Robotik im verborgenen

Roboa entwickelt einen Soft Robot, der bis zu 200 Meter tief in Rohre, Industrieanlagen oder Trümmerfelder vordringt. Das Zürcher Deeptech-Start-up, gegründet von vier ETH-­Ingenieuren, wächst von einem Forschungsprojekt zu einer skalierbaren Robotikplattform – mit sechsstelligem Umsatz im Gründungsjahr.

Die Geschichte von Roboa beginnt 2017 im Maschinen­bau-­Department der ETH Zürich. 2019 wurde das Vorhaben zu einem Fokusprojekt – einem selektiven Programm für besonders leistungsstarke ­Studierende. Acht von ihnen entwickelten einen ­Roboter, der sich wie eine wachsende Röhre durch enge Räume bewegt. Die Idee stammte aus dem Umfeld der ETH-Robotikforschung; der betreuende Professor sitzt heute im Verwaltungsrat. 2020 entstand der erste funktionsfähige Prototyp. Das Grundprinzip – eine ­weiche, pneumatisch wachsende Struktur, die sich durch ­Kurven, Engstellen und verschmutzte Ober­flächen bewegt – hat sich seither kaum verändert, wurde jedoch über die Jahre in Zuverlässigkeit und Steuerung optimiert.

„Als Roboa zunächst im Rahmen der Universität und ohne wirtschaftliche Zwänge entstand, haben wir praktisch durchgehend ab 17 Uhr nach den Vor­lesungen am Roboter gearbeitet“, erinnert sich Mitgründer ­Alexander Kübler. Der Übergang zum Start-up war ­dennoch kein Selbstläufer. Kübler forschte unter anderem an der Stanford University zu Soft Robotics und brach ein begonnenes PhD-Programm ab, um sich vollständig der Entwicklung zu widmen.

Die Frage, ob daraus ein Unternehmen werden sollte, stellte sich erst später. Um Marktchancen zu verstehen und reale Probleme zu identifizieren, ließ sich das Team bewusst Zeit mit der Gründung. Auf der Marktseite war der Aufbau von Kundenkontakten ohne fertiges Produkt die größte Herausforderung. Das Team setzte auf Cold Outreach, Messen und persönliche Netzwerke. „Wenn man aus einer Messe zwei gute und wichtige Kontakte mitnimmt, ist das schon ein Erfolg“, so Kübler.

Insgesamt flossen rund 2 Mio. CHF (2,2 Mio. €) aus ­Schweizer Förderprogrammen, Stiftungen und Innovations­initiativen in die Entwicklung – zunächst kleinere projektbasierte Zuschüsse, 2023 dann ein ETH Pioneer Fellowship Grant. 2024 begannen die Absolventen, Vollzeit an Roboa zu arbeiten und erste Proof-of-­Concept-Demonstrationen zu zeigen. Vor der formalen Gründung 2025 kontaktierte das Team mehr als 150 Unternehmen, um Einsatzfelder und Kundenprobleme zu verstehen. „Als technischer Gründer muss man ­lernen, nicht nur starke Technologie zu bauen, sondern ein konkretes Kundenproblem zu lösen“, sagt Kübler.

Wir wollen mit unseren ­Robotern dorthin gehen, wo sonst niemand hinkommt.

Alexander Kübler

Roboa positioniert sich als Plattformtechnologie für sogenannte „Confined Spaces“ – Räume, die für Menschen, Drohnen oder klassische Roboter nicht zugänglich sind: Rohrleitungen, Abwasserkanäle, Tunnel oder Trümmerfelder nach Katastrophen. Der Roboter kann seinen Durchmesser im Größenbereich zwischen fünf und zehn Zentimeter anpassen, wächst nach vorne und erreicht Längen von bis zu 200 Metern. Sensoren liefern visuelle und akustische Daten, modular montierbare Tools sind vorgesehen. „Die Software ist wichtig und KI hilft – die wirkliche Differenzierung liegt jedoch in der Fortbewegung und der Plattform­architektur“, betont Kübler. Heute konzentriert sich Roboa vor allem auf die Infrastruktur- und Prozessindustrie: Chemieanlagen, Wasserwirtschaft, unterirdische Versorgungssysteme.

Das Kernteam besteht aus vier Maschinenbau-­Absolventen der ETH: Pascal Auf der Maur (CTO, Software und Elektronik), Nicolas Aymon (COO, Hardware und Organisation), Betim Djambazi (CCO, Produktion und Customer Success) sowie Alexander Kübler, der seit 2025 als CEO Strategie und Business ­Development verantwortet. Als Berater stehen dem Team unter anderem ETH-Professor Roland Siegwart und Roger Wüthrich-­Hasenböhler, Chairman von Deep Tech ­Nation Switzerland, zur Seite.

Das Geschäftsmodell befindet sich in einer Übergangsphase: Aktuell generiert das Start-up Umsatz über Serviceeinsätze – rund zwei pro Woche –, bei denen Roboa Inspektionen selbst durchführt und pro Einsatz bezahlt wird. Gleichzeitig werden Daten für die Produktentwicklung gesammelt. Langfristig plant das Unternehmen den Verkauf von Robotern, Service­verträge, abonnementbasierte Datenmodelle und Robotics-as-a-Service-Ansätze.

Der wirtschaftliche Nutzen für die Kunden liegt in der Reduktion von Ausfallzeiten und höherer Sicherheit. In vielen Industrieanlagen sind Inspektionen schwierig oder gefährlich, ungeplante Stillstände verursachen hohe Kosten. Roboa soll Probleme frühzeitig sichtbar machen und Inspektionsprozesse vereinfachen. Aus dem heutigen Servicegeschäft soll eine skalierbare Plattform entstehen – mit Hardware, Software und ­Daten als Grundlage für neue Anwendungen. Kübler fasst die Vision schlicht zusammen: „Wir wollen mit unseren Robotern dorthin gehen, wo sonst niemand hinkommt – und echten Mehrwert für die Kunden generieren.“

Foto: Roboa AG

Forbes Editors

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.