Utopie im Wasser

Mit einer von ihr entwickelten Methode, dem „Pacific Garbage Screening“, möchte die Aachener Architektin Marcella Hansch die Weltmeere von Plastik befreien – ein ambitioniertes Projekt.

13 Millionen Tonnen Plastikmüll sollen aus den Weltmeeren verschwinden – zumindest wenn es nach der Aachener Architektin Marcella Hansch geht. Jahrelang rückte sie von diesem Ziel nicht ab. „Oft wurde ich bei Vorträgen belächelt“, erinnert sich Hansch, „meistens war das Staunen am Ende meines Vortrags jedoch groß.“ Und das hat einen Grund: Die junge Wissenschaftlerin hat ein Verfahren entwickelt, das die Weltmeere tatsächlich von Plastik befreien soll, und zwar ganz ohne Utopien und Wunschträumerei. Dieses „Pacific Garbage Screening“ kann man sich als eine Art schwimmende Plattform vorstellen, deren Bauweise es ermöglicht, kleinste Plastikpartikel aus dem Wasser zu filtern. „Die Plattform beruhigt die Meeresströmung, sodass Partikel nach und nach aufsteigen und dort abgefangen werden“, erklärt Hansch. Meereslebewesen werden dadurch nicht gefährdet.

Marcella Hansch
...ist im Sauerland geboren und zur Schule gegangen. Danach lebte sie ein Jahr lang in Australien und Neuseeland. In Aachen und Florenz studierte sie Architektur. Heute ist Hansch Architektin sowie Gründerin und Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Pacific Garbage Screening.“

Die Idee, sich mit den Weltmeeren zu beschäftigen, kam Hansch durch eine Tauchexkursion auf den Kapverden. „Dort habe ich unheimlich viel Plastik gesehen“, erzählt sie, „Plastiktüten haben sich an meinem Bein verfangen.“ Damals sei sie geschockt gewesen. Heute weiß Hansch: Es gibt noch viel stärker belastete Strände als jene auf den Kapverden. Also nahm die damalige Studentin 2013 ihre Abschlussarbeit als Anlass, sich eingehender mit dem Thema Plastik zu beschäftigen. Sie besuchte Vorlesungen in Maschinen­­bau und Kunststofftechnik an der RWTH Aachen und ließ sich in Kläranlagen von Experten zeigen, wie Wasser gesäubert wird. Nachdem sie mehrere Studien durchgeführt hatte, entstanden die weiße, geschwungene Plattform und die Idee für das Verfahren. Nach der Abgabe ihrer Masterarbeit landete das Thema zufällig in der Lokalpresse. Ein Kläranlagenbetreiber lud Hansch daraufhin auf eine Messe in München ein. Dort fand die Unternehmerin die nötige Motivation, ihr Projekt weiter zu betreiben. „Viele der Fachleute haben mir nach meinem Vortrag gesagt, dass meine Idee realistisch und durchaus umsetzbar ist“, erinnert sich Hansch. Nach einigen weiteren Impuls­vorträgen wuchs Hanschs Team stetig an.

Heute besteht die Gruppe aus 40 freiwilligen Kollegen und Forschern aus den verschiedensten interdisziplinären Feldern; aus Bauingenieuren, Meeresbiologen, Architekten, Geografen und Maschinenbauern bis hin zu Grafikern und Wasserbau-Spezialisten.

Die Probleme sind momentan vor allem bürokratischer Natur: Hansch und ihre Kollegen entschieden sich vor eineinhalb Jahren, einen gemeinnützigen Verein zu gründen. Dieser ist heute bereits 400 Mitglieder stark, von denen eben 40 regelmäßig im Team aktiv sind. Doch alle Kollegen arbeiten freiwillig und haben zusätzlich einen anderen Job. „Wir brauchen dringend Geldgeber“, erklärt Hansch. Für die Forschung und Entwicklung in den nächsten fünf Jahren bräuchte das Team fünf Millionen €, um die ersten Modelle und Prototypen zu entwickeln. „Wir müssen sehr viel Forschungsarbeit leisten, sind aber kein Forschungs­institut“, erklärt sie. Außerdem sei die Gruppe auch kein klassisches Start-up, das nach einigen Jahren Geld einbringt. Das erschwere wiederum die Investorensuche.

