„Null Risiko gibt es nicht“

Walter Würtl ist Alpinwissenschaftler und Risikomanager. Ob beim Brenner-Basistunnel, in Skigebieten oder für die ÖBB: Mit seinem Unternehmen „Lo.La Safety“ zeigt er, dass hundertprozentige Sicherheit eine Illusion ist – man das Restrisiko aber beherrschen kann. Würtls Sicherheits­konzept lässt sich dabei von der Skipiste bis in den Konzernvorstand anwenden.

„Nein, das ist viel zu gefährlich“, sagt Walter Würtl, als wir – ausgestattet mit Schutzhelm, Warnweste und Gummi­stiefeln – aus dem Informationsgebäude des Brenner-Basistunnels kommen. In Steinach am Brenner regnet es kräftig, der Nebel hängt tief. Forbes begleitet den Lawinenexperten und Risikomanager auf die Aushubdeponie Padastertal, doch die extrem steile Schotter­straße ist zu rutschig. Auf halber Strecke steigen wir deshalb in ein Allradfahrzeug mit Schneeketten um.

Auf der Deponie wird Schutt und Gestein der Tunnel­bohrungen für den Brenner-Basistunnel abgelagert. ­Ins­gesamt werden für das Infrastruktur­projekt 230 Kilometer Tunnel gegraben. Sieben Millionen Kubikmeter Gestein fasst die Deponie – damit könnte man den gesamten ersten Wiener Gemeindebezirk mit einer rund 2,5 Meter hohen Geröllschicht bedecken. Nach dem Bau des längsten Eisenbahntunnels der Welt wird das Talende rund 80 Meter höher liegen und völlig renaturiert sein.

Doch heute ist die Deponie ein gefährlicher Arbeitsplatz. Die steilen Hänge sind aus mehreren ­Richtungen potenzielles Einzugsgebiet für Lawinen. Für das Sicher­heitsmanagement ist das von Würtl mitgegründete Unternehmen „Lo.La Safety“ zuständig. Es stellt die Lawinenkommission für das Gebiet und hat seine eigene Software im Einsatz. Würtl ist Alpinwissenschaftler, gefragter Risikomanager und Gerichtssachverständiger. Sein Unternehmen hat acht Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 900.000 €. Zu den rund 50 Kunden gehören neben der Brenner-Basistunnel-Projektgesellschaft die ÖBB, die Großglockner-Hochalpenstraße AG, mehrere Lawinenwarndienste und einige renommierte Skigebiete wie die Bergbahnen am Arlberg und in Kitzbühel.

Bei einer Übung darf nichts passieren – da arbeitet man mit doppelter Sicherheit. Im Einsatz ist das Risiko höher.

Walter Würtl

„Lo.La“ steht für „Lokale Lage“ und ist ein zentraler Bestandteil der Firmenphilosophie – denn Technologie wird mit Expertenwissen vor Ort verbunden. „Egal, wie viel Technik man bislang ins Spiel gebracht hat — der Mensch ist in seiner Beurteilung immer noch mit Abstand das beste Messinstrument bei komplexen Naturgefahren“, so Würtl. Deshalb stellt „Lo.La“ eine Plattform für das Gefahrenmanagement in Skigebieten und alpinen Infrastrukturen zur Verfügung, die dann meistens von Experten vor Ort genutzt wird – bei einigen Kunden, etwa hier beim Brenner-Basistunnel, setzt „Lo.La“ die Lösungen auch selbst operativ um.

Je nach Aufgabengebiet werden für Kunden eigene Apps gebaut, dafür liegen die Kosten zwischen 5.000 und 20.000 € pro Jahr. Funktionen sind zum Beispiel die Erfassung der Lawinensituation oder das Management der Verkehrssicherungspflicht in Skigebieten. Mit der App können unter anderem Pisten geöffnet und ge­schlossen oder Kontrollfahrten dokumentiert werden.

Mit solchen Softwarelösungen werden rund 30 % des Umsatzes erzielt. Die Mehrheit des Umsatzes ent­­steht jedoch durch Beratung mit individuellen Sicherheitskonzepten und Ausbildungen. Diese basieren auf dem eigens entwickelten Sicherheitskonzept „RI.S.S.K.“ – für ganzjährige Ausbildungsprogramme kann der Preis bei bis zu 100.000 € liegen.

Auf der Deponie im Padastertal sind derzeit 15 Arbeiter im Einsatz, bis Ende 2025 noch rund um die Uhr. Vor Ort treffen wir Bernhard Salchner – er ist Leiter der Eingangskontrolle für die Baufirma Koppensteiner und für die Deponie zuständig. Er trägt, wie alle Kollegen, ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) am Körper; eine Maßnahme, die bei erhöhter Gefahr getroffen wird.

„So eine Situation hatten wir in den letzten vier Jahren noch nie“, so Salchner: Wenige Tage zuvor schneite es so stark, dass sogar ein behördlicher Alarm wegen Lawinengefahr an alle Mobiltelefone in Tirol verschickt wurde. Um die Lage vor Ort zu bewerten, stapft Würtl mit seiner Lawinenschaufel einen Hang hinauf, um das Schneeprofil genauer zu untersuchen.

Die Zusammenarbeit zwischen den ­Risikomanagern von „Lo.La“ und der Baustellenbelegschaft vor Ort funk­tioniere sehr gut: „Wenn mich der Walter von der Lawinenkommission um zwei Uhr Früh anruft, gehe ich beim ersten Klingeln ans Telefon“, so Salchner. Auch für seine Kollegen sei es wichtig, die Informationen von den Experten direkt zu hören: „Das schafft Vertrauen – denn du sollst Respekt haben, aber niemals Angst. Mit Angst hast du hier oben in der Maschine nichts verloren.“

Zurück im Auto geht es einen steilen Hang nach oben, zu einem Bagger, der am Fuße eines engen Tals steht. Würtl bespricht mit Baggerfahrer Stefan Niederkofler die Lage. Schließlich darf er weiterarbeiten – aber nur unter Auflagen. Würtl erklärt, ab wann es zu gefährlich wird: „Sobald das Wasser, das den Hang hinunterrinnt, nicht mehr klar, sondern braun ist, muss er den Gefahren­bereich verlassen.“ Es ist eine Entscheidung unter Restrisiko – denn „null Risiko gibt es nicht“, so Würtl. Doch was an seiner Arbeit kann Unternehmern und Entscheidern dabei helfen, selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen, auch ganz ohne Lawinengefahr?

Im Werdegang von Würtl waren die Berge eine Konstante. „Ich war unglaublich schlecht in der Hauptschule“, sagt er. „Ich habe mir gedacht: Studieren kannst du vergessen.“ Er machte eine Lehre als Spengler und Glaser und war als Jugendlicher mit der Alpenvereinsjugend viel in den Bergen unterwegs; später machte er Ausbildungen zum Instruktor, Bergführer und war in der Bergrettung aktiv. Er bewarb sich auch als Kranken­pfleger, aber „als sie mein Zeugnis gesehen haben, habe ich gemerkt, die wollen mich nicht“, so Würtl. Doch mit der Externistenprüfung absolvierte er die Matura und ging studieren – es fehlte aber der richtige Studiengang. Also beantragte er ein individuelles Diplomstudium an der Universität Innsbruck, das unterschiedliche Disziplinen (von Meteorologie, Geologie, Geografie und Technik bis zur alpinen Sportpraxis) unter einem Dach vereinte. „Ich war jenseits der 20 Semester auf der Uni“, sagt er und lacht, „aber ich habe immer als Bergführer gearbeitet.“ Am Ende schloss er als Magister der Naturwissenschaften in Alpinwissenschaften ab. Er ist bis heute der Einzige mit diesem Abschluss, glaubt er: „Das tut sich niemand mehr an, weil es so viele Fächer und Stunden sind, die dafür zu absolvieren sind.“

Nach dem Studium war er unter anderem fünf Jahre lang Ausbildungsleiter beim Alpenverein. Parallel forschte Würtl – bis heute. Ein EU-gefördertes Interreg-­Projekt über alpines Risikomanagement brachte ihn mit vier Partnern zusammen: Experten aus dem Risikomanagement, IT-Spezialisten, Naturgefahrenexperten. „Man hat uns allen davon abgeraten, zu fünft eine Firma zu gründen: ‚Das haut nie hin!‘“, lacht Würtl. Sie taten es 2014 trotzdem und „bereuen diese Entscheidung nicht“.

Was Würtl auf der Baustelle im Padastertal macht, folgt immer demselben Schema; egal ob es um einen Baggerfahrer am Fuß eines lawinengefährdeten Hangs geht, einen Güterzug der ÖBB auf einer ­Gebirgsstrecke oder einen Pistenchef, der morgens entscheidet, welche Abfahrten er öffnet: Es heißt „RI.S.S.K.“ und ist „ein ganz universelles Konzept, das man nicht nur bei Natur­gefahren, sondern in jedem Lebensbereich einsetzen kann. Damit hat man ein sauberes Risikomanagement, ohne dass es ein riesiger Aufwand ist“, so der Experte.

„RI.S.S.K.“ lässt sich in vier Abschnitte herunter­brechen. Zuerst: Risikoanalyse und Identifikation. Was ist das Problem? Dann: Bewertung. Wie groß ist es? Würtl erklärt anhand eines Beispiels: Ein Arbeiter auf der Deponie musste entscheiden, ob er mit dem schweren Muldenkipper die vereiste Schotterpiste hochfahren kann. „Das Problem ist: Es ist eisig. Wie groß ist das Problem? Mit Muldenkippern ohne Schneeketten ist es sehr groß. Die Eintrittswahrscheinlichkeit, dass er da oben rutscht, ist mehr oder weniger 100 Prozent. Und auf der steilen Straße mit dem Muldenkipper …“ Würtl lässt das Ergebnis offen. Klar ist: Das Risiko ist hoch, das Schadensausmaß auch. Deshalb sollte er so nicht fahren.

Bevor Maßnahmen gesetzt werden, muss die Frage nach dem Schutzziel beantwortet werden: Wie viel Risiko darf es sein? Die Antwort ist nie absolut – sie hängt vom Kontext ab. Eine Bergrettung im laufenden Einsatz, wenn noch Leben zu retten sind, darf ein höheres Risiko eingehen als dieselbe Mannschaft bei einer Übung. Würtl: „Bei einer Übung darf nichts passieren – da arbeitet man mit doppelter Sicherheit. Im Einsatz ist das Risiko höher.“ Das Schutzziel beantwortet nur eine einzige Frage: Was darf passieren?

Erst jetzt kommen die Maßnahmen. Auf der Deponie im Padastertal könnte das konkret heißen: Die eisige Straße wird zuerst geräumt, dann werden Schneeketten montiert, um nicht so zu rutschen. Bei Lawinengefahr werden bestimmte Bereiche gesperrt und die exponierten Arbeiter tragen LVS-Geräte. Bei großer Gefahr wird evakuiert. Maßnahmen können organisatorischer Natur sein – etwa eine Umleitung – oder technischer: Lawinensprengungen oder Schutzbauwerke.

Bei einer Gefahrenlage geht es im Grunde um zwei Fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass etwas passiert; und wie hoch ist dann der Schaden? „Man kann an beiden Enden arbeiten“, sagt Würtl. So kann verhindert werden, dass ein Schaden überhaupt eintritt – etwa die eisige Straße einfach nicht zu befahren. Oder man kann das Schadensausmaß reduzieren, etwa mit dem LVS-Gerät, das alle Arbeiter am Körper tragen: Wer verschüttet wird, kann innerhalb von Minuten geortet werden. „Der Schaden der langen Lawinenverschüttung wird dadurch reduziert“, so Würtl.

Zum Ende des Zyklus folgt das häufig vergessene letzte Element: Kontrolle. „Hat sich die Situation geändert? Sind andere Risiken gestiegen?“ – Würtl nennt es „laufende Neuevaluation“. Im Padastertal bedeutet das: ­Wetterbeobachtung, tägliche Lageberichte, direkte Kommunikation mit den Baustellenverantwortlichen – und wenn nötig der Anruf um zwei Uhr Früh.

Die größte Gefahr im Risikomanagement ist nicht die falsche Einschätzung – die könne man niemandem vorwerfen, wenn faktenbasiert gearbeitet werde, ist Würtl überzeugt. Der eigentliche Fehler sei das Festhalten an einer getroffenen Einschätzung, die längst überholt ist. Würtl nennt es ballistisches Handeln – und es ist eines der häufigsten Muster, die er beobachtet. „Man kann das so beschreiben: Ich habe mich für einen Weg entschieden – so wie eine abgeschossene Kugel. Und die Kugel ändert den Weg nicht mehr, egal, was sich an Rahmen­bedingungen rundherum verändert.“

Das gilt im Gelände wie im Besprechungsraum – und muss vermieden werden: ein Bergführer, der seine Route festgelegt hat und das Aufziehen einer Schlechtwetterfront ignoriert, weil die Gruppe schon aufgebrochen ist; ein Vorstand, der an einer Investitionsentscheidung festhält, weil ein Richtungswechsel politisch unbequem wäre. Würtl: „Flexibel sein, das Neu-Bewerten nicht vergessen. Aber trotzdem sauber in der Struktur bleiben.“

Erfahrung kann dabei auch zum Problem werden: Nur weil ein Bergführer an einem Hang seit 40 Jahren keine Lawine erlebt hat, heißt das nicht, dass es dort immer sicher ist. „Dann ist die Verführung groß, zu sagen: ‚Da gibt es keine Lawinen!‘“ Würtl nennt es „Expertenfalle“: „Erfahrung ist gut, weil sie mir ermöglicht, vergangene Situationen intuitiv richtig zu bewerten. Das kann aber auch in die andere Richtung umschlagen.“ Sein Risikokonzept zwingt zur täglichen Überprüfung – egal, wie oft man denselben Punkt schon beurteilt hat. Mit dem Rest an Ungewissheit müsse man dann trotzdem leben. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es da nicht“, sagt Würtl. „Das ist vielleicht etwas, das man wieder mehr ins Bewusstsein rücken muss.“

Fotos: Niko Havranek

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