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Viktor Pasztor führt seit knapp einem Jahr die Österreich-Tochter des Schweizer Intralogistik-Konzerns Kardex – und verkauft Lagerautomatisierung an den österreichischen Handel, der seit einigen Jahren stark unter Druck steht. Pasztors wichtigstes Argument: Niemand muss groß anfangen.
In der Wiener Seestadt, im Kleinteilelager des Industriezulieferers Hoerbiger, ging ein Mitarbeiter bis vor Kurzem an einem gewöhnlichen Arbeitstag einen halben Marathon (im besten Fall): bis zu 20 Kilometer zu Fuß, mit einer Kommissionierliste in der Hand, zwischen Regalreihen mit rund 10.000 Lagerplätzen; um Teile wie hochpräzise Ventile und Dichtungen einzusammeln.
„Wir haben sehr oft gesehen, dass Mitarbeiter in Lagern eine halbe Stunde nach dem richtigen Teil suchen“, sagt Viktor Pasztor, seit Oktober 2025 Managing Director des Lagertechnik-Unternehmens Kardex Austria. Auch in kleinen Häusern summiert sich das Suchen: In einem Fünf-Personen-Betrieb etwa fressen 15 Minuten Suchzeit pro Kopf und Tag über sieben Arbeitswochen im Jahr auf, rechnet Kardex vor. Dazu kommt, dass Lagerhallen viel Fläche brauchen.
In diese Lücke verkauft Kardex. Die Geschichte des Konzerns beginnt 1898 mit Karteikarten; in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Lagersysteme dazu, und später die Software, die sie steuert. Seit 1989 notiert die Kardex Holding AG an der Schweizer Börse. 2025 setzte sie laut Jahresergebnis 850,4 Mio. € um, bei fast 3.000 Vollzeitkräften. Heute ist die Gruppe einer der größten Anbieter für automatisierte Intralogistik in Europa. Die Österreich-Tochter existiert seit 1984 und umfasst zudem die Märkte Slowenien, Ungarn und Rumänien. Allein in Österreich beschäftigt das Unternehmen rund 65 Mitarbeiter, betreut mehr als 2.000 Kunden im Cluster und hat Standorte in Graz und Wien. Als Partner des Handelsverbands bringt es seine Expertise auch auf dessen Veranstaltungen und in Fachzirkeln ein.
„Bei Intralogistik denken viele sofort an riesige Anlagen und millionenschwere Projekte“, sagt Pasztor, der in Ungarn geboren wurde und mit 15 Jahren nach Österreich übersiedelte. „Unsere Kunden sind oft überrascht, wenn wir erzählen, dass man auch kleiner anfangen kann, seine Lager zu automatisieren.“ Das Angebot dahinter kennt drei Größenordnungen. Am Anfang steht der Kardex Shuttle, ein Lagerlift. Statt dass der Mensch zur Ware geht, fährt die Ware zu ihm. Ein einziges Gerät ersetzt rund 120 m2 Lagerfläche. Bei Hoerbiger in Wien schufen vier Shuttles rund 26.000 Lagerplätze, gaben 200 m2 Halle frei und verkürzten die Wegzeiten um
über 70 %. Laut dem Unternehmen können Waren dadurch nun bis zu drei Tage früher ausgeliefert werden. Automatisierte Systeme sind zudem weniger fehleranfällig: Laut Pasztor liegt die Quote bei Kardex-Maschinen je nach Anwendung bei nur 0,2 %.
Über dem Shuttle liegen Kardex Mlog – Hochregallager für Paletten und schwere Lasten – und Kardex AutoStore – Würfellager, in denen Roboter über einem Gitter aus Behältern fahren und die gefragtesten Artikel so sortieren, dass sie möglichst gut erreichbar sind. Wie sich die drei Systeme für größere Projekte kombinieren lassen – und auch, dass nicht das gesamte Lagersystem auf einmal umgestellt werden muss –, zeigt ein Projekt mit Haberkorn: Für den technischen Händler aus Wolfurt baut Kardex in Recklinghausen in einem ersten Projektschritt ein AutoStore mit 97 Robotern und bis zu 178.800 Behältern. In einem zweiten Bauschritt wird dazu ein Mlog-Hochregallager für 5.388 Paletten entstehen.
„Und besonders spannend wird es, wenn wir mit Robotik anfangen“, fährt Pasztor fort. Kardex arbeitet dafür mit Herstellern wie Kuka zusammen: „Sie bauen die Roboter, wir liefern die Software.“ Im Handel ist das noch Zukunftsmusik: Laut einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung rechnen nur 6 % der Unternehmen damit, in den nächsten zwei Jahren Roboter einzusetzen – auf Sicht von drei bis zehn Jahren aber 74 %. Mit der passenden Software lassen sich mehrere Aufträge parallel kommissionieren. So bearbeiten bei manchen Kunden einige wenige menschliche Mitarbeiter gleich Dutzende Bestellungen gleichzeitig.
Der Markt, fährt Pasztor fort, muss investieren. 2025 machten laut Handelsverband nur 40 % der heimischen Händler Gewinn. Dazu kommen Konkurrenten aus Fernost: Rund 100 Millionen der 430 Millionen Pakete, die im Vorjahr in Österreich zugestellt wurden, kamen aus China. Hierzulande ziehen gleichzeitig die Kosten bei Personal, Mieten und Energie an.
„Die Anbieter aus Asien werden immer stärker“, sagt Pasztor. „Es herrscht Preisdruck, aber genauso Verfügbarkeitsdruck.“ Same-Day-Delivery sei in Wien längst Standard, jedenfalls bei den Großen. Kleinere Händler müssten investieren, um mithalten zu können. Pasztor: „Die Konkurrenz ist stark – aber Automatisierung kann hierzulande viel Raum für Wachstum schaffen.“
Viele Händler merken das zu spät. „In Österreich gibt es Tausende Onlinehändler, die ihr Lager lange gut selbst steuern“, sagt Pasztor, „aber ab einer gewissen Größe kommt der Kipppunkt: Sie brauchen länger, müssen mehr Mitarbeiter einsetzen, das Lager wird komplexer.“ Bei der Automatisierung hinken heimische Händler hinterher: „In Ungarn denken unsere Kunden deutlich größer; auch, weil die Betriebe dort oft größer sind.“ Pasztor spricht damit an, dass in dem Land viele Unternehmen Verteilzentren oder wichtige Produktionsstätten haben. Wer zögert, riskiert, abgehängt zu werden.
Der erste Schritt kostet weniger, als die meisten glauben: Ein Kardex Shuttle amortisiere sich bereits ab rund zwei Jahren. Entscheidend sei ohnehin nicht, möglichst viel auf einmal zu automatisieren, sondern dort anzusetzen, wo der größte Hebel liegt. „Man kann klein anfangen, schnell erste Erfolge erzielen und später erweitern“, sagt Pasztor. „Wer seine Prozesse Schritt für Schritt effizienter macht, schafft sich damit den Spielraum für weiteres Wachstum.“
Foto: David Payr