STARK IM VERBUND

Der Wiener Gesundheitsverbund ist der größte Spitalsbetreiber Österreichs und daher in der Covid-19-Pandemie besonders gefordert. Generaldirektorin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb im Gespräch über die Herausforderungen der größten Gesundheitskrise der letzten Jahrzehnte sowie darüber, was ihre Organisation zur Krisenbewältigung beiträgt und vor welchen Reformen ihre Unternehmung steht.

Es ist keine einfache Zeit und auch keine einfache Position, in der sich Evelyn Kölldorfer-Leitgeb befindet, dessen ist sie sich bewusst. Denn als Generaldirektorin steht sie mit dem Wiener Gesundheits­verbund in Zeiten einer globalen Pandemie vor einer besonders großen Herausforderung.

Frau Kölldorfer-Leitgeb, der Wiener Gesundheitsverbund bildet das Rückgrat der Stadt in Wien in puncto Gesundheitsversorgung. Wie haben Sie den Anbruch der Pandemie und die „erste Welle“ erlebt? Inwiefern hat dies Ihren täglichen Arbeitsalltag auf den Kopf gestellt, und welche Rolle und Aufgaben wurden Ihnen dabei als Generaldirektorin zuteil?

KL: Schon im Dezember 2019 haben viele, die im Gesundheitswesen Verantwortung tragen, sorgenvoll auf die Entwicklungen in China geblickt. Im Gesundheitsverbund haben wir schon sehr früh damit gerechnet, dass aus dem ­Corona-Ausbruch in Asien eine Pandemie werden könnte. Die weltweite Ausbreitung der Viruserkrankung traf uns daher nicht unvorbereitet. Bereits Anfang Februar haben wir unsere Kri­sen­stabsorganisation im Unternehmen hochgefahren – also schon einige Wochen, bevor die WHO den Pandemiefall ausgerufen hat und das staatliche Krisen­management aktiviert wurde. Wir konnten aus den leidvollen Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen aus China und Italien lernen und dort gemachte Fehler vermeiden. Das alles hat es uns ermöglicht, relativ gut durch die erste Welle der Pandemie zu kommen.

Nichtsdestotrotz ist die Pandemie natürlich eine Ausnahmesituation für uns alle – auch für mich. Als Leiterin des Krisenstabs trage ich die Verantwortung dafür, dass der Wiener Gesundheitsverbund mit seinen Spitälern und Pflegewohn­häusern auch in der Pandemie funktions­fähig bleibt. Dabei hatten wir eine Vielzahl von Herausforderungen zu bewältigen. In erster Linie galt es, unser Gesundheitspersonal und damit ­unsere Patientinnen und Patienten sowie die Bewohnerinnen und Bewohner unserer Pflegewohn­häuser vor Corona-Infektionen bestmöglich zu schützen. Das ist uns dank des Einsatzes aller Beteiligten bis dato auch sehr gut gelungen.

Der Herbst ist angebrochen, wir ­stehen vor herausfordernden Mo­na­ten. Wie haben sich die Kliniken und Pflegehäuser den Sommer über für diese gewappnet? Wie ist die Grundstimmung beim medizinischen Fachpersonal der Stadt?

Zuerst zum zweiten Teil der ­Frage, denn Sie sprechen einen ganz wichtigen Aspekt an: Die Stimmungslage unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Unternehmen ist angespannt. Es sind sich alle der großen Verantwortung bewusst, die sie besonders in dieser herausfordernden Zeit der Pandemie tragen. Es ist nicht immer leicht, unter den teils schwierigen Bedingungen der Pandemie Topleistungen in der Versorgung von Patientinnen und Patienten sowie pflege­bedürftigen Menschen zu erbringen. Ich bin stolz da­rauf, wie meine Kolleginnen und Kollegen mit dieser Situation umgehen.

Über den Sommer haben wir uns gut auf den Herbst vorbereitet. Dass die Zahl der Neuinfektionen mit der Verlagerung des Gesellschaftslebens nach drinnen wieder zunehmen wird, war absehbar. Viele der Fragen, vor denen wir noch im März gestanden sind, sind geklärt. Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten ganz viel gelernt, was uns dabei hilft, im Herbst noch besser mit der Pandemie klarzukommen. Wir werden aber alle wieder sehr stark gefordert sein.

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten ganz viel gelernt, was uns dabei hilft, im Herbst noch besser mit der Pandemie klarzukommen.

Was hat Ihrer Meinung nach – intern wie extern – in den ersten Monaten der Covid-19-Pandemie besonders gut funktioniert, wo muss noch nachgeschliffen werden?

Die Stadt Wien hat insgesamt eine sehr wirksame Strategie im Umgang mit der Pandemie entwickelt. Ein Schlüssel war mit Sicherheit das sogenannte Home Sampling – also der Ansatz, ausschließlich spitalsbedürftige Covid-Erkrankte in unsere Gesundheitseinrichtungen zu lassen.

