Tops & Flops 2017

Das letzte Jahr war für Investoren unterm Strich höchst ertragreich, in einigen Fällen ging aber auch ordentlich was daneben.

Das Jahr 2017, das in wenigen Tagen Geschichte ist, wird Investoren positiv in Erinnerung bleiben: Die Indizes aller großen Börsen wanderten nordwärts, und auch am Rohstoffsektor gab es allerorten wieder was zu verdienen.

Aber alle Kursgewinne dort sind Peanuts im Vergleich zu dem, was die Kryptowährung Bitcoin ­heuer aufs Parkett legte: Der Anstieg betrug hier unglaubliche 1.600 Prozent (auf Basis US-$; alle ­Zahlen Stand Redaktionsschluss). Den Anstieg konnten nicht einmal warnende Rufe von Experten rund um den Globus, angefangen beim österreichischen Erste-Bank-Boss Andreas Treichl über den US-Nobelpreis­träger Joseph Stiglitz bis zur US-­Notenbank Fed, bremsen.

Stiglitz forderte gar ein Verbot von Bitcoin: Der Ökonom meinte, dass die Kryptowährung „keinerlei sinnvolle soziale Funktion erfüllen“ würde. Jordan Belfort, bekannt als die lebende Vorlage für die Film­figur „Wolf of Wall Street“, fand noch drastischere Worte zu den Phänomenen rund um Kryptowährungen: „Das ist der größte Betrug aller Zeiten, der den ­Leuten um die Ohren fliegen wird.“ Er stimmte damit in den Chor des Chefs der amerikanischen Großbank JPMorgan Chase, Jamie Dimon, der seinen Mitarbeitern verboten hatte, auf die Währung zu setzen, ein. Dimons Begründung: Es verstoße zum einen gegen die eigenen Regeln der Bank und zum anderen seien solche Personen „einfach dumm“.

Dessen ungeachtet schießt Bitcoin aber weiter in die Höhe. Auch ein Einbruch Ende November, kurz nachdem ein neuer Gipfel bei rund 11.400 US-$ erklommen war, auf den ein steiler Absturz in wenigen Stunden auf 9.250 US-$ folgte, vergraulte die Anleger nicht dauerhaft: Mitte Dezember frohlockten Bitcoin-Enthusiasten bei Kurswerten um die 16.500 US-$. Tagessprünge um zehn Prozent nach oben kennzeichneten den Anstieg.

Jubeln durften auch jene, die in die zweite große digitale Währung, nämlich Ethereum, investiert haben: Hier lag der Kursgewinn binnen Jahresfrist zwar deutlich niedriger als bei Bitcoin, doch waren hier noch immer unglaubliche 6.200 Prozent auf US-Dollar- und 5.500 Prozent auf Euro-Basis zu holen. Auch hier gab es heftige Kursschwankungen – vor allem über die Sommermonate.

Am Chartbild zeigte sich zwischen Mai und August sogar eine gefährliche Doppelspitze, die für Profis eigentlich einen Absturz signalisiert – doch das ließ Ethe­reum-Anleger völlig kalt: Schon im September ging es wieder nach oben und im November wurde ein neues All-Time-High gemeldet.

Ordentlich absahnen konnten ­Investoren auch bei Litecoin. Hier lag der Gewinn binnen Jahresfrist bei „nur“ 4.000 Prozent auf Dollarbasis. Hier war auf eine Doppelspitze am Chart, die sich im August zeigte, ein klassischer Absturz gefolgt. Der Kurs ging fast um die Hälfte in die Knie – doch nach nicht einmal zwei Wochen war der Spuk wieder vorbei. Zwei Monate lang folgte eine Seitwärtsbewegung; seitdem hechelt auch Litecoin wieder von einem Höchststand zum nächsten.

Für klassisch orientierte Anleger ist der Run auf die digitalen Währungen schwer zu verstehen, denn allein ihre Entstehung erinnert ein wenig an Alchemie und ihre Beschreibung würde den hier zur Verfügung stehenden Platz sprengen. Doch bei allen bestehenden Unsicherheiten und eigentümlichen Eigenschaften haben die digitalen Währungen ihren Platz gefunden. „Bis dato sind mehr als 1.000 Kryptowährungen dokumentiert; ihr Marktwert entspricht fast 156 Milliarden US-$“, sagt Analyst Peter Dixon von der Commerzbank.

