UNTERNEHMEN BAUEN

Titelbild: Finleap, Ramin Niroumand, Fintech, CEO, Founder, Forbes

Ramin Niroumand schuf mit Finleap innerhalb weniger Jahre eines der größten Fintech-Ökosysteme Europas. Doch um im Wettbewerb weiterhin bestehen zu können, muss er sein Portfolio kräftig umbauen.

Das Gebäude hat durchaus Symbolkraft: Denn dort, wo bis 2017 die ehemalige Zentrale der ­Berliner Bank zu finden war, steht heute in Berlin-Charlottenburg der ­größte Fintech-Hub Europas – H:32. Auf den 11.000 Quadratmetern tummeln sich nun keine Banker mehr, sondern die Mitarbeiter von Fin- und Insurtechs. Die treibende Kraft dahinter: der auf die Finanzwirtschaft spezialisierte „Company Builder“ Finleap.

„Rein vom Gebäude her ­könnte man es als eine Ablöse sehen. Aber es war nie Finleaps Position, zu ­sagen: ‚Die etablierten Banken und Versicherungen sind Schrott.‘ Vielmehr sprechen wir von einer kooperativen Revolution. Denn wir denken schon, dass eine Veränderung notwendig ist“, sagt Finleap-­CEO Ramin Niroumand. Diese Veränderung treibt Finleap seit der Gründung 2014 in Berlin in den Bereichen Banken, Versicherungen und Vermögensverwaltung aktiv an. Das Ziel: die Finanzwirtschaft nachhaltig zu verändern und letztendlich digital zu machen – und Deutschland und Europa in Sachen Finanztechnologien zu führenden Stand­orten zu machen. So ­konnte das selbst ernannte „führende Fintech-Ökosystem Europas“ ­bisher 16 Start-ups aufbauen. 800 Be­schäftigte arbeiten in der Finleap-­Gruppe, 14 Fin- und Insurtechs ­befinden sich im Portfolio (­Finleap verkaufte 2017 den ­Zinsvermittler Savedo an Deposit Solutions und 2018 die Immobilien-Crowdinvesting-Plattform Zinsbaustein an die Sontowski & Partner Group, Anm.). Dabei stechen einige Start-ups im Ökosystem hervor: die Solaris Bank, eine Banking-Plattform mit Vollbanklizenz, sammelte bisher rund 95 Millionen Investorengelder ein. Damit können Unternehmen für ihre Kunden Finanzdienste wie etwa Konten- und Zahlungsverkehrslösungen oder Kredit- und Treuhandlösungen entwickeln. Beim Online-Versicherungsmakler Clark, wo mittels eines Robo-Advisors das Angebot von 160 Versicherungen für Nutzer verglichen wird, waren es bisher 43,8 Millionen – Hauptanteilseigner ist aber, wie etwa auch im Fall der Solaris Bank, Finleap.

Bild: Ramin Niroumand, Finleap, Fintech, CEO, Founder, Forbes, Portrait

Ramin Niroumand
... gründete 2014 den „Company Builder“ Finleap, der bisher 16 Fin- und Insurtechs gegründet hat. Niroumand war davor unter anderem Senior Consultant bei Deloitte.

Finleap befindet sich in einem boomenden Markt. Im Jahr 2018 ­beliefen sich die weltweiten Investitionen in Fintech-­Unternehmen laut dem Datenanbieter Statista auf rund 111,8 Milliarden US-$ – 2017 waren es erst 50,8 Milliarden US-$ gewesen. In Europa gilt neben London insbesondere Berlin als Fintech-Hochburg.

Finanzbranche im Wandel

Passend dazu sagte Niroumand bereits 2016 im ­Berliner Tagesspiegel: „Fintech will raus aus der Ecke ,Jugend forscht‘.“ Drei Jahre später analysiert der Gründer die Entwicklungen folgendermaßen: „Ich habe damals kritisiert, dass ­Fintechs als eine Art Subindustrie bezeichnet wurden. Doch wir sind Teil einer Finanzindustrie und setzen uns verstärkt für Technologie ein. Insbesondere bei Finleap, wo wir sehr viele B2B-Technologie-Unternehmen haben, sind wir teilweise mehr ein Wettbewerber zu IBM oder Accenture als zu den Banken.“ Diese Aussage steht sinnbildlich für die Transformation der Finanzbranche. Denn laut Niroumand proklamierten die Banken früher für sich, dass die Regulatorik von Finanzdienstleistungen (alleine) bei ihnen läge. Die entsprechende Umsetzung lag bei den IT-Firmen als Dienstleister, die so auch Geschäftsfelder, etwa Kreditgeschäfte, für die Banken ermöglichten. „Die Technologieunternehmen haben dafür nie Verantwortung übernommen, sondern eben die Banken. Heute haben die Gründer der Finleap-Unternehmen ein regulatorisches und ein technologisches Verständnis. Fintechs sind oft ein besserer Partner für eine Bank oder Versicherung“, so Niroumand.