Die Abklärung von Covid-Verdachtsfällen sowie die Versorgung von milden Krankheitsverläufen wurde von Beginn an in häuslicher Umgebung geleistet. Dieser Zugang hat das Gesundheitssystem in Wien während der gesamten Zeit voll funktionsfähig gehalten. Wir im Gesundheitsverbund selbst ­mussten unsere Prozesse an die besonderen ­Bedingungen der Pandemie anpassen. Dazu gehörten etwa die Einrichtung von Zutrittskontrollen zu unseren Einrichtungen, die Veränderung der Patientenströme oder die Umstellung unserer Ambulanzen auf einen Terminbetrieb.

Es mussten in kürzester Zeit teils komplett neue Infrastrukturen aufgebaut werden, um die neuen Herausforderungen zu bewältigen. Wo wir uns laufend verbessert haben und weiter verbessern werden, ist beispielsweise die Covid-­Testung – hierin fließt viel Energie aller Beteiligten.

In Zahlen gefasst: Wie verläuft das ­Geschäftsjahr 2020 bislang für den Gesundheitsverbund? Welche Anoma­lien lassen sich im Vergleich zum Geschäftsbericht aus dem Jahr 2019 darstellen und erklären?

Das ganze Land befindet sich in einer absoluten Ausnahmesituation. Das betrifft alle Lebensbereiche der Österreicherinnen und Österreicher und damit selbstverständlich auch den Gesundheitsbereich. Es ist noch nicht absehbar, wie sich das Pandemiejahr in der Bilanz des Wiener Gesundheitsverbunds auswirken wird. Klar ist aber, dass wir im Gesundheitswesen beträchtliche Mehrausgaben zu verbuchen haben. Und klar ist auch, wie diese Mehrkosten am Ende des Tages bestritten werden müssen.

Evelyn Kölldorfer-Leitgeb
...ist seit 2018 Generaldirektorin und Vorstandsmitglied des Wiener Gesundheitsverbunds.

Sie verwalten insgesamt acht ­Kliniken respektive Krankenhäuser in ganz Wien. Welche Anlagen waren besonders von Corona betroffen? Wie zeigt sich ein Krankenhausaufenthalt typi­scherweise für einen Patienten mit einem milden und einem schweren Krankheitsverlauf mit dem Virus?

Die Wiener Städtischen ­Kliniken erbringen 80 % aller Spitalsversorgungsleistungen für die Wienerinnen und Wiener. Die Versorgung der spitalspflichtigen Covid-Erkrankten hat der Wiener Gesundheitsverbund sogar zu 100 % übernommen. Dabei gehen wir nach einem Stufenplan vor, der in mehreren unserer Kliniken Covid-Stationen definiert, die sich in einer klar festgelegten Reihen­folge um die Versorgung von Covid-Patien­tinnen und -Patienten kümmern. Was wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, ist, dass Covid sehr ernst zu nehmen ist. Zwar zeigen viele der Infizierten entweder keinerlei Symptome oder einen sehr milden Krankheitsverlauf, der mit typischen grippeähnlichen Beschwerden einhergeht. Die Patientinnen und Patienten, die wir im Spital behandeln, sind aber sehr ernsthaft krank und müssen teils lebensbedrohliche Situationen überstehen.

Der KAV, seit Juni 2020 Wiener ­Gesundheitsverbund, existiert seit 18 Jahren. Ziel ist beziehungsweise war es, ihn bis 2020 so zu transformieren, dass jede Anstalt autonom agieren kann und die Prozesse gesamtheitlich verbessert werden. Was ist hierzu der Status quo?

Wir haben besonders in den vergangenen zwei Jahren intensiv an einer Gesamtreform unserer Organisation gearbeitet. Dabei ist bereits sehr viel gelungen. Im Wesentlichen sind es vier Bereiche, anhand derer man den Reform­prozess am besten beschreiben kann: zum einen die interne Reorganisation – also die Verbesserung der inneren Struktur sowie von Prozessen und
Abläufen. Mit Beginn des Jahres haben wir die neuen Strukturen implementiert. Der zweite wichtige Punkt ist die Modernisierung unserer Spitalsinfrastruktur. Wir haben im vergangenen Jahr die wichtigsten Investitionsprojekte in einem Master­plan für die kommenden beiden Jahrzehnte dingfest gemacht.

Der dritte Bereich ist die ­Umwandlung des Wiener ­Gesundheitsverbunds in eine Anstalt öffentlichen Rechts, die der Organisation mehr Flexibilität und Handlungsspielraum geben soll; die diesbezüglichen Diskussionen laufen auf Ebene der politisch Verantwortlichen. Und nicht zuletzt die Umbenennung des Unternehmens und die Umsetzung ­eines neuen und modernen Außenauftritts, die wir trotz ­Covid-Pandemie im Juni dieses ­Jahres begonnen haben. Sie ist ­sichtbares Zeichen der breit angelegten ­Veränderung des Unternehmens.

