Robotik-Revolution aus dem schwabenland

In einem Gewerbepark in der Nähe von Stuttgart baut David Reger, Gründer und CEO von Neura Robotics, an der Zukunft der Robotik. Sein Start-up verkündete im Juni eine Finanzierungsrunde in Höhe von bis zu 1,4 Mrd. US-$ – mehr hat ein deutsches Unternehmen noch nie in einer Runde eingesammelt. Als Investoren sind unter anderem mit an Bord: Tether, Nvidia, Amazon und Qualcomm. Als Nächstes soll der Börsengang folgen. Damit will Reger sich im globalen Robotik-Wettrüsten mit China und den USA messen.

Humanoide Roboter mit zwei Beinen, zwei Armen und zehn Fingern – was lange als Science-Fiction galt, wird mehr und mehr zur Realität. Im Wettstreit um die nächste Generation der Robotik sitzen die größten Aushängeschilder in China, in den USA – und im beschaulichen schwäbischen Hügelland: In einem Gewerbepark außerhalb von Metzingen, einer Stadt, die eher für den Hauptsitz des Kleidungsherstellers Hugo Boss und das große Outlet-Center bekannt ist, sitzt Neura Robotics. Schon beim Einbiegen in die Industriestraße fallen die ersten Gebäude mit dem Logo des Start-ups auf; Mitarbeiter eilen von einem ins nächste Gebäude. Forbes trifft den Gründer und CEO David Reger in einem Büro, das früher einmal zu einem Möbelhaus gehörte. Seit der Gründung 2019 hat Neura immer mehr Flächen in dem Gewerbepark dazugenommen. „Inzwischen haben wir hier 14 Gebäude. Das ist ein besonderes Ambiente in diesem Cluster“, erzählt er. Bei einer länger angelegten Testphase ließ Neura zuletzt Roboterhunde patrouillieren, erzählt Reger beim Eintreffen. Wer ohne Besucherausweis in den Gebäuden auftauchte, wurde von ihnen gestellt und verwarnt. Beim Forbes-Besuch sind die Hunde nicht im Einsatz – die Testphase ist vorbei.

Es liegt eine besondere Spannung in der Luft. Keine 48 Stunden vor dem Interview hat der Robotik­hersteller eine Series-C-Finanzierungsrunde von bis zu 1,4 Mrd. US-$ (1,2 Mrd. €) verkündet; „bis zu“, weil ein Teil der Summe an Meilensteine geknüpft ist. Der größte Teil aber sei „eingefahren und schon überwiesen“, sagt Reger. Hinter der Runde stehen unter anderem Tether, Nvidia, Amazon und Qualcomm, dazu die deutschen Industriekonzerne Bosch und Schaeffler und die Europäische Investitionsbank.

„We serve humanity“ steht auf den T-Shirts aller Mitarbeiter und auf der Wand im Besprechungszimmer. Neura will das mit sogenannten „kognitiven Robotern“ schaffen: KI und Sensoren werden kombiniert, damit die Maschinen sehen, hören und tasten und nahtlos mit Menschen zusammenarbeiten können. Die Zukunftsvision ist der „4NE1“, der menschenähnliche Roboter: Er ist 1,80 Meter groß, wiegt 80 Kilogramm und soll unter bestimmten Bedingungen eine Nutzlast von bis zu 100 Kilogramm stemmen können. Warum überhaupt humanoide Roboter? Reger argumentiert mit der Umgebung: „Die Welt ist ergonomisch an den Menschen angepasst“ – Knöpfe, Schalter, Türgriffe, alles sei für den menschlichen Körper ausgelegt; deshalb mache die ­humanoide Bauform natürlich auch Sinn. Außerdem sei es für Menschen leichter, sich darunter etwas vorzustellen. Er erzählt von seiner Mutter: „Ich habe ihr einen humanoiden Roboter gezeigt – und plötzlich hatte sie Ideen ohne Ende, was das Ding machen könnte.“ Die Zukunft der Robotik sei aber nicht ausschließlich humanoid: „In Fabriken, wo sich Prozesse und Abläufe nicht verändern, werden Roboter nach wie vor häufig auf festen Plattformen stehen“, so Reger. Nun hat Regers Unternehmen mit dem Rückenwind einer Finanzierungsrunde Spielraum für den nächsten Entwicklungsschritt – und viele sehen in Neura Robotics einen europäischen Hoffnungsträger im techno­logischen Wettrüsten.

Regers Weg an die Spitze eines Tech-Start-ups ist ­ungewöhnlich. Er stammt aus Rottweil im Schwarzwald und ist das zweitälteste von insgesamt elf ­Geschwistern. Er sagt von sich selbst, er sei ein ­schlechter Schüler gewesen. Nach seinem Hauptschulabschluss wollte er Kfz-Mechatroniker werden, aber fand keinen Aus­bildungsplatz. Ein Zeitungsinserat brachte ihn schließlich zum Gießereimodellbau, dem Entwerfen von Formen für Gussteile.

Vor dem Einstieg ins Berufsleben riet ihm die Familie zu einem sozialen Jahr im Ausland. Er landete über eine christliche Organisation als Sozialarbeiter in einem Obdachlosenheim in San Francisco. Aus dem geplanten halben Jahr wurden eineinhalb. Den Einstieg in die ­Robotik verdankt Reger einer Schweizer Familie, die ihn als Ingenieur einstellte – „ohne dass ich einer war“: Bei der Mabi AG, einem Hersteller von Blechbearbeitungsmaschinen im aargauischen Veltheim, schenkte ihm Firmengründer Max Biland das Vertrauen. Reger: „Ich hatte am Anfang null Ahnung. Ich habe Roboter auseinandergeschraubt, um zu verstehen, wie alles funktioniert.“ Zudem saugte er Wissen aus Videos und Büchern auf – „ich musste mich dort komplett reinfuchsen“. Über Jahre hinweg baute Reger so die Robotiksparte des Unternehmens auf.

Als er später sein eigenes Unternehmen mit kognitiver Robotik aufbauen wollte – Jahre bevor Chat GPT den Begriff KI in den Alltag brachte –, fand er in Europa kein Kapital dafür. „Ich war in den USA, in Japan, überall. Entschieden habe ich mich für chinesische Investoren, weil sie die Einzigen waren, die verstanden haben, wo ich hinwill.“ Doch als Reger die Anteile aus China zurückkaufen wollte, wurde das zu einer existenz­bedrohenden Herausforderung für das Unternehmen: Chinesisches Recht blockierte den Abfluss von Geldern. Reger spricht von Druck – bis hin zu Drohungen. „Das war ein Staat gegen einen“, sagt er. Irgendwann habe er vor seinem Management-Team gestanden und zugegeben: „Zum ersten Mal weiß ich nicht, wie ich das lösen soll.“ Reger setzte sein Haus und sein Auto als Sicherheit für eine Finanzierung ein. Es gelang ihm, sein Unternehmen wieder unabhängig zu machen – in seinen Augen ein zentraler Faktor für den heutigen Erfolg.

Das globale Wettrennen um Robotik dominieren neben China die USA. Das Start-up Figure AI wird mit 39 Mrd. US-$ bewertet, Elon Musk arbeitet mit dem Tesla Optimus ebenfalls an einem humanoiden Roboter. Boston Dynamics, seit 2021 Tochter von Hyundai, wird implizit mit über 20 Mrd. US-$ bewertet. In China bietet der weltweit größte Anbieter für humanoide Roboter, Unitree, das Modell G1 schon ab 13.500 US-$ an. Besonders chinesische Roboter sorgten in sozialen Medien zuletzt immer wieder für virale Hits: Ein Roboter des Herstellers Honor lief im Frühjahr einen Halbmarathon in 50:26 Minuten und damit gut sieben Minuten schneller als der Weltrekord von Jacob Kiplimo aus Uganda. Im Februar staunte die Welt über ein Dutzend Roboter, die auf einer Bühne eine Tanzchoreografie inklusive Salto und Kung-Fu-Abläufen hinlegten. Reger grenzt diese Ausnahmeerscheinungen von der Alltagstauglichkeit ab: Man könne die Roboter gezielt trainieren oder aus der Ferne steuern. „Ich habe noch nirgends auf einer Messe einen anderen Roboter als unseren gesehen, der autonom läuft. Deswegen kann man das nicht 1:1 vergleichen.“

Auf Messen sieht man Neuras humanoide Roboter häufig noch an einem Sicherungsseil – dafür eben ohne Intervention eines Menschen, versichert Reger. Einen Tanz einzuprogrammieren sei ein leichtes Spiel; die wahre Herausforderung liege bei alltagstauglichen und produktiven Aufgaben. Wenn man dem Roboter dabei zusieht, wie er Wäsche von einem in den anderen Korb legt, sieht man, dass hier noch einiges an Entwicklungsarbeit ansteht.

Auch Elon Musk musste bei der Veröffentlichung der Tesla-Quartalszahlen Anfang des Jahres eingestehen, dass bislang kein Tesla Optimus „sinnvolle Arbeit“ in den Fabriken erledige. Bei der Vorstellung des Robotaxis im vergangenen Jahr servierten die Roboter von Tesla Getränke, doch später kam heraus: Sie wurden per Fernbedienung von Menschen gesteuert. Der US-Konkurrent Figure AI kann ein Pilotprojekt vorweisen, bei dem humanoide Roboter laut Unternehmensangaben beim Bau von 30.000 BMW X3 geholfen haben. Reger möchte auf Nachfrage ähnliche Projekte nicht kommentieren, verweist aber auf eine intensive Zusammenarbeit mit Industriepartnern.

Den massiven Bewertungen stehen bislang geringe Umsätze gegenüber. Figure nennt keine Zahlen, bei Tesla ist die Serienproduktion noch nicht angelaufen. Unitree gab im Prospekt für den anstehenden Börsengang bekannt, man habe 2025 rund 5.500 humanoide Roboter verkauft, etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes von 220 Mio. € stamme aus diesem Geschäftsbereich. Das jährliche Wachstum lag bei 335 %. Die Wachstums­fantasien scheinen in der ganzen Branche keine Grenzen zu kennen: Goldman Sachs taxiert den adressierbaren Markt für humanoide Roboter bis 2035 auf 38 Mrd. US-$, Morgan Stanley sieht bis 2050 sogar einen Markt von 5 Bio. US-$. Der Treiber ist überall derselbe: Aufgaben, die gefährlich, schmutzig und eintönig sind, sowie ein wachsender Mangel an Arbeitskräften.

Um eine Roboterhand mit Fingern für alltägliche Aufgaben wie das Ausräumen eines Geschirrspülers oder das Falten von Wäsche nutzen zu können, muss Neura ein Problem lösen, vor dem die ganze Branche steht: Dexterity. Darunter versteht man, wie geschickt Roboter Objekte greifen und bewegen. Dafür ­benötigt man Unmengen an Sensoren und Daten sowie die nötige Rechenleistung, um die Daten schnell genug in Taten umzusetzen. Reger demonstriert die Heraus­forderung mit einem Glas: Beim Einschenken verändert sich das Gewicht, die Hand passt den Druck an, ohne das Glas zu zerdrücken; gleichzeitig hält sie die Balance. „Das sind Nervensysteme, ein Reflex“, sagt er. „Genau hier unterscheiden sich die Unternehmen.“ Neura arbeitet an einer Sensorik, so feinfühlig wie eine Fingerkuppe, und an einer Rechenarchitektur, die schnell genug reagiert. Dabei kann Neura auch auf das Know-how der eigenen Investoren zurückgreifen: etwa Bosch bei Sensoren, Qualcomm und Nvidia bei Chips. „Wir setzen nicht auf bestehenden Standards auf – wir setzen neue, auf die die Welt dann aufsetzen kann“, so Reger.

2028 wird das ­goldene Jahr der humanoiden Robotik.

David Reger

Um die Roboter zu trainieren, werden auch Daten benötigt, die bisher nicht in ausreichender Menge existieren. Dazu baut das Unternehmen sogenannte „Gyms“ für Roboter – eines steht im Neura-Hauptquartier, eines entsteht in München in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München, weitere sollen auf der ganzen Welt folgen. In diesen Trainingsanlagen lernen Roboter komplexe Aufgaben und generieren dadurch wertvolle Trainingsdaten.

Damit wird das „Neuraverse“ weiterentwickelt – es ist im Kern ein Betriebssystem samt App Store für Roboter. Auf der Plattform entwickeln Partner einzelne Fähigkeiten – sogenannte Skills – und stellen sie anderen zur Verfügung: etwa eine Schweißanwendung oder ein Skill für den Haushaltsroboter Mipa, damit der den Geschirrspüler ausräumen kann. Was ein Roboter lernt, steht über die Plattform der ganzen Flotte zur Ver­fügung. Der Aufbau ist modular und abgeschottet, sodass jeder Partner sein Spezialwissen behält – und seine Skills auch verkaufen kann.

Daran will Neura verdienen: an der Infrastruktur dahinter – Betriebssystem, Cloud und Rechenleistung fürs Training – und am Marktplatz. Reger vergleicht das Modell mit Apples App Store; jeder steuere seinen Teil bei, behalte aber sein eigenes Know-how.

Um möglichst schnell zu wachsen und viele Roboter in den Markt zu bringen, setzt das Unternehmen auf eine White-Label-Strategie für das serienreife Produktportfolio an Roboterarmen wie den Maira. Sie können also von anderen Herstellern unter anderen Markennamen verkauft werden – darunter Kawasaki und Delta Robotics. Der humanoide „4NE1“ bleibt vorerst eine Wette auf die Zukunft. Das gesamte Orderbuch beziffert Reger auf über 1 Mrd. US-$. Zur kolportierten Bewertung von rund 7 Mrd. US-$ sagt er nur: „Wir kommentieren grundsätzlich keine Bewertungen.“

„Was noch fehlt, ist die Zuverlässigkeit“, so Reger. Damit meint er, dass die Roboter mit ihren über 50 Aktuatoren nicht nur Stunden oder Wochen, sondern 24/7 über ein Jahr durcharbeiten können. Daran arbeite man mit Partnern direkt in den Fabriken. Den Fahrplan hat er trotzdem im Kopf: Ein Börsengang sei „einer der nächsten Schritte, weil die Allgemeinheit teil­haben soll“, geplant für 2028 oder 2029. „2028 wird das ­goldene Jahr der humanoiden Robotik“, sagt Reger. Auch Haushalts- und Pflegeroboter sollen bald im Markt ankommen. Direkt an Endkunden will er nicht verkaufen: „Wir machen aus Neura keine B2C-Company. Wir lösen das über Kooperationen.“ Wenn seine Wette auf humanoide Roboter aufgeht, ist Regers Ziel für Neura Robotics jedenfalls enorm: „Ich möchte, dass Neura der größte Steuerzahler Europas wird.“

Fotos: Constantin Mirbach

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