Prediction Markets:
Auf alles wetten ­können

3,7 Mrd. US-$ an Kapital und Neo-Milliardäre als Gründer: Prediction Markets wie Polymarket und Kalshi sind der letzte Schrei – besonders für frischgebackene Universitätsabsolventen.

Das monatliche Handelsvolumen auf Prediction Markets (Prognosemärkten) stieg von unter 100 Mio. US-$ (86 Mio. €) Anfang 2024 auf mehr als 13 Mrd. US-$ Ende 2025, was einer Steigerung um mehr als das 100-Fache entspricht. Die Plattformen werden mittlerweile als Quelle für Wahrscheinlichkeitsdaten in Echtzeit verwendet und in große Börsen, Krypto-Wallets und Finanzmedien integriert. Im Dezember kündigte ­Coinbase die Inte­gration von Prediction Markets durch eine Partnerschaft mit Kalshi an, während die ­Plattformen bei Robinhood zur am schnellsten wachsenden Produkt­linie wurden. Mit Phantom Wallet, das Prognosemärkte für seine 20 Millionen Nutzer zugänglich macht, und CNBC, das eine Partnerschaft mit Kalshi eingegangen ist, ist ein fundamentaler Wandel im Gange: Wahrscheinlichkeiten werden zu einer Ebene der Finanzinfrastruktur.

„Prognosemärkte leisten sehr, sehr gute Arbeit für die Menschen – bei der Aufbereitung von Informationen und der Aufdeckung von Wahrheit“, sagte Tarek Mansour, der CEO von Kalshi, kürzlich auf einer Branchenkonferenz. Diese Märkte funktionieren zunehmend weniger als Spekulationsobjekte denn als Finanzinstrumente, die zur Absicherung von Unsicherheiten und politischen Preisrisiken eingesetzt werden. Während die akademische Forschung seit Jahren untersucht, wie Marktpreise kollektive Erwartungen von zukünftigen Ereignissen widerspiegeln können, markiert ihre jüngste Positionierung als „Event Contracts“ eine regulatorische und institutionelle Neuheit. Der juristische Sieg von Kalshi im September 2024 stellte klar, dass Event Contracts über politische Ergebnisse nach US-Bundesrecht nicht als Glücksspiel behandelt werden, was den Weg für Partnerschaften und breitere Anwendungsfälle ebnete.

Prognosemärkte isolieren die Frage selbst.

Jason Blackwell

„Diese Kontrakte unterliegen in den USA denselben regulatorischen Rahmenbedingungen wie ­traditionelle Derivate“, sagt Carl Kennedy, Partner bei Katten Muchin Rosenman, in einem Interview mit Forbes. „Im Wesentlichen sind Event Contracts dazu gedacht, traditionelle Derivate-Instrumente und andere Risikomanagement-Tools zu ergänzen, nicht zu ersetzen.“

Der Reiz für Wallets ist praktischer Natur: Prognosemärkte generieren Frequenz. Die Nutzer überprüfen Preise, verfolgen Live-Updates und beschäftigen sich mit der Stimmung in der Community, wenn sich ­Quoten ändern – ein Verhalten, das die Kunden­bindung erhöht. Die Integration von Phantom umfasst beispielsweise Live-Marktpreise, Benachrichtigungen über Abrechnungen und Community-Chat-Funktionen, wobei Wahrscheinlichkeitsdaten direkt in die Wallet-Ober­fläche eingebunden werden.

Während sich Kalshi bei der Verbreitung auf formelle Wallet- und Medienpartnerschaften konzentriert hat, haben kryptonative Plattformen wie Polymarket ihre Reichweite durch On-Chain-Integrationen und Social-Trading-Verhalten erreicht. In beiden Fällen nähern sich Prognosemärkte eher dem Ort, an dem Nutzer bereits Assets verwalten, anstatt als eigenständige Ziele zu existieren.

In großem Maßstab werden Prognosemärkte zur Absicherung genutzt – mit einem ­geschätzten monat­lichen Volumen im hohen einstelligen Milliardenbereich nutzen institutionelle Investoren Event Con­tracts, um politische Risiken, regulatorische ­Unsicherheiten und narrative Verschiebungen zu ­managen, die mit traditionellen Instrumenten nicht ­erfasst werden können.

