Raus mit dem Rind

Warum die Maul- und Klauenseuche für das Pharmaunternehmen Biogénesis Bagó eine riesige Chance war.

Es war das schwierigste Jahr in der Unternehmensgeschichte von Biogénesis Bagó. Nach mehreren Jahren Pause brach in Argentinien 2000 abermals die Maul- und Klauen­seuche (MKS) aus. Landesweit infizierten sich Tausende Rinder mit der hoch­ansteckenden Virus­erkrankung, die Europäische Union und China verhängten prompt einen Importstopp für argentinische Fleischprodukte. Die EU war damals mit einem jährlichen Volumen von 260 Millionen US-$ wichtigster Exportmarkt – und der brach auf einen Schlag weg. Zuvor musste Argentinien bereits seine ­Frischfleischausfuhren in die USA, nach Kanada sowie Chile von sich aus suspen­dieren.

„Wir arbeiteten sechs Monate lang zwölf Stunden am Tag, bekamen kaum Schlaf“, erinnert sich Daniel Santacrocce, technischer Produktionsleiter bei Biogénesis Bagó. Rasches Handeln war gefragt. Denn Rinder sind in Argentinien mehr als nur ein Exportgut – gemeinsam mit Tango und Fußball gehören sie zur Kultur des Landes. Konsumenten rund um den Globus schätzen die saftigen Steaks aus dem Land der Gauchos, bis 2006 war Argentinien der drittgrößte Rind­fleischexporteur der Welt.

Biogénesis Bagó produzierte und vertrieb zu der Zeit als einziges Unternehmen in Argentinien Impfstoffe gegen MKS („aftosa“). Diese sind notwendig, um bei infizierten ­Tieren – neben Kühen können das auch Schweine, Schafe oder Ziegen sein – einen Fieberausbruch mit anschließender Blasenbildung auf der Zunge zu verhindern. Platzen die Blasen, kann das Virus die Hufe befallen. Rinder leiden unter Gewichtsverlust, verweigern die Nahrungsaufnahme und geben weniger Milch. Jungtiere können an der Krankheit sogar sterben. Aus diesem Grund spricht Santa­crocce in diesem Kontext auch von einer „ökonomischen“ Erkrankung.

Internationale Pharmakonzerne wie Bayer oder Merial hatten sich zu dieser Zeit bereits aus der Pampa Húmeda – einer fruchtbaren Graslandschaft im Osten Argentiniens mit einer Fläche, die jene des US-Bundesstaats Texas übersteigt – ­verabschiedet. Denn die Regierung unter Carlos Menem erklärte das Land 1999 für frei von der sich rasch verbreitenden Tierseuche und stoppte die entsprechenden Impfvorschriften. Eine Entscheidung, die Experten bereits damals heftig kritisierten, darunter auch jene von Biogénesis Bagó. Durch den neuerlichen Ausbruch hatte das 1934 gegründete Unternehmen aber Glück im Unglück: „Vor dem Stopp der Impfungen hatten wir in Argentinien einen Marktanteil von 20 Prozent, danach waren wir die 100-prozentigen Versorger mit Impfstoffen.“ Nachsatz: „Doch das mussten wir auch erst einmal managen.“ Santa­crocce blickt zu einem der medizinischen Räume am Hauptstandort Garin in der Provinz Buenos Aires und meint: Personal, Equipment und Produktion hochfahren, um die damals 60 Millionen argentinischen Rinder (potenziell) zu schützen.

Der Weg nach Garin führt durch die mit Autos verstopfte Innenstadt von Buenos Aires und auf die im Volksmund „Panamericana“ (oder „Pan-American Highway“) genannte vierspurige Autobahn; er endet auf einem rund 20.000 Quadratkilometer großen Areal. Dort werden heute jährlich 200 Millionen Impfdosen gegen MKS hergestellt. Drei von zehn Rindern in Südamerika erhalten das für zwei Jahre lang Immunität gewährleistende Serum. Der veterinärmedizinische Markt für ausgewachsene Rinder (mit rund 500 Kilogramm, Anm.) betrug im Jahr 2016 in Lateinamerika 1,66 Milliarden US-$. Hinter den US-amerikanischen Gesundheits­unternehmen Merck Sharp & Dohme (MSD) und Zoetis reiht sich Biogénesis Bagó auf dem amerikanischen Markt für diese veterinärmedizinischen Produkte auf Rang drei ein – weltweit liegt das Unternehmen auf Platz 22. Innerhalb von zwei Jahren brachte Argentinien, unter ­anderem auch aufgrund der Maßnahmen der nationalen Gesundheitsbehörde Senasa, die Seuche schließlich unter ­Kontrolle. Die Tiere gesund zu halten ist für Biogénesis Bagó dennoch alles andere als leicht: „Es werden nicht nur Tiere in Argentinien geimpft, sondern auch in Brasilien, Uruguay oder Bolivien. Manche Regionen sind sehr schwer zu erreichen, etwa aufgrund terro­ristischer Akte“, sagt der CEO von Biogénesis Bagó, Guillermo Mattioli.