 

Neue Namen für die Kliniken und Pflegewohnhäuser des Wiener Gesundheitsverbunds (ab Juni 2020)
(Quelle: Wiener Gesundheitsverbund)

Ab wann gehen Sie von einer Normalisierung „nach Corona“ hinsichtlich des Krankenhausbetriebs aus?

Niemand kann derzeit absehen, wie sich die Covid-Pandemie weiterentwickeln wird. Viel Hoffnung wird an die rasche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs geknüpft, der bestimmt zu einer Normalisierung der Situation beitragen wird. Aber ich stelle mir die ­Frage, was unter einer Normalisierung überhaupt zu verstehen ist.

Was auch immer die kommenden Monate bringen werden: Angesichts der Tragweite der Krise in allen Lebens­bereichen kann ich mir nicht vorstellen, dass nach der Pandemie alles wieder so sein wird wie zuvor. Wir sollten das Gelernte in positive Fortschritte umsetzen. Wir als Wiener Gesundheitsverbund mit unseren 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden auch weiterhin alles dafür tun, um die Gesundheits­versorgung der Wienerinnen und Wiener aufrechtzuerhalten, so gut es geht. Das liegt in unserer Verantwortung.

Sie kommen selbst aus der Praxis, haben Ihre Ausbildung mit 20 Jahren an der Krankenpflegeschule im Wiener Wilhelminenspital absolviert und dann auch jahrelang in der Pflege gearbeitet. Inwiefern erweist sich diese Erfahrung als wertvoll für Ihre jetzige Funktion?

In jeder Hinsicht! Ich weiß, worum es im Spital geht, wie eine ­Klinik im Zusammenspiel der vielen verschiedenen Berufsgruppen optimal ­funktioniert und welche Herausforderungen die Menschen im Krankenhausbetrieb tagtäglich zu bewältigen haben.
Hier hilft mir die praktische ­Erfahrung, die ich über Jahrzehnte gesammelt habe, bei meiner heutigen Managementaufgabe natürlich ungemein.

Welche Lehren nehmen Sie persönlich aus dieser Pandemie mit? Und wie gut hat Wien Ihrer Meinung nach die Lage bislang im internationalen Vergleich gemeistert? Was hat man gut gemacht und welche Rolle ­spielte dafür der Wiener Gesundheits­verbund als Unternehmung?

Die Pandemie bestätigt einmal mehr, was als Binsenweisheit gilt – nämlich dass Erfolg immer ein Ergebnis funktionierender Teamarbeit ist. Ich möchte an dieser Stelle explizit ­meinen Vorstandskollegen und Ärztlichen ­Direktor des Wiener Gesundheits­verbundes Michael Binder erwähnen.

Er hat in seiner Funktion bereits sehr früh die Entwicklungen in China akribisch mitverfolgt und eine sehr wertvolle Risikoeinschätzung in unser Management-Board eingebracht. Wir konnten auf dieser Basis in der Folge sehr früh alle erforderlichen organisatorischen Maßnahmen setzen, aufgrund derer wir tatsächlich bereits im Februar sehr gut auf den Beginn der Pandemie vorbereitet waren. Sowohl die Wiener Gesundheitspolitik als auch die zuständige Gesundheitsbehörde sowie die verschiedenen Akteure im Gesundheitssystem haben Hand in Hand an der Bewältigung der ersten Phase dieser Gesundheitskrise gearbeitet. Dass Wien diesbezüglich im internationalen Vergleich eine ausgezeichnete Figur abgegeben hat, wird uns von allen Seiten bestätigt. Und wir sind überzeugt, dass unsere Stadt diesen Weg der Zusammenarbeit auch in den kommenden herausfordernden Monaten weitergehen wird.

Gibt es Länder – seien es Nachbarn oder fernere –, deren Gesundheits­politik für Sie kritisch zu bewerten ist und die noch lange mit der Pandemie und ihren Folgen kämpfen werden?

Ich bin Managerin eines Gesundheitsunternehmens und keine Gesundheitspolitikerin, daher kann und will ich nicht die Gesundheitspolitik unserer Nachbarstaaten bewerten. Was ich nur generell empfehlen möchte, ist, aus dem Umgang mit der Pandemie keinen politischen Wettbewerb zu machen. Es geht schließlich darum, eine Gesundheitskrise zu bewältigen. Und weshalb sollte man sich nicht die wirksamsten Maßnahmen aus allen Ländern dieser Erde zunutze machen, um Erfolg zu haben? Denn nur darum geht es am Ende.

Text: Chloé Lau
Fotos: David Visnijc

Dieses Advertorial erschien in unserer Forbes Daily "Health & Wealth".

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Redakteurin & Head of Digital

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