Vier Pfoten für die Republik

Sie springen mit dem Fallschirm, erschnüffeln Sprengstoff und stehen Wache für hohe Staatsgäste: Österreichs Militär­hunde sind hoch spezialisierte Einsatzkräfte. In Kaisersteinbruch bildet das Bundesheer die rund 140 Teams aus Mensch und Hund aus, die aktuell im Einsatz stehen – das Ausbildungszentrum zählt weltweit zur Elite.

Wer glaubt, Militärhunde wären für das Bundesheer
vor allem für nette PR-Bilder da, unterschätzt die Sache: In Kaisersteinbruch, einem 250-Seelen-Ort im Burgenland, nahe der niederösterreichischen Grenze, läuft ein Betrieb, der international seinesgleichen sucht – das Mili­tärhundezentrum des österreichischen Bundesheers. Die Einrichtung ist das einzige Zucht-, Aufzucht- und Ausbildungszentrum für Militärhunde im Land, weltgrößter Rottweiler-Züchter (mit rund 1.800 gezüchteten Tieren seit Bestehen) und, wie man beim Besuch von Forbes ohne falsche Bescheidenheit festhält, „weltweit im oberen Bereich anzusiedeln“. Seit dem Jahr 1964 wird hier gezüchtet, trainiert und ausgebildet. 34 Mitarbeiter machen möglich, dass österreichweit rund 140 Hund-Mensch-Teams im Dienst stehen.

Das Einsatzspektrum der österreichischen Militärhunde ist groß. Sie dienen als Wachschutzhunde an Munitionslagern, Fährtenhunde der Militärpolizei und Spezialhunde des Jagdkommandos. Doch es gibt auch Pilotprojekte außerhalb dieser Einsatzbereiche, wie sie etwa während der Pandemie eingeführt wurden: Ein Belgischer Schäferhund wurde darauf trainiert, Covid-19 zu erschnüffeln. Ein Wissenschaftler isolierte das Stoffwechselprodukt des Virus aus mit Atemluft beatmeten Masken, und der Hund wurde darauf konditioniert, ­genau diesen Geruch anzuzeigen – es funktionierte.

„Wir haben für eventuelle zukünftige Bedrohungen in diesem Bereich schon Erfahrungswerte“, sagt der Hundeführer, der für diesen Hund zuständig war und nach wie vor ist. Das Prinzip hinter allen Spür­aufgaben ist dasselbe: Kein Hund wird auf zwei Geruchsträger gleichzeitig trainiert. Entweder Sprengstoff oder Suchtgift – niemals beides. Wer beides antrainiert, weiß am Ende nicht mehr, was der Hund gerade anzeigt. Der Großteil der Militärhunde ist aber sowohl als Spür- als auch als Schutzhund einsetzbar. Immer wieder setzt das Bundes­heer die Hunde auch im Ausland ein; zuletzt war das etwa im Kosovo oder im Tschad der Fall.

Während der Gespräche ist im Hintergrund immer wieder Hunde­gebell zu hören. Obwohl die Militärhunde zweifellos Arbeitstiere sind, verbindet die Hunde­führer und ihre Tiere auch eine Zuneigung, die über eine Arbeits­beziehung hinausgeht. Das spiegelt sich auf dem Gelände wider, wo an den Zwingern Schilder mit Namen wie „Princess“ und „Elfriede“ prangen.

Der Weg zum Militärhundeführer beginnt mit zwei Wochen, die es in sich haben: Die sogenannte Vor­staffelung ist offen für alle – für Zivilpersonen ebenso wie für Soldaten. Bewerber müssen keine Vorerfahrung mit Hunden vorweisen; auch wenn die Liebe zum Tier meist ein Anstoß für die Ausbildung ist, wie die Mitarbeiter des Militärhundezentrums beim Besuch von Forbes erzählen. Unverzichtbar ist hingegen Lernfähigkeit: „Es geht darum, dass wir in den zwei Wochen eine Lernkurve sehen“, so ein Ausbilder. Wer nach 14 Tagen nicht verstanden hat, wie ein Hund funktioniert und wie man ihn führt, scheidet aus. Wer scheitert, darf es nach einer Auszeit und privatem Training aber erneut ver­suchen – vielen gelingt der Einstieg beim zweiten Anlauf.

Wir haben eine sehr hohe präventive Wirkung.

Militärhundeführer

Rund 15 Bewerber pro Jahr durchlaufen das Auswahlverfahren, das auch aus einem psychologischen 24-Stunden-Test für die potenziellen Hundeführer besteht. Wer die Vorstaffelung positiv abschließt, erhält die Befähigung – aber noch keinen Hund. Den gibt es erst mit einem konkreten Posten: bei der Militärpolizei, beim Jagdkommando oder an einem der Munitionslager, die quer durch Österreich von Vertragsbediensteten mit Diensthunden bewacht werden.

