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Wie ist es, als Kind von Aussteigern auf hoher See aufzuwachsen? Die Britin Suzanne Heywood segelte als Mädchen zehn Jahre lang mit ihren Eltern um die Welt – und empfand das Abenteuer als Albtraum. Doch sie entdeckte dabei auch eine seltene Superkraft.
Als Suzanne Heywood im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jon auf dem Segelschiff „Wavewalker“ aus dem Hafen von Plymouth ausläuft, hält sie ihren Teddybären fest umklammert. Trotz der Aufregung spürt sie auch eine dunkle Vorahnung, die wie eine Gewitterwolke am Himmel über dem Ärmelkanal lauert. Die gefährliche Segeltour, die ihr Vater geplant hat, soll auf den Spuren des britischen Entdeckers James Cook auf die andere Seite des Globus führen. Doch der Trip, so wird sich bald herausstellen, wird für die kleine Suzanne nichts mit Freiheit und Seefahrer-Romantik zu tun haben – vielmehr wird es eine Reise in die Abgründe einer Familie; eine Erfahrung, die von Gefangenschaft und Isolation erzählt, und von Vernachlässigung durch die Eltern. Doch aus jedem Trauma kann auch eine besondere Widerstandskraft entstehen – auch das beweist Suzanne Heywoods Abenteuer.
Die Britin Suzanne Heywood, 57, ist COO im Vorstand von Exor N.V., einer der größten Investmentgesellschaften Europas mit Sitz in Amsterdam, die von der italienischen Milliardärsfamilie Agnelli kontrolliert wird. Forbes trifft die Top-Managerin in ihrem Büro nahe des Big Ben, mitten im Londoner Regierungsviertel Whitehall – eine Welt der Regeln und der Ordnung, in der Beamte und Buchhalter das Sagen haben; ein harter Kontrast zu Heywoods Kindheit, die sie in der gesetzlosen Weite der Weltmeere erlebte.
Die „Wavewalker“ war für meine Eltern ein Symbol der Freiheit – für mich war das Boot ein Gefängnis.
Suzanne Heywood
Heywood hat kürzlich ihr Buch „Wavewalker“ (Dumont, 2024) veröffentlicht, in dem sie ihre Erlebnisse auf der Segeltour mit ihrer Familie beschreibt – eine Reise, die nach außen wie ein Traum wirkte, die sich für Heywood allerdings wie eine unverschuldete Gefängnisstrafe anfühlte. Seit sie ihr Buch veröffentlicht hat, haben sich viele Leser gemeldet, die ebenfalls von einer traumatischen Erfahrung berichten, nachdem sie auf Wunsch der Eltern zu langen Segeltörns aufbrachen. Heywood geht es aber nicht um eine Abrechnung, die in einem Reisebericht versteckt wird: Vielmehr geht es um die Fragen, wie sich Wünsche nach Freiheit und Träume von Abenteuern von Eltern mit den Bedürfnissen der Kinder nach Stabilität und Sicherheit in ein Gleichgewicht bringen lassen – und unter welchen Bedingungen Resilienz entsteht und wie diese Eigenschaft die Persönlichkeit prägt. „Häufig werden die Geschichten von Eltern, die mit ihren Kindern reisen, von den Eltern erzählt“, sagt Heywood. Und: „Wie bei den Eltern heute auf Instagram war es meinen Eltern immer sehr wichtig, unser Leben der Außenwelt als etwas Wundervolles zu präsentieren.“
Die Weltreise der kleinen Suzanne begann mit Begegnungen, wie sie Segler und Kinder ersehnen: Wale, Delfine, Fliegende Fische begleiteten das Segelboot auf den ersten Etappen über den Atlantik von England nach Brasilien. Sogar ein rauchender Vulkan war von der Reling aus zu sehen. Heywoods Vater betonte: Was ein Kind an Bord eines Segelschiffs lernt, sei mehr wert als jeder Schulunterricht.
Ein Jahr wollte die Familie unterwegs sein. Heywood glaubte nach der Abreise, dass sie nach diesem Abenteuer in ihr gewohntes Umfeld in England zurückkehren würde, zu ihrer besten Freundin Sarah und ihrem Hund Rusty. Doch aus einem Jahr wurde ein Jahrzehnt, das sie mit nur wenig Unterbrechung auf See erlebte. Ihr Vater, der Kapitän der „Wavewalker“, hatte wohl nie die Absicht gehabt, zurückzukehren. Doch das verheimlichte er seiner Familie, die nun seine Crew war, die auf sein Kommando hören musste. Um sich den Traum der Segelreise zu erfüllen, hatte der Vater alles verkauft, seinen Job aufgegeben und nach Sponsoren gesucht.