Es ist unser Geschäftsmodell, erfolgreiche Unternehmen aufzubauen.

Der Finleap-Gründer gilt in Deutschland als Shootingstar der Fintech-Szene. Bevor er Finleap gründete, arbeitete Niroumand als Innovation Manager bei der DKB Deutsche Kreditbank AG – und war später mit 24 Jahren der ­jüngste Senior Consultant bei ­Deloitte in Deutschland überhaupt. So locker und gesprächsfreudig der ­studierte Wirtschaftswissenschaftler auch wirkt, steht Finleap dennoch vor mehreren Herausforderungen, um das rasante Wachstum zu halten: Wie kann Finleap im zunehmend konsolidierten Fintech-Markt in Deutschland wettbewerbsfähig ­bleiben?

Vom Company Builder zum Stakeholder

Bisher bestand die ­Strategie von Finleap primär darin, selbst Start-ups aufzubauen. „Die Probleme, die wir am allerliebsten lösen, sind sogenannte ,run into problems‘; wo wir also selbst auf ein Problem gestoßen sind, das wir nicht mit Partnern aus der Branche lösen konnten“, sagt Niroumand. Dann werden, insbesondere im B2B-Bereich, Geschäftsmodelle entwickelt, passende Gründer und ein Team gesucht, und diese mit einer Start­finanzierung sowie Zugang zu einem Netzwerk von ­Investoren und Talenten ausgestattet. Nach der Aufbauphase sei immer das Ziel, dass die Unternehmen unabhängig agieren – zumindest beim größten Teil des Portfolios.

Denn seit einiger Zeit greift Finleap auch aktiv in sein ­Portfolio ein, was mitunter auch für Kritik in der Szene sorgte. Im Sommer 2018 wurden der Kontowechsel-­Service Finreach und der ­Vertragsmanager Moneymap zusammengelegt. Nun firmiert das Unternehmen unter dem gemeinsamen Dach von Finreach Solutions. „Die Zeit der Feature-Ventures (gemeint sind damit Start-ups, die lediglich eine einzige digitale Finanzdienstleistung anbieten, Anm.) ist vorbei. Insgesamt ist das für Finleap nicht ge­nügend skalierbar“, so Niroumand. Anfang April kaufte Finleap zudem Penta, einen Onlinegeschäftskonto-­Anbieter für digitale ­Unternehmen mit 5.500 Kunden, auf. „Das war ein Stück weit eine Ausnahme. Es war zwar hier nicht die ganz ­frühe Phase, aber Finleap kann dabei helfen, das Unternehmen auf das nächste Level zu heben“, so Niroumand. Nichtsdestotrotz werde ­es künftig eher Zukäufe auf Portfolioebene ­geben, so der Finleap-Chef weiter.

Bild: Finleap, Ramin Niroumand, CEO, Founder, Fintech, Interview, Forbes

Der gesamte Markt wird in Zukunft kompetitiver werden, denn auch branchenfremde Unternehmen werden im Finanzwesen mitmischen. Aufgrund der Revised Payment Service Directive (PSD2) ist es nunmehr auch Nichtbanken möglich, Payment-Services anzubieten. Der Finleap-Gründer sieht dies durchaus als Chance, um im Rahmen des Ökosystems auch mit solchen Unternehmen zu kooperieren. „Banking oder das Versicherungswesen steckt eigentlich hinter jeder Branche. Dadurch werden wir natürlich automatisch in andere Sparten integriert.“ So kooperiert die Solaris Bank bereits mit dem chinesischen Online-Bezahlsystem von Alibaba, Alipay.

Wechsel in die Politik?

Über Niroumands Zukunft wurde in den deutschen Medien auch bereits einige Male spekuliert. Der Deutsche pflegt gute Kontakte zur deutschen Politik auf Landes- wie Bundesebene. Nicht nur aufgrund dessen scheint eine Karriere als Politiker in absehbarer Zeit realistisch zu sein, sondern auch aufgrund seiner rhetorischen Qualitäten. Verabschiedet sich der Start-up-Gründer bald von Fin­leap? „Wenn ich morgen entscheiden müsste, wäre es die Politik. Denn morgen wäre ich noch jung genug dazu“, sagt Niroumand.

Doch so rasch wird ein Abgang dann wohl doch nicht gehen. Denn Niroumand will Finleap langfristig aufbauen, wie er sagt – und „seinen“ Start-ups zum Durchbruch verhelfen: „Es ist unser Geschäftsmodell, erfolgreiche Unternehmen aufzubauen. Wenn man ein Unternehmen zu einer Bewertung von 100 Millionen € führt und es dann womöglich auch verkauft werden kann, darf man das wohl als Erfolg verzeichnen“, so der Finleap-CEO.

Der Artikel ist in unserer April-Ausgabe 2019 „Geld" erschienen.

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Editorial Team

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