Einige Start-ups nutzen Prognosemärkte auch als Testprotokoll. Grace Li (Foto S. 142, rechts), Gründerin von Arcada Labs aus San Francisco, stieß bei der Suche nach einer Methode zur Messung humanistischer KI-Qualitäten – wie gesunder Menschenverstand und Intuition – auf Prognosemärkte. Indem sie KI-Modelle wie Grok, Claude, Gemini und Chat GPT ohne menschliche Aufsicht auf Kalshi handeln ließ, konnte sie deren Verhalten besser verstehen.

Das einzige Modell, das bislang positive Renditen erzielt, ist Groks Version 4.20 – mit einem Plus von rund 400 US-$ bzw. 4 %, unter anderem durch treffsichere Wetten auf das Tageswetter und Arbeitslosenquoten. Li führt dies auf Groks konservativere Natur zurück: Das Modell erzielt größere Gewinne mit wenigen, aber äußerst sicheren Trades, während andere Modelle tendenziell mehr und riskantere Wetten eingehen. Arcada befindet sich nach eigenen Angaben in Gesprächen mit KI-Unternehmen, für die die Performance auf Prognosemärkten als Entwicklungs- und Testinstrument dienen könnte. Zuletzt sammelte das Start-up eine Seed-Finanzierungsrunde von 7,9 Mio. US-$ ein – unter anderem von Conviction und Y Combinator.

Patrice Mesnier, Gründungspartner von Oldenburg Capital Partners, teilt seine sich wandelnde Sichtweise auf Prognosemärkte mit: „Meine Einstellung hat sich im letzten Jahr von Skepsis zu selektiver Nutzung gewandelt“, berichtet er. „Diese Märkte sagen Ergebnisse nicht besser voraus, sondern zeigen, wo sich Über­zeugungen bilden und wo sie zerbrechen. Liquidität und rechtliche Strukturen schränken den institutio­nellen Einsatz nach wie vor ein, aber als Ergänzung zur Makroanalyse und Szenarioplanung werden Prognosemärkte zu einem relevanten Signal in politikgesteuerten Umgebungen.“ Durch den Kauf von Kontrakten, die bei einer Eskalation eines Handelskonflikts ausgezahlt werden, können An­leger Verluste in Aktienportfolios ausgleichen. So können beispielsweise Energieunternehmen die Volatilität der LNG-Preise (Liquefied Natural Gas, also verflüssigtes Erdgas) durch den Handel mit Kontrakten absichern, die an geopolitische Ereignisse gebunden sind.

Luca Cordova Stuart, David Zhou und Gabriel Perez Carafa (von links) sind USC-Absolventen und die Gründer der Plattform Noise.

Jason Blackwell, Chief Investment Strategist bei Focus Partners Wealth, sprach im Forbes-Interview über den Präzisionsvorteil von Prognosemärkten: „Anleihe- und Aktienmärkte reagieren auf politische oder regulatorische Ereignisse, aber diese Signale werden oft mit Gewinnen, Liquidität und makroökonomischen Störfaktoren vermischt. Prognosemärkte isolieren die Frage selbst.“ Marktteilnehmer beschreiben diese Kontrakte als eine Möglichkeit, politische und narrative Risiken abzusichern – als ein Instrument zum Management von Unsicherheiten und nicht zum Ausdruck von Über­zeugungen. Der Anwendungsfall hat sich von Speku­lationen in Wahlkampfzeiten zu einem systematischen Risikomanagement entwickelt.

Als während der US-Wahl 2024 die ersten Daten zur vorzeitigen Stimmabgabe aus Georgia und Nevada eintrafen, verschoben sich die Marktquoten innerhalb weniger Minuten; noch bevor die Journalisten ihre Prognosen aktualisiert hatten. Als die großen Medien ihre Berichterstattung anpassten, hatte die Masse die Verschiebung bereits eingepreist.

