Unter einem Dach

Ihr Vater baute IGO Industries vom Gewerbebetrieb zur Industriegruppe aus – seit 2010 führt Iris Ortner das Familienunternehmen und bringt dessen Tochter­gesellschaften enger zusammen. Ein Gespräch über neue Geschäftschancen durch den KI-Boom und darüber, warum Elektriker und Installateure schon in der Ausbildung zusammenfinden müssen.

Kurz nach unserem Eintreffen im Bürogebäude in Innsbruck werden wir in einen weitläufigen Meetingraum geführt. Hinter den Panoramafenstern zeichnen sich die Hausberge der Tiroler Landeshauptstadt vor blauem Himmel ab. „Tolle Aussicht, nicht wahr?“, fragt Iris Ortner, als sie den Raum betritt. „Sie müssen sich vorstellen: Als wir das hier gebaut haben, gab es rund­herum fast nichts. Das waren alles Felder.“

Seit 2010 ist Ortner Geschäftsführerin von IGO Industries, einem Konzern mit rund 3.500 Mitarbeitern, der 2024 717,6 Mio. € Umsatz erwirtschaftete und ein Ergebnis vor Steuern von 48,4 Mio. € erzielte. Das über 100 Jahre alte Familienunternehmen zählt zu den größten Gebäudetechnik-Gruppen Österreichs. Laut Statistik Austria zählte die Baubranche 2024 hierzulande mehr als 43.000 Unternehmen, die zusammen 72,2 Mrd. € umsetzten. An der Spitze steht eine Handvoll Konzerne, von denen Strabag mit einem Konzern­umsatz 2025 von 18,7 Mrd. € mit Abstand der größte ist.

IGO Industries hält Beteiligungen an einer Handvoll an Bauunternehmen, allen voran am Bauriesen Porr (32,7 %), am Immobilienentwickler UBM Development (34,01 %) und an der Hospitals (25 %). Rechnet man die Beteiligungen an Porr und UBM ein, beziffert IGO die Größe der Gruppe auf rund 8 Mrd. € Umsatz. Ortner leitet das Unternehmen in vierter Generation, sie ist die Ur­enkelin des Gründers Ignaz Ortner, nach dem der Konzern benannt ist. „Die Firma war immer ein Teil der Familie“, erinnert sie sich an ihre Kindheit, in der sie ihren Vater Klaus oft zur Baustelle begleitet hat.

Er war es, der die IGO vor allem über Beteiligungen zu der Industriegruppe machte, die sie heute ist. 1998 kaufte er sich bei Porr ein, wo er sich 14 Jahre später gemeinsam mit dem heutigen Porr-CEO Karl-Heinz Strauss die Mehrheit sicherte. Mit Siemens beteiligte er sich an Bacon (Gebäudetechnik), später kamen Elin (Elektrik und HKLS – kurz für Heizung, Klima, Lüftung, Sanitär), EBG, Babak, H+E (alle drei ebenfalls Gebäude­technik) und SMB (Anlagenbau) zur Gruppe.

Seit sie die Geschäftsführung übernommen hat, sieht Iris Ortner ihre Rolle darin, diese Tochter­unternehmen stärker unter einem Dach zu bündeln und so Synergien zu entfalten. „Kurz gesagt: Die Verantwortlichen für die Heizung müssen an die Elektriker denken, die Elektriker müssen an HKLS denken – sowohl beim Bau als auch bei den Kundenbeziehungen“, sagt sie. Das fange schon bei der Ausbildung an, und mit der IGO Academy hat Ortner eine umfangreiche Aus- und Weiterbildung für Führungskräfte, Facharbeiter und Lehrlinge etabliert.

Doch der österreichische Baumarkt hat einige schwere Jahre hinter sich. Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sagte Ende Juni, die österreichische Bauwirtschaft sei „das achte Jahr im Abschwung“; er rechne auch für 2026 mit einem negativen Wachstum. Europaweit soll die Branche laut Euroconstruct, einem Netzwerk für die Analyse der Bauwirtschaft, hingegen um 2 % wachsen. Am stärksten vom Abschwung betroffen ist zwar der österreichische Wohnbau – in diesem ist die IGO jedoch nicht so stark involviert. Die Gruppe setzt vor allem auf große Projekte für Industrie, Pharma und ­öffentliche Einrichtungen wie Spitäler, was der IGO volle Auftragsbücher beschert: Ende 2024 lag der Auftragsbestand laut Konzernabschluss bei 676,1 Mio. €, gut ein Viertel mehr als im Jahr zuvor.

Doch Ortner stellt auch klar: Von einer schlechten makroökonomischen Lage bleibt auch die IGO nicht verschont. „Wenn Wirtschaftsbetriebe in Österreich nicht langfristig investieren, werden wir das alle spüren. Und natürlich werden auch wir es spüren, wenn es nichts mehr zu errichten gibt“, so Ortner.

