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Karen Carter begann ihre Karriere 1994 als Praktikantin bei Dow. 32 Jahre später führt sie den US-Chemiekonzern. Ihr Aufstieg ist außergewöhnlich – und zeigt zugleich, wie Frauen in den Chefetagen der Fortune-500-Unternehmen an Einfluss gewinnen.
Seit dem 1. Juli steht Karen Carter an der Spitze von Dow. Sie ist die erste Frau in der 129-jährigen Geschichte des Konzerns und zugleich die erste Schwarze Frau, die einen großen US-Chemiekonzern führt. Carter gehört damit zu lediglich sieben Schwarzen Frauen, die bislang ein Fortune-500-Unternehmen geleitet haben.
Ihr Weg in die oberste Führungsebene begann 1994 mit einem Praktikum. Danach arbeitete sie sich über mehr als drei Jahrzehnte durch unterschiedliche Bereiche des Unternehmens. Statt der klassischen Route über die Finanzabteilung und die Verantwortung für eine eigene Gewinn-und-Verlust-Rechnung sammelte Carter Erfahrung im Personalwesen, in der Inklusionsarbeit und im Kunststoffgeschäft des Konzerns. Ihre Laufbahn verlief damit weder geradlinig noch nach einem traditionellen Karriereplan für angehende CEOs.
Gerade darin liegt jedoch ein Muster. Eine Auswertung von Daten von Catalyst und Fortune zeigt, dass bisher nur rund 130 Frauen an der Spitze eines Fortune-500-Unternehmens standen. Elf von ihnen begannen bereits am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn bei jenem Konzern, den sie später als CEO führen sollten – und blieben dem Unternehmen über Jahrzehnte treu. Das entspricht rund 8 % aller Frauen, die jemals eine solche Position erreicht haben.
Zu dieser Gruppe zählt auch Mary Barra. Sie begann 1980 im Alter von 18 Jahren als Werkstudentin am Fließband von General Motors und übernahm 2014 die Konzernführung. Tricia Griffith startete 1988 als Schadensachbearbeiterin bei Progressive. Kathleen Mazzarella war 19 Jahre alt und hatte keinen Hochschulabschluss, als sie im Kundenservice von Graybar Electric zu arbeiten begann. Heute führt sie das Unternehmen. Corie Barry wiederum kam 1999 als Finanzanalystin zu Best Buy und wurde 20 Jahre später zur CEO ernannt.
Diese Karrieren zeigen, wie selten Frauen Führungsmacht von außen übertragen wird. Während männliche Manager häufiger mit bereits aufgebauter Reputation und einem hochrangigen Titel zu einem neuen Unternehmen wechseln, führt der Weg von Frauen in die oberste Etage vergleichsweise oft über interne Beförderungen. In den vergangenen zehn Jahren wurde die Mehrheit der Frauen, die eine Fortune-500-Firma übernahmen, aus den eigenen Reihen berufen. Allein innerhalb des vergangenen Jahres entschieden sich Newmont, Textron, Murphy USA, DTE Energy und Dow für interne Kandidatinnen.
Der lange Aufstieg ist allerdings nicht nur Ausdruck von Loyalität. Er verweist auch auf strukturelle Hindernisse, mit denen Frauen während ihrer Karriere konfrontiert sind. Auf der Einstiegsebene verfügen laut den im Forbes-Artikel angeführten Daten lediglich 31 % der Frauen über einen Sponsor innerhalb des Unternehmens. Bei Männern liegt der Anteil bei 45 %. Beschäftigte mit einer solchen einflussreichen Unterstützung werden doppelt so häufig befördert.
Weitere Nachteile kommen hinzu. Bei der Bewertung identischer Lebensläufe wurden Mütter als weniger kompetent eingeschätzt als kinderlose Frauen. Zudem lagen die empfohlenen Einstiegsgehälter für sie im Durchschnitt rund 11.000 US-$ niedriger. Verhaltensweisen wie Durchsetzungsstärke, die bei Männern häufig positiv bewertet werden, können bei Frauen zugleich negative Reaktionen auslösen.
Dass Carter und die anderen Frauen dieser Gruppe solche Hürden über 20 oder 30 Jahre hinweg überwinden konnten, verdeutlicht die Anforderungen, die an ihren Aufstieg gestellt wurden. Sie mussten eine Erfolgsbilanz aufbauen, die so umfassend war, dass sie bei der Nachfolgeplanung nicht mehr übergangen werden konnten.
Daraus entsteht eine eigene Form von Autorität. Wer jede Stufe innerhalb eines Unternehmens durchlaufen hat, kennt dessen Abläufe, Machtstrukturen und operative Realität aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese Führungskraft braucht den CEO-Titel nicht, um innerhalb der Organisation Glaubwürdigkeit aufzubauen – sie hat sie sich bereits über Jahrzehnte erarbeitet.
Karen Carters Karriere ist deshalb nicht nur die Geschichte einer Praktikantin, die es an die Konzernspitze geschafft hat. Sie zeigt auch, wie Frauen in den größten Unternehmen der USA Macht erlangen: selten durch einen schnellen Wechsel an die Spitze, sondern über einen langen internen Aufstieg, bei dem Kompetenz immer wieder bewiesen werden muss.
Text: Caroline Fairchild
Foto: corporate.dow.com