Ein lang gezogener Holztisch trennt uns während des Gesprächs in seinem Büro, einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster. Nebenan, im Besprechungszimmer, hängt ein großes Bild eines Hereford-Rindes an der Wand – gemeinsam mit dem Black Angus eine der beliebtesten Rinderrassen. „Es drängen neue Mitbewerber in unseren (südamerikanischen) Markt. Es gibt keine andere Region wie jene des Mercosur (bestehend aus Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay, Anm.), die für die Befriedigung der Nachfrage nach Milch- und Fleischprodukten in den kommenden 20 Jahren derart geeignet ist. Der größte Anteil dieser Nachfrage wird aus China kommen“, sagt Mattioli.

Rund 550 Kilometer nordwestlich, in Freyre, geht es indes weit weniger ruhig zu als in Mattiolis Büro. Mehr als 30 Kühe trampeln mit ihren Hufen, drängen vor und zurück; Arbeiter auf Pferden treiben sie mit lauten „Vamos!“-Rufen („Los geht’s!“) an. Hektik, Staub und Verunsicherung liegen in der Luft. Nach 20 Minuten sammeln sich die Tiere auf dem rot lackierten Laster in Reih und Glied. Es ist eine Szene, die die Realität im Rahmen der globalen Wertschöpfungskette schonungslos aufzeigt. „Die Rinder kommen in ein brasilianisch geführtes Schlachthaus unweit von hier in San Jorge. Von dort werden sie entweder zu Hamburgern für den internen Konsum verarbeitet oder in die EU exportiert. Jedes Rind wird in bis zu 15 Teile zerlegt – die besten Stücke gehen nach Europa.“ Leandro Roggero zeigt auf seinen Rücken. In Europa landen die verarbeiteten Rinder, nach ihrem Herkunftsort markiert, als T-Bone-­Steak oder Roastbeef-Rumpsteak im Supermarkt. Dennoch macht der Export bei Weitem nicht den Großteil des argentinischen Rindfleischgeschäfts aus, über 90 Prozent geht in den nationalen Konsum. Hier ist Argentinien Weltmeister: 58 Kilogramm Rindfleisch („carne bovina“) verzehrt der Argentinier im Schnitt pro Jahr.

Der „ganadero“ Roggero – so werden die Viehzüchter genannt – treibt einmal im Monat Kühe zusammen. Für den zurückhaltenden Mann ist dieses Spektakel mittlerweile Routine. Roggero bekommt für ein Kilo eines Kategorie-1-Rindes (die Rinder werden je nach Fettanteil in Klassen von 1 bis 4 eingeteilt, Anm.) 59 argentinische Pesos (2,38 €). Vom Ursprungsgewicht der Jungrinder („novillos“) bleiben nach dem Schlachten rund 270 Kilogramm an reinem Fleisch übrig. Pro Tier winken demnach rund 15.900 argentinische Pesos (rund 642 €) – 524.700 argentinische Pesos (rund 21.200 €) sind es bei einem Transport von 33 Rindern. „Wir benötigen monatlich einen Umsatz von einer Million Pesos (rund 40.000 €), um den Betrieb führen zu können. Davon sind Miete, Produktionskosten und Löhne abgedeckt. Gewinn generieren wir damit noch keinen“, sagt Roggero. Mit „wir“ meint Roggero seine sechs Familienmitglieder sowie die vier Mitarbeiter, die im Betrieb arbeiten. Er geht vom Kobel, in dem soeben noch die Rinder standen, in Richtung eines einstöckigen, gelb gestrichenen Hauses mit einem ziegelverbauten ­Hinterbau. Darin befinden sich eine große Couch, ein lang gezogener Glastisch mit schnörkeligen Kerzenständern und ein Hightech-Fernseher. Von Überlebens­kampf oder „Fleischkrise“ ist hier wenig zu spüren. Vor zehn Jahren sahen die Zahlen aber noch besser aus: Da besaß Roggeros Familie 2.000 Kühe, heute sind es nur noch 900 Tiere. Aufgrund der vielen Überschwemmungen musste Roggero große Verluste im Agrargeschäft hinnehmen und verkaufte den Großteil der auf der Weide grasenden Rinder, um ihn zu kompensieren. Denn das Fleischgeschäft ist keineswegs Roggeros einzige Einnahmequelle: So wie sein Cousin Martín Roggero (siehe Seite 58) ist er Sojafarmer. Um die Jahrtausendwende nutzten die Roggeros die Gunst der Stunde, setzten vermehrt auf Roundup-­Soja sowie ­Direktsaat: „Aufgrund der Wechselkursbindung des argentinischen Peso an den US-Dollar (dies wurde zwischen 1991 und 2002 per Gesetz festgelegt, zeitweise betrug der Wechselkurs 1:1, Anm.) verdreifachten wir unseren Auslandsgewinn. Wir kauften Silos, Traktoren, Maschinen.“ Roggero lächelt.

