Tech-Bankerin

Als Chefin von JPMorgan in der DACH Region gestaltet Dorothee Blessing die Transformation der größten US-Bank zum Technologieunternehmen aktiv mit – und begleitet zugleich denselben Prozess bei ihren Kunden.

Sie ist eine der mächtigsten Frauen der europäischen Finanzbranche: ­Dorothee Blessing verantwortet nicht nur das Geschäft von JPMorgan in der DACH-Region, sondern ist zugleich auch Vice Chairman Investment Banking EMEA (Europe, Middle East, Africa, Anm.). Und da ihr ­Arbeitgeber mit ­einer Marktkapitalisierung von 390 Milliarden US-$, ­einem ­Umsatz von zuletzt 99 Milliarden US-$ und einem Gewinn von 24 Milliarden US-$ an ­fi­nanzieller Feuerkraft kaum zu überbieten ist, ist auch Blessings Status in der Finanzbranche klar.

Doch der Begriff „Bankerin“ ist nicht mehr ausreichend. Denn lediglich als Bank versteht der CEO von JPMorgan, Jamie Dimon, sein Unternehmen schon lange nicht mehr. Und auch Blessing hat eine neue Idee der Identität des eigenen Hauses: „Wir sind heute genauso Bankdienstleister wie Technologieunternehmen. ­JPMorgan investiert weltweit jährlich rund 10,8 Milliarden US-$ in Technologie, alleine 700 Millionen in den Bereich Cybersecurity. Diese Investitionen sind für uns kein ‚Nice to have‘, sondern ein absolutes Muss.“

Dabei ist 2017 kein Ausreißer: Auch 2016 flossen bereits 9,5 Milliarden US-$ von JPMorgans Geld in Technologie. 34 Beteiligungen ist das Finanzinstitut laut Crunchbase bis dato eingegangen, ­darunter AI-Start-ups wie Volley.com, Cloudanbieter wie AppDirect oder der Zahlungsanbieter WePay (der gänzlich übernommen wurde). Blessing: „Uns beschäftigen heute nicht nur die möglichen Anwendungen der Distributed-Ledger-Technologie, sondern beispielsweise auch die Anwendungen von künstlicher Intelligenz, Machine Learning – oder auch, wie wir in Zukunft unsere Kunden über virtuelle Assistenten bei der Informationsfindung unterstützen können.“ Da spielt vor allem die Partnerschaft mit der Echo-Sparte von Amazon (Alexa eine große Rolle. Sie lässt JPMorgans Kunden an der Wall Street etwa Kursziele per Sprachbefehl erfragen oder Analys­tenberichte abrufen.

Dorothee Blessing
...studierte an der Universität St. Gallen und der HEC Paris, bevor sie 1992 ihre Karriere bei Goldman Sachs startete. Mit Ausnahme eines kurzen Gastspiels bei der Deutschen Bank blieb sie über 20 Jahre lang bei Goldman. 2014 wechselte sie zu JPMorgan, wo sie einerseits Vice Chairman Investment Banking EMEA, andererseits Regional Head für die DACH-Region ist.

Was Zeit­ersparnis bringt, könnte die fast 167.000 Mitarbeiter der Bank aber auch vor Herausforderungen stellen – insbesondere dann, wenn maschinelle Prozesse effizienter als menschliche Mitarbeiter werden. Doch für Blessing lassen sich die ­beiden Welten weiterhin gut mitein­ander verbinden. „Die ‚Client Experience‘, also die positive Erfahrung unserer Kunden, wird in Zukunft noch stärker von den technologischen Fortschritten in der Branche beeinflusst werden.“

Dorothee Blessing kennt das Bankengeschäft aus erster Hand. Nach ihrem Studium an der Universität St. Gallen und der HEC Paris startete sie ihre Karriere 1992 bei Goldman Sachs. Sie blieb dem Unter­nehmen (mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung bei der Deutschen Bank) bis 2014 erhalten und ­leitete zuletzt das Investmentbanking in Deutschland und Österreich. In ­ihrer Zeit bei Goldman war Blessing unter anderem für die Börsengänge des Siemens-Spin-offs Infineon oder der Bank Austria verantwortlich. 2014 folgte dann der Wechsel zur Konkurrenz, seit 2015 verantwortet sie bei ­JPMorgan nun das DACH-Geschäft.

Der 22. Stock des ­Frankfurter Taunusturms, in dem uns Blessing empfängt, sieht jedenfalls noch nicht nach Amazon oder Facebook aus. Doch genau diese Konkurrenten sind es, die die US-Bank in Zukunft wohl im Auge behalten muss. So könnte Amazon laut einer Studie des Beratungsunternehmens Bain allein in den USA binnen fünf Jahren rund 70 Millionen Kunden aufbauen – und wäre damit in kürzester Zeit die drittgrößte Bank in den USA (noch vor Wells Fargo). Hinzu kommt, dass der Schritt dem Unternehmen rund 250 Millionen US-$ Kreditkarten­gebühren pro Jahr ersparen würde.

