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Seit September 2025 ist Martin Kocher Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und vertritt im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) Österreich. Damals lag die Euro-Inflation beim Zielwert von 2 %, seither hat Kocher Handelskriege, einen Ölpreisschock, flaches Wachstum und die erste Zinsanhebung der EZB seit knapp drei Jahren erlebt. Ein Gespräch über Zölle, Zukunftsprojekte wie den digitalen Euro – und die Rolle von Vertrauen in heutigen Wirtschaftsbeziehungen.
Der fünfte Stock der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) dient der Repräsentation: Die Decken sind doppelt so hoch gelegt wie in den anderen Etagen des Hauses, alle Wände und Decken sind mit Holz vertäfelt, einige davon mit filigranen Einlegearbeiten verziert. Alles floss aus der Hand eines einzigen Tischlers, sagt Dominik Gmasz, Pressesprecher des Gouverneurs Martin Kocher, als er uns zu diesem begleitet. An den Wänden hängen Porträts der vergangenen Gouverneure und Vizegouverneure. Die mit Teppich ausgelegten Böden schlucken jedes Geräusch. Im fünften Stock sind der Generalrat und das Direktorium der OeNB untergebracht. Die meisten der OeNB-Mitarbeiter bestreiten ihren Arbeitsalltag in den anderen Etagen beziehungsweise an anderen Standorten. Drücke man im Lift die Fünf, erzählt Gmasz amüsiert, verändere das bei manch Mitfahrendem die Körperspannung.
Nach den ersten Eindrücken auf dem Weg zum Büro von Gouverneur Kocher sieht dieses erfrischend modern aus; links ein Arbeitspult, rechts eine wenig schnörkelige Sofa-Situation. Der Gouverneur bringt an diesem heißen Sommertag selbst Wasser an den Tisch – „prickelnd oder still?“, fragt er. Der gebürtige Salzburger ist seit 1. September 2025 Gouverneur der OeNB, bestellt für sechs Jahre. Zuvor machte der studierte Verhaltensökonom Stationen in München, Amsterdam, Göteborg, Brisbane, Norwich und Innsbruck; ab 2016 war er wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Höhere Studien (eines der zwei renommiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes) und gleichzeitig Professor an der Universität Wien. Ab Januar 2021 war Kocher Arbeitsminister (parteilos, aber bestellt von der ÖVP) – ab 2022 dann, als das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium zusammengelegt wurden, verantwortete er beide Ämter. „Für einen Volkswirt gehört eine Notenbank wohl zu den spannendsten beruflichen Stationen. Die Aufgabe habe ich vor 10, 15 Jahren ehrlich gesagt auch schon interessant gefunden“, sagt Kocher über seine Bewerbung.
Jetzt hat er diesen Job. Er verantwortet damit nicht nur eine Bilanzsumme von mehr als 250 Mrd. €, sondern auch über 1.140 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente). Wie in den Jahren zuvor erzielte die OeNB auch 2025 ein negatives Geschäftsergebnis (von rund 1 Mrd. €), was Kocher im Geschäftsbericht mit dem „Zinsergebnis der gemeinsamen Zinspolitik“ begründet. Knapp erklärt bedeutet das, dass die Zinszahlungen an österreichische Kreditinstitute, die bei der OeNB Einlagen machen, mehr gekostet haben, als die Erträge von Wertpapieren eingebracht haben, die die OeNB zuvor gekauft hat.
Als Teil des EZB-Rats kann Kocher außerdem die Geldpolitik im Euroraum mitgestalten. Alle sechs Wochen entscheidet das Gremium über die Geldpolitik und kommt darüber hinaus regelmäßig zu weiteren Sitzungen zusammen. Die meisten Entscheidungen fallen einstimmig oder nahezu einstimmig, sagt Kocher. „Das kostet Zeit. Aber die Entscheidung, die am Schluss rauskommt, ist so wichtig, dass man sich die Zeit für die notwendige Diskussion nehmen sollte.“ Die OeNB ist dafür verantwortlich, diese Entscheidungen nach Österreich zu tragen. Außerdem erhebt die Nationalbank Daten zur Finanz- und Wirtschaftslage, modelliert Policy-Szenarien und kontrolliert Österreichs Geschäftsbanken.
Im Nachhinein betrachtet stellt sich der Zeitpunkt des Amtsantritts Kochers wie eine Art Ruhe vor dem Sturm dar. Im September 2025 lag die Inflation im Euroraum exakt beim Zielwert von 2 % – und Eurostat-Prognosen sahen sie dort bleiben (auch wenn die Inflation in Österreich mit 4,1 % weit darüber lag). Es sollte anders kommen: Der Krieg im Nahen Osten hat besonders die Energiepreise nach oben getrieben, und die EZB hat am 17. Juni 2026 die Leitzinsen erstmals seit September 2023 angehoben. Im Juli 2026 lag die Teuerung im Euroraum laut Eurostat-Schnellschätzung bei 2,9 %. Für Österreich erwartet die OeNB im Gesamtjahr 3,2 %. Hinzu kommen Handelskonflikte mit den USA unter Präsident Donald Trump, der die seit Ende des Zweiten Weltkriegs gelebte „Rules-based World Order“ und somit auch die transatlantischen Beziehungen verändert hat.
