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Der europäische Kfz-Versicherungsmarkt ist riesig – und hochgradig ineffizient. Mit kasko2go will Genadi Man „die Branche sanieren“. Mithilfe künstlicher Intelligenz und kostenloser Technologie für die Kunden will er den derzeit nicht besonders lukrativen Autoversicherungsmarkt neu gestalten.

„Unsere Gründungsgeschichte“, sagt Genadi Man, „war eigentlich eher unspektakulär. 2017 kamen ein paar Jugendliche auf mich zu, die mich als Investor an Bord holen wollten. Sie hatten eine Idee dafür, wie man aus Daten bessere Rückschlüsse für die Versicherungsbranche ziehen kann. Jedoch hatten sie nicht die Erfahrung, um die Versicherungsbranche zu verstehen – und keine Kenntnis im Management eines Start-ups.“ So unspektakulär die Geschichte auch begonnen haben mag, so spektakulär ist das, was drei Jahre später aus ihr geworden ist.

Denn mit dem in Zug beheimateten Schweizer Start-up kasko2go will Man die europäische Versicherungsbranche nachhaltig disruptieren. Dabei spielen Daten eine fundamentale Rolle: Während traditionelle Versicherer Risikoprofile noch immer anhand von Motor Vehicle Records (MVR) erstellen – darunter fallen relativ statische Faktoren wie das Alter, das Geschlecht, die Fahrerfahrung oder die Unfallhistorie –, hat kasko2go eine eigene, umfassende Scoringmethode entwickelt. Dabei werden über die App anhand von GPS, Accelerometer, Gyroskop etc. Daten gesammelt und bis zu 48 Faktoren miteinbezogen, die neben dem Verhalten des Fahrers auch die Beschaffenheit der Straße oder das Wetter berücksichtigen.

All das fließt in den eigens durch das israelische Tochterunternehmen und mithilfe von Datenwissenschaftlern sowie Experten im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) entwickelten Algorithmus, der für jeden Fahrer eine Scoring-ID von 0 bis 100 erstellt.

„Man kann gerne diskutieren, ob die Versicherungsunternehmen mit unserer Lösung um 10 oder 20 % profitabler werden – aber auf jeden Fall wird ihr derzeitiges Geschäftsmodell wesentlich lukrativer“, so kasko2go-CEO Genadi Man.

Weniger Unfälle führen zu profitableren Versicherern und niedrigeren Prämien für Versicherungsnehmer – so zumindest die Idee von kasko2go. Das Start-up hat innerhalb seiner Plattform Unfallvorhersagen entlang einer statistischen Standardverteilung entwickelt – was nur aufgrund von Daten möglich war, die insgesamt zehn Jahre zurückreichen. Dank dieser Auswertungen profitieren einerseits die Versicherungsunternehmen von qualitativ besseren Risikobewertungen ihrer Kunden und andererseits die Fahrer von aktiven Warnhinweisen über risikoreiche Fahrrouten. Angestoßen wurde die Entwicklung dieser Algorithmen während einer Zusammenarbeit des Start-ups mit Hitachi High-Tech, der Technologiesparte des japanischen Mischkonzerns Hitachi. Tatsächlich adressiert kasko2go damit ein großes Problem: Im Jahr 2016 (aktuellere Zahlen sind nicht verfügbar, Anm.) betrugen die Umsätze auf dem Kfz-Versicherungsmarkt in Europa rund 135 Milliarden €. Davon wurden 103,5 Milliarden € wegen Versiche- rungsansprüchen jedoch wieder an die Kunden zurückgezahlt.

Somit sind Europas Versicherer zwar hinsichtlich ihrer Umsätze im Bereich Kfz-Versicherungen stark aufgestellt, zahlen gleichzeitig aber rund 76 % ihrer Einnahmen wieder an die Kunden zurück. Mit der Software von kasko2go soll eine Reduktion der individuellen Schadensquote von bis zu 76 % möglich sein. Man: „Wir sanieren die gesamte Branche – und verändern sie dadurch nachhaltig.“ Denn die bisherigen Modelle sind, wie die Auswertungen der von kasko2go gesammelten Daten zeigen, mangelhaft. Während da nämlich etwa die Verkehrsdichte als absolut wichtigster Faktor für das Entstehen von Unfällen identifiziert wurde, spielen oft als gefährlich geltende Einflüsse nicht so eine große Rolle. Man: „Wir haben festgestellt, dass die Geschwindigkeit beim Fahren oder die Wetterbedingungen bei den Unfallhergängen lediglich eine untergeordnete Rolle spielen.“

 

WIE FUNKTIONIERT DER ALGORITHMUS?
(Quelle: kasko2go)

 

Verschiedene Faktoren werden in die Berechnung einbezogen:

Das Risikoscoring von kasko2go basiert auf insgesamt 48 Faktoren, die in „Verhalten des Fahrers“, „Risiko der genutzten Straßen“, „Versicherungsdaten“, „unerwartete Standorte“ und „gefahrene Kilometer“ unterteilt werden.

