Täglich grüßt das Murmeltier

Die Forbes-Argentina-Chefredakteurin beschreibt den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes.

Argentinien ist nicht ganz einfach zu erklären, denn gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich hierzulande stets und unvermeidlich auch auf die Geschäftswelt aus. In Argentinien wird alles – selbst alltägliche Entscheidungen von Unternehmen – maßgeblich von der Politik geprägt. Nach zwölf Amtsjahren einer populistischen Regierung, die demokratisch gewählt (und wiedergewählt) wurde und die jegliche Ressourcen – Energie, Vieh­bestand, auch Währungsreserven – ausschöpfte, folgte im Dezember 2015 eine neue Führung, die mit enormen Schwierigkeiten versucht, das Land wieder in die Gänge zu bringen.

Dabei haben einige Branchen durchaus Potenzial, etwa der Gas- und Ölsektor. Doch der naheliegendste Wirtschaftszweig für ein Land wie Argentinien ist zweifelsohne die Nahrungsmittelproduktion. Denn die Wirtschaft basiert seit jeher auf Landwirtschaft und dem Export von Rohstoffen. Die Agrarindustrie macht 60 Prozent der nationalen Exporte aus – mit einer vorherrschenden Rolle als weltweit führender Exporteur von Sojaöl und -mehl sowie einem Drittel der globalen Maisproduktion. Die Marktführerschaft fußt auf einer raschen technologischen Entwicklung, die sich in den letzten beiden Jahren weiter intensivierte, sowie auf gut ausgebildeten Arbeitern.

Virginia Porcella
Chefredaktuerin
Forbes Argentinien

Doch in den letzten Jahren verlor Argentinien seinen großen Vorsprung gegenüber den Nachbarstaaten. Das liegt einerseits am ein Jahrzehnt dauernden Vakuum bezüglich einer politischen Vision zur Ankurbelung des Sektors; zum anderen an gewissen politischen Maßnahmen, etwa Exportbeschränkungen. Zudem schwächte ein ungünstiger Wechselkurs das Land zusätzlich. Während Argentinien seine Agrarexporte also über die letzten 30 Jahre lediglich verdoppelte, steigerten unsere Nachbarländer die ihren um das Drei- bis Achtfache. Doch was auf den ersten Blick wie ein Nachteil aussieht, ist auch eine riesige Chance, neue Geschäfte zu generieren. Denn viele der Hindernisse sind mit dem politischen Wandel bereits verschwunden – die Branche erlebt ein Erwachen.

Aufgrund seiner inhärenten Wettbewerbsfähigkeit befindet sich Argentinien also sowohl auf regionaler als auch globaler Ebene weiterhin in einer hervorragenden Position in Sachen Nahrungsmittelproduktion. Die Kostensenkung, die sich aus dem neuen Kontext ergibt, bedeutet nämlich auch, dass das Land auf Augenhöhe mit führenden Akteuren wie Brasilien oder den USA bestehen kann. Weizen lässt sich gegenüber Brasilien und den USA um 45 bzw. 50 Prozent günstiger herstellen, Sojabohnen sind – trotz der weiterhin erhobenen 30 Prozent Exportsteuer – in der Ausfuhr nach China um zehn (vs. USA) bis 20 Prozent (vs. Brasilien) günstiger. Und auch Produkte mit höherer Wertschöpfung – etwa tierisches Eiweiß, wie bei der Ausfuhr von Hühnern – sind wettbewerbsfähig.

Hier wird jede Entscheidung in Unternehmen maßgeblich von der Politik geprägt.

Fleisch ist wiederum bei den Exporten vier Prozent teurer als Brasilien und 30 Prozent günstiger als die USA – bei weitaus höherer Qualität. Sollte Argentinien es schaffen, sein volles Potenzial auszuschöpfen, sind die Prognosen durchaus rosig. Nach Berechnungen von Bain & Company ließe sich die landwirtschaftliche Produktion in den nächsten sieben Jahren um 40 bis 50 Prozent steigern. „Das mag ambitioniert erscheinen, doch ist in den nächsten zehn Jahren machbar", sagt Federico Eisner, Partner des auf Agrarindustrie spezialisierten Beratungsunternehmens. „Das Wachstum könnte den jährlichen Bruttowert der Produktion um 30 Milliarden US-$ und die Exporte auf 50 Milliarden US-$ hinauftreiben.“ Wie Tausende großer, mittlerer und kleiner Produzenten ist auch Eisner davon überzeugt, dass das Land aus seinem Winterschlaf erwachen kann.

Dieser Kommentar ist in unserer März-Ausgabe 2018 „Food“ erschienen.

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