Kocher kommentiert die Situation gelassen und verweist auf mehrere globale Ereignisse, die man bereits überstanden habe: „Mir war klar: Sechs Jahre lang wird es nicht so ruhig bleiben können. So lange werden wir aufgrund exogener Faktoren nicht durchgehend beim EZB-Zielwert von 2 % sein können.“ Man könne nie alle Szenarien am Tisch haben, also brauche es Institutionen, die flexibel reagieren. „Die wenigsten Menschen mögen Unsicherheit“, sagt Kocher – „darum gibt es schließlich in vielen Bereichen Versicherungen.“ Eine Hauptaufgabe der Politik – und damit auch der Geldpolitik – sei es, jenen Teil der Unsicherheit zu reduzieren, den man mitbestimmen kann.
Dennoch: Ein Zentralbanker wünscht sich möglichst ruhige Wasser. Wie also denkt er, die österreichische und europäische Geldpolitik durch solche Episoden zu navigieren? Und welche Pläne – von der Modernisierung der OeNB bis hin zur Vorbereitung der Einführung des digitalen Euros – hat Kocher für die Nationalbank?
Was er mit seinem Haus vorhat, steht seit Mai 2026 auf Papier: „Bewährtes stärken, Zukunft gestalten“ lautet die Strategie des neuen Direktoriums bis Ende 2028. Fünf Leuchtturmprojekte stehen darin: Die volkswirtschaftliche Expertise soll sichtbarer werden, der digitale Euro vorbereitet, KI intern eingesetzt, die österreichische Perspektive im Eurosystem lauter vertreten und die Nationalbank selbst geöffnet werden. Die OeNB hat laut ihrem Gouverneur die zweitgrößte Statistikabteilung Österreichs, ihre Volkswirte würden Policy-Szenarien binnen Tagen durchrechnen. „Teile unserer Daten und Analysen waren bisher ein vergrabener Schatz, den außerhalb kaum jemand genutzt hat. Wir versuchen, das jetzt noch viel stärker in die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt Kocher.
Im Februar 2026 erschien Kochers Buch „Gemeinsam stark“, das er gemeinsam mit Matthias Sutter, ebenfalls gelernter Verhaltensökonom, geschrieben hat. Die These: Kooperation und Vertrauen sind der Schlüssel zum Erfolg – in Wirtschaft, Politik und Arbeitsleben. Das ist nicht gerade das Muster, das die internationale Handelspolitik derzeit prägt. „Vieles, was unseren Wohlstand im Westen definiert hat, ist durch Vertrauen und Kooperation zustande gekommen. Und internationaler Handel ist nichts anderes als die Folge internationaler Arbeitsteilung“, sagt Kocher. Dass sich nicht immer alle an die Regeln halten, müsse ein System aushalten – Kooperation selbst sieht er dadurch nicht infrage gestellt: „Ich glaube nicht, dass die amerikanische Administration gar nicht auf Kooperation baut. Es ist nur ein ganz anderer Zugang, ein viel stärker transaktionaler Zugang.“
Kocher nimmt das hohe US-Handelsdefizit mit der EU zur Kenntnis (vor Trumps Amtsantritt betrug dieses im Warenhandel 235,6 Mrd. US-$; bei den Dienstleistungen erzielten die USA einen Überschuss von 88,6 Mrd. US-$). Nicht alle Rezepte der US-Regierung hält er für richtig, auch wenn er Verständnis dafür zeigt: „Das Handelsdefizit kann man ökonomisch erklären und bewerten. Aber die Deindustrialisierung in gewissen US-amerikanischen Bundesstaaten ist dort ein soziales Problem. Wenn man durch die Bundesstaaten fährt, die von dieser Deindustrialisierung besonders betroffen waren, versteht man diese Einstellung ein bisschen besser.“ Darüber, ob sich die US-EU-Beziehungen nach Trumps Amtszeit wieder so gut herstellen lassen werden, wie sie in der Zeit vor Trump waren, möchte Kocher nicht spekulieren.
Was ihn mehr beschäftigt, ist das schwache Wirtschaftswachstum auf dieser Seite des Atlantiks. 2025 legte die Wirtschaft im Euroraum der EU um 1,4 % zu, Österreich lag mit 1,8 % noch einmal ein gutes Stück dahinter. „Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der wenigen starken KI-Unternehmen, die Europa hervorbringt, in die USA abwandern“, sagt Kocher – dort könnten Start-ups besser skalieren, aufgrund des großen Markts und des vielen Kapitals. Um in Europa Ähnliches zu sehen, müssten die einzelnen Staaten der EU besser miteinander integriert sein, so Kocher. Der Notenbanker in ihm wünscht sich eine Kapitalmarktunion, aber er spricht auch von besser integrierten Arbeitsmärkten und besser abgestimmten Gesetzgebungen: „Alles, was die Handelsbarrieren zwischen den europäischen Staaten reduziert, muss gemacht werden.“
Wie eine engere Integration der EU-Staaten aussehen könnte, erklärt er anhand des Euros. Gestartet wurde 1999 mit elf Staaten; seit 2026 verwenden 21 Länder die Währung. Der Schengen-Raum ist ähnlich stückweise gewachsen: 1995 mit sieben Staaten gestartet umfasst er heute 29 Länder. „Wenn man gewartet hätte, bis alle Mitgliedstaaten das machen wollten, wäre es wohl nicht dazu gekommen“, so Kocher weiter.