Der Sojaboom transformierte in weiterer Folge die komplette Landschaft Argentiniens – und war gleichzeitig einer der Gründe dafür, dass sich die Fleisch­industrie von da an im Sinkflug befand. Sojafarmer benötigten immer mehr Boden, die Weide­flächen für Kühe wurden reduziert. Die „Feedlots“, wo Kühe mit Mais und Soja statt Gras gemästet werden, nahmen aufgrund der Platznot rasch zu – die Umweltbedingungen leiden darunter, der Fett­anteil der Tiere ist höher.

Im Endeffekt war Roggeros Entscheidung, den Viehbestand teilweise zu verkaufen, somit nicht ungünstig. Die linksperonistischen Regierungen unter Néstor Kirchner und anschließend seiner Witwe Cristina Fernández de Kirchner griffen aufgrund steigender Preise ab 2006 auf ein Bündel von Maßnahmen zurück: Fleischexporte wurden beschränkt, Höchstpreise festgelegt und zweimal – 2006 und 2009 – die Ausfuhren für einige Monate komplett ausgesetzt. Die Bevölkerung sollte durch ausreichend billiges Fleisch bei Laune gehalten werden. Die Folgen waren weitreichend: Argentinien fiel aus den Top Ten der weltweiten Rindfleisch-­Exportländer, Viehzüchter verkauften ihren Bestand oder schlachteten die Tiere – und fingen an, lukrativeres Soja und Mais anzupflanzen. Tausende Schlachthäuser mussten ­schließen. Der Viehbestand ging auf unter 50 Millionen Tiere im Jahr 2010 zurück, heute steht er bei rund 52 Millionen Rindern. Die jährlichen Exportraten sanken von 771.000 (2006) auf rund 200.000 Tonnen (2016) Rindfleisch. Die Importländer holten sich stattdessen Fleisch aus Brasilien und kleineren Nachbarländern wie Paraguay und Uruguay. Argentinien wurde von diesen überholt – eine Schmach für die stolzen Gauchos.

„Mit der Öffnung des chinesischen Marktes für Argentinien vor zwei Monaten (im Januar 2018, Anm.) änderten sich die Rahmenbedingungen. Plötzlich will jeder Rinder verkaufen“, sagt Roggero. Die beiden Staaten schlossen ein Abkommen über die Einfuhr von gekühltem Rindfleisch mit Knochen; somit können nun alle Fleischarten importiert werden. Und auch der US-amerikanische und der kanadische Markt haben erstmals seit dem Stopp aufgrund der MKS ihre Pforten wieder geöffnet. Die Zukunft sieht also durchaus positiv aus, nach diversen Expertenmeinungen werden die Produktions- und Exportraten bereits 2018 anziehen – nicht zuletzt aufgrund des liberalen Kurses von Präsident Mauricio Macri. Dennoch muss ein derart herunter­gewirtschafteter Markt erst wieder in Schwung kommen.

Biogénesis Bagó schaffte ebenfalls den Sprung nach China. In Yangling wurde 2017 die laut CEO Mattioli „modernste MKS-Anlage der Welt“ mit Investitionen von 60 Millionen US-$ fertiggestellt. Dahinter steht ein Joint Venture mit Hile Biotechno­logy Co. Biogénesis Bagó ist somit eines der wenigen argentinischen Unternehmen, die direkt in China produzieren. „Wir haben die Fabrik am G-20-Gipfel 2017 vorgestellt. Wir sind uns der Verantwortung bewusst“, sagt Mattioli. Das muss er auch: In China gibt es über eine Milliarde Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen. Und: Einer der größten Schwerpunkte der G-20 ist die Lebensmittelsicherheit. Sollten die vollen Kapazitäten in der Fabrik ausgeschöpft werden, könnte die Produktion 400 Millionen Impfdosen pro Jahr betragen. Mattioli hält sich jedenfalls nicht bedeckt: „Ich bin mir sicher, wir können zu einem der weltweit größten Produzenten von hochqualitativen MKS-Impfstoffen werden.“

Dieser Artikel ist in unserer März-Ausgabe 2018 „Food“ erschienen.

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Editorial Team

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