Wenn man nun die Verlierer auf der Währungsseite betrachtet, ist es ein wenig wie die Äpfel-mit-Birnen-Sache – aber bei den digitalen gab es heuer keine Verlierer. Dafür gab es die heftigsten Ausschläge bei exotischen Währungen wie dem usbekischen Som. Das Wort bedeutet in der Turksprache Usbekistans so viel wie „rein“ oder auch „reines Gold“. Doch davon war heuer nichts zu merken. Der Som stürzte zum Euro um gleich 60 Prozent ab.

Etwas besser erging es dem liberianischen Dollar: Er sackte zum Euro um „nur“ 40 Prozent ab. Am dritten Platz der „Flop drei“ bei den Währungen kommt der Leone des ebenfalls afrikanischen Staates Sierra Leone zu liegen. Hier lag der Kursverlust zum Euro bei knapp 50 Prozent. Angesichts dieser traurigen Zahlen wird es Zeit für etwas Pläsierlicheres – und da gibt es zum Glück ja noch die Aktien. (Wir haben uns bei der Analyse auf Titel konzentriert, deren Kursgewinne nicht aus Sondersituationen wie Insolvenzen oder Ähnlichem entstanden sind, deren Umsatzzahlen eine ­gewisse Größe aufweisen und die keine ­„Pennystocks“ sind; Anm.)

Dort steht daher ganz oben auf dem Stockerl der Top-drei-Invest­ments 2017 der großen Börsen dieser Welt das US-Biotechunternehmen Polarity TE. Es holte für seine Anleger resche 750 Prozent Kursplus. Das Unternehmen spezialisiert sich auf die Züchtung von Gewebe und hat seinen Schwerpunkt im Bereich der regenerativen Medizin. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 400 Millionen US-$ zu Jahres­beginn – vor dem extremen Kursanstieg waren es nur etwas mehr als 167 Millionen US-$ – wird es bereits als das Amazon oder Tesla der Biotechs gehandelt.

Gegründet von ehemaligen Ex­per­ten des Johns Hopkins Hospital Department of Plastic and Re­cons­tructive Surgery, Denver Lough und Ned Swanson, verfügt es über mehrere revolutionäre Verfahren, die aber noch nicht alle patentiert sind.

Die Silbermedaille der besten Aktien des Jahres geht ebenfalls an ein Unternehmen aus den USA: Gravity Co. Der Titel erfreute seine Anleger mit einem Kursplus von mehr als 600 Prozent. Gravity stellt Jetpacks her, die man sich auf den Rücken schnallt oder mittels eines Exoskeletts das Fliegen ermöglichen. Mittels Mini-­Jetturbinen will man ein neues Kapitel der Fliegerei aufschlagen, so das Unternehmen.

Hoch geflogen ist heuer auch Marinus Pharmaceuticals, das beim Kursgewinn 540 Prozent und damit die Bronzemedaille holte. Die Anleger wurden auch nicht von den letzten Quartalsverlusten in Höhe von 15 US-Cent pro Aktie abgeschreckt. Das Pharmaunternehmen mit Sitz in Pennsylvania könnte schon nächstes Jahr Ganaxolone auf den Markt bringen, ein Medikament, das gegen Depressionen und Epilepsie helfen soll. Das Mittel könnten eventuell auch all jene gut brauchen, die zu stark in die 1991 gegründete Air Berlin investiert waren: Das Unternehmen flog spektakulär in die Insolvenz, große Teile wurden von der Lufthansa übernommen. Das Schicksal der Tochterairline Niki, einst gegründet von Formel-1-Weltmeister Niki ­Lauda, ist noch ungewiss. Die Lufthansa interessiert sich auch für deren 21 Flieger samt den 1.000 Mitarbeitern, doch fehlt hierzu noch die Zustimmung der EU-Kommission. Im Zuge der Insolvenz ist jetzt auch Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold ins Visier der Ermittler geraten: Er soll zu großzügig Freiflüge verschenkt haben.

Das ist der größte Betrug aller Zeiten, der den Leuten um die Ohren fliegen wird.

