Von der Schulbank zur KI-Schmiede

Matthias Neumayer und Dima Rubanov verbindet nicht nur eine gemeinsame Vergangenheit, sondern auch ein unstillbarer Gründergeist: Unter dem Dach von Run Labs haben sie bereits sechs KI-Produkte auf den Markt gebracht. Gerade in einem Start-up-Ökosystem, in dem Partnerschaften häufig am Vertrauen scheitern, zeigen Rubanov und Neumayer, dass Freundschaft ein strategischer Vorteil sein kann.

Matthias Neumayer und Dima Rubanov sind seit Langem ein eingespieltes Duo. Ihr gemeinsamer Weg begann bereits in der Unterstufe mit der Gründung eines Internetforums. „Wir haben schon in der Schule gern miteinander getüftelt, uns nach dem Unterricht ge­troffen, durch Webseiten und Foren geklickt“, erinnert sich Rubanov. Acht Jahre lang saßen sie nebeneinander – eine Basis, die sie bis heute trägt.

Nach der Matura trennten sich ihre Wege zunächst: Rubanov studierte Business Administration und erwarb einen Masterabschluss in Finance, während Neumayer eine Karriere im Rechts- und anschließend im Kreativbereich einschlug. Die gemeinsame Idee, eines Tages zusammen zu gründen, blieb jedoch bestehen: „Wir wussten immer, dass wir etwas gemeinsam machen wollen, aber die Ideen sind einfach liegen geblieben.“ 2022 setzten sie den Plan schließlich um und gründeten Run Labs, ein Wiener Start-up-Studio, das mehrere KI-Produkte parallel entwickelt, testet und skaliert. Das Unternehmen ist bis heute bewusst gebootstrappt und besteht neben den beiden Gründern aus einem kleinen Team von fünf weiteren Mitarbeitenden.

Bereits vor der Gründung experimentierten die beiden mit KI-Modellen und Large Language Models. Ihr erstes größeres Projekt war Oscar Stories, eine Plattform für personalisierte Gutenachtgeschichten. Der Start war vielversprechend, doch schnell merkten die Gründer Schwächen: „Wir haben Gender Bias festgestellt – Frauen wurden oft automatisch in Opferrollen dargestellt. Außerdem war die Sprache nicht auf Kinder angepasst“, so Neumayer. Die Konsequenz war ein eigenes Modell: Mit Lorastral, basierend auf der europäischen LLM-Alternative Mistral, entwickelten sie ein System, das speziell für junge Zielgruppen optimiert ist – sprachlich vereinfacht und mit reduziertem Bias. Daraus entstand später Lora, eine Lern-KI, die Bildung mit personalisiertem Storytelling verbindet. Das Modell wurde vom TÜV zertifiziert und in Zusammenarbeit mit einer Hochschule pädagogisch überprüft.

Wir haben einfach Spaß daran, zu gründen.

Matthias Neumayer

Heute umfasst Run Labs ein Portfolio aus sechs unabhängig betriebenen KI-Produkten, die über ihre Website abrufbar sind. Dazu gehört auch Oscar Money­fox, eine Plattform für Finanzbildung für Kinder, inspiriert von Rubanovs Hintergrund im Finanzbereich. „Ich war geschockt, wie viele in meiner Altersgruppe grundlegende Begriffe nicht verstehen. Finanzbildung wird vererbt. Genau dort muss man ansetzen“, so der Gründer. Das Produkt basiert auf den EU- und OECD-Finanzkompetenz-Richtlinien und ist zudem dyslexiefreundlich gestaltet. Ein weiterer zentraler Bestandteil des Portfolios ist Branding 5, eine KI-gestützte Marketingplattform, die aus Neumayers Expertise entstanden ist. Mittlerweile zählt das Produkt über 5.000 Nutzer, davon mehr als 2.000 zahlende Kunden, und generiert über 50 % des Gesamtumsatzes von Run Labs.

