Ubimet: Der Wetterdienst

Der Wetterdienst Ubimet versorgt Kunden weltweit mit meterologischen Daten - darunter die Vereinten Nationen.

Für die meisten Unternehmen wäre ein Büro im zehnten Stock, inklusive Blick auf die Donau und dahinter ganz Wien, vor allem eine Prestigefrage. Manfred Spatzierer hat aber den Luxus, für die besondere Aussicht ganz praktische Gründe nennen zu können. „So haben wir für Wien die Möglichkeit, unsere Prognosen gleich verifizieren zu können.“ Denn Spatzierer ist einer der beiden Gründer und Chefs des unabhängigen Wetterdienstes Ubimet. Er beliefert mit seinem Partner Michael Fassnauer und den weltweit rund 400 Mitarbeitern des Unternehmens Kunden im In- und Ausland mit meteorologischen Daten, Unwetterwarnungen und Wetterprognosen.

Die Gründung und Idee ist mehr dem Zufall geschuldet als sonstigen Faktoren. Spatzierer: „Michael Fassnauer und ich lernten uns in einer Vorlesung an der TU Wien kennen. Er studier­­te Chemie, ich Meteorologie – und während der gemeinsamen Physik-Vorlesungen sprachen wir dann über dieses und jenes. Michael hatte dann 2001 erstmals die Idee, einen eigenen privaten Wetterdienst zu gründen.“ Neben dem Treffen auf der Universität profitierten die beiden in der Vorgründungsphase vor allem von der Aufnahme in das universitäre Gründerservice INiTS, das unter anderem von der TU Wien und der Universität Wien mitbetrieben wird. Der Wetter­dienst war eines der ersten Start-ups, das ­seinen Weg in das Inkubations­programm fand.

Die Hürden, einen funktionierenden Wetterdienst aufzuziehen – Geld, Zeit, Mitarbeiter – waren von Anfang an groß. Doch nach­dem Spatzierer nach Studien­ende und einem kurzen Abstecher in die Wetterredaktion des ORF durch einen Vortrag den ersten großen Kunden an Land zog, war der Weg geebnet. Die Vollversorgung der Deutschen Presse Agentur (dpa) mit Wetterdaten sicherte zu Beginn nicht nur die Existenz des Unternehmens, sondern erforderte auch den ganzen Einsatz der beiden Gründer. „Wir hatten damals schon drei Mitarbeiter. Dennoch stand in unserem Büro ein Klappbett, und Michael Fassnauer und ich wechselten uns in 13-Stunden-Schichten ab, um die Arbeit fertig zu bekommen.“ Dass der erste große Kunde nicht aus Ös­terreich kam, findet Spatzierer „bezeichnend“: „In Öster­reich dauert es immer ein bisschen, bis man jungen Unternehmen vertraut.“

Allzu lange brauchte Ubimet aber nicht, um sich zu etablieren. Damals wie heute sieht der leidenschaftliche Radfahrer Spatzierer den Wissens­vorsprung gegenüber der Konkurrenz als Erfolgsrezept von Ubimet: „Uns zeichnet sicherlich die Dedikation zur Technologie aus. Wir sind ein voll integrierter Wetterdienst – das heißt, dass wir Wetterdaten nicht nur weitergeben, sondern veredeln. Wir erstellen Modelle und bauen eine eigene, globale Infrastruktur auf.“ Ubimet soll laut Spatzierer kein allumfassender Dienst sein, sondern fokussiert sich auf Wetterlösungen für Infrastrukturprovider und Versicherungsunter­nehmen. Es ist also kein Wunder, dass Unternehmen wie die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und die Deutsche Bahn (DB) zu den Kunden gehören, ­genauso wie der Versicherungs­riese Uniqa. Überhaupt scheint die Kunden­akquise dem Unternehmen nie große Probleme bereitet zu haben. Denn neben Versicherern und Infrastrukturanbietern beliefert Ubimet in Deutschland auch das Telekomunternehmen T-Mobile und zahlreiche österreichische Medien mit Daten. Sogar die Ver­einten Nationen konnte Ubimet als Partner gewinnen (siehe unten).

Der Getränkekonzern Red Bull ist indes nicht nur Kunde, sondern auch Partner und Teileigentümer des Unternehmens. Seit 2012 hält Red Bull 50 Prozent der Anteile, die zweite Hälfte haben Fassnauer und Spatzierer in Privatstiftungen eingebracht. Dem Zustandekommen des Deals gingen jedoch zwei hektische Wochen voraus, wie Spatzierer erzählt: „Wir erfuhren damals, dass Wetter für Red Bull in dieser Phase der Unternehmensentwicklung ein Thema sein könnte. Wir bereiteten also innerhalb von sehr stressigen 14 Tagen die Präsentation für Dietrich Mateschitz vor und konnten ihn überzeugen.“ Überhaupt erwies sich der Deal mit Red Bull als Glücksfall. „Wir wollten von Anfang an keinen Heuschreckeninvestor haben, da gab es in der Branche schon zu viele Negativbeispiele. Unser Ziel war eine langfristige, glückliche Ehe mit einem stabilen Partner. Und da wir internationale Pläne hatten, war Red Bull mit seiner globalen Orientie­rung ein perfekter Partner.“ Die Internationalisierung funktionierte aber auch schon vor Red Bull ganz ordentlich. Dem ersten internationalen Büro in Australien – die Eröffnung war vor allem der schwachen Konkurrenz in Sachen Wettervorhersagen am dortigen Markt geschuldet – folgten weitere Standorte. Mittlerweile ist Ubimet neben Wien und Melbourne auch in New York, Karlsruhe, München und Zürich mit Niederlassungen vertreten, das Hauptquartier befindet sich weiterhin in Wien.