Bislang finanzierte sich der Verein mit Crowdfunding; damit wurden rund 200.000 € eingenommen. Die meisten Beiträge kamen von Kleinspendern. „Da sieht man, dass das gesellschaftliche Interesse durchaus sehr groß ist“, sagt Hansch. Das Geld fließt alleine in die Investi­tionen für die Forschung und Entwicklung rund um die Plattform. „Als ehrenamtlicher Verein dürfen wir natürlich keine Mitarbeiter bezahlen und können auch keine Forschungs­stipendien beantragen“, erklärt Hansch. Diese Schnittstelle führe oft zu Problemen. Die Architektin lässt sich die Laune von diesen Schwierigkeiten dennoch nicht trüben.

Fragt man sie nach potenziellen Kunden, wird die problematische Schnittstelle, an der Hansch arbeitet, erneut klar deutlich. „Die Idee wäre, die Plattform erst einmal in Europa an Kommunen zu verkaufen und Studien für Flüsse zu entwickeln, bevor die Anwendung im Meer stattfindet“, erklärt Hansch. „An sich sind wir aber alle Kunden des Projekts, da saubere Flüsse und Meere im gemeinsamen Interesse aller Menschen sind.“ An der Entwicklung des Prototyps arbeitet das Team bereits. Trotzdem sei vieles noch Zukunftsmusik. „Wir möchten durch unsere Arbeit auch das Bewusstsein für das Problem der Verschmutzung der Meere schärfen“, sagt Hansch.

Und tatsächlich ist die Verschmutzung der Ozeane und Flüsse der Erde durch Plastik eines der drängend­sten Umweltprobleme unserer Zeit. In jedem Quadrat­kilometer Meer schwimmen heute Hunderttausende Teile Plastikmüll. Viele Bilder von Seevögeln oder Walen, die an Plastik erstickt sind, sind in den vergangenen Jahren um die Welt gegangen; die Strände unbewohnter Inseln versinken oft fast vollständig im Müll. Wie der WWF erklärt, bestehen drei Viertel des Mülls im Meer aus Plastik, Zehntausende Tiere sterben jedes Jahr daran. Die völlige Zersetzung von Plastik könne 350 bis 400 Jahre dauern. Bis 2050 werde sich die Menge des Plastikmülls in den Meeren zudem verzehnfachen, warnt Sam Barrat, Leiter der öffentlichen Kampagnen des UNO-Umweltprogramms UNEP. Und das könnte auch für den Menschen gravierende Auswirkungen haben: Je mehr Schadstoffe die Fische – auch in Form von Mikro­partikeln – fressen, desto mehr Schadstoffe nehmen auch die Menschen durch den Verzehr von Fischen zu sich.

Hansch hat deshalb mehrere Kampagnen gestartet, die auf den Plastikkonsum im Alltag hinweisen. „Wir müssen daran arbeiten, dass unser Müll in Zukunft nicht mehr in die Meere gelangt“, sagt Hansch. Jeder könne seinen Konsum an PET-Flaschen einschränken und Produkte, die in Einwegplastik verpackt sind, meiden. Das nächste Ziel sei es, auch politisch aktiv zu werden. „Wenn sich die Regularien und Schwellenwerte für den Kunststoffgehalt in den Flüssen nicht ändern, verschmutzen wir weiterhin ganz legal unsere Flüsse“, so Hansch.

Fünf Jahre ist es nun her, dass sich die Architektin auf dem Rückflug von den Kapverden den ersten Artikel zur Meeresverschmutzung durch Plastik durchgelesen hat. Seitdem kann sie das Thema, wie sie selbst sagt, nicht mehr ignorieren. Hansch möchte mit ihrem Team an ihrem Projekt weiterarbeiten, obwohl sie tagsüber als Architektin tätig ist. Ihr Ziel ist es, irgendwann am Meer zu leben – quasi in ihrem direkten Einsatzgebiet. Auch, wenn die Investitionen für das „Pacific Garbage Screening“ noch fehlen, hat Hansch bereits eines in der Tasche: die Bestätigung von ausgewiesenen Fachleuten. Vielleicht lässt sie ja auch deshalb nicht so schnell locker beim Säubern der Meere.

Text: Manuela Tomic

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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