VON LEONARDO DA VINCI BIS STEVE JOBS

Innovation: Von Leonardo Da Vinci bis Steve Jobs

Vor Hunderten Jahren reichte ein einziger genialer Kopf, um die Welt mit einer Erfindung umzuwälzen. Doch Geschwindigkeit und Komplexität von Innovation sind massiv gestiegen. Was bedeutet sie für Unternehmer?

Es gibt einen Weg, es besser zu ­machen – finden Sie ihn!“, ­sagte Thomas Edison, einer der ­größten Erfinder und Inhaber von über 1.000 Patenten. Edison musste wissen, wovon er sprach, immerhin hat er mit der Erfindung der ­Glühbirne ebendiesen besseren Weg – als ­jenen der Öllampe – gefunden. Das Alte wird zerstört, Neues entsteht. Führungskräfte weltweit zerbrechen sich den Kopf darüber, was Innovation für sie selbst heißt und wie sie diese im eigenen Unternehmen anstoßen können. Doch was ist Inno­vation? Warum ist sie so ­wichtig? Und: Wann hat das Innovieren ­begonnen?

Gleiche Bedürfnisse, andere Mittel

Joseph Schumpeter, einer der bedeutendsten Ökonomen seiner Zeit, ging diesen Fragen nach. Seine Definition: „Das Alte auf eine neue Weise tun – das ist Innovation.“ An Gültigkeit hat der Satz bis ­heute nichts verloren, denn die heutigen Bedürfnisse der Menschheit unterscheiden sich kaum von jenen vor zwei Millionen Jahren. Nur die Mittel, mit denen wir sie decken, haben sich verändert. Hat der Mensch im Lauf der Zeit Laute durch ­Sprache, Kritzeleien durch Schrift, Stein­tafeln durch Papier, Briefe durch die ersten Festnetz- und ­dann Mobiltelefone ersetzt, vereinigten sich all ­diese Ersetzungen im 21. Jahrhundert im ersten iPhone, das die vorherigen Erfindungen geschluckt und sich selbst zum neuen Standard ­erhoben hat. Für Linda Yueh, BBC-Chefkorrespondentin für Business, hat Apples iPhone Nokias Niedergang eingeläutet. Viele Indizien sprechen dafür.

Apple überholt Nokia

Nokia hatte eine unhandliche Software, aber eine gute Hardware und war mit weitem Abstand Marktführer bei Mobiltelefonen. Apple (und wenig später Android), erkannte, wie sehr Hardware und Software sich bedingen, um das volle Potenzial des Geräts auszuschöpfen. Was Steve Jobs 2007 mit dem iPhone tat, war im Rückblick gesehen einfach. Ab 2007 ging es für Nokia bergab, für Apple (und Google mit Android) bergauf. Nach Schumpeters Theorie wird die alte Produktkombination durch eine neue ersetzt, welche die Funktionalität der alten mitnimmt und verbessert. Dieses Schema zieht sich wie ein roter Faden durch die Innovationsgeschichte.

Die zehn wichtigsten Erfindungen der Menschheit

Carla Hayden, Chefbibliothekarin der Library of Congress, rankte 2017 die zehn wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Auf der Liste: der Buchdruck, die Glühlampe, das Flugzeug, der PC, der Impfstoff, das Automobil, die Uhr, das Telefon, Kühlungssysteme und die Fotokamera. Das ökonomische Fundament unserer Welt – die indus­tri­elle Revolution des 19. Jahrhunderts – stammt aus England. Warum gerade von dort? Der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr macht sieben Faktoren dafür ausfindig: Geografie, internationaler Handel, technologische Kreativität, soziale Institutionen, liberale Politik, wirtschaftliche Ausrichtung nach Angebot und Nachfrage und eine ausgeprägte Wissenschaftskultur. Betrug die ländliche Bevölkerung in England vor 1900 noch 75 Prozent, waren es kurz danach nur noch 35 Prozent. Der Wechsel vom manuellen zum vollmechanischen Webstuhl war der erste Dominostein industrieller Fertigung. Laut dem britischen Historiker Eric Hobsbawm wurden zwischen 1800 und 1875 156 Patente alleine im Bereich der Baumwollspinnerei angemeldet. Die Baumwollverarbeitung wurde so mit 40 bis 50 Prozent Anteil am ­gesamten Gesamtvolumen zur britischen Kernindustrie.

