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Es ist Erntezeit in der Wachau – und damit Hochzeit für Knödeldreher, Marmeladeneinkocher, Saftpresser und Schnapsbrenner. Warum die Marille Österreichern im In- und Ausland ans Herz geht und weit über die Landesgrenzen hinaus für österreichischen Genuss steht.
Wenn die Finger nur noch pickig sind vom Pflücken und Entkernen, vom Ein- und Verkochen, und erst dann, wenn man von ihr nichts mehr sehen und hören will, ist die Marillensaison zu Ende – bis zum nächsten Jahr. Bis dahin wird gefachsimpelt, ob die Marmelade mit oder ohne Haut verkocht besser schmeckt und mit wie viel und welchem Zucker; Rezepte für den besten Knödelteig werden ausgetauscht, und Tipps, wie man tut, damit der Topfen beim Drehen auch von den Fingern runtergeht. Edelbrände werden verkostet oder es wird einfach nur über die Pracht der Marille gestaunt – am besten mit einem Glas Wein und einer herrlichen Jause. Es ist schön in der Wachau. „Wer nicht zur Marille fährt, hat keine Heimat“, heißt es dort. Denn „die Marille“ – die Zeit von der Blüte bis zur Ernte – ist den Wachauern so wichtig wie Weihnachten. Diese Verbindung ist tief, historisch gewachsen, traditionsreich, unerschütterlich. Egal wohin es einen in der Welt verschlagen hat, wird man versuchen – wie zur Weihnachtszeit auch –, zur Marille nach Hause in die Wachau zu kommen. Gut ein halbes Jahr lang gibt die Marille (die „Prinzessin“, wie sie manche nennen, weil sie ein „eigensinniges Obst“ sei) gemeinsam mit dem weltbekannten Wachauer Wein den Rhythmus der Region vor. Seit Hunderten von Jahren schon.
Mitte März öffnen sich die ersten Knospen an den 100.000 Bäumen und locken Tausende Touristen aus dem In- und Ausland in die Gärten und Terrassen an der Donau. Die Wachau ist Unesco-Weltkulturerbe, sie ist Sinnbild kultureller Integrität, ein landschaftliches Unikat. Und so ist die Wachauer Marille Teil dieser geschichtsträchtigen Region, mit der Marillenblüte als erster Kundschafterin eines nahenden Frühlings. Immer ist sie zu früh dran – mit ihr beginnt das jährliche Bangen vor dem Frost, der etwa seit 2019 in jedem Jahr gekommen ist und die Ernte in den vergangenen Jahren stets in Gefahr gebracht hat. In diesen kalten Frostnächten wird nicht geschlafen: Es werden kleine Öfen aufgestellt und unter stundenlanger Aufsicht beheizt. Andere versuchen mit Windmaschinen, die kalten Bodenschichten mit wärmeren Luftschichten von oben zu vermischen. Den gesamten April ist die Sorge um die „Prinzessin“ groß – und das geht bis kurz vor und auch während der Marillenernte im Hochsommer so weiter, wenn sich nicht nur Hitzegewitter ankündigen, sondern auch Hagel die bereits gut gereiften Früchte treffen und die Ernte vernichten könnte. Wenn diese Gefahr droht, steigen Flieger direkt in die Gewitterwolken hoch und verhindern mit Silberjodid zumindest das Allerschlimmste. In diesem Jahr ging’s so weit ganz gut – auch dank der 220 legitimierten Betriebe des Vereins Wachauer Marille, die von der Blüte bis zur Ernte in steter Alarmbereitschaft sind. Weit mehr als 100 Jahre wird der Marillenanbau in der Region erwerbsmäßig betrieben und am Geschmacksprofil der Frucht gefeilt. Die Marille selbst ist freilich deutlich älter – und kam angeblich aus China über Vorderasien, Griechenland und Italien in die Donauländer.
„Maryln“ wird die Frucht in einem Brief aus dem Jahr 1509 genannt. Einige Jahrzehnte früher schon war die „Amarelle“ bereits als Arzneimittel unter Ordensbrüdern bekannt. Heute tragen die Sorten Namen wie „Apricose von Nancy“, „Royal“ oder „Ungarische Beste“, ihr Geschmack ist für viele unverkennbar – und das Ergebnis teils geringer Verfügbarkeit aufgrund der speziellen Umstände, die die Marille braucht. Diese beginnen beim Boden (kalkreiche, karge Terrassen, die Wärme speichern und wieder abgeben) und gehen bis zu einem Mikroklima, das Extreme zulässt – heiße Tage, kühle Nächte, feuchter Nebel von der Donau.
Es sind Bedingungen, die sich nicht optimieren lassen und besonders wertvoll sind. Süße und Säure stehen bei der Wachauer Marille in einer Balance, die nicht reproduzierbar und unverwechselbar sei, sagen Kenner und Liebhaber. Es gebe den richtigen Zeitpunkt der Ernte für jede Marille, erzählen sie – die weicheren Früchte werden zu Marmelade verkocht, die festeren kommen in Knödel und Kuchen. Andere wiederum spitzen auf die vom Baum gefallenen Früchte – diese geben die beste Grundlage für Schnäpse. Was nicht auf den Boden fallen soll, wird wie auch Jahrhunderte zuvor ausschließlich von Hand geerntet. Denn: Nur der Mensch erkennt den perfekten Reifegrad. Das garantiert, dass die Früchte immer gleich gut aussehen, duften und schmecken. Auch im nächsten Jahr. Und bis dahin versüßen wir uns die Zeit mit Eingemachtem, Tiefgefrorenem und Feingebranntem – ganz ohne pickige Finger.