Trotz dieses Erfolgs verfolgen die Gründer bewusst keinen klassischen „One Product“-Ansatz – mehrere Projekte parallel zu entwickeln sei zwar nicht geplant gewesen, aber organisch entstanden. „Wir haben einfach Spaß daran, zu gründen. Außerdem waren wir immer interdisziplinär. Das spiegelt sich auch in Run Labs wider“, sagt Neumayer. Investorendruck würde dieser Arbeitsweise widersprechen – sie bleiben geboot­strappt; zumindest, solange es sinnvoll ist. „Investment gegenüber waren wir immer schon recht konservativ eingestellt. Wir haben uns oft gefragt: Ist Geld wirklich unser Bottleneck?“ Laut den Co-Foundern suchen sich viele Investment, „einfach weil man es macht“ – dann verbrenne man jedoch Kapital, obwohl man eigentlich am Produkt arbeiten sollte, ergänzt Rubanov.

Dass dieses Setup funktioniert, liegt vor allem an ihrer Beziehung. „Wir haben eine extrem starke Basis und ein blindes Vertrauen, das weit über die Firma ­hinausgeht. Ich weiß, dass wir aus jedem Konflikt ­wieder herauskommen“, sagt Neumayer. Ihre unterschiedlichen Arbeitsweisen ergänzen sich dabei ideal: „Dima arbeitet eher mit dem Skalpell, ich mit dem Hackbeil, und das passt gut zusammen“, sagt Neumayer. Entscheidungen, Aufgaben und Gewinne teilen sie ­gemeinsam: „Wir teilen alles 50:50“, so Rubanov.

Über die Jahre hat sich ihr strategischer Ansatz verändert. Ein entscheidender Wendepunkt war der Fokus auf Nutzerfeedback: „Früher haben wir viel zu lange im Elfenbeinturm entwickelt“, schildert Rubanov. „Wir haben Apps für uns selbst gebaut, ohne mit echten Nutzern zu sprechen.“ Heute sei klarer, was funktioniert und was nicht. Ideen sollen möglichst rasch auf den Markt; Nutzerfeedback soll als zentraler Hebel für Produktoptimierung genutzt werden. Die Seriengründer nutzen Wartezeiten auf Nutzerfeedback, sogenannte Downphasen, produktiv. Die Frucht einer solchen Phase ist „Frag Das PDF“ (engl.: Intellipaper): Während der Name selbsterklärend ist, ist die zugrunde liegende Technologie des Projekts weniger offensichtlich. Im Gegensatz zu klassischen KI-Modellen wird mittels RAG-Technologie (Retrieval-Augmented Generation) die Tendenz der KI, zu „halluzinieren“ eingeschränkt. Eine Datenbank von über 200 Millionen wissenschaftlichen Texten soll dabei faktenbasierte Recherche erleichtern. Diese Funktion sei bei Studenten besonders beliebt, die einen Großteil der Nutzerbasis ausmachen.

Hinter vielen ihrer Produkte steckt derselbe Antrieb: komplexe Themen zugänglich zu machen – und gleichzeitig die Freude daran, neue Ideen schnell in funktionierende Produkte zu übersetzen. Projekte wie Lora, Oscar Moneyfox oder Frag Die Partei zielen bewusst auf Bildung und gesellschaftlichen Mehrwert ab; Letzteres basiert auf der Technologie hinter Frag das PDF und ermöglicht es, mit Wahlprogrammen, etwa zu EU- oder Österreich-Wahlen, zu interagieren. Mit Demoplay, einem geförderten Projekt zur Demokratiebildung für Jugendliche, wollen Neumayer und Rubanov und drei weitere Partnerorganisationen diesen Ansatz weiter ausbauen. Demoplay wird von der Forschungsförderungsgesellschaft gefördert und vom Europäischen Parlament sowie vom Forum Alpbach unterstützt. Eine erste Version sei für das Jahr 2027 geplant.

„Am Anfang denkt man, Wachstum ist ein Hockey­stick (Wachstum, für das eine Phase der Stagnation gefolgt von einem steilen Aufstieg charakteristisch ist, Anm.)“, sagt Neumayer. „In Wahrheit ist es ein Zickzack – mit extremen Hochs und Tiefs. Diese Achterbahnfahrt gehört dazu.“ Und er fügt lächelnd hinzu: „Und überhaupt ist der erste Euro, den wir verdient haben, am schönsten gewesen.“

Fotos: Gianmaria Gava

Klara Csongrady

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.