Erschwerter Innovationsprozess

Der Entstehungsprozess von Innovation ist seither jedoch schwieriger geworden. Da ­Vinci brauchte für seine hölzerne Flugschraube eine Idee, ein physikalisches Verständnis, einen ­Bauplan und Einzelteile. Er konnte sie ­alleine mit ein paar Mitarbeitern fertigen. Das heutige Flugzeug neu erfinden könnte er dank der verflochtenen Vielzahl der benötigten Bauteile und tiefer gehenden Kenntnisse auf allen naturwissenschaftlichen Gebieten nicht. Nur eine Zahl: Da Vincis Flugkörper hat laut Skizze ­höchstens 1.000 Einzelteile, eine Boeing 747 kommt auf sechs Millionen. Kein Mensch kann das dafür nötige Wissen alleine besitzen, weshalb heutzutage größere spezialisierte Teams nötig sind. Thomas Fink, Forscher am London Institute for Mathematical Sciences, und Martin Reeves von der Boston Consulting Group vergleichen eine simple Innovation wie den Cocktail – also ein neues Getränk aus dem Gemisch anderer bestehender Getränke – mit der Herstellung aufwendiger, komplizierter Software.

Mit 350 Getränken lassen sich 3.053 Cocktails mixen, für das Programmieren von 1.158 Softwareprogrammen bedarf es allerdings 993 Entwicklertools. Die überschaubare Schwierigkeit der Herstellung von Cocktails benötigt verschiedene Getränke und eine Person, die diese mixt. Für die Programmierung von Software braucht es hingegen ein ­eigenes Tool und je nach Größe und Schwierigkeit des Projekts ­mehrere Entwickler mit Zeit und ausreichendem Wissen.

Fortschritt durch Innovation

Doch trotz der immer größer werdenden Komplexität von Produkten nimmt die Innovations­geschwindigkeit zu. Die Gründe dafür sind vielschichtig: 1989 zerfiel die Sowjetunion – ein Drittel der vorher noch abgeschotteten Weltbevölkerung wurde danach relativ schnell in den Weltmarkt integriert. Laut Daten der Weltbank stieg der ­weltweite Warenexport von 1985 bis 2015 von 2,3 Billionen US-$ auf 21,4 Billionen US-$.

Die deutsche ­Bundeszentrale für politische Bildung schreibt zudem, dass die See-, Luft- und Frachttransportkosten in den letzten 70 Jahren um ­schätzungsweise 65 bis 95 Prozent gesunken sind. Die Kosten für unsere Kommunikation sanken indes von 1990 bis heute um 99 Prozent. Diese Tatsache macht jedes Produkt global verschiffbar und erhöhte zugleich die Mobilität von talentierten Personen. Wo früher geniale Menschen wegen räumlicher Distanz nicht zusammenarbeiten ­konnten, werden diese heute aktiv gesucht und bei erkennbarem ­Potenzial ins Silicon Valley gelockt. Unternehmen begreifen die Wichtigkeit von Innovation zunehmend: Die Unter­nehmensberatung PwC hat erhoben, dass die ­Global 1000, also jene 1.000 Unter­nehmen weltweit, die gemessen an ihrem Umsatz das meiste Geld in Forschung und Entwicklung (F & E) ­investieren, ihre finanziellen Ressourcen zwischen 2005 und 2015 um 70 Prozent erhöht haben – auf 680 Milliarden US-$.

Noch nie haben Staaten und Unternehmen so viel Geld in F & E investiert wie heute. Das macht sich bezahlt: Fast jedes Jahrzehnt steht eine größere Innovation an, die den Markt sowie unsere gesamte Gesellschaft umkrempelt. Die letzte davon war wohl das iPhone, das ab 2007 den Markt eroberte.

Die nächste? Die ­Fortschritte hinsichtlich maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz sind wohl ein heißer Tipp. Und: Erfindungsreichtum macht reich. Laut dem Innovation Index gehören die innovativsten Länder gleichzeitig auch zu den reichsten der Welt.

Das Gesetz der Innovation

Ein Gesetz, das weitgehend auch für Unternehmen gilt: Innovation ist eine Überlebensstrategie. Verschläft man den nächsten Entwicklungssprung, ergeht es einem wie Nokia, Kodak und Co. Doch wie Edison schon sagte: Es gibt immer einen besseren Weg. Man muss ihn nur finden.

Text: Muamer Bećirović
Illustration: Valentin Berger

Dieser Artikel ist in unserer Jänner-Ausgabe 2019 „Growth-Innovation-Forschung“ erschienen.

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