Vom Ballett zur jüngsten Selfmade-Milliardärin

Als die US-amerikanische Plattform Kalshi Ende 2025 in einer Finanzierungsrunde mit 11 Mrd. US-$ bewertet wurde, wurden ihre beiden Gründer zu Milliardären; Gründerin Luana Lopes Lara gar zur jüngsten Selfmade-­Milliardärin der Welt. Mittlerweile weisen das Start-up, das auch prominent bei der Fifa-Fußball-WM ­geworben hat, und seine Gründer schon doppelt so viel Wert auf.

Luana Lopes Lara schloss ihr Informatikstudium am Massachusetts Institute of Technology ab, arbeitete während der Sommerferien für Ray Dalios Bridge­water Associates und Ken Griffins Citadel Securities und baute binnen acht Jahren ein Start-up mit einem Wert von 22 Mrd. US-$ (18,82 Mrd. €) auf. Dennoch bezeichnet die gebürtige Brasilianerin ihre Schulzeit als die „intensivsten Jahre ihres Lebens“: Ihre Ballettlehrer an der Bolschoi-Theaterschule in Brasilien hielten brennende Ziga­retten unter ihren Oberschenkel, während sie ein Bein bis zum Ohr streckte; ein Test, um zu ­sehen, wie lange sie das Bein oben halten konnte, ohne sich zu verbrennen – und Tanzkollegen versteckten Glasscherben in den Schuhen ihrer Mitschüler, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das Programm verlangte von Lopes Lara, von 7 Uhr morgens bis mittags den Schulunterricht zu besuchen, bevor sie von 13 Uhr bis 21 Uhr Ballett­unterricht nahm.

Doch ihre Gedanken kreisten stets um größere Ziele: Sie wollte „die nächste Steve Jobs“ werden. Teilweise inspiriert von ihrer Mutter, einer Mathematiklehrerin, und ihrem Vater, einem Elektroingenieur, lernte Lopes Lara bis tief in die Nacht für akademische Wettbewerbe. Sie gewann Gold bei der brasilianischen Astronomie-Olympiade und Bronze bei der Mathematik-Olympiade von Santa Catarina. Nach ihrem Schulabschluß trat sie neun Monate lang als professionelle Balletttänzerin in Österreich auf, bevor sie ihre Ballettschuhe an den Nagel hängte, um am MIT zu studieren und ihre Ziele in Amerika zu verwirklichen.

Letzten Dezember, im Alter von 29 Jahren, stieg ­Lopes Lara zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt auf und stieß damit die 31-jährige Scale-AI-Mit­begründerin Lucy Guo vom Thron, die den Titel im April 2025 von Taylor Swift übernommen hatte. Lopes Lara und ihr Mitbegründer Tarek Mansour ­schafften beide den Sprung in den „Three-Comma-Club“, nachdem ihr Prognosemarkt-Unternehmen Kalshi im Dezember 2025 1 Mrd. US-$ bei einer Bewertung von 11 Mrd. US-$ eingesammelt hatte. Die auf Kryptowährungen spezialisierte Risikokapitalfirma Paradigm führte die Anfang Dezember bekannt gegebene Kalshi-Finanzierungsrunde an, an der unter anderem die ­Investoren Sequoia Capital, Andreessen Horowitz und Y Combinator beteiligt waren.

Das Unternehmen, das es Nutzern ermöglicht, auf den Ausgang zukünftiger Ereignisse (etwa Wahlen, Sportwettkämpfe und Ereignisse der Popkultur) zu wetten, war nach einer Finanzierungsrunde von 300 Mio. US-$ im Oktober 2025 mit 5 Mrd. US-$ bewertet worden; und mit 2 Mrd. US-$, nachdem es im Juni 2025 185 Mio. US-$ eingesammelt hatte. Die Bewertung von Kalshi hat sich in weniger als sechs Monaten verfünffacht – und das Vermögen der jungen Gründer, die jeweils schätzungsweise 12 % des Unternehmens besitzen, auf jeweils 1,3 Mrd. US-$ gesteigert. Nach einer Finanzierungsrunde im Mai 2026 in Höhe von 1 Mrd. US-$ stieg die Bewertung auf 22 Mrd. US-$ – und das Vermögen der beiden Gründer auf je 2,6 Mrd. US-$.

