Alibaba: Von Riesen und Einhörnern

Jedes vierte Start-up, das mit über einer Milliarde US-$ bewertet wird, stammt aus China. Davon profitiert auch Alibaba-Gründer Jack Ma.

Zwei Stunden und 23 Minuten – so lange dauerte es, bis die New York Stock Exchange (NYSE) am 19. September 2014 die große Nachfrage bewältigt hatte und auf den Bildschirmen im Börsengebäude ein Preis neben dem Tickersymbol „BABA“ auftauchte. Und was für einer: Der Eröffnungspreis der Alibaba-Aktie lag mit 92,7 US-$ deutlich über dem Ausgabepreis von 68 US-$. Damit war es Gewissheit – der chinesische E-Commerce-Konzern hatte Geschichte geschrieben. Nie zuvor hatte ein Unternehmen bei einem Börsengang mehr Geld eingenommen. Nie zuvor war ein Unternehmen an seinem ersten Handelstag höher bewertet worden.

Das ist insofern erstaunlich, als das Unternehmen erst 15 Jahre zuvor mitten in der chinesischen Provinz, in Zhejian, von einem 35-jährigen Englischlehrer ohne ­jegliche Programmierkenntnisse ­gegründet worden war. „Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Technik und wir hatten keinen Plan“, sagt Alibaba-Gründer Ma Yun, im Westen besser bekannt als Jack Ma, über diese Zeit. Zwei Wochen nach seinem 50. Geburtstag wurde er mit dem Börsengang mehrfacher Milliardär. „Ich bin noch immer derselbe Kerl wie vor 15 Jahren“, sagte Ma im Interview mit dem US-Finanzsender CNBC – und irritierte die Starmoderatoren David Faber, Jim Cramer und Carl Quintanilla, indem er auf die Frage nach seinem Vorbild Forrest Gump nannte. „Sie wissen, dass er ein fiktiver Charakter ist?“, fragte Faber nach einer kurzen Pause.

Ob Forrest-Gump-Darsteller Tom Hanks somit für eine „großartige amerikanische Geschichte, die in Wirklichkeit aus China kommt“, wie CNBC-Moderator Cramer Jack Mas Werdegang beschrieb, verantwortlich ist, blieb letztendlich offen. Klar ist jedenfalls, dass Ma mittlerweile selbst zum Vorbild für eine neue Generation an chinesischen Unternehmern geworden ist. „Ich denke, dass wir viele Menschen in China inspirieren, wir wollen die Leute ermutigen“, sagte Ma noch im selben Interview. Das scheint bereits gut zu gelingen, wie auch Brigitte Ott-Göbel bestätigen kann. Die Beraterin hat ein Buch über Management­methoden in China geschrieben und unterrichtet nicht nur an der deutschen FOM Hochschule für Ökonomie und Management, sondern erfüllt auch Lehraufträge an drei chinesischen Universitäten: „Meine Studenten betrachten Jack Ma als großes Vorbild, als Idol.“ In China heißen die Referenzunternehmen laut Ott-Göbel längst nicht mehr Google oder Facebook – sondern Alibaba, Tencent und Baidu.

Während in den USA die populärsten Tech-Aktien unter dem Kürzel FANG (Facebook, Amazon, Netflix, Google) zusammengefasst werden, laufen ihre chinesischen Pendants unter der Abkürzung BAT (Baidu, Alibaba, Tencent). Verstecken müssen sich diese vor ihren amerikanischen Gegenstücken längst nicht mehr. Der Aktienkurs von Alibaba hat sich drei Jahre nach dem Börsengang beispielsweise fast verdoppelt. Aktuell werden die Titel bei rund 175 US-$ pro Stück gehandelt. Wer diese also beim Börsengang kaufte, darf sich mittlerweile über ein Plus von rund 90 Prozent freuen. Die Marktkapitalisierung ist auf 450 Milliarden US-$ gestiegen. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Unternehmen, die an der Börse noch höher bewertet werden: ­Apple; der Google-Mutterkonzern Alphabet; Microsoft; Amazon; Berk­shire Hathaway; Facebook – und mit Tencent ein weiteres chinesisches Internetunternehmen.