Prognosemärkte integrieren kontinuierlich neue Informationen, sind weitgehend effizient und reagieren auf Daten, die in Umfragen möglicherweise noch nicht sichtbar sind. Infolgedessen begannen Nachrichtenagenturen, sich auf Polymarket-Daten zu beziehen, um Umfragen zu ergänzen oder zu erkennen, in welche Richtung sich die Erwartung in der Öffentlichkeit entwickelt, wobei Reporter feststellten, dass sich die Marktquoten oft Stunden oder sogar Tage vor den traditionellen Indikatoren bewegten. Sobald die Wahrscheinlichkeiten öffentlich sind, verschiebt sich die narrative Autorität. Kommentare können nicht so schnell aktua­lisiert werden wie Vertragspreise.

„Prognosemärkte sind ein legitimes Instrument zur Erstellung von Echtzeitprognosen, da sie Informationen schneller und oft genauer aggregieren als herkömm­liche Umfragen oder Expertenmeinungen“, erklärt Craig O’Sullivan, Vorsitzender für digitale Vermögenswerte bei der Hedge Fund Association. „Sie nutzen kollektive Intelligenz, um Echtzeit-Stimmungen zu erzeugen, und sind zuverlässig, da jede Wette sofortige finanzielle Kosten verursacht.“

Die Partnerschaft von CNBC mit Kalshi kam kurz nach der Ankündigung einer weiteren Partnerschaft mit CNN zustande. Beide Medien behandeln die Plattform als Signal und zeigen Kalshi-Prognosen in ihren Programmen an.

Das Verhalten der Medien spiegelt ein allgemeines Misstrauen gegenüber statischen Prognosen wider. Prognosemärkte bieten ein Wahrscheinlichkeitssignal, das neben Aktien, Anleihen und Rohstoffen steht und einen klaren Eindruck davon vermittelt, wie überzeugt Händler bestimmte Ergebnisse erwarten.

Das Wachstum der Prognosemärkte korreliert mit Unsicherheitszyklen. Während des US-Wahlzyklus stieg es explosionsartig, wobei Polymarket allein während der Präsidentschaftswahlen ein Handelsvolumen von über 3 Mrd. US-$ verzeichnete.

Noise erhielt im Januar eine von Paradigm angeführte Seed-Finanzierungsrunde über 7,1 Mio. US-$ – bei einer Bewertung von 35 Mio. US-$ für das elfköpfige Unternehmen. Anders als Kalshi und Polymarket, wo Nutzer binäre Ja-oder-Nein-Kontrakte mit festem Ablaufdatum handeln, ist Noise ein sogenannter Attention Marketplace: Nutzer können dort Long- oder Short-­Positionen auf verschiedene Internettrends, Ideen und Marken eingehen.

Ein Beispiel: Memecoins ist ein handelbarer Trend auf Noise, dessen Website dafür einen „Mindshare“- bzw. Popularitätswert von 2,87 von 100 ausweist. Dieser tiefe Wert zeigt, dass der Memecoin-Hype – basierend auf Daten aus sozialen Medien wie X und Reddit – weitgehend vorbei ist. Wer aber glaubt, dass Memecoins ein Comeback feiern werden, kann auf Noise 1.000 US-$ auf eine Long-Position setzen. Steigt die Popularität und der Wert auf 30, wären diese 1.000 US-$ plötzlich 10.000 US-$ wert.

„Es gehörte viel Mut dazu, was Kalshi und Polymarket getan haben – besonders auf regulatorischer Ebene“, sagt Noise-Gründer Gabriel Perez Carafa, 24, der kürzlich die University of Southern California abschloss. „Aber wir hatten das Gefühl, dass sich
die binäre Fragestellung gewissermaßen erschöpft hatte.“ Das Potenzial von Attention-Market-Produkten ist auch Polymarket nicht entgangen: Das Unternehmen gab eine Partnerschaft mit Kaito AI bekannt, einem Krypto-Research- und Datenaggregator, der auch mit Noise zusammenarbeitet. Polymarkets Krypto-Chef erwartet bis Ende des Jahres Hunderte solcher Märkte auf der Plattform – ein weiterer Schritt in Richtung der Unternehmensvision, „Märkte für alles“ anzubieten.

Text: Anastasia Chernikova / Forbes US
Fotos: Christophe Wu, Kairos, Taraneh Tajdini

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