Privatmedizin wächst

Halbjahreszahlen 2025 der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) zeigen: In der privaten Krankenversicherung (Zusatzversicherungen bei Versicherern, nicht die gesetzliche Kasse) steigt das Prämienvolumenweiter. Gleichzeitig beschreibt der EU-/OECD-Systembericht für Österreich ein „Entweder warten oder zahlen“-Dilemma – und nennt ausdrücklich das Risiko eines Zwei-Klassen-Systems.

Telemedizin ist weniger ein Feature als eine strukturelle Verschiebung im Gesundheitsmarkt. Der entscheidende Wettbewerb findet nicht im Videocall selbst statt, sondern am Einstiegspunkt: Dort, wo Patientinnen und Patienten erstmals Symptome eingeben, entscheidet sich, welche Versorgung folgt, wer die Beziehung kontrolliert und wo Wertschöpfung entsteht. Dieser digitale Zugang wird zunehmend zur zentralen Steuerungsebene eines Systems, das historisch fragmentiert organisiert war.

Der wirtschaftliche Kern liegt in der Triage. Digitale Symptom-Checks, strukturierte Fragebögen, Chat-Funktionen oder telefonische Ersteinschätzungen bestimmen, ob eine Selbstbehandlung ausreicht, ein Arzttermin erforderlich ist oder eine weiterführende Diagnostik folgt. Wer diese erste Entscheidungsebene kontrolliert, beeinflusst nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch Datenflüsse, Auslastung und Erlösmodelle. Damit verschiebt sich die Marktarchitektur von einzelnen Leistungserbringern hin zu Plattformen und integrierten Zugangssystemen.

Diese Entwicklung wird auch politisch begleitet. Öffentliche Stellen definieren zunehmend Rahmenbedingungen und digitale Einstiegspunkte, etwa über offizielle Informations- und Beratungsangebote wie das Portal des Bundesministeriums für Gesundheit, das digitale Gesundheitsservices und strukturelle Entwicklungen transparent macht. Solche staatlichen Initiativen schaffen Vertrauen und setzen Standards, die private Anbieter und Plattformen in ihre Infrastruktur integrieren müssen.

Parallel dazu entstehen hybride Modelle aus öffentlichen und privaten Zugangssystemen. Plattformen wie die österreichischen A1 Telekom Austria und die Österreichische Gesundheitskasse sowie die deutsche Plattform DoktorABC zeigen exemplarisch, wie sich digitale Einstiegspunkte in bestehende Versorgungssysteme integrieren lassen. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Funktion, sondern die Fähigkeit, medizinische Ersteinschätzung, ärztliche Leistungen und administrative Prozesse in einer konsistenten digitalen Architektur zu verbinden. Der Einstieg wird damit zur strategischen Position innerhalb der Versorgungskette.

Die Nutzung telemedizinischer Angebote bleibt auch nach dem pandemiebedingten Höhepunkt stabil über dem früheren Niveau. OECD-Daten zeigen, dass Telekonsultationen pro Patient von rund 0,5 im Jahr 2019 auf 1,3 im Jahr 2021 anstiegen und sich 2023 bei etwa 1,0 stabilisierten. Diese Entwicklung deutet nicht auf einen kurzfristigen Trend hin, sondern auf eine nachhaltige Verschiebung im Nutzerverhalten. Patientinnen und Patienten akzeptieren digitale Erstkontakte zunehmend als normalen Bestandteil der medizinischen Versorgung.

Für Anbieter und Investoren verschiebt sich damit die strategische Perspektive. Wettbewerbsvorteile entstehen nicht primär durch einzelne Funktionen wie Video oder Chat, sondern durch Integration in bestehende Systeme, stabile regulatorische Einbindung und zuverlässige Finanzierungsmodelle. Plattformen, die als strukturierter Einstiegspunkt fungieren, profitieren von Netzwerkeffekten: Je mehr Patientenkontakte sie koordinieren, desto wertvoller werden ihre Daten, Partnerschaften und technischen Schnittstellen.

Langfristig entsteht dadurch eine neue Marktlogik. Der Zugang zum System wird zur wichtigsten strategischen Position. Wer diesen Einstieg kontrolliert, definiert Prozesse, steuert Patientenströme und etabliert Standards für die weitere Versorgung. Telemedizin wird damit nicht als isolierter Service relevant, sondern als infrastrukturelle Ebene eines digitalisierten Gesundheitssystems.

Foto: Etactics Inc

 

 

 

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