Der Börsenwert des seit 2004 in Hongkong notierten Konzerns stieg Mitte November zwischenzeitlich sogar auf über 500 Milliarden US-$ – noch nie zuvor war ein asiatisches Unternehmen so hoch bewertet worden. Damit hatte Tencent gleichzeitig Facebook überflügelt. Zuletzt sank der Aktienkurs aber wieder etwas. Tencent kommt aktuell auf eine Bewertung von 468 Milliarden US-$, Mark Zuckerberg hat also die Nase – zumindest vorerst – wieder vorne.

Neben Alibaba und Tencent ist der Suchmaschinenbetreiber Baidu der dritte Internet-Gigant in der Runde. Mit einem Börsenwert von rund 81 Milliarden US-$ ist das an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq notierte Unternehmen ungefähr so viel wert wie Netflix. Sehen lassen kann sich auch JD.com – die ebenfalls an der Nasdaq gehandelte E-Commerce-Plattform ist ein direkter Konkurrent von Alibaba und wird aktuell mit rund 55 Milliarden US-$ bewertet.

Doch was macht Chinas Internetriesen eigentlich so erfolgreich? „Sie kommen aus dem kompetitivsten Markt der Welt – kein Land ist so hart umkämpft wie China, nirgends sind die Konkurrenten so skrupellos wie dort“, sagt Georg Godula. Der gebürtige Vorarl­berger unterstützt mit seiner Agentur Web2Asia Unternehmen beim Markteintritt in China und ist als Angel Investor tätig. Die Unternehmen würden außerdem besonders stark von Skaleneffekten profitieren, da China im Internet-Bereich der größte Markt der Welt sei, wie der seit 2006 in Shanghai lebende Unternehmer weiter ausführt. Zudem gehörten die Produktionskosten für IT-Hardware zu den niedrigsten der Welt, und auch Software-Entwicklung sei noch immer viel günstiger als im Silicon Valley.

Auch die regierende Kommunistische Partei Chinas (KPCh) bekennt sich mittlerweile zu einer unternehmerfreundlichen Politik, wie die auf Chinas Wirtschaft spezialisierte Professorin Doris Fischer von der Universität Würzburg erklärt: „Die Förderung von Unternehmensgründungen ist momentan eine flächendeckende Politik und Teil der Innovationsstrategie.“ Die Partei habe erkannt, dass die dynamisch­sten Unternehmen der vergangenen Jahrzehnte Privatunternehmen waren. Viele der Staatskonzerne seien hingegen nicht in zukunftsorientierten Branchen unterwegs.

Alibaba-Gründer Jack Ma erlebte noch ganz andere Zeiten mit: Er war noch ein Kleinkind, als Mao Zedong die „Kulturrevolution“ ausrief. Im Zuge derer wurde das Land ab 1966 mit Terror überzogen, um danach den „wahren Kommunismus“ durchzusetzen. Sie endete offiziell erst mit Maos Tod im Jahr 1976. Der zwischenzeitlich in Ungnade gefallene Deng Xiaoping übernahm die Parteiführung und leitete ab 1978 erste wirtschaftliche Reformen ein. Der damals erst 14-jährige Jack Ma radelte zu dieser Zeit täglich rund 40 Minuten zum Shangri-La Hotel am Westsee in seiner Heimatstadt Hangzhou. Dort versuchte er, mit Touristen ins Gespräch zu kommen, um sein Englisch zu verbessern – und stellte sich kurzerhand gratis als Fremdenführer zur Verfügung.

Nach seinem Schulabschluss trat Ma beim landesweit einheitlichen Eingangstest für die chinesischen Universitäten an – Gaokao – an und scheiterte kolossal: Im mathematischen Teil der Prüfung erreichte er lediglich ein Ergebnis von einem von insgesamt 120 Punkten.

Deng Xiaopings Wirtschafts­reformen verliefen hingegen deutlich erfolgreicher. Die Küstenstadt Shenzhen wurde zur ersten Sonderwirtschaftszone des Landes, in der freieres Wirtschaften möglich war. Es folgten weitere. Im Zuge der Reformpolitik konnten ausländische Unternehmen zudem am chinesischen Markt aktiv werden. Doch auch damit machte Jack Ma erst einmal schlechte Erfahrungen: Als in seiner Heimatstadt Hangzhou eine Filiale der Fastfoodkette KFC eröffnete, wurde er als einziger von 24 Bewerbern abgelehnt – eine Anekdote, die bis heute fixer Bestandteil in den meisten seiner Reden ist. Nach einem weiteren gescheiterten Anlauf beim Uni-Aufnahmetest bestand er beim dritten Mal schließlich und begann, in Hangzhou Englisch zu studieren.

