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Nach dem Zusammenschluss mit „Tree.ly“ baut das Climate-Tech-Start-up Pina Earth ein europäisches Ökosystem für hochwertige, naturbasierte Carbon Credits auf; handelbare Einheiten für CO2-Kompensation. Dafür setzt das Unternehmen auf Software, strenge Qualitätssicherung und eine klare Impact-Agenda.
„Pina Earth simplifies access to high-quality nature-based carbon solutions, so businesses can act on climate with competence and transparency“, liest CEO und Gründer Jodok Batlogg das Mission Statement von Pina Earth vor. Der Software-Ingenieur aus Vorarlberg verlagert seine Deeptech-Erfahrung in europäische Wälder.
Pina Earth versteht sich als Vermittler: Das Start-up verbindet Unternehmen, die Verantwortung für ihren ökologischen Fußabdruck übernehmen und naturbasierte Projekte für ihre Net-Zero-Ziele suchen, mit wissenschaftlich fundierten, nachhaltigen Lösungen. Pina Earth vertritt die Überzeugung, dass Software und Automatisierung entscheidend sind, um naturbasierte Lösungen im großen Maßstab umzusetzen. Durch die Fusion mit dem 2021 von Batlogg gegründeten Climate-Tech-Unternehmen „Tree.ly“ im Jahr 2025, das im selben Segment tätig war, etablierte sich Pina Earth als führendes europäisches Climate-Tech-Unternehmen im freiwilligen CO2-Markt.
Die neue Organisation deckt Projekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Ungarn und Italien ab und umfasst etwa 150.000 Hektar Wald unter Vertrag, mehr als 80 zertifizierte Projekte und eine Million Tonnen vertraglich gebundenes CO2.
„Der Wald stößt mehr CO2 aus, als er aufnimmt“, so ein Bericht über den schlechten Zustand österreichischer Wälder. „Es ist gut, dass das Thema jetzt auf breiter Bühne diskutiert wird. Noch besser ist es, wenn wir handeln“, meint Batlogg. Doch damit seien die heimischen Wälder nicht allein: Zu den Ursachen zählen neben dem menschengemachten Klimawandel etwa Borkenkäferbefälle, überhöhte Wildbestände und mangelnde Waldbewirtschaftung. An diesem Knotenpunkt setzt das Unternehmen seitens der Waldbesitzer an. Die notwendigen Maßnahmen unterscheiden sich je nach Wald und Region – dabei müssten nachhaltige Ökosystemresilienz, Druck von der Nachfrageseite (den Unternehmen) und der Aufwand sowie die Wirtschaftlichkeit für die Waldbesitzer balanciert werden. Außerdem sorge das aktuelle Wirtschaftsklima für einen Rückgang des „Nachhaltigkeits-Hypes“, weshalb die Erwartungen des Markts eine große Rolle spielen – das sei „kein hundertprozentiger Match zu dem, was auch das Beste für die Wälder wäre“, so Batlogg.
Es ist gut, dass das Thema jetzt auf breiter Bühne diskutiert wird. Noch besser ist es, wenn wir handeln.
Jodok Batlogg
Der Impact-Unternehmer war ursprünglich als Tech-Experte im Silicon Valley tätig. Der gebürtige Vorarlberger, der mit einer Nähe zu Wald und Natur aufwuchs, entschied sich, sein Know-how in diesem Bereich einzubringen: „Ich wollte nicht auf eine weitere Maschine setzen, sondern auf das unausgeschöpfte und unterbelichtete Potenzial der Natur selbst.“ Die Vorreiterinitiative für Carbon Credits OAK Schwyz sowie ein Impact-Investor öffneten ihm die Türen – nach der Gründung und anschließender Fusion der Start-ups „Tree.ly“ und Pina Earth übernahm Batlogg die operative Führung und der Sitz wurde in München ergänzt. Etwa 20 Mitarbeiter, davon fünf Forstexperten, sowie Experten in Beratungspositionen machen das Team aus, ergänzt durch ein eigenes Ethics Board.
Inhaltlich arbeitet Pina Earth entlang der Nachfrage und verliert Ökosystemlogik dabei nicht aus den Augen. Batlogg: „Für uns steht nicht Gewinnmaximierung an erster Stelle, sondern Veränderung – auf gewinnorientierte Weise.“ Besonders gefragt sei der Waldumbau in Deutschland; die Transformation von Fichten- oder Kiefermonokulturen hin zu klimaresilienten Mischwäldern. Batlogg: „Das ist ein erfolgreiches Narrativ, weil diese Bilder von kilometerlangen sterbenden Wäldern entlang der Autobahn im Harz in Deutschland vielen Menschen vor den Augen liegen.“
Daneben entwickelt Pina Earth Naturreservate zur Förderung von Biodiversität, Wiederaufforstungsprojekte nach Schadereignissen, Erstaufforstungen sowie IFM-Projekte (Improved Forest Management). In Österreich liegt der Fokus derzeit auf IFM, während der deutsche Waldumbau-Standard adaptiv übertragen wird. Unterschiedliche Ausgangslagen, etwa mehr Schutzwald und weniger großflächige Monokulturen, erfordern dabei spezifische Modellierung.
Das Herzstück der Projektabwicklung ist eine wissenschaftlich fundierte und peer-reviewte Forest-Simulationssoftware. Pina Earth erstellt einen digitalen Zwilling des Waldes und modelliert Wachstum, Klima- und Standortszenarien sowie Maßnahmenpfade über mehr als 30 Jahre. Die Anforderungen der Region werden herangezogen, eine Lösung mit möglichst früher Einbindung von CO2 wird erforscht und die notwendigen Maßnahmen werden gesetzt. Die Fläche wird anschließend TÜV-zertifiziert und der Kohlenstoff-Speichereffekt wird jährlich bzw. periodisch überprüft. Danach folgt die Issuance der Carbon Credits; Klimaleistungen, die Unternehmen finanzieren können.
Europäische Credits seien teurer als viele Angebote aus dem Globalen Süden – dafür punkten sie in Regionalität, Transparenz, Narrativ und Qualität. Erste Business Cases zeigen laut Batlogg zudem handfeste finanzielle Vorteile, etwa bessere Nachhaltigkeitsratings bei Immobilienprojekten, die zu höheren Mieterlösen und langfristig günstigerer Finanzierung führen.
Ein Kernversprechen von Pina Earth ist kompromisslose Qualität. Dafür zieht das Start-up die durch die Core-Carbon-Principles festgelegte „Dreifaltigkeit des Kohlenstoffhandels“ heran: Additionality, Permanence, and Leakage. Es werden nur Maßnahmen ergriffen, die über das Business as usual hinausreichen, wirtschaftlich nicht ohnehin attraktiv und nicht gesetzlich festgesetzt sind sowie einen messbaren, nachhaltigen Effekt haben. Die Projektlaufzeiten betragen mindestens 30 Jahre, mit einer Monitoring-Periode von zehn Jahren. Dabei werden Verlagerungseffekte (potenzielle negative Auswirkungen der Projekte) berücksichtigt.
Ein weiteres wichtiges Qualitätskriterium sei „Benefit-Sharing“: Mit Partnerinstitutionen werden ausschließlich Projekte realisiert, bei denen mindestens 60 % der Mittel im Wald ankommen. Batlogg stellt klar: „Für uns ist die ethische Grenze, dass wir unter 50 % Benefit-Sharing niemals gehen würden. Wir legen Wert auf direkten Vertrieb“ – Ziel sei es, Waldbesitzer und Unternehmen unmittelbar zusammenzubringen. Dadurch gelangen 75 % der Einnahmen in die Wälder.
Pina Earth wächst schnell. In den vergangenen Jahren verdoppelte sich das investierte Kapital in Waldprojekte jährlich, für das kommende Jahr wird eine Verdreifachung erwartet. Regional bleibt der Fokus weiterhin bewusst auf Europa. Gleichzeitig wirkt Pina Earth in EU-Expertengremien, etwa im Carbon Removal Certification Framework, mit. Die Erwartung: Der freiwillige Markt entwickelt sich weiter in Richtung eines regulierten Rahmens mit klaren Standards und höherer Verlässlichkeit. Der Appell an die Politik lautet: Auf Erhalt statt Ausbau der Wälder setzen.
Batlogg: „Derzeit glaube ich, dass seitens der Regulatorik falsch incentiviert wird, daher zu viele Flächen noch absterben und dann sehr mühsam wiederhergestellt werden müssen.“ Business as usual bedeute derzeit, dass die Senkenleistung der Wälder in Europa von 250 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr auf 150 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr fällt. Battlogg ist hinsichtlich der Zukunft der Branche dennoch positiv gestimmt: „Gleichzeitig haben wir mit vergleichsweise überschaubarem Aufwand die Möglichkeit, diese Entwicklung umzukehren und auf bis zu 400 Millionen Tonnen Speicherleistung pro Jahr zu kommen. Ich bin überzeugt, dass dieses Bewusstsein wachsen wird – nicht zuletzt, weil der Rohstoff Holz für so viele Anwendungen unverzichtbar ist. Genau deshalb mache ich das, was ich heute tue. Die Geduld, auf diesen Wandel zu warten, habe ich.“
Text: Klara Csongrady
Fotos: Darko Todorovic, Sophie Renner