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Die Seattle Seahawks sind Super-Bowl-Champions – doch Eigentümerin Jody Allen kann aus dem Triumph keinen finanziellen Nutzen ziehen. Als Verwalterin des Nachlasses ihres verstorbenen Bruders Paul Allen führte sie das Team zum zweiten Titel der Franchise-Geschichte. NFL-Regularien könnten die Feierlichkeiten jedoch verkürzen, weil sie langfristig einen Verkauf des Klubs erzwingen.
Jody Allen konnte ihre Begeisterung am Sonntagabend kaum zurückhalten. Immer wieder rief sie „Let’s go!“, als ihre Seattle Seahawks im Super Bowl LX die New England Patriots souverän mit 29:13 besiegten. „Es war eine magische Saison – vom ersten Spiel bis heute hier in Santa Clara“, sagte die 67-jährige Vorsitzende der Seahawks vor tausenden jubelnden Fans im Levi’s Stadium in Kalifornien.
Der Titelgewinn war sportlich ein Höhepunkt – gleichzeitig könnte er für Allen die einzige Gelegenheit gewesen sein, die Lombardi Trophy in die Höhe zu stemmen. Das hat nichts mit den sportlichen Perspektiven der Seahawks zu tun. Nach der besten Regular-Season-Bilanz der NFL und einer dominanten Finalleistung gelten die Seahawks laut Sportwettenanbieter FanDuel bereits als Favorit auf die Titelverteidigung 2027.
Die Unsicherheit liegt vielmehr in der Eigentümerstruktur. Die Franchise gehört dem Nachlass von Microsoft-Mitgründer Paul Allen. Dieser hatte die Seahawks 1997 für 194 Millionen US-Dollar gekauft, den Klub vor einem Umzug nach Los Angeles bewahrt und verstarb 2018 an den Folgen eines Non-Hodgkin-Lymphoms. NFL-Regularien untersagen jedoch, dass Nachlassverwaltungen, Stiftungen oder Trusts dauerhaft Anteile an Liga-Franchises halten.
Einen fixen Zeitpunkt für einen Verkauf gibt es zwar nicht, doch zahlreiche Liga-Insider gehen davon aus, dass dieser Schritt bald erfolgen dürfte. Ein wichtiger Faktor ist das Auslaufen einer Vereinbarung rund um den Bau des Heimstadions Lumen Field, nach der zehn Prozent eines möglichen Verkaufserlöses an den Bundesstaat Washington abgeführt werden müssten.
Mit stark steigenden Team-Bewertungen dürfte der Verkaufspreis erheblich ausfallen. Der durchschnittliche Wert eines NFL-Teams liegt inzwischen bei 7,1 Milliarden US-Dollar. Für die Seahawks schätzte Forbes den Wert 2025 auf 6,7 Milliarden US-Dollar – ein Verkauf könnte diesen Wert deutlich übertreffen. Dennoch würde Jody Allen persönlich keinen finanziellen Vorteil daraus ziehen. Das Testament ihres Bruders schreibt vor, dass sämtliche Sportbeteiligungen verkauft und die Erlöse gespendet werden sollen.
Allen hat bereits den Verkauf der Portland Trail Blazers vorbereitet. Das NBA-Team soll für rund 4,25 Milliarden US-Dollar an Carolina-Hurricanes-Eigentümer Tom Dundon gehen. Der Abschluss der Transaktion wird für das Frühjahr erwartet. Sollten danach tatsächlich die Seahawks auf den Markt kommen, wäre der Super-Bowl-Titel ein symbolisch perfekter Abschied.
Branchenexperte Marc Ganis, Präsident der Sportberatung Sportscorp, bewertet Allens Amtszeit trotz ihrer ungewöhnlichen Rolle positiv. „Auch wenn ihre Zeit als kontrollierende Eigentümerin in mancher Hinsicht anders war, fällt es schwer, sie nicht als Erfolg zu bewerten“, sagte Ganis, der wegen seiner engen Kontakte zu Entscheidungsträgern der NFL häufig als „33. Teambesitzer“ bezeichnet wird.
Der sportliche Aufstieg der Seahawks wäre ohne Paul Allen kaum möglich gewesen. Vor seinem Einstieg gehörte das Team dem Immobilienentwickler Ken Behring, der mit dem damaligen Stadion Kingdome unzufrieden war und einen Umzug nach Los Angeles plante. 1996 verlagerte Behring sogar Teile des Klubbetriebs nach Anaheim. Ein bestehender Stadionvertrag sowie drohende Strafzahlungen in sechsstelliger Höhe verhinderten den Transfer letztlich.
Die NFL fand mit Paul Allen schnell einen neuen Eigentümer. Der in Seattle geborene Unternehmer hatte gemeinsam mit Bill Gates 1975 Microsoft gegründet, sein Studium abgebrochen und ein Milliardenvermögen aufgebaut. Nach einer Krebsdiagnose zog er sich teilweise aus dem operativen Geschäft zurück und investierte stärker in den Sport. Bereits 1988 hatte er die Portland Trail Blazers für 70 Millionen US-Dollar gekauft.
1997 übernahm Allen schließlich die Seahawks, damals zu einer Rekordbewertung von 194 Millionen US-Dollar. Fünf Jahre später erhielt das Team mit dem heutigen Lumen Field ein neues Stadion, an dessen Baukosten von 430 Millionen US-Dollar Allen persönlich 130 Millionen beitrug. Der sportliche Erfolg folgte schnell. Während seiner Eigentümerschaft erreichten die Seahawks zweimal den Super Bowl und gewannen 2014 unter Head Coach Pete Carroll, Quarterback Russell Wilson und der legendären „Legion of Boom“-Defense.
Ganis erinnert sich, dass Paul Allen zwar selten an Liga-Meetings teilnahm, dort jedoch erheblichen Einfluss hatte. „Es war wie in der alten E.F.-Hutton-Werbung: Wenn E.F. Hutton spricht, hören alle zu“, sagte Ganis. Allen spielte eine zentrale Rolle bei der Lösung des NFL-Arbeitskampfs 2011 sowie bei der Rückkehr der Liga nach Los Angeles.
Parallel engagierte sich Allen stark philanthropisch. Zu Lebzeiten spendete er mehr als zwei Milliarden US-Dollar, darunter 500 Millionen US-Dollar für das 2003 gegründete Allen Institute for Brain Science. Zudem unterzeichnete er das Giving Pledge, eine Initiative, bei der vermögende Persönlichkeiten zusagen, mehr als die Hälfte ihres Vermögens zu spenden. Allen starb 2018 im Alter von 65 Jahren mit einem geschätzten Vermögen von 20,3 Milliarden US-Dollar.
Seitdem führt Jody Allen als Nachlassverwalterin die Geschäfte. Unter ihrer Leitung gewannen die Seahawks nun ihren zweiten Super Bowl. Dennoch dürfte ihre Rolle zeitlich begrenzt sein. Zwar erklärte das Team zuletzt, nicht zum Verkauf zu stehen, Experten erwarten jedoch, dass nach Abschluss des Trail-Blazers-Deals ein Verkaufsprozess starten könnte. Ganis rechnet mit einer Dauer von sechs bis zwölf Monaten.
Trotz der offenen Eigentumsfrage hinterlässt Allen eine sportlich und wirtschaftlich stabile Organisation. „Ich muss der Organisation danken, angeführt von General Manager John Schneider, und natürlich dem Team und den Spielern“, sagte sie nach dem Finalspiel auf dem Podium im Levi’s Stadium. „Wir lieben euch. Wir lieben die Legenden.“
Text: Justin Birnbaum
Foto: Seattle Seahawks Newsroom