„Es gibt viele andere, die jetzt ein Stück von diesem Geschäft abbekommen wollen, nachdem Kalshi gezeigt hat, wie groß es ist“, sagt Ali Partovi, CEO des Risikokapitalfonds Neo, der als Seed-Investor bei Kalshi beteiligt war. Zwischen Juli und November 2025 hat sich das nominale Handelsvolumen auf Kalshi laut eigenen Angaben verachtfacht; in der Woche ab 29. Juni 2026 erreichte es im Zuge der Fifa-Fußball-WM laut Token Terminal mit über 11 Mrd. US-$ seinen Höhepunkt. Das nominale Handelsvolumen beim Hauptkonkurrenten Polymarket, der in einer Finanzierungsrunde im April mit rund 15 Mrd. US-$ bewertet wurde, lag in dieser Woche bei rund 2,9 Mrd. US-$.

Lopes Lara und Mansour, der im Libanon aufgewachsen ist, lernten sich am MIT kennen, wo sie zum selben Freundeskreis internationaler Studenten gehörten und ähnliche Kurse belegten; beide studierten Informatik. Mansour, der den Libanon-Konflikt 2007 miterlebte und sich während der Vorbereitung auf die SATs (US-Studierfähigkeitstests) selbst Englisch beibrachte, erinnert sich daran, wie Lopes Lara in den Vorlesungen immer in der ersten Reihe saß – die beiden kamen einander näher, nachdem er begann, im Unterricht neben ihr zu sitzen, um von ihr zu lernen; und ihre Freundschaft vertiefte sich noch weiter, als beide 2018 Praktika bei Five Rings Capital in New York City erhielten. Eines Abends, auf dem Weg zurück zu ihren Praktikantenwohnungen im Financial District, kam ihnen die Idee für ein Unternehmen im Bereich Prognosemärkte. „Wir stellten fest, dass der Großteil des Handels stattfindet, wenn Menschen eine bestimmte Einschätzung der Zukunft haben und dann versuchen, einen Weg zu finden, diese in die Märkte einzubringen“, erklärte Lopes Lara in einem früheren Interview mit Forbes. Händler würden externe Ereignisse – wie das Ergebnis einer Wahl oder die Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe – in ihre Investitionsentscheidungen einbeziehen, fügte sie hinzu.

In der Überzeugung, dass es einen Weg geben müsse, direkt mit der Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu handeln, anstatt indirekt über traditionelle Finanzmärkte, bewarben sich Lopes Lara und Mansour beim Start-up-Accelerator Y Combinator und wurden 2019 aufgenommen. Doch die Rechtmäßigkeit von Prognose­märkten war unklar, und die beiden Gründer standen bald vor einem harten Kampf. Michael ­Seibel, Partner Emeritus bei Y Combinator, erinnert sich an die Anfänge der Zusammenarbeit mit den beiden: Als ihnen klar wurde, dass sie eine Genehmigung der Bundesbehörden benötigten, um Prognosemärkte legal betreiben zu können, wandten sich die beiden an über 40 Anwaltskanzleien – doch keine war bereit zu helfen, weil die Gründer zu jung waren und ihr Unternehmen für zu klein eingeschätzt wurde.

„Direkt nach dem Studium gingen wir ein wahn­sinniges Risiko ein. Es waren zwei Jahre ohne ein einziges Produkt – nichts wurde auf den Markt gebracht –, und wenn wir keine behördliche Genehmigung erhalten hätten, wäre das Unternehmen einfach auf null gesunken“, erinnert sich Lopes Lara, die während der Pan­demie von London aus versuchte, das Unternehmen aufzubauen, während Mansour zu Hause in Beirut war. (Er war vor Ort, als es im August 2020 zu der verheeren­den Explosion im Hafen der Stadt kam, bei der über 200 Menschen ums Leben kamen, und verbrachte Wochen damit, nachts an Kalshi zu arbeiten und tagsüber bei den Aufräumarbeiten in seiner Nachbarschaft sowie bei der Suche nach Überlebenden zu helfen.)

Wir wollten die Dinge wirklich richtig machen, denn unsere Vision war es, die größte Finanzbörse der Welt aufzubauen. Das legal zu tun war etwas, bei dem wir ­keine Kompromisse eingehen konnten.

Luana Lopes Lara

Am Ende brauchte es nur einen Anwalt, der ihnen zustimmte: Jeff Bandman, der zuvor für die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) gearbeitet hatte, half den Gründern dabei, den Antrag auf Bundes­genehmigung zu bearbeiten und sich mit den Aufsichtsbehörden auseinanderzusetzen, als diese Widerstand leisteten. Im November 2020 erhielt Kalshi schließlich die Genehmigung der CFTC, als „Designated Contract Market“ (DCM) zu agieren, wodurch ihre Prognosemärkte als eine Art Derivat eingestuft wurden; sogenannte „Events Contracts“.

Die Genehmigung hob sie gegenüber dem Wett­bewerb heraus. Das im März 2020 gegründete Unternehmen Polymarket, das auf der Blockchain-Techno­logie basiert, unterlag keiner Bundesaufsicht und wurde 2022 von der CFTC mit einer Geldstrafe von 1,4 Mio. US-$ belegt, weil es nicht registrierte Märkte betrieben hatte. Im selben Jahr wurden die Kalshi-Gründer in die Forbes 30 Under 30-Liste aufgenommen.