Zu versuchen, den KI-Vorsprung der USA und Chinas aufzuholen, wäre „vermessen“, sagt er – zu groß sei der Rückstand. Aber es komme ein nächster technologischer Schub („Quantentechnologie zum Beispiel“), und Europa müsse bis dahin in der Lage sein, diesen zu nutzen.
Das größte Projekt in Kochers Amtszeit ist jedoch die Einführung des digitalen Euros. Kocher nennt es „das größte Projekt der EZB seit der Einführung des Euro“; also so ziemlich, seit es die Zentralbank gibt. Trotz Kochers Glauben an ein System, das auf Vertrauen basiert, nennt er als großen Grund für die Einführung des digitalen Euro die Abhängigkeit der Eurozone von US-amerikanischen Zahlungssystemen. Laut OeNB-Zahlungsmittelumfrage 2025 laufen zwei Drittel der elektronischen Zahlungen in Europa über US-Anbieter, und 13 von 21 Euroraum-Ländern sind im Handel vollständig auf nicht europäische Zahlungssysteme angewiesen – unter ihnen Österreich. „Das wissen viele gar nicht, weil sie glauben, ihre Kredit- oder Bankomatkarte läuft über ihre Bank“, sagt Kocher. „Das stimmt natürlich – aber im Hintergrund ist es in Österreich immer ein amerikanisches Unternehmen, das den Zahlungsverkehr abwickelt.“
Gegner von digitalen Zentralbankwährungen argumentieren, dass das ein erster Schritt in eine bargeldlose Welt sei, in der Staaten die Möglichkeit hätten, einzelne Menschen oder Gruppen vom (nur noch digitalen und – im Gegensatz zu vielen Kryptowährungen – zentral kontrollierten) Zahlungssystem auszuschließen. Das ist mit Bargeld nicht möglich. EU-weit zählen die Österreicher zu jenen Bevölkerungen, die Bargeld besonders lieben: 62 % aller Zahlungen am „Point of Sale“, also an der Kassa oder in Restaurants, erledigen die Österreicher laut EZB-Studie „SPACE 2024“ bar, im Euroraum-Schnitt sind es 52 %. (In vorangegangenen „SPACE“-Umfragen waren beide Anteile noch höher). 38 % der Befragten sagen hierzulande, sie zahlen am liebsten bar – das sind fast doppelt so viele Menschen wie im Euroraum-Schnitt (22 %).
Kocher widerspricht dem Argument, dass der digitale Euro eines Tages von repressiven Staaten missbraucht werden könnte: „Bargeld wird es immer geben.“ Ohnehin zeigen die Zahlen, dass Österreich noch weit von einer bargeldlosen Welt entfernt ist. Der Gouverneur betont auch, dass das Ziel ist, Europäern die Wahl zwischen den unterschiedlichen Zahlungssystemen (inklusive Bargeld) zu lassen.
Die Arbeit für den digitalen Euro hat jedenfalls schon längst begonnen. Als eine von sechs Notenbanken – neben jenen Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens und Litauens – hat die OeNB die Pilotphase des digitalen Euro mit vorbereitet; vor allem in IT und Risikoabschätzung, so Kocher. Sobald die EU-Politik grünes Licht gibt, folgen Ausschreibungen der EZB, um die digitale Infrastruktur zu bauen, sagt er. Der Gouverneur hofft, dass hier europäische Unternehmen zum Zug kommen. Ausgabereif soll der digitale Euro 2029 sein.
Gefragt, wie er ein Buch betiteln würde, das er heute – nach knapp einem Jahr im Amt des OeNB-Gouverneurs – schreiben würde, überlegt Kocher einen Moment. „Das Buch, das wir geschrieben haben (das vorhin erwähnte „Gemeinsam stark“; Anm.), spielt auch für Notenbanken eine größere Rolle, als ich dachte. Das zentrale Thema für vieles, was wir tun, ist nach wie vor Vertrauen.“ Es müsse der Leitgedanke in allem, was Notenbanken machen, sein, „dieses Vertrauen zu verteidigen und dieses Vertrauen auch zu rechtfertigen“. Dann lacht der Gouverneur: „Ich weiß, das ist kein knackiger Titel. Momentan wäre aber ohnehin nur sehr wenig Zeit zum Schreiben da.“
Fotos: Gianmaria Gava