder in ganz Europa.

Der Umbau im laufenden ­Betrieb war hart, macht unsere Software heute aber extrem skalierbar.

Sebastian Mach

Im elften Jahr seines Bestehens agiert das Start-up
vor allem als Technologieplattform für E-Commerce-Fulfillment. Das eigene Warehouse-Management-­System deckt die komplette Lagerprozess-Kette ab – von Warenannahme über Kommissionierung bis hin zu Versand und Retourenabwicklung. Partner-Lagerhäuser nutzen diese Software, liefern aber selbst Personal und Ausrüstung. Anders ausgedrückt: Byrd verhält sich zu Logistik wie Shopify zu Webshops – auch kleine Unternehmen bekommen Zugang zu Enterprise-­Level-Infrastruktur. Kunden zahlen pro Paket für Versand
und Kommissionierung sowie für genutzten Lagerplatz. Damit können Fixkosten minimiert und saisonale Schwankungen abgefangen werden, so die Byrd-­Gründer. Schließlich könne das Volumen in der Vorweihnachtssaison um das 20-Fache ansteigen.

Von Anfang an dabei waren Investoren. Zu Zeiten der Gründung hatte Byrd mehrere Angel-Investoren und den Speedinvest-Pre-Seed-Fonds an der Seite. Auf anderem Weg wären die Logistikkosten für die Pakete kaum stemmbar gewesen, erzählen die Gründer. Dass das Geschäftsmodell immer wieder angepasst wurde, habe den Investoren keine Kopfschmerzen bereitet: „Am Anfang ist die Annahme doch meistens nicht, dass man sofort in eine richtig gute Idee investiert, sondern in ein richtig gutes Team, das etwas aus seinen Ideen macht“, so Dobrocka. Im Juli 2021 bestritt das Start-up eine Series-B-Finanzierungsrunde von 16 Mio. €, im Mai 2022 folgten weitere 50 Mio. € im Rahmen einer Series C. Motiviert waren die Finanzspritzen vor allem durch den E-Commerce-Boom während der Pandemie: Es ging weniger um operativen Bedarf und viel stärker darum, gegen plötzlich hochfinanzierte Konkurrenten mithalten zu können, die innerhalb kurzer Zeit Dutzende Mio. € einsammeln konnten.

Ob in Zukunft eine weitere Finanzierungsrunde folgt, ist offen. „Wir prüfen gerade verschiedene Möglichkeiten“, sagt Leichter. Nächste Expansionsschritte werden sich nach der Kundennachfrage richten, so die Gründer; das könnte etwa Ost- oder Nordeuropa umfassen. Das müsse aber nicht zwangsläufig mit Lagern passieren, sondern gehe auch über erweiterte Versandoptionen. Der Hauptfokus liegt aber auf der Profitabilität: Während einzelne Märkte bereits schwarze Zahlen schreiben, hat die Gesamtgruppe noch keine Kostendeckung erreicht. Unabhängig von weiteren Finanzierungsrunden sei das oberste Ziel für die kommenden zwölf Monate, diese Schwelle zu überschreiten, so Dobrocka und Leichter. Wenn möglich, geschieht das unabhängig vom Kapitalmarkt. Den „Weg zum Unicorn“, wie es Dobrocka Mitte 2022 formulierte, sieht das Team gelassen: „Viel wichtiger war es – und ist es immer noch für uns –, eine nachhaltig wachsende Firma zu sein, die langfristig erfolgreich sein kann und ein guter Arbeitsplatz für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist“, so Dobrocka, „Alles andere ist ein ‚Nice-to-have‘.“

Das Start-up macht den Eindruck, erwachsen geworden zu sein. Auf Fragen, welche Eigenschaft sie rückblickend als erfolgsentscheidend erachte, sagt Dobrocka ohne viel Zögern: „Resilienz. Fehler und Rückschläge sind unvermeidlich; wichtig ist, trotzdem weiterzumachen.“ Dobrocka und Leichter sehen es wenig überraschend als Stärke, dass Byrd das ursprüng­liche Geschäftsmodell schnell ersetzt hat. Anpassungsfähigkeit hat das Start-up bewiesen – ohne sie wären seine Überlebenschancen in einer Industrie der permanenten Preiskämpfe auch gering ausgefallen. Was treibt die Gründer an, ausgerechnet in dieser Branche Fuß fassen zu wollen? „In der Logistik geht es immer um große Volumina, um große Beträge“, sagt Leichter, „man bewegt tatsächlich etwas in der Welt.“ Selbst in Zeiten künstlicher Intelligenz bedarf es immer noch einer Kraft, die physische Gegenstände bewegt. „Die Logistik wird nie aussterben“, so der Gründer. Dieser Gedanke scheint selbst ein hochtechnologisches Start-up zu beruhigen.

Fotos: Byrd

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