Als in Osteuropa die kommunistischen Regime zu kollabieren begannen, brodelte es auch in China. 1989 schlugen die Machthaber Studentenproteste am Tian’anmen-Platz in Peking gewaltsam nieder. In der Partei rangen Reformer mit Hardlinern um die Macht, die Politik der wirtschaftlichen Öffnung kam zum Erliegen. Erst drei Jahre später stieß Deng Xiaoping mit seiner berühmten Tour durch den Süden des Landes neuerliche Reformen an. Mit dem Slogan „Reich werden ist glorreich“ gab der damals 87-jährige Parteiführer die neue Losung aus. Jack Ma war zu diesem Zeitpunkt von seiner ersten Million jedoch weiter entfernt als Pekings Verbotene Stadt von der Wall Street. Nach seinem Studien­abschluss hatte er begonnen, als Englischlehrer zu arbeiten – wenig deutete auf eine große Karriere als Unternehmer hin.

Kurz vor seinem 30. Geburtstag stieß Ma dann aber auf eine Technologie, die sein Leben drastisch verändern sollte: Bei seiner ersten Reise in die USA loggte er sich 1994 in ­Seattle erstmals ins Internet ein. Zu seiner großen Enttäuschung fand er dort jedoch kaum etwas über China vor. Da wurde ihm klar: Er wollte das Internet in sein Heimatland bringen. Wieder in China gründete Ma bereits ein Jahr später ein Internetunternehmen: ein Firmenverzeichnis, eine Art „Gelbe Seiten“ im World Wide Web. Nach ersten Erfolgen wurde das Unternehmen in ein Joint Venture mit einem staatlich unterstützten Wettbewerber gedrängt. Jack Ma verlor die Entscheidungs­gewalt und verließ das Unternehmen letztendlich völlig frustriert.

Damit steht Ma sinnbildlich für ein größeres Problem im Reich der Mitte, denn staatliche Einflussnahme ist auch heute noch ein Problem für Chinas Unternehmer. Das sagt auch Sinologie-Professorin und Ökonomin Doris Fischer: „In vielen Dingen sind Unternehmen wie Alibaba auf staatliche Genehmigung oder zumindest Duldung angewiesen.“ Dafür würden etwa Alibaba, Tencent und Baidu von der Regierung offiziell als nationale Vorreiter im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) ausgezeichnet. „Das ist einerseits ein Ritterschlag, andererseits aber auch eine Umarmung durch den Staat – ein Tanz mit dem Wolf“, so Fischer. Jack Ma startete jedenfalls noch einmal von vorne und gründete 1999 gemeinsam mit 18 Bekannten in ­seinem Apartment in Hangzhou ein neues Unternehmen: Alibaba. Das Unternehmen startete zunächst als B2B-Marktplatz, 2003 folgte mit der Plattform Taobao dann der Schritt ins Endkundengeschäft. Jahre später popularisierte Alibaba den „Singles Day“ – ein jährlich am 11. November begangener Feiertag für Alleinstehende. Zwischen 2011 und 2017 verdreißigfachte Alibaba seine Umsätze an diesem Tag auf 25,3 Milliarden US-$.

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Alibaba ist auch Tencent, das ebenfalls gegründet wurde, als die Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre China erfasste. Der damals 27-jährige Software-Entwickler Ma Huateng startete die Firma 1998 mit einigen Kollegen, die er beim Informatikstudium in Shenzhen kennengelernt hatte. Das erste Produkt war eine chinesische Version des um die Jahrtausendwende im Westen weit verbreiteten Instant-Messaging-Dienstes ICQ. Nachdem das israelische Original vom damaligen US-Branchenkrösus AOL übernommen worden war, wurde Tencent mit einer Flut an Klagen überrollt. Heute ist das Unternehmen vor allem auch für seinen WhatsApp-Konkurrenten WeChat bekannt. Von der Copycat-Strategie hat sich Tencent aber längst verabschiedet: „WeChat wurde ursprünglich nach dem Vorbild von WhatsApp entwickelt, beinhaltet aber mittlerweile auch Funktionalitäten, wie man sie von Facebook, Twitter, Zynga oder Paypal kennt“, sagt Beraterin Ott-Göbel. Sie sieht eine besondere Stärke chinesischer Unternehmen darin, westliche Produktideen auf die speziellen Gegebenheiten des heimischen Marktes anzupassen.

Doch die BAT-Unternehmen ­repräsentieren nur die Spitze des Eisbergs. In der zweiten Reihe warten nämlich zahlreiche Start-ups, deren Bewertungen bereits jetzt as­tronomische Höhen erreicht haben – ohne dass sie bereits an der Börse gehandelt werden. Eine Datenauswertung des Forschungsunternehmens CB Insights zeigt das deutlich: Von weltweit 216 Start-ups, die aktuell mit mindestens einer Milliarde US-$ bewertet werden, kommt rund ein Viertel aus China. Dabei liegen die USA in der Länderreihung nach wie vor an der Spitze – jedes zweite der in der Liste vorzufindenden Start-ups ist im Land von Google, ­Facebook und Co. angesiedelt. China ist allerdings das einzige Land, das es einigermaßen mit den USA aufnehmen kann: Alle restlichen Staaten der Welt haben nicht einmal zusammen so viele Start-ups mit einer Milliardenbewertung wie China.

Die Position als erster Herausforderer der USA dürfte sich in den kommenden Jahren weiter festigen: 2017 haben es weltweit bisher 55 Start-ups neu in den exklusiven Klub der „Unicorns“, also der Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-$, geschafft. Ganze 20 davon kommen aus China. Der mit elf Milliarden US-$ am höchsten bewertete Newcomer ist die in Peking beheimatete Content-Plattform Toutiao. Das Start-up verwendet künstliche Intelligenz, um seinen Besuchern maßgeschneiderte Inhalte zu liefern. Fünf Jahre nach seiner Gründung ist es bereits ähnlich viel wert wie die US-Plattformen Pinterest oder Dropbox.

Vor einer Wachablöse ­müssen Chinas Internet-Giganten aber keine Angst haben. Sowohl Jack Mas Alibaba als auch Ma Huatengs Tencent gehören zu den wichtigsten Risikokapitalgebern in Asien – und sind dabei äußerst erfolgreich. Tencent hält Beteiligungen an 15 Start-ups, die mindestens eine Milliarde US-$ wert sind. Alibaba ist direkt oder über sein Tochterunternehmen Ant Financial an acht solcher Start-ups beteiligt. Baidu und JD.com sind
bei immerhin vier Unicorns als Miteigentümer vertreten. „Die BAT-Unternehmen dominieren Chinas Tech-Szene viel stärker als ihre US-Gegenstücke, sie sind besser diversifiziert und breiter ausgerichtet“, meint Tech-Unternehmer Georg Godula. Für Start-ups sei es viel schwieriger, eine Nische zu finden, da Tencent, Alibaba und Baidu diese entweder schon selber besetzen – oder durch strategische Investitionen in aufstrebende Start-ups schon früh Minderheitsbeteiligungen in den Nischen übernehmen, so Godula.

Immer stärker orientieren sich die BAT-Unternehmen aber auch über die Grenzen Chinas hinaus. Einem aktuellen Report der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zufolge haben die chinesischen Internetriesen am Weg zur welt­weiten Expansion derzeit vor allem Indien und Südostasien im Blick. Tencent ist allerdings auch in den USA bei einigen größeren Namen investiert: So ist das Unternehmen an Snapchat beteiligt und hält fünf Prozent am Elektroautohersteller Tesla. Wird man in den kommenden Jahren weitere Internationalisierungsschritte chinesischer Unternehmen sehen? „Absolut“, sagt Georg Godula. „Ich wette darauf, dass Alibaba bald Akquisitionen in Europa tätigen wird.“

Es war letztlich eine gigantische Wette, als Jack Ma 1999 einen Online-B2B-Marktplatz startete – und zwar eine Wette auf den wirtschaftlichen Erfolg von Chinas Unternehmern. „Vor 15 Jahren sagte ich in meinem Apartment: Wenn Jack Ma und Leute wie wir erfolgreich sein können, dann können auch 80 Prozent der Menschen in China erfolgreich sein“, erinnerte sich Ma 2014 beim Börsengang von Alibaba. Mit seinen Beteiligungen an der nächsten Generation chinesischer Start-ups setzt er nun darauf, dass diese in seine Fußstapfen treten. Und für die gescheiterte Bewerbung bei KFC hat er sich mittlerweile auch revanchiert: 2016 stieg Alibaba bei der chinesischen Tochter des KFC-Mutterkonzerns Yum! Brands ein.

Text: Dominik Meisinger
Illustrationen: Valentin Berger

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