Dennoch: Durch den Miteigen­tümer Red Bull ist Ubimet Teil eines weltweiten Netzwerks, das 160 Länder umfasst. So lassen sich ­Projekte wie etwa die von Ubimet ent­wickelte Smartphone-App „Morecast“, die Nutzern verlässlichere Wetter­prognosen verspricht, leichter ­international aus­rollen. Morecast wurde bis zuletzt mehr als 15 Millionen Mal heruntergeladen.

Auch bei SMS-basier­ten Unwetterwarnun­gen, die etwa an Versicherungskunden verschickt werden, hat Ubimet eine solide Reich­weite: Fünf Millionen Kunden werden weltweit mit meteorologischen Informationen versorgt. Der Erfolg bleibt nicht unentdeckt: Neben den schon erwähnten Partnern landete Ubimet 2014 seinen jüngsten Coup – die hinter der Formel 1 stehende FIA verlässt sich seit damals bei jedem Rennen welt­weit auf Ubimet. Keine kleine Ver­antwortung, sind doch Wetterbedin­gungen entscheidend für die Rennteams, etwa bei der richtigen Wahl von Bereifung und Fahrstrategie.

Obwohl die Prognosen laut Spatzie­rer statistisch gesehen genauer werden, bekommt man in Gesprächen mit den Menschen jedoch nicht immer das Gefühl, dass sie diesen glauben. Spatzierer: „Es hat sich einfach der Anspruch geändert. Früher konnte man die Prognosen nach dem vierten Tag völlig vergessen, mittlerweile wird ein Mindestmaß von sieben Tagen für genaue Prognosen vorausgesetzt.“ Ob er sich denn über Unwetter freut, ­wollen wir von Spatzierer zuletzt noch wissen: „Als Meteorologe freue ich mich über Abwechslung. Also sind mir abwechslungsreiche Sommer doch lieber als ausschließlich sonnige.“

Wir Meteorologen haben schon einen gewissen Druck. Wenn wir Regen voraussagen, sitzen wir den ganzen Nachmittag auf Nadeln und warten, dass die ersten Tropfen vom Himmel fallen.

Wetterprognosen als Entwicklungshilfe

Neben traditionellen Unternehmens­kunden zogen die Ubimet-Gründer Michael Fassnauer und Manfred Spatzierer einen ganz besonderen Koope­rationspartner an Land: die Vereinten Nationen, genauer gesagt das UNDP, also das United Nations Development Program. Im Rahmen einer Ausschreibung setzte Ubimet sich Anfang 2016 gegen die Konkurrenten durch und liefert nun für das UNDP Ausrüstung und Dienst­leistungen für meteorologische Frühwarnsysteme für Entwicklungs­länder im Allgemeinen und Afrika im Speziellen. Ubimet ist der einzige europäische Wetterdienst, der mit dem das UNDP zusammenarbeitet. Das UNDP ist in mehr als 170 Staaten aktiv und beschäftigt sich auf Länderebene mit Klima, Katas­trophenrisiken und Energiethemen. Dabei stehen Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und eine nachhaltige Entwicklung im Fokus. Laut Spatzierer korreliert die Anzahl der Wetterstationen relativ genau mit dem BIP pro Kopf eines Landes, einer Messvariable für die wirtschaftliche Entwicklung eines Staates. Manfred Spatzierer: „Die ärmsten Länder der Welt haben also die schlechteste oder so gut wie gar keine meteorologische Infrastruktur.“

Verbesserte Lebensqualität

Einwänden, ob und wie Wettervorher­sagen denn die Lebensqualität von Menschen in Entwicklungsländern verbessern könnten, entgegnet Spatzierer Folgendes: „Die Verbesserung wäre ganz signifikant. Die Menschen in Entwicklungsländern sind dem Wetter und Unwetter relativ schutzlos ausgeliefert – sei es in der Landwirtschaft, sei es in Städten mit schlechter Kanalisation. In der afrikanischen Sahelzone treten Starkregenfälle immer schubweise auf. Rechtzeitige Information – die derzeit nicht möglich ist, weil die nötige meteorolo­gische Infrastruktur fehlt – kann Schäden vorbeugen und die Sicherheit erhöhen.“ Denn dann könnten Menschen laut Spatzierer etwa über ihr Handy gewarnt werden und entsprechende Vorkehrungen treffen.

Auch die Statistik spricht für das Vor­haben: Laut dem Weltentwicklungs­bericht des UNDP waren allein zwischen den Jahren 1994 und 2013 rund 218 Millionen Menschen von Naturkatastrophen, etwa Überflutungen oder Dürre, betroffen. Dabei waren 1,35 Millionen Todesopfer zu beklagen. Zudem wurden in den letzten 20 Jahren etwa 90 Prozent der Naturgefahren von Überflutung, ­Stürmen, Hitzewellen etc. verursacht.

Dieser Artikel ist in unserer Januar-Ausgabe 2017 „Forecasting“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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