All das verschaffte Kalshi einen Vorteil – für eine gewisse Zeit: Polymarket erhielt vergangenen September die Genehmigung für den Start in den USA. Gründer Shayne Coplan wurde im Oktober dank einer Inves­tition in Höhe von 2 Mrd. US-$ durch die Mutter­gesellschaft der New Yorker Börse im Alter von 27 Jahren zu einem der jüngsten Milliardäre des Landes.

Der Kampf mit den Aufsichtsbehörden war für Kalshi Ende 2020 aber noch nicht beendet. Es war Lopes Lara, die Ende 2023 auf die Idee kam, die CFTC zu verklagen, als die Aufsichtsbehörden Kalshis Kontrakte rund um Investitionen zur US-Präsidentschaftswahl 2024 mit der Begründung ablehnten, sie kämen dem Glücksspiel gleich. „Alle anderen Investoren des Unternehmens sagten, das sei eine schreckliche Idee“, erinnert sich Partovi – doch das Gründerduo machte es trotzdem.

Im September 2024 entschied ein Richter eines Bezirksgerichts zugunsten von Kalshi, und das Unternehmen schrieb Geschichte: Es bot die ersten legalen Wahlkontrakte in den USA seit über einem Jahrhundert an. „Wir wollten die Dinge wirklich richtig machen, denn unsere Vision war es, die größte Finanzbörse der Welt aufzubauen“, sagt Lopes Lara. „Das legal zu tun war etwas, bei dem wir keine Kompromisse eingehen konnten.“ Im Vorfeld der Wahl setzten Kalshi-Nutzer mehr als 500 Mio. US-$ auf die Kandidaten und sagten den Sieg von Präsident Donald Trump korrekt voraus. (Polymarket-Nutzer setzten insgesamt 3,6 Mrd. US-$ auf die Präsidentschaftswahl und sagten das Ergebnis ebenfalls korrekt voraus.)

„Es gibt kaum eine bessere Schule dafür, ein Nein zu hören und trotzdem weiterzumachen, als eine professionelle Balletttänzerin zu sein – eine Verletzung oder sogar nur eine kurze Pause könnte sofort den Verlust des Platzes auf der Bühne bedeuten“, sagt Alex Immerman, Partner bei „a16z“. „Luana hat schon früh gelernt, Beharrlichkeit mit Anmut zu verbinden – und diese gleiche ruhige Zuversicht hat sie in den Aufbau von Kalshi mitgebracht.“

Es gab anfänglich Zweifel, ob das Unternehmen die Dynamik nach der Präsidentschaftswahl aufrecht­erhalten könne. Doch das wöchentliche Handels­volumen lag seit Beginn dieses Jahres immer über 2 Mrd. US-$. Seit der Präsidentschaftswahl hat Kalshi außerdem Integrationen mit Brokerplattformen wie ­Robinhood und Webull vorgenommen und Partnerschaften mit Unternehmen geschlossen, die von der National Hockey League über den Online-Marktplatz Stock X bis hin zu Google Finance reichen. Donald Trump jr. trat im Januar 2025 dem Beirat von Kalshi bei; im September trat er auch dem Beirat von Poly­market bei.

Das Unternehmen hat auch in den Kryptobereich ­investiert, um mit Polymarket zu konkurrieren, und seine Märkte im Dezember auf die Blockchain-Plattform Solana ausgeweitet. Doch mit Stand Mai 2026 stammen 70 % des Volumens aus dem Sportbereich, weshalb einige US-Bundesstaaten zunehmend Druck ausüben und rechtliche Schritte gegen Kalshis Sport­kontrakte eingeleitet haben, die auf Bundesebene reguliert werden. Diese sollten ihrer Ansicht nach auf Landesebene reguliert und besteuert werden, wie Glücksspiel.

Dennoch sind die Investoren von Kalshi – die ­ge­sehen haben, wie das Unternehmen vergangene regulatorische Hürden erfolgreich überwunden hat, die einst unüberwindbar schienen – weiterhin zuversichtlich, dass die Gründer ihren Kurs durchsetzen können. Seibel, der im Lauf seiner Karriere in mehr als tausend Unternehmen investiert hat, sagte letztes Jahr: „Ich weiß nicht, ob wir jemals ein Unternehmen finanziert haben, das so viel Potenzial hat, die Welt zu verändern, wie dieses.“

Text: Alicia Park / Forbes US
Fotos: Forbes US, Getty Images / Bloomberg

Forbes Editors

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.