Wenig zu lachen hatten auch die Anleger von Youbisheng Green Paper: Das Unternehmen ist die deutsche Holdinggesellschaft eines chinesischen „Clean Tech“-­Leaders bei der umweltfreundlichen Produktion von Linerboard aus bis zu 100 Prozent Altpapier. Es ­schlitterte schon zu Jahresanfang in die Insolvenz; allerdings wurde jetzt ein Insolvenzplan mit Kapitalerhöhung beschlossen – das hauchte dem Kurs etwas Leben ein.

Die deutsche Solarworld, einst das Flaggschiff der Solarindustrie und dann unter die Räder der chinesischen Konkurrenz gekommen, belegt mit einem Kursverlust von rund 70 Prozent im heurigen Jahr den letzten Platz im Flop-Ranking der Aktien. Um die im Insolvenzverfahren befindliche Solarworld AG ist es ruhiger geworden; es geht nur noch darum, welche Quote die Gläubiger erhalten werden. Der Rest soll dann an die Aktionäre verteilt werden. Es scheint jedoch nicht sehr realistisch, dass noch etwas übrig bleibt; die Aktionäre der Solarworld AG sollten mit einem Totalverlust rechnen, sind sich die Experten einig.

Nach der Kursexplosion so gut wie aller Rohstoffe während der Regentschaft von George W. Bush folgte ein Absturz, der sich über Jahre fortsetzte. Nach einer jahre­langen Seitwärtsbewegung geht es in diesem Bereich zwar noch immer deutlich ruhiger zu als noch vor einigen Jahren – und doch war heuer wieder etwas zu verdienen: So legte Palladium seit Jahresbeginn um satte 44 Prozent zu und sicherte sich so Rang eins im Rohstoff-Ranking. Doch damit könnte die Luft auch wieder draußen sein: HSBC rechnet aufgrund der Angebots- und Nachfragesituation zwar mit einer soliden Preisentwicklung, doch da die Kurse bereits historische Höchstwerte erreicht haben, seien weitere Gewinne schwierig und würden eine anhaltend hohe Investmentnach­frage voraussetzen.

Die Silbermedaille geht an einen Rohstoff, den Österreich in rauen Mengen besitzt: Holz. Hier war der Gewinn 2017 durchaus nicht von Pappe – er lag bei mehr als 40 Prozent. Und die weiteren Aussichten sind nicht schlecht: Mit der verstärkten Abkehr von fossilen Brennstoffen und dem vermehrten Einsatz von Holz in der Raumbeheizung sollten die Preise auch in den nächsten Jahren hoch bleiben.

Der dritte Platz geht an ein Metall, das zwar silbrig glänzt, dem man gemeinhin aber weniger Wert als dem „Original“ zuspricht. Das sahen die Investoren jedoch heuer anders und trieben den Preis für Zink um mehr als ein Drittel in die Höhe. Einer der Preistreiber ist hier China, das in den ersten zehn Monaten des Jahres gleich 31 Prozent mehr Zinkkonzentrat eingeführt hat als im Vorjahr. Die Commerzbank rechnet kurzfristig mit einem Korrekturpotenzial für den Zinkpreis, zumal in den nächsten Monaten weitere vormals stillgelegte Minen wieder in Betrieb genommen werden dürften. James Butterfill von ETF Securities allerdings geht in den kommenden Jahren von einem Angebotsdefizit bei Zink aus.

Für Zucker-Anleger war das heurige Jahr alles andere als süß: Der Preis ging um fast ein ­Viertel in die Knie. Macht Platz eins der Flop-Liste. Hintergrund: Die globale Zuckerproduktion überstieg im Wirtschaftsjahr 2017/18 den Verbrauch sehr deutlich. Allein die europäische Produktion könnte im Jahr des Endes der Zuckerquote auf den höchsten Wert seit zwölf Jahren klettern.

Schwach war auch die Entwicklung der Preise für Sojabohnen mit minus 9,9 und, haarscharf dahinter, für Mais mit minus 9,7 Prozent. Sojabohnen verzeichneten schwache Exportverkäufe, diese beliefen sich auf 1,1 Millionen Tonnen und lagen am unteren Ende der Prognosen. Bei Mais gehen die Analysten der Rabobank indes von höheren Preisen aus und gaben für die ersten drei Monate des nächsten Jahres einen durchschnittlichen Preis von 380 US-Cent an. Das würde zumindest die Verluste des heurigen Jahres wieder ausgleichen.

Text: Reinhard Krémer

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