PFERDESTÄRKE

Titelbild: Piavita, Start-up, Tiermedizin, Forbes-Ranking

Mit einem digitalen Messgerät für Pferde will das Schweizer Start-up Piavita die Arbeit von Tierärzten revolutionieren. Dafür gab’s Platz fünf im Forbes-Ranking der vielversprechendsten KI-Start-ups der DACH-Region.

Wenn Pferde Besuche vom Tierarzt künftig ­etwas entspannter sehen können, liegt das auch daran, dass Sascha Bührle gerne Downhill-Mountainbike fährt. Der in der Schweiz lebende Deutsche arbeitete in Rapperswil bei einem großen Unternehmen in der Sensorenentwicklung – und wollte seine Kenntnisse nutzen, um die Federung seines Mountainbikes zu optimieren. Jetzt, nur ­wenige Jahre später, ist er CTO bei einem Start-up, das es als erklärtes Ziel hat, die Veterinärmedizin ins 21. Jahrhundert zu bringen. Dass es so kam, lag maßgeblich an Dorina Thiess. Sie ist heute CEO beim gemeinsamen Unternehmen Piavita, das sich auf die Messung und Analyse von Vitaldaten bei Pferden spezialisiert hat.

Von Mountainbikes zu Pferden

Um zu messen, wie stark die Federgabel seines Mountainbikes eingestellt war, ­brauchte Bührle eine Technologie, die es erlaubt, durch Schichten zu messen – die damals ­existierenden optischen Systeme vertrugen sich schlecht mit Staub und Schlamm. Es gelang ihm, diese zu entwickeln. Schnell stellte sich die Frage: ­Könnte man daraus vielleicht ein Unternehmen entwickeln? Bührle wandte sich an Dorina Thiess, die an der Universität St. Gallen Start-ups coachte. Sie winkte ab. „Die Mountainbikeszene ist groß, aber hier ging es nur um Downhill und eine ­intensive Nutzung. Ich sah das Marktpotenzial nicht“, so Thiess. Doch die Technologie könnte man doch in anderen Bereichen anwenden.

„Sascha sagte, er könne die Technologie mit einem entsprechenden Budget so weit ­entwickeln, dass damit auch Vitalwerte gemessen werden könnten“, erzählt Thiess. Der Grundstein für ­Piavita war gelegt. Über ein staatliches Förderprogramm kamen sie mit dem Tierspital Zürich in Kontakt. Dort stellte sich heraus: Tierärzte arbeiten noch häufig sehr manuell und aufwendig. „Es war offensichtlich, dass man in dem Bereich viel bewegen kann, wenn man Technologien nutzerorientiert entwickelt“, erinnert sich Thiess. Die beiden Gründer schmissen ihre Jobs hin und ­arbeiteten vier Monate an dem Projekt, vorerst noch ohne Unternehmen. Im März 2016 wurde es ­offiziell gegründet. Im Juni folgte die Seed Round, bei der neben einigen Business Angels die Zürcher Kanto­nalbank investierte. Insgesamt wurde in der Seed-Finanzierungsrunde rund eine Million CHF eingesammelt.

Bild: Dorina Thiess, Piavita, Start-up, Tiermedizin

Wir sprechen in diesem Bereich der Tiermedizin nicht von einer Zeitersparnis von ein paar Sekunden, sondern von mehreren Stunden.

Was ist dieses System, mit dem die ­beiden Gründer die Investoren überzeugen konnten? ­Piavita hat ein kleines Messgerät für Pferde entwickelt, das die Tiere dauerhaft am Leib tragen und das Vitaldaten erhebt – etwa die Körpertemperatur oder den Herzschlag. Bisher musste das manuell gemacht werden, mit einigen ­Nachteilen: einerseits einem hohen Zeitaufwand, denn der Arzt muss vor Ort sein, um die Messungen durchzuführen. Und es braucht Personen, die für die Nachtüberwachung angestellt werden. Die Zeitersparnis sei enorm, sagt Dorina Thiess. „Wir reden da nicht von ein paar Sekunden wie in der Auto­industrie oder ein paar Minuten wie in der ­Humanmedizin, sondern von mehreren Stunden.“ Doch neben der Zeitersparnis gibt es noch einen zweiten Aspekt: Pferde werden schnell verunsichert und nervös, wenn ein Arzt auftaucht – immerhin weiß das Tier nicht, was passiert. „Beim Pferd als Fluchttier verfälscht das sofort die Daten“, erklärt Thiess. Das System, das Piavita entwickelt hat und das den Namen Piavet trägt, löst dieses Problem: Weil das Pferd das handflächengroße Messgerät ohnehin dauerhaft trägt, wird es bei keiner Messung mehr aufgeschreckt. „Es gibt bisher kaum Systeme, die du am Tier belassen kannst und die die Tiere gar nicht ­merken“, sagt Thiess. „Unser System legt man an und kann das Tier dann in Ruhe lassen. Das gibt einen Einblick, der bisher nicht möglich war.“ So ­bekommen Tierärzte auch ein genaueres Bild vom Gesundheitszustand eines Pferdes.Bei Piavet geht es jedoch nicht ausschließlich um Messungen. Die Daten werden in die Cloud übertragen – und gleich analysiert. Hier kommt ­Machine Learning ins Spiel. Die Technologie wird von Piavita in drei Bereichen eingesetzt: Schon bei der Datenaufnahme wird mittels Machine Learning zwischen Störfaktoren und Vitalwerten unterschieden. Dann werden die Daten verfeinert, zugeordnet, analysiert. „Wir können damit aus einer sehr großen Datenmenge ein unbeeinflusstes und präzises Signal darstellen“, sagt Thiess. Der dritte Bereich ist die Prognose – das System weist in Echtzeit auf Auffälligkeiten hin. Das geht bis hin zu Frühindikationen, die mittels Deep Learning umgesetzt werden. Ein Grundsatz dabei: Die Entscheidung bleibt beim Tierarzt.

Große Investoren, großer Erfolg

Im Februar 2018 kam es zur Series-A-Finanzierungsrunde. Angeführt wurde die Runde vom renommierten US-Risikokapitalgeber True Ventures. Die Zürcher Kantonalbank investierte erneut, insgesamt wurden von den Kapitalgebern bei der Runde 5,5 Millionen US-$ in Piavita gesteckt. „Mit True Ventures ist ein wahnsinniges Netzwerk dazugekommen, das übersteigt jegliche Vorstellungskraft“, sagt Thiess. Heute hat ­Piavita 34 Mitarbeiter in den beiden Büros in Zürich und ­Berlin. 230 Tierärzte verwenden das Piavet-­System bereits (wobei diese Zahl Trials beinhaltet, Anm.). Die Piavita-Kunden zahlen eine Gebühr für das Aufsetzen des Systems. Für den Zugang zur Plattform wird eine Jahresgebühr fällig, wobei es hier je nach Bedarf unterschiedliche Pakete gibt. Nachdem rund ein Jahr der Markt getestet wurde, ist das System seit dem vierten Quartal 2018 regulär im Verkauf und derzeit in sieben europäischen Ländern verfügbar – neben dem DACH-Raum in Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Das nächste Ziel: die USA. „Dass wir auf den US-Markt wollen, haben wir ­relativ früh gewusst. Die USA sind vom Markt ein Stück größer als Europa, dafür hat man aber viel ­weniger Komplexität, es ist alles ein Land, alles eine ­Sprache“, erklärt Thiess.

Wegen des US-Markteintritts ist ­Piavita ­derzeit dabei, eine weitere Finanzierungsrunde abzuschließen. Dabei handelt es sich nach Angaben des Unternehmens um eine Zwischenrunde mit Bestandsinvestoren, eine volle Wachstumsrunde ist für Anfang nächsten Jahres geplant. Thiess reist im April noch einmal in die USA, dann wird auch eine US-Tochtergesellschaft gegründet. Künftig dürfen sich also vielleicht auch Pferde in den USA freuen, dass Thiess ihren Co-Gründer von der ursprünglichen Idee mit dem Mountainbikesystem abbrachte.

Dieser Artikel ist in unserer März-Ausgabe 2019 „KI“ erschienen.

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