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Der Österreicher Viktor Mayer-Schönberger forscht in Oxford als Professor zu Internet Governance and Regulation. Kaum ein anderer Experte weltweit hat sich so tiefgehend mit dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine befasst. Wie wirkt sich die KI-Revolution auf den Wissensschatz unserer Gesellschaften aus?
Wer durch Oxford spaziert, taucht ein in eine nostalgische Welt des Wissens. Wie ein Fixstern ragt aus den ehrwürdigen Colleges der Elite-Universität und ihren mit Giebeln und Türmen geschmückten Gebäuden die Radcliffe Camera; in den Lesesälen des ikonischen Rundbaus büffelten schon Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, Astrophysiker Stephen Hawking oder die Tech-Milliardäre Reid Hoffman und Michael Moritz. Der Turm ist ein Symbol für die Sammlung und Verbreitung von Bildung und die daraus entstehende Macht, die – so die Hoffnung vieler Studenten – auch zu Wohlstand führen wird.
Im Zentrum von Oxford, nur wenige Gassen von
den Lesesälen der Radcliffe Camera entfernt, sitzt Viktor Mayer-Schönberger in seinem Büro im Oxford Internet Institute. Der Österreicher ist einer der führenden deutschsprachigen Wissenschaftler und Experten für die Digitalwirtschaft, für Internet Governance und Zukunftstechnologien. Als Forbes den Juristen erreicht, sitzt er vor einem weiteren Symbol des Wissens: einer Bücherwand. Doch wie relevant ist das geschriebene oder digitalisierte Wort im Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch? Ist Wissen noch Macht, wenn KI-Chatbots zu jeder Zeit auf das gesammelte Wissen der Menschheit zugreifen können?
Wer mit Mayer-Schönberger über diese Fragen diskutiert, begibt sich mit ihm auf eine intellektuell reizvolle Tour durch die Epochen: Sie führt zu den von wissenschaftlichen Durchbrüchen gekennzeichneten Meilensteinen der modernen Geschichte, von Kepler über den Vormärz bis in unsere Gegenwart, die längst von der wachsenden Macht der KI-Agenten geprägt ist.
Der Wissenschaftler gilt als Kritiker, der die unreflektierte Nutzung der künstlichen Intelligenz und die damit verbundenen Erlösungsversprechen des Silicon Valley hinterfragt. Dabei präsentiert er sich nicht als Pessimist – eher als Mahner, der sagt: „KI wird keine Patentlösung für unsere aktuellen Probleme sein, auch wenn Ingenieure, Finanziers und Plattformbetreiber die Technologie gern als solche darstellen.“
Mayer-Schönberger wurde 1966 in Zell am See als Sohn eines Steuerberaters und einer Kinobesitzerin geboren. Schon während seiner Schulzeit und seines Studiums an der Universität Salzburg zeigte er ein Talent für Naturwissenschaften und Technik, etwa bei der Internationalen Physikolympiade oder beim Österreichischen Wettbewerb für junge Programmierer. Dennoch konzentrierte er sich zunächst auf sein Studium der Rechtswissenschaften, das er in Salzburg abschloss und durch Abschlüsse an der Harvard Law School sowie an der London School of Economics ergänzte. 2018 erklärte der Österreicher der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel die Chancen und Risiken, die künstliche Intelligenz für ein Industrieland bietet, das sich neu erfinden muss und dessen Wohlstand bedroht ist.
Die Geschichte der Menschheit ist im Kern eine Geschichte des Zugangs zu Wissen.
Viktor Mayer-Schönberger
Im Alter von 20 Jahren gründete er die Firma Ikarus Security, die sich auf Datensicherheit spezialisierte. Mit „Virus Utilities“ entwickelte er eines der meistverkauften Softwareprodukte jener Zeit. Anfang der 1990er-Jahre verkaufte er seine Firma, führte zeitweise als Steuerberater die Kanzlei seines Vaters weiter und begann, seine wissenschaftliche Karriere zu forcieren. Als Professor für Internet Governance und Regulierung prägt er heute die Debatten rund um die Digitalisierung, etwa mit Standardwerken wie „Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird“ (2013) oder „Framers“ (2021), einer kritischen Auseinandersetzung mit KI.
Was hat Wissen mit Vermögen zu tun? Mayer-Schönberger sieht in Vermögen ganz generell ein Gut, das durch seine Begrenztheit an Wert gewinnt – entweder auf natürliche Art (Gold, Rohstoffe) oder durch eine künstliche Verknappung (Kryptowährungen wie Bitcoin). Insofern ist auch Wissen eine wichtige Form von Vermögen; weil eben auch Wissen begrenzt ist,
was Sokrates auf die griffige Formel brachte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Doch ist Wissen in Zeiten von KI wirklich noch begrenzt? Generative KI nutzt Sprachmodelle, die mit Milliarden Daten gefüttert wurden und in wenigen Sekunden Unmengen an Datensätzen analysieren und versprachlichen können. „Die Geschichte der Menschheit ist im Kern eine Geschichte des Zugangs zu Wissen“, sagt Mayer-Schönberger. Der Mensch habe sich als leidenschaftlicher Jäger und Sammler von Daten und Informationen erwiesen, aus denen er Geschichten und damit Wissen ableitet. Mayer-Schönberger verweist auf den Astronomen Johannes Kepler: Nach dem Tod des dänischen Adligen und Astronomen Tycho Brahe im Jahr 1601 nahm Kepler dessen astronomische Beobachtungsdaten an sich, um seine später berühmt gewordenen Keplerschen Gesetze zu den Bewegungsbahnen der Planeten zu formulieren – ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte.
