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Der Markt für medizinisches Cannabis entsteht in Europa nicht über „Lifestyle“, sondern über Pharma-Regeln: Zulassungen, Rezeptpflicht, Qualitätsstandards und eine Lieferkette, die eher an klassische Arzneimittel erinnert als an Agrarprodukte. Genau diese Hürden schaffen Chancen – vor allem für Anbieter, die Compliance, Verfügbarkeit und Standardisierung beherrschen.
Wirtschaftlich ist medizinisches Cannabis weniger „die Pflanze“ als ein reguliertes System aus Herstellung, Kontrolle und Versorgung. Wer in diesem Markt gewinnen will, muss nicht vor allem Nachfrage erzeugen, sondern Lieferfähigkeit in einem streng geregelten Umfeld beweisen – inklusive nachvollziehbarer Chargenqualität, Auditfähigkeit und sauberer Abgabeprozesse.
Österreich zeigt, wie stark der Markt von Arzneimittel-Logik geprägt ist. Offizielle Stellen beschreiben den Zugang primär über zugelassene cannabisbasierte Arzneispezialitäten (etwa Sativex) sowie über THC als Reinsubstanz („Dronabinol“) als magistrale Zubereitung in der Apotheke auf Suchtgiftrezept; dabei kann grundsätzlich jeder Arzt eine solche magistrale Zubereitung anordnen (AGES; BASG). Reine Cannabisblüten sind in Österreich nach der derzeitigen Rechts- und Versorgungslage nicht als regulärer medizinischer Abgabeweg etabliert (u. a. parlamentarische Aussagen/öffentliche Fachkommunikation). Der Markt entsteht damit weniger über „Retail“, sondern über medizinische Prozesse, Rezeptregeln und pharmazeutische Herstellung/Abgabe.
Auf EU-Ebene liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil in Standards: GMP für die Herstellung von Arzneimitteln und GACP als Leitplanke für Anbau/Ernte pflanzlicher Ausgangsstoffe. Das wirkt wie ein Filter. Wer diese Anforderungen beherrscht, kann stabil liefern und skaliert in mehrere Märkte; wer sie nicht beherrscht, scheitert an Freigabe, Kontrolle und Konsistenz – unabhängig von medialer Aufmerksamkeit.
Auch die Produktlogik ist längst „pharmazeutisch“: Cannabidiol ist in der EU als Arzneimittel zugelassen (Epidyolex) – mit klaren Indikationen und Rahmenbedingungen (EMA). Das ist ein zentraler Punkt für die Wertschöpfung: Wert entsteht dort, wo standardisierte, überprüfbare Therapien und verlässliche Verfügbarkeit zusammenkommen – nicht durch den Begriff „Cannabis“ als Sammelbezeichnung.
Deutschland zeigt parallel, wie stark Digitalisierung den Zugang verändern kann – und wie schnell Regulatorik nachschärft, wenn medizinische Kanäle politisch als Missbrauchsrisiko gesehen werden. Digitale Angebote und Telemedizin-Plattformen (als Beispiel wird CannGo [Anzeige] im Marktumfeld häufig genannt) können Prozesse beschleunigen, bleiben aber abhängig von den jeweils gültigen Regeln rund um Arztkontakt, Rezept und Abgabeweg.
Die kommerziellen Chancen im DACH-Kontext liegen deshalb vor allem in drei Bereichen. Erstens in „Compliance als Produkt“: Qualitätsmanagement, Dokumentation, Suchtmittelprozesse, Chargenprüfung, Audit- und Inspektionsfähigkeit. Zweitens in Distribution und Versorgungssicherheit: pharma-konforme Logistik, Lagerung, Sicherheits- und Nachverfolgbarkeitsanforderungen – also Infrastruktur statt Marketing. Drittens in medizinischer Infrastruktur: Fortbildung, evidenzbasierte Therapiepfade und Therapie-Begleitung, strikt innerhalb des Arzneimittelrechts.
Unterm Strich entsteht der Markt für medizinisches Cannabis nicht trotz Regulierung, sondern wegen Regulierung. Die Eintrittsbarrieren sind hoch – und genau deshalb profitieren jene, die das Thema wie ein Arzneimittelgeschäft führen: standardisiert, dokumentiert und verlässlich lieferfähig.
Foto: Matthew Brodeur
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