Was braucht es also, um die Transformation hinzubekommen? Blessing gibt zu, dass die Anforderungen sich ändern: „Technologie verändert die Bankenlandschaft.“ Das führt aber auch zu neuen Kunden, etwa wenn Start-ups an die Börse gehen: „Auch der strategische Dialog mit Wachstumsunternehmen, insbesondere im Technologiebereich, ist wichtig für uns. Zum einen entwickeln sich solche Unternehmen zu potenziellen IPO-Kandidaten, etwa Sensirion oder Zalando; zum anderen wollen wir diesen Dialog kontinuierlich fortführen, um unsere Kunden im Rahmen ihrer Wachstumsstrategie auch langfristig zu unterstützen.“

Denn Blessing ist nicht nur mit dem Wandel des eigenen Unternehmens beschäftigt, sondern vor allem auch mit dem Tagesgeschäft – und da ist eine ganze Menge zu tun. Denn als drittgrößter Markt außerhalb der USA kommt Deutschland eine gewichtige Rolle im JPMorgan-Netzwerk zu. Was das konkret heißt, erfahren wir nicht, denn separate Zahlen für die DACH-Region werden nicht veröffentlicht. Nur so viel: „Deutschland ist eine wichtige Wachstumsregion für JPMorgan. Wir sind seit 1924 im deutschen Markt verwurzelt und seit Jahrzehnten ein Partner vieler DAX-Konzerne und Mittelständler.“

Dabei umfassen die Geschäftsbereiche jedoch mehr als das reine Invest­mentbanking, denn Beratungen sind selten „stand-alone“ zu verstehen: „Unsere Leistung geht in der Regel weit über die reine M&A-Beratung hinaus. Sie umfasst häufig ebenso wichtige Themen wie die Bereitstellung einer Brückenfinanzierung, die langfristige Finanzierung oder Währungsabsicherungen bei grenzüberschreitenden Transaktionen.“ So wickelte JPMorgan etwa für Bayer die Zahlungs­abwicklung für den Kauf von Monsanto (um 57 Milliarden US-$) ab.

Dennoch: Die Begleitung von großen M&A-Transaktionen und Börsengängen bleibt das Grundhandwerk der Investment­bankerin. Und da zeigt sich, dass ­Blessing und ihre euro­päischen Kollegen neben der Transformation des eigenen Unternehmens auch sonst genug zu tun haben: Im ersten Halbjahr 2018 stieg das M&A-Volumen in Europa laut der Nachrichtenagentur Reuters im Vergleich zum Vorjahr um satte 96 Prozent. Und das, obwohl die Zahl der Transaktionen fiel (minus 18 Prozent) – sogenannte Megadeals (mit ­einem Volumen über zehn Milliarden US-$) trieben die Aktivität an.

Doch während die Unternehmen einander fleißig kaufen, werden auch die Hürden höher. „Für den Zeitraum zwischen der Vertragsunterzeichnung und dem Abschluss von Unternehmenskäufen ging man in der Vergangenheit typischerweise von einem Zeitraum zwischen sechs und zwölf Monaten aus. Bei den großen, globalen Transaktionen dauern die regulatorischen Zustimmungsprozesse mittlerweile deutlich länger. Entscheidungsträger in Unternehmen ­stehen heute vor der Herausforderung, eine so lange Zeit abwarten zu müssen. Und die Frage der Transaktions­sicherheit gewinnt damit einen höheren Stellenwert – sowohl für Verkäufer als auch Käufer. Die Transaktionen zwischen Bayer und Monsanto oder auch Linde und Praxair haben zum Beispiel jeweils fast zwei Jahre gedauert.“

In gewisser Weise beschäftigen Blessing dieselben Themen wie ihre Kunden. Denn zur Dynamik am Markt sagt sie: „Treiber für die hohe M&A-Aktivität gibt es mehrere: Zum einen sind viele Unternehmen auf der Suche nach Expansionsmöglichkeiten in Wachstumsmärkten, zum anderen fokussieren sie sich mehr auf ihre Kernkompetenzen und trennen sich von Geschäftsbereichen, die nicht zum Kerngeschäft gehören, über Spin-offs oder Verkäufe. Dazu kommt, dass viele Unternehmen sich im Technologiebereich verstärken möchten, hier denke ich etwa an die Automobilzuliefer­industrie.“ All das sind Themengebiete, für die auch JPMorgan Lösungen finden muss.

Doch die Deutsche macht sich um die Zukunft offensichtlich keine allzu großen Sorgen: „Wir sind heute gut aufgestellt und müssen keine abrupten Änderungen vornehmen – aber wir sind darauf fokussiert, uns kontinuierlich weiterzuentwick­eln.“ Das gilt wohl immer – egal, ob man nun Tech­-Unternehmen oder Bank sein will.

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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