Heute werden KI-Modelle mit dem Wissen der Welt gefüttert. Das Paradox dabei ist, so Mayer-Schönberger, dass die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung in den vergangenen Jahren nicht für mehr Innovation gesorgt hat, wie Studien mehrfach nachgewiesen haben; im Gegenteil: Die zurückliegende Dekade brachte überraschend wenige Innovationen hervor. Hier klafft eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität. Legt das nahe, dass aus einem KI-Agenten niemals ein Kepler, also ein echter Innovator, werden kann?
Der Experte argumentiert: Die Fortschrittsversprechen von Sam Altman und anderen Tech-Gurus sind oftmals Nebelkerzen. Sie blenden die Politik, weil diese den KI-Pionieren Zugriff auf Ressourcen und Rohstoffe für gigantische Rechenzentren gestatten soll. Und sie sollen bei Investoren das Narrativ verfestigen, wonach eine AGI (eine Künstliche Allgemeine Intelligenz) kurz davor stünde, alles zu dominieren – was wiederum als Erklärung für noch mehr Investitionen dient, um eine potenziell gefährliche AGI durch eine wohlgesinnte KI einzuhegen.
Mayer-Schönberger will die Bedeutung der KI-Systeme nicht relativieren – doch er sieht gleich zwei Probleme, die im KI-Hype selten erwähnt werden. Das erste ist struktureller Natur: KI-Systeme sind im Wortsinne konservativ. Sie leiten das Morgen immer aus dem Gestern ab, weil sie mit maschinenlesbaren Informationen aus der Vergangenheit trainiert werden. Die Zukunft sei aber ein datenfreier Raum, so der Forscher. Der Klimawandel – die größte Herausforderung unserer Zeit – stellt die Menschheit vor dynamische Veränderungen, bei denen die Rezepte von gestern nicht mehr greifen. Hier wären eher progressive als konservative Ideen gefordert, so der Experte.
Das zweite Problem: Die KI kann auf sämtliches Wissen der Menschheit zugreifen, verfügt aber nicht über eine entscheidende Superkraft des Menschen – das Vergessen. Mayer-Schönberger sagt: Der Mensch tendiert immer wieder zum Unvernünftigen, er geht immer wieder Risiken ein und über Grenzen hinaus, gerade weil er vergisst. Indem er Neues probiert, schafft er Innovation. Der Experte fordert daher auch, dass Informationen im Netz eine Halbwertszeit haben sollten, dass es ein Recht auf Vergessen geben sollte und dass das Internet kein Werkzeug für „totales Erinnern“ sein darf.
Wenn KI also nicht (oder nicht so schnell wie gedacht) den erhofften Innovationsschub bringt, was folgt daraus? Hier blickt der Forscher selbst in die Vergangenheit, um die Zukunft zu analysieren: Im späten 18. Jahrhundert erfasste die industrielle Revolution die Gesellschaften Europas und kündigte einen ebenso einschneidenden Epochenwechsel an wie die gegenwärtige KI-Dämmerung. Karl Marx sah eine Ermächtigung des Bürgertums, und es schien, dass wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt Hand in Hand gingen. Produktion, Arbeit, Markt und Geld verschoben Wohlstand und Macht von der Aristokratie zum Bürgertum.
Die Hoffnung auf eine Überwindung der Monarchie mündete in Deutschland im Vormärz. Doch die Revolution 1848 scheiterte an der Uneinigkeit der Nationalversammlung und auch an der Frage, ob Österreich Teil einer großdeutschen Lösung sein sollte. Die Monarchie nutzte die Spaltung, um ihre Macht zu retten und erneut zu verfestigen. Die ungelösten Spannungen, so Mayer-Schönberger, mündeten in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Unsere Gegenwart erinnere an einen KI-Vormärz: Auch jetzt verbinden wir mit der KI-Revolution die Hoffnung auf Ermächtigung und Wohlstand, etwa in Form eines Grundeinkommens für Millionen Menschen, deren Jobs durch Automatisierung überflüssig werden. Doch auch diesmal, so fürchtet der Forscher, drohe eine Enttäuschung.
Mayer-Schönberger hat einen Sohn im Teenageralter, er blickt auf die bevorstehenden Umwälzungen auch aus der Perspektive eines Vaters, der sein Kind bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten will. Wenn das Gehirn, unser „Muskel“ zum Nachdenken, verkümmert, weil wir kritisches Denken an die KI auslagern, so Mayer-Schönberger, könnte das die Innovationsarmut noch weiter verstärken. Sein Rat an die junge Generation: die „Elastizität des Geistes“ bewahren. Das Pauken von Wissen in den Lesesälen der Radcliffe Camera wird künftig wohl weniger entscheidend für Wissenswohlstand sein als die Fähigkeit, kreative und wirklich neue Lösungen für abstrakte Probleme zu finden.
Sein Sohn war Schüler an der Synthesis School, einem Online-Lernprogramm, das aus Elon Musks experimenteller Ad-Astra-Schule bei Space X hervorgegangen war. In Simulationen mussten Schüler Strategien und Lösungen für abstrakte Probleme entwickeln. Besonders die Fähigkeit der „Kurskorrektur“ und die Freude am Ausprobieren hätten seinen Sohn positiv beeinflusst, sagt der Forscher. Inzwischen sieht er das Angebot aber kritisch: Es habe sich zu weit von seiner Ursprungsidee entfernt und zu einer Plattform für KI-Tutoren entwickelt. Ob Tech-Lehrer den menschlichen Erfindergeist flexibel machen? Mayer-Schönberger hat Zweifel …
Fotos: David Višnjić