In die Berechnung fließen aber neben dem Verhalten des Fahrers (das 35 % der Gewichtung ausmacht, siehe Infografik) auch das Risiko der genutzten Straßen (15 %), die gefahrenen Kilometer (25 %), Versicherungsdaten (20 %) sowie unerwartete Standorte (5 %) ein. Man betont, dass die Privatsphäre der Kunden stets beschützt und gewahrt werde.

Die Scoring-Skala geht von 0 bis 100; Fahrer mit einem Scoring zwischen 80 und 100 haben ein sehr geringes Risiko, in Unfälle verwickelt zu werden – die Schadensquote kann hier um bis zu 76 % gesenkt werden. Sobald die Punktzahl sinkt, steigt die Quote bezüglich Unfallrisiko jedoch deutlich an: Bei einer Punktzahl von null steigt die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls um das 5,5-Fache.

 

Der Algorithmus ermittelt einen Wert zwischen 0 und 100:

Genadi Man lernte sein Handwerk fernab der Versicherungsbranche: Der Sohn russischer Emigranten – der Vater war Juwelier, die Mutter Chemikerin – verließ Russland mit 22 Jahren und nur 90 US-$ in der Tasche. Er landete in Wien, doch es zog ihn nach Israel. Man studierte dort Industriedesign und arbeitete später in diesem Bereich, bevor er aus familiären Gründen nach Deutschland ging, wo er seine unternehmerische Karriere startete.

Seine erste Gründung war ein Shop für Visitenkarten, wenig später baute er einen Automaten, der die Arbeit übernehmen konnte. Finanzierungsschwierigkeiten – die Banken wollten ihm kein Kapital zur Verfügung stellen – führten zum Verkauf an ein englisches Unternehmen. Zufällig landete Man schließlich in der Telekombranche; er gründete erst die Conos AG, 1995 startete er dann zusammen mit der Deutschen Telekom die damalige Telesens KSCL, ein Softwareunternehmen, das Abrechnungssysteme für Telefongesellschaften entwickelte.

 

Das Scoring kann die Schadensquote deutlich reduzieren:

Man baute das Unternehmen auf – nach fünf Jahren erwirtschaftete Telesens KSCL knapp 400 Millionen € Umsatz mit über 1.600 Mitarbeitern. Nach seinem Abschied 2002 war Man als Investor aktiv, bevor er 2008 die Man Oil Group gründete, die sich auf Technologien zur Beseitigung von Ölabfällen spezialisierte.

2017 übernahm er dann kasko2go und führt das Start-up heute mit seiner Frau Arina. Das Unternehmen sammelte einige Awards ein, doch 2020 war auch für kasko2go ein schwieriges Jahr: Corona hat das Start-up hart getroffen; von ursprünglich 75 Mitarbeitern sind nur noch 40 an Bord. Neben dem Hauptsitz in Zug betreibt kasko2go ein Entwicklungszentrum in Israel. Doch Man plant dennoch bereits den nächsten Schritt: „Wir werden unsere Entwicklung ab sofort als Open-Source-Lösung anbieten.“ Doch welchen Sinn macht es, das Herzstück des Unternehmens, an dem das Team seit vier Jahren arbeitet, zu verschenken?

Genadi Man
...studierte Industriedesign in Israel und gründete Unternehmen in den Bereichen Softwareherstellung und Öltechnologie. 2017 übernahm er die Leitung des Insurtech-Start-ups kasko2go.

Bisher bot kasko2go Endkunden in Kooperation mit traditionellen Versicherern moderne Lösungen an. Nun will Man aber stärker in den B2B-Bereich vorstoßen: Für einen geringen Fixbetrag sollen Versicherungsanbieter ein unabhängiges Scoring bei kasko2go anfragen können, um die Prämien fairer auf ihre Kunden anpassen zu können. Mit einer Einführung des kasko2go-Modells lässt sich als sinnvoller Effekt auch die Verkehrssicherheit verbessern: Durch mehr Achtsamkeit und Rücksicht auf den Straßen entstehen weniger Unfälle, was auch weniger Schadensfälle für die Autoversicherer bedeutet.

Mans kurzfristiges Ziel ab 2021: über die Schweiz hinaus nach Österreich und Deutschland zu expandieren – und in näherer Zukunft eine Million Kunden mit dem eigenen Scoring bewerten zu können. Das Unternehmensziel für 2024 ist, über 100 Millionen € zu erwirtschaften; weitere Länder sollen folgen.

Die Frage, ob kasko2gos Ansatz letztendlich Erfolg haben wird, stellt sich für Man jedenfalls nicht: „Man kann gerne diskutieren, ob die Versicherungsunternehmen mit unserer Lösung um 10 oder 20 % profitabler werden – aber auf jeden Fall wird sich ihr derzeitiges Geschäftsmodell wesentlich lukrativer gestalten.“

Fotos: Mara Truog

Dieses Advertorial erschien in unserer Oktober-Ausgabe 2020 „Handel“.

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