Ortner studierte Maschineningenieurwesen an der ETH Zürich und erwog ein Doktorat, als die IGO einen Auftrag in Warschau für das Warsaw Financial Center bekam, ein Bürogebäude mit 70.000 m2. Ihr Vater brachte die Idee auf, sie könnte bei dem Projekt ins Familienunternehmen einsteigen – nur um sie schnell wieder zu verwerfen: „Aber du machst jetzt dein Doktorat, also vergiss es.“ Doch der Vorschlag ließ sie nicht los. Nach etwas Bedenkzeit ging sie erneut auf ihn zu: „Du, hast du das ernst gemeint?“

Ende September 1997 zog sie für drei Jahre nach Warschau, wo sie die Großbaustelle leitete, und die polnische Niederlassung aufbaute.. „Das hätte man jemandem, den man nicht kennt und der so jung ist, nicht in die Hand gedrückt, wenn da nicht die Familienbande hinter mir gestanden wäre“, sagt Ortner offen.

Nach ihrer Arbeit in Polen absolvierte sie einen MBA am Insead in Frankreich, einer der angesehensten Business Schools der Welt. Nach einer beruflichen Zwischenstation bei Siemens Management Consulting in Deutschland und New York zog sie 2003 in die Führung von IGO Industries ein. Heute führt sie mit ihrem Vater und drei weiteren Geschäftsführern das Unternehmen. Ihr Vater bringt sich weiterhin aktiv ein, vor allem bei den Start-up-Beteiligungen der Gruppe. Auf seine fast 60 Jahre Erfahrung greift Ortner gerne zurück. „Er sagt immer: ‚Wer mich etwas fragt, der bekommt eine Antwort‘“, erzählt sie. Und sie fügt hinzu: „Manchmal bekommt man auch Antworten, wenn man nicht gefragt hat.“

Obwohl der Sektor der künstlichen Intelligenz auf den ersten Blick wenig mit der Baubranche zu tun hat, profitiert diese vom KI-Boom, der sich quer durch die Weltwirtschaft zieht, in zweierlei Hinsicht. Rechen­leistung ist aktuell der Flaschenhals der KI-Branche, und die kann nur mit neuen Rechenzentren erhöht ­werden. In Österreich baut Google im oberöster­reichischen Kronstorf das größte: Im April war Spatenstich, 2027 soll die erste Ausbaustufe in ­Betrieb gehen, die bis zu 150 Megawatt Strom beziehen kann. Google nannte bisher keine Baukosten, das Land Oberösterreich spricht jedoch von einer Investition in Milliardenhöhe.

Im April holte IGO Markus Colle für den Geschäftsbereich Data Center an Bord; er war zuvor Geschäftsführer bei den Gebäudetechnikern Equans und Styr gewesen. Colle soll die Aktivitäten für die Sparte konzernweit koordinieren und Ressourcen bündeln, heißt es vonseiten IGOs.

Kurz gesagt: Die Verantwortlichen für die Heizung müssen an die Elektriker denken, die Elektriker müssen an Heizung, Klima, Lüftung und Sanitär denken.

Iris Ortner

Auch das Bauen selbst verändert sich – Ortner ­erwartet, dass künftig mehr Bauteile in Werkshallen vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden. Das soll die aufwendige Montage einzelner Arbeitsschritte vor Ort reduzieren. Gleich­zeitig rücken Planung und Ausführung enger zusammen: Bauherren beziehen die ausführenden Unternehmen früher in die Projektentwicklung ein. Für eine Gruppe wie IGO, die verschiedene Gewerke unter einem Dach vereint, ­eröffne das neue Chancen.

Dafür müssen die vielen Tochterunternehmen der IGO aber auch aufeinander abgestimmt sein – und das fängt für Ortner bei einer gemeinsamen Unternehmenskultur an: „In einer Firma sagt man in der Früh vom Schreibtisch aus ‚Grüß Gott‘, in der anderen schüttelt jeder jedem die Hand.“ Ortner versucht, die einzelnen Unternehmenskulturen weitgehend zu bewahren, sagt aber auch, dass alles unter dem Wertekompass des Konzerns stehen muss. Ihr wichtigstes Werkzeug dafür ist die Ausbildung: „Wir produzieren kein Produkt; wir kaufen Produkte und bauen sie zusammen. Das passiert über Menschen – also müssen wir in die Menschen investieren“, sagt sie. Ortner baute deshalb eine hauseigene Akademie für Lehrlinge auf, in der jährlich rund 70 Berufseinsteiger ausgebildet werden. Fast 90 % werden laut Unternehmensangaben übernommen. Dazu kommen Seminare für Führungskräfte.

Wie wichtig das Zusammenspiel der Gewerke ist, zeigt sich auf der Baustelle oft schon an der Decke: Dort hätten Elektriker und Installateure „schon immer um den Platz gekämpft“, sagt Ortner – beide brauchen Raum für ihre Leitungen. Die gemeinsame Ausbildung soll helfen, solche Konflikte zu entschärfen. Die ersten Lehrlinge aus dem vor mehr als einem Jahrzehnt gestarteten Mentoringprogramm sind heute um die 30 und kennen einander über Firmengrenzen hinweg. Wer gemeinsam gelernt hat, beobachtet die Geschäftsführerin, stimmt sich auch auf der Baustelle leichter ab. Seltener komme es deshalb zu Situationen, so Ortner, in denen ein HKLS-Facharbeiter sich denken muss: „Was macht der Elektriker da schon wieder?“

Fotos: Emanuel Kaser

Erik Fleischmann,
Redakteur

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