TRAIN IS KING

Für internationale Zugreisen gibt es kaum einfache Möglichkeiten, all seine Strecken gemeinsam zu buchen. Das 2019 gegründete Reisebüro Traivelling will genau das ändern. Doch neben der Buchung bietet das Unternehmen auch Unterstützung und Expertise an – denn „Under 30“-Listmaker Elias Bohun will Fernreisen mit dem Zug attraktiver machen.

Selbst wenn es gleich lange dauern würde, das jeweilige Ziel zu erreichen, bevorzugen viele Menschen das Flugzeug gegenüber dem Zug. Der offensichtlichste Nachteil einer Zugreise wäre zwar die längere Dauer, aber das scheint nicht der Grund zu sein, zumindest nicht
der ­einzige. „Die Leute sind es nicht gewöhnt, das Reisen mit dem Zug überhaupt als Option zu sehen“, erzählt ­Elias Bohun. Der 21-jährige Wiener ist Gründer des Reisebüros Traivelling. Es bezeichnet sich selbst als „klimafreundlich“, denn Traivelling bucht keine Flugstrecken – selbst wenn die Reise von Wien nach Hanoi gehen soll. Das mag auf den ersten Blick ­unmachbar erscheinen, doch genau diese Reise unternahm Bohun nach seinem Schulabschluss.

An der Nachfrage fehlt es jedenfalls nicht – das erst Ende 2019 gegründete Unternehmen hat schon über 6.000 Buchungen durchgeführt. „Für alles, was über die Landesgrenze hinausgeht, wird nicht mehr mit Zügen geworben, sondern nur mit Billigflügen. Dadurch ist die Möglichkeit des Reisens mit dem Zug gar nicht in den Köpfen der Menschen. Das war auch bei mir der Fall – bis ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe“, sagt Bohun. Einerseits seien Menschen es gewohnt, Flüge zu buchen – bei langen wie kurzen Strecken. Hinzu komme jedoch, dass die Buchung von Zug­tickets, insbesondere bei langen ­Distanzen, kompliziert sein kann, denn bei internationalen Zugreisen müssen Kunden jede nationale Teil­strecke separat buchen; davor muss man aber erst mal die sinnvollste Route finden.

Laut Bohun ist das für Einzel­personen machbar – jedoch nur, wenn man bereit sei, lange zu recherchieren. Genau da bietet Traivelling Unterstützung: Als Zugexper­ten ­kennen sich die Teammitglieder mit allen Details aus. Dazu gehören etwa Fragen wie jene, ob ein Tag- oder Nachtzug effizienter ist oder wie lange Umstiege dauern. Bohun: „Man kann nicht erwarten, dass eine Person, die normal arbeitet und sonst auch viel zu tun hat, wochenlang Zeit investiert, nur um eine sinnvolle Zugroute zu finden.“ Traditionelle Reise­büros hätten wiederum viel zu wenig Wissen über Zugverbindungen, so der „Under 30“-Listmaker: „Normale Reisebüros tun sich so etwas nicht an – weil Fliegen viel zu billig und viel zu einfach ist.“

Zurzeit wird jede Buchungsanfrage bei Traivelling noch manuell bearbeitet. Im Unternehmen sind mittlerweile fünf Mitarbeiter ­aktiv; dazu zählen Gründer Elias Bohun, sein Vater Matthias, zwei Buchungsassistenten und ein externer Softwareentwickler. Traivelling verlangt als Kommission 10 bis 20 % des gesamten Ticketpreises. Doch das soll sich bald ändern: Ende 2021 hat das Jungunternehmen vor, auf ein automatisiertes System umzusteigen – etwa eine Datenbank, die mit Algo­rithmen die effizienteste Strecke zum besten Preis anzeigt. Somit würde die Kommission ob der deutlich ­geringeren Kosten auf 5 % fallen. Zudem könnte das Team damit die Bearbeitungszeit von Buchungen von ein paar Tagen auf ein paar Minuten oder sogar Sekunden reduzieren. Der Launch der automatisierten Seite ist für Dezember 2021 geplant.

Elias Bohun
...2019 gründete Elias Bohun gemeinsam mit seinem Vater das klimafreundliche Reisebüro Traivelling, um das Reisen mit dem Zug einfacher und attraktiver zu machen.

Europa bleibt der größte Markt für Traivelling: „Natürlich sind die Langstrecken, etwa von Wien nach Vietnam, ein gutes Aushängeschild, weil sie unsere Vision zeigen. Vor ­allem aufgrund der ­Coronakrise wird es aber lange dauern, bis diese ­Strecken tatsächlich reibungslos funktionieren“, sagt Bohun.

Schon in der Schule war die Klima­krise ein Thema für ihn: „Mit zwölf Jahren war ich immer der Jüngste in allen Klimaschutzgruppen. Auch als junge Person, die noch keine globale Perspektive auf die Dinge ­hatte, fand ich es irrational, dass nichts gegen den Klimawandel getan wird.“ Dass die Erwachsenen zu wenig unternehmen, fand Bohun irritierend, mit der Zeit merkte er aber, dass man auch selbst etwas tun kann. Nach seiner Matura hatte er mit seiner damaligen Freundin einen Flug nach Sri Lanka gebucht. Die beiden wollten mal weg aus Europa und die Welt erkunden. Ihre Überzeugung, dass solche Fernziele nur mit dem Flugzeug erreichbar seien, stellte sich nach langer Recherche als falsch heraus: „Man kann bis Vietnam durchgehend mit dem Zug fahren. Diese Erkenntnis war für mich quasi ein Schalter: Ich habe plötzlich gesehen, dass man fast die ganze Welt auch ohne Flugzeug erkunden kann. Diese Möglichkeit habe ich davor nie verstanden.“ Ende 2019 gründete er zusammen mit seinem Vater das Reisebüro Traivelling.

Dass aber nicht nur unternehmerische Denker aktiv gegen den ­Klimawandel arbeiten sollten, sondern auch die Politik gefordert ist, ist für Bohun klar: „Wenn Kerosin nicht besteuert wird, bleibt Fliegen weiterhin so billig.“ Mit der automatisierten Webseite will Bohun den Kundenkreis sukzessive erweitern: „Damit werden wir auch Betriebe ansprechen, denn es gibt ganz viele Unternehmen, die ihre CO2-Emissionen reduzieren wollen oder müssen. Es gibt bisher aber auch keinen effizienten Weg, Geschäftsreisen mit dem Zug zu planen und zu buchen. Hier hoffen wir, bald eine automatisierte ­Lösung anbieten zu können.“

Der Klimafaktor ist laut ­Bohun aber nicht der einzige Grund, mit dem Zug zu reisen: „Es kommt bei ­einer Zugreise so viel persönlich Bereicherndes dazu – die kulturellen Erfahrungen, die Länder, die man sonst nicht sehen würde, und die Menschen, die man trifft – bei ­einer Flugreise geht das alles verloren.“ Auf die Frage, was denn seine Lieblings­destinationen seien, erzählt Bohun über eine Zugstrecke in ­Süditalien: Da fahre man mehrere Stunden an der Küste entlang, in der Ferne sieht man den Vulkan Vesuv. Plötzlich wird der ganze Zug dann auf eine Fähre verladen (zwischen dem ita­lienischen Festland und Sizilien gibt es nämlich keine Brücke), und schon ist man in Sizilien.

Text: Sophie Spiegelberger
Foto: Florian Rainer

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 5–21 zum Thema „Travel & Tourism“.

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