Was viele nicht wissen: Der 13-wöchige Aus­bildungs­kurs, den Hundeführer und Hund gemeinsam absolvie­­ren, ist der vorläufige Abschluss eines mehr als ein­jährigen Prozesses. Die Hunde durchlaufen vier Junghundmodule – mit drei, sechs, neun und zwölf Monaten. Ein Hund, der das vierte Modul positiv abschließt, beherrscht Grundkommandos, lässt sich auch unter Druck abrufen und weicht auch dann nicht zurück, wenn ein Scheintäter eine Bedrohung simuliert. Erst dann gilt ein Hund als „militärtauglich“.

Das Matching zwischen Hund und Hundeführer ist dabei keine Zufallssache: „Wir kennen unsere Junghunde, weil sie bei uns zur Welt gekommen sind“, erklärt ein Ausbilder. Aus der Beobachtung während der Vor­staffelung und dem Wissen um den Charakter des jeweiligen Hundes entsteht ein bewusst getroffenes Pairing – etwa eine ruhigere Person mit einem sehr aktiven Hund oder umgekehrt. Wer bereits als Hundeführer gedient hat, hat ein Mitspracherecht bei der Zuordnung.

Im November 2019 wurde ein Vorfall publik, der große Fragen rund um die Hundeausbildung aufwarf: Ein Soldat des Jagdkommandos Wiener Neustadt wurde in der Flugfeld-Kaserne von zwei Diensthunden zu Tode gebissen. Ein Gutachten konnte kein strafrechtlich rele­vantes Verschulden von Ausbildern und Vorgesetzten feststellen. Somit wurde das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt über ein Jahr nach dem Vorfall eingestellt. Bis heute konnte die Ursache des Hunde­angriffs nicht eindeutig geklärt werden.

Zu diesem Fall will man beim Forbes-­Besuch keine Aussage treffen. Doch wie oft beißen Militärhunde zu? Selten bis gar nicht, so die Ausbilder des Militärhunde­zentrums. „Wir haben eine sehr hohe präventive Wirkung“, so ein Hundeführer. Ein 50 Kilogramm schwerer Rottweiler, der beim Zaundienst mitläuft, sei das stärkste Argument gegen unbefugtes Betreten – ganz ohne Biss. Tatsächlich ist der Einsatz des Hundes als Waffe streng geregelt: Das Tier darf nie selbstständig beißen. Es stellt die Person, verbellt sie – und wartet auf den Hunde­führer, der die Situation übernimmt. Nur wenn Hund oder Hundeführer aktiv angegriffen werden, kommt der Biss als „nicht tödlicher Waffengebrauch“ zum Einsatz.

Meine Waffe, meinen Kugelschreiber, meinen Laptop kann ich auf die Seite legen. Den Hund habe ich 24/7 bei mir.

Militärhundeführer

Was den Beruf des Militärhundeführers fundamental von jedem anderen Soldatenberuf unterscheidet, bringt ein Hundeführer auf den Punkt: „Meine Waffe, meinen Kugelschreiber, meinen Laptop kann ich auf die Seite legen – den Hund habe ich 24/7 bei mir.“ Nach der Ausbildung lebt der Hund permanent im Haushalt des Hundeführers. Die Hundezulage, die es dafür gibt, wiegt das nicht auf; das geben alle Befragten offen zu. Wer sich dafür entscheidet, Hunde­führer zu werden, tue das meist aus idealistischen Beweggründen – und geht dafür eine Bindung mit seinem Tier ein, die enger ist als jede andere im Dienst. „Eigentlich verbringst du die doppelte Zeit mit dem Hund, verglichen mit der Zeit mit allen anderen Kollegen“, sagt einer der Hundeführer im Gespräch mit Forbes. Spätestens mit zehn Jahren gehen die Hunde in Pension – bei Krankheit oder Wesens­veränderung früher. Alle Hunde-Teams in Österreich werden einmal jährlich kommissionell geprüft.

Wer keinen Dienst mehr tun kann, bleibt trotzdem meist in der Familie. Der erste Labrador der Hundeführerin, die Forbes über das Gelände führt, ist heute 14 Jahre alt und längst Rentner. Mittlerweile ist ein zweiter Hund Teil der Familie, er steckt noch mitten in der Ausbildung. Wie darf man sich einen Haushalt vorstellen, in dem Mensch und Militärhund zusammenleben? Überraschend gewöhnlich: „Die Hunde schlafen auch mal im Bett!“, sagt die Hundeführerin und lacht …

Fotos: Gianmaria Gava

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