Von Winterthur Nach Europa

Was als lokale Initiative in Winterthur begann, ist heute das größte Start-up-Event der Schweiz – und steht vor dem nächsten Wachstumsschritt. Alyssia Kugler, Managing Director der „Startup Nights“ und Mitgründerin des Magazins Founded, erklärt, warum die Plattform künftig nationaler, größer und europäischer denkt – ohne dabei ihren Charakter zu verlieren.

Der Zoom-Call kommt kurzfristig zustande. Alyssia Kugler ist gerade aus Bali zurückgekommen – einer der seltenen Momente im Jahr, in denen sie sich eine Pause erlaubt. Im Sommer nimmt sie kaum Ferien, im Herbst gar keine. „Der Herbst ist unmöglich“, sagt sie nüchtern, „die ‚Startup Nights‘ finden ja im November statt. Wenn ich Ferien mache, dann meistens nach dem Highlight des Jahres.“

Kugler ist Managing Director der „Startup Nights“ und Mitgründerin des Gründer-Magazins Founded. 2025 schaffte sie es auf die Forbes Under 30-Liste der Schweiz. Ihre formale Rolle war bisher klar definiert: Geschäftsführerin des Entrepreneur Club Winterthur, jener Organisation, unter deren Dach beide Marken entstanden und gewachsen sind. „Der Entrepreneur Club ist die Organisation hinter den ‚Startup Nights‘ und Founded“, sagt sie. „Beides sind Marken des Clubs.“

Was ursprünglich als lokale Initiative für Winterthur gedacht war, ist längst über die Stadtgrenzen hinaus­gewachsen. Die „Startup Nights“ sind heute nach eigenen Angaben mit über 9.500 Besuchern das größte Start-up-Event der Schweiz. Die Zahl ist für Kugler aber weniger Selbstzweck als vielmehr ein Beleg dafür, dass das Format eine Grenze überschritten hat: „Wir haben es so groß gemacht, dass es in einem lokalen Kontext nur noch wenig Sinn ergibt“, sagt sie.

Der Entrepreneur Club Winterthur hatte von Beginn an das Ziel, Winterthur als Start-up-Standort sichtbarer zu machen. „Deshalb haben wir die ‚Startup Nights‘ und Founded gestartet“, so Kugler. Dass daraus ein nationales Aushängeschild werden würde, sei nicht geplant gewesen, aber umso schöner. Ab Januar verschiebt sich deshalb die Struktur hinter beiden Marken: „Start up Nights“ und Founded wechseln vom Entrepreneur Club Winterthur zur Swiss Startup Association. „Beide Brands sind sehr national geworden“, sagt Kugler, „darum werden sie der Swiss Startup Association übergeben.“ Sie selbst bