SAS vor der KI-Zeitenwende

SAS-Gründer Jim Goodnight machte aus Analytics ein hochprofitables Softwaregeschäft. Doch der KI-Boom, neue Wettbewerber und eine mögliche Nachfolgefrage zwingen das Unternehmen zur Neuerfindung.

SAS, kurz für Statistical Analysis System, entstand aus einer Statistik-Software an der North Carolina State University und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Anbieter für Datenanalyse, Risikomanagement und KI-gestützte Entscheidungssoftware.

Das Unternehmen ist 50 Jahre alt. Jim Goodnight ist 83. Der Milliardär, Mitgründer und CEO des Analytics-Unternehmens steht damit für eine andere Software-Ära: langsamer, profitabler, disziplinierter. Während viele der heutigen KI-Unternehmen schnell wachsen und tiefrote Zahlen schreiben, blieb SAS privat, schuldenfrei und profitabel.

Es analysiert große Datenmengen seiner Kunden in Echtzeit und hilft ihnen, bessere Geschäftsentscheidungen zu treffen. Goodnight wehrt sich gegen den Vorwurf, SAS sei nur noch „Legacy Software“. Die Technologie werde seit 50 Jahren weiterentwickelt, sagt er. Nun muss SAS jedoch beweisen, dass Beständigkeit nicht mit Stillstand gleichzusetzen ist.

SAS erzielt jährlich etwas mehr als 3 Mrd. US-$ Umsatz. Zu den Kunden zählen die meisten Unternehmen der Fortune 100, darunter 90 % der Finanzdienstleister und alle Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit und Life Sciences. Auch zahlreiche Regierungsstellen nutzen SAS-Produkte.

Doch der KI-Boom setzt das Modell unter Druck. OpenAI, Anthropic und neue Daten- und Analytics-Anbieter verkaufen KI als Bruch mit etablierten Systemen. Microsoft und Amazon bündeln Daten- und KI-Angebote in Cloud-Verträgen. Im öffentlichen Sektor nimmt der Wettbewerb ebenfalls zu. Gleichzeitig steht bei SAS eine Führungsfrage im Raum: Goodnight deutet seit Jahren eine mögliche Nachfolgeregelung an – auch ein Börsengang gilt als Option.

„Wenn wir an die Börse gehen, brauchen wir einen anderen CEO“, sagt Goodnight. Er wolle dann nicht mehr selbst Aktien verkaufen müssen.

Goodnight bleibt dennoch gelassen. Er hat mehrere Technologiezyklen erlebt: den Dotcom-Boom, den anschließenden Crash, gescheiterte Investments und zuletzt die Marktkorrektur 2022, die mögliche IPO-Pläne von SAS verzögert haben dürfte. Die Euphorie rund um generative KI überzeugt ihn nur bedingt. Große Sprachmodelle würden letztlich nur das nächste Wort in einem Satz anhand von Wahrscheinlichkeiten vorhersagen, sagt er. Für SAS sieht er den Vorteil weiterhin in jahrzehntelangem Kundenvertrauen und tiefem Branchenwissen – besonders in Finanzwesen, Gesundheitssektor und Regierungsgeschäft.

Trotzdem bereitet Goodnight das Unternehmen auf eine Zeit nach ihm vor. Operativ hat er in den vergangenen Jahren mehr Verantwortung an eine neue Führungsgeneration abgegeben, darunter Chief Technology Officer Bryan Harris und Chief Operating Officer Gavin Day. Beide werden laut Goodnight auf eine mögliche Übernahme vorbereitet, eine Entscheidung über die Nachfolge sei aber noch nicht gefallen.

Die Aufgabe ist klar: SAS muss Kunden davon überzeugen, dass das Unternehmen nicht mehr dasselbe ist wie vor 50 Jahren. Es muss KI verkaufen, die konkrete Entscheidungen verbessert – nicht nur nach Zukunft klingt. Und es muss seine Produkte so anpassen, dass sie in regulierten Branchen funktionieren, in denen Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Datenkontrolle entscheidend sind.

„Unsere Marktstellung ist unser größter Gegenwind“, sagt Harris.

Diese Marktstellung zeigt sich auch am Hauptsitz in Cary, North Carolina. Der 300 Hektar große Campus mit Kindertagesstätte, Arztpraxis, Sportflächen, Hotel und Schafen unter Solarpanels spiegelt Goodnights langfristiges Denken wider. SAS entstand Ende der 1960er-Jahre an der North Carolina State University. Goodnight entwickelte dort mit Tony Barr Software zur Analyse von Agrardaten. 1976 gründeten Goodnight, Barr, John Sall und Jane Helwig daraus das SAS Institute.

Barr verkaufte seinen 40-%-Anteil 1979 für 340.000 US-$. Helwig, die 2021 starb, verließ das Unternehmen einige Jahre später und verkaufte ebenfalls ihren Anteil. Heute hält Goodnight rund zwei Drittel von SAS. Sein Vermögen wird auf 13,3 Mrd. US-$ geschätzt, womit er als reichster Mann North Carolinas gilt. John Sall hält das verbleibende Drittel, geschätzt 6,5 Mrd. US-$.

Von Beginn an finanzierte sich SAS aus eigener Kraft. Das Unternehmen war ab dem ersten Tag cashflow-positiv. 1996 erzielte SAS laut früheren Forbes-Angaben rund 600 Mio. US-$ Umsatz bei geschätzten 300 Mio. US-$ operativem Gewinn. Wachstum war wichtig, aber nie wichtiger als Profitabilität.

Diese Kultur prägt SAS bis heute. Goodnight setzte früh auf Mitarbeiterbindung: kostenlose M&Ms, Ärzte vor Ort, eine Apotheke, subventionierte Kinderbetreuung und sogar ein Friseursalon waren in den 1980er- und 1990er-Jahren ungewöhnlich. Seine Logik: zufriedene Mitarbeiter bleiben länger, und geringere Fluktuation ist günstiger als hohe Boni oder verwässernde Aktienoptionen.

Auch bei KI bleibt Goodnight kostenorientiert. Eine Idee, per Computer Vision Krankheitsausbreitung bei Hühnern zu analysieren, lehnte er ab, nachdem er nach den Kosten der Kameras gefragt hatte. Landwirte würden diese nicht bezahlen, so seine Einschätzung. KI-Innovation kritisiert er als vielfach ineffizient; SAS müsse noch profitabler werden.

Ganz ignoriert hat SAS den Markt jedoch nicht. 2023 kündigte das Unternehmen an, über drei Jahre 1 Mrd. US-$ in KI-gestützte Produkte zu investieren. Goodnight kommentiert nüchtern, man hätte diesen Betrag ohnehin ausgegeben, also habe man ihn angekündigt.

Die Konkurrenz ist allerdings groß. Microsoft, Amazon und Oracle treten ebenso an wie Snowflake, Databricks, Alteryx und andere. Im öffentlichen Sektor gewinnt Palantir Aufträge. Laut dem vorliegenden Text wuchs Palantirs US-Regierungsumsatz im vergangenen Jahr etwa doppelt so stark wie der gesamte Regierungsumsatz von SAS.

SAS setzt deshalb auf Branchen, in denen Vertrauen und Regulierung zählen. Banken, Big-Four-Prüfungsgesellschaften, Gesundheitsunternehmen und Behörden nutzen SAS, um KI sicher, nachvollziehbar und etwa für Betrugserkennung oder Finanzrisiken einzusetzen. Zugleich integriert SAS seine Systeme auch mit Wettbewerbern, wenn Kunden das verlangen. Analysen können in der Cloud laufen – etwa bei Microsoft oder Amazon – oder lokal beim Kunden, je nach Bedarf.

Neue Wachstumsfelder sieht Harris bei digitalen Zwillingen. Über eine Partnerschaft mit Epic Games will SAS KI-basierte Abbilder komplexer Anlagen entwickeln, etwa von Fabriken. Damit lassen sich Layouts testen, Sicherheitsrisiken simulieren und Roboter trainieren, ohne Mitarbeiter zu gefährden. Derzeit bringt dieses Geschäft nur einstellige Millionenumsätze, Harris hält jedoch bis in drei bis vier Jahren bis zu 500 Mio. US-$ für möglich.

Weitere Experimente laufen in Quantencomputing, etwa für komplexe Betrugserkennung bei Banken, sowie im Sport. Im Dezember kündigte SAS eine Partnerschaft mit Liverpool an, um dem Fußballklub bei besserem Fan-Marketing zu helfen. Auf der Konferenz zum 50-jährigen Bestehen stellte SAS zudem neue Tools mit KI-Agenten vor.

Goodnight selbst will weiterhin einen Börsengang. Er sieht darin eine Möglichkeit, einen Teil seiner Beteiligung zu verkaufen, ohne SAS aufzuspalten. Doch die Voraussetzungen sind nicht ideal. Vor einer Roadshow will Goodnight die sogenannte Rule of 40 erreichen – ein Software-Benchmark, bei dem Umsatzwachstum und Gewinnmarge zusammen 40 ergeben sollen. Bei SAS liegen beide Werte derzeit laut Goodnight bei rund 10 % und damit noch deutlich darunter.

CFO Matt Parson will SAS daher auf mehrere Optionen vorbereiten: Börsengang, Übernahme oder externe Beteiligung. Kaufangebote gebe es regelmäßig. Das letzte öffentlich bekannte Angebot kam 2021 von Broadcom und lag bei 15 bis 20 Mrd. US-$, wurde aber nicht umgesetzt. Auch eine Minderheitsbeteiligung wäre laut Parson denkbar, sofern der richtige Partner komme.

Bleibt SAS profitabel, kann das Unternehmen aber auch so weitermachen wie bisher: privat, gründergeführt und unabhängig. Goodnight wirkt trotz allem bereit, die Rolle als Gesicht des Unternehmens abzugeben. Er habe lieber, die Menschen wüssten nichts über ihn, sagt er – mit einem Augenzwinkern.

Text: Phoebe Liu
Foto: Forbes US

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