Besonders belastend für ein Kind seien die enormen Distanzen auf See, so Heywood. Acht Wochen auf dem Meer sind eine Qual, wenn es nichts zu spielen gibt, keinen Spielplatz, um sich zu bewegen, keine Freunde, um gemeinsam Spaß zu haben. Manchmal tobten Stürme eine ganze Woche lang, und weil es an Deck zu gefährlich war, blieb nur der Rückzug in die Kajüte. Oft sei kein Tageslicht zu sehen gewesen; teils mangelte es an frischem Essen. Mahlzeiten bestanden an Bord vielfach aus Corned Beef und Kartoffelbrei. Manchmal war das Wasser knapp und Suzanne und ihr Bruder bekamen nur eine Tasse Trinkwasser pro Tag zugeteilt.
Bis sie zwölf Jahre alt war, hatte sie nur ihren Bruder als Freund und Spielkameraden. Als Teenager führte sie Tagebuch und schrieb über ihre Einsamkeit. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter wurde immer distanzierter und belastender, doch sie hatte niemanden, mit dem sie ihre Sorgen teilen konnte. Zwar hatte sie später Brieffreunde, die sie bei Landgängen kennenlernte; und während einer kurzen Schulzeit in Australien. Doch sie musste stets damit rechnen, dass ihre Eltern die Briefe kontrollierten – daher beschönigte sie immer ihre Lage und erwähnte nichts von ihrer Verzweiflung über das Leben auf See, das sie zunehmend als ausweglos empfand. „Die ‚Wavewalker‘ war für meine Eltern ein Symbol der Freiheit – für mich war das Boot ein Gefängnis“, erinnert sich Heywood.
Was andere Teenager als Alltag kennen – ins Kino gehen, mit Freunden abhängen, ein Museum oder ein Café besuchen –, kam in Heywoods Leben nicht vor. In Australien verliebte sie sich in einen Jungen, doch bevor daraus eine erste Beziehung werden konnte, beschloss ihr Vater, wieder aufzubrechen. Das verstärkte das Gefühl der Entwurzelung. Vor allem vermisste Heywood den Zugang zu Wissen – auf dem Boot lernte sie, Öl in einem Motor zu wechseln und Kleidung zu stricken und zu flicken oder mithilfe der Sterne zu navigieren, doch es mangelte an Zugang zu Wissen über Phänomene, die Kinder faszinieren. Auch waren ihre Eltern so sehr mit dem Segeln beschäftigt, dass sie keine Zeit hatten, den Kindern die Wunder der Welt zu erklären.
Mit 13 Jahren durfte Heywood sich für ein Fernstudium anmelden. „Eine der wichtigsten Lektionen für mich war, zu lernen, wie man lernt“, sagt sie. Nur eine Ausbildung, so glaubte sie, würde ihr irgendwann die Chance bieten, das Boot zu verlassen. Allerdings verwandelte der Vater das Schiff in eine Art Hotel auf See: Wechselnde Passagiere bezahlten für eine Mitfahrt, so konnte die Familie Geld einnehmen und die Reise finanzieren. Statt sich in Bücher zu vertiefen, musste Heywood nun in der Passagierbetreuung mitarbeiten. Wann immer sie in einem Hafen auf einer Insel im Südpazifik haltmachten, verschickte Heywood per Post ihre Schularbeiten und gab als neue Adresse den nächsten Hafen an. Doch nicht immer hielt sich der Vater an die Route. Seinem Freiheitsdrang sollte der Wunsch nach Bildung seiner Tochter nicht im Weg stehen.
Der Alltag an Bord sei nach klassischen Geschlechterrollen organisiert worden, sagt Heywood: Ihr Job war das Kochen und Putzen, ihr Bruder hatte mehr Freiheit und durfte dem Vater beim Segeln helfen. Wahrscheinlich widerspricht Heywoods Bruder auch deshalb ihrer Darstellung der gemeinsamen Kindheit: Reich an Abenteuer und Spaß sei die Segeltour gewesen.
Nach drei Jahren Fernstudium während der Seefahrt in der Südsee schickten Heywoods Eltern die Kinder in Neuseeland zur Schule – vor allem wegen des Bruders, dessen Ausbildung als künftiger „Ernährer“ einer Familie, so Heywood, wichtiger genommen wurde. Heywood war damals 16 Jahre alt; sie sollte auf ihren Bruder aufpassen, während die Eltern ihre Tour alleine fortsetzten. Heywood erledigte die Einkäufe, kochte und putzte, während ihr Bruder zur Schule ging. Sie selbst durfte ihr Fernstudium fortsetzen. Wieder lebten die Kinder isoliert; in einer kleinen Hütte. Ihr Vater hatte ihnen einen kleinen Geldbetrag auf einem Bankkonto hinterlassen, auf den Heywood nur zugreifen konnte, indem sie seine Unterschrift fälschte.
Heywood sagt, sie habe sich damals an jeder Uni beworben, von der sie jemals gehört hatte – doch es antwortete am Ende nur eine: Oxford bot ihr eine Aufnahmeprüfung an, nachdem sie zwei Essays geschickt hatte. Heywood hatte mit dem Pflücken von Kiwis Geld für ein Flugticket verdient, auch ihr Vater schoss etwas zu. Per One-Way-Flugticket kehrte sie nach England zurück, bekam nach einem Vorstellungsgespräch ihren Studienplatz – und hatte sich endlich von den Fesseln der „Wavewalker“ befreit.
„Nach so vielen Jahren der Isolation fiel es mir schwer, Freundschaften zu knüpfen. Ich hatte keine Ahnung, wie Small Talk funktioniert“, sagt Heywood heute. Doch kaum hatte sie Zugang zu Bibliotheken und Laboren, blühte sie auf, machte einen Bachelor-Abschluss in Biologie und erlangte einen Doktortitel an der Uni Cambridge. Später arbeitete sie für das Finanzministerium, lernte ihren späteren Ehemann Jeremy kennen, einen Top-Beamten der britischen Regierung, der vor zehn Jahren an Krebs starb. Später wechselte Heywood in die Privatwirtschaft; erst zu den Beratern von McKinsey und von dort zum Baumaschinenhersteller CNH Industrial, der zu Exor gehört.
Welche Lektionen hat sie aus der Zeit auf der „Wavewalker“ mitgenommen? Zuerst fällt Heywood der Begriff „Resilienz“ ein. Natürlich sei das ein Modewort, vor allem im Management, sagt sie; doch sie verweist auf eine Studie in Hawaii, die Menschen mit traumatischen Kindheitserfahrungen untersuchte und diese über Jahrzehnte begleitete. Ein Drittel der Studienteilnehmer entwickelte sich trotz widrigster Umstände zu fürsorglichen Menschen; sie legten erstaunliche Karrieren hin und manche übertrafen das Leistungsniveau von Teilnehmern mit einer stabilen Kindheit. Ein Beispiel für diesen Typus des High Achievers ist Elon Musk, der die Erziehung durch seinen Vater als „mentale Folter“ bezeichnet.
Heywood sagt, dass sie aufgrund der Erlebnisse auf See Stresssituationen im Beruf eigentlich nie als überwältigend empfinde; und dass sie auch unter schwierigen Umständen – etwa während der Pandemie, als das Management bei Exor das Business neu strukturieren musste – effektiv entscheiden kann; weil ihr in diesen Situationen eine Stimme aus dem Unterbewussten einflüstert: „Du hast viel Schlimmeres erlebt – und es überstanden.“
Aber wie geht sie als Mutter mit dem Dilemma um, ihren Kindern ein stabiles und fürsorgliches Umfeld zu bieten und zugleich Resilienz mitzugeben? Das einzige Mittel sei wohl, es Kindern nicht zu schnell zu leicht zu machen, sagt Heywood. Eigenständig Hausaufgaben zu machen nennt sie als Beispiel; oder den Umzug und die Wohnungssuche als Studenten selbst zu organisieren.
„Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Normalität – und Teenager noch mehr“, sagt Heywood. Die wichtigste Lektion aus ihrer außergewöhnlichen und oftmals als finster empfundenen Kindheit und Jugend betrifft allerdings nicht nur sie selbst – sondern die Gesellschaft insgesamt: „Bildung hat mir geholfen, von einem kleinen Mädchen auf einem Boot ohne echte Zukunft zu der Person zu werden, die ich heute bin.“ Bildung könne in jedem Alter und in jeder Lebenslage die Zukunftschancen entscheidend verbessern.
Dank Bildung und Resilienz wagt sie sich inzwischen auch wieder aufs Meer: Kürzlich hat sie den „Yachtmaster Onshore“-Segelschein gemacht; die deutsche Entsprechung ist der Sporthochseeschifferschein. Selbst nach zehn Jahren auf hoher See lernte sie dabei viel Neues – denn auf der „Wavewalker“ lief das Meiste improvisiert ab. Den Spuren von James Cook und der „Wavewalker“ will Heywood aber nicht mehr folgen.
Fotos: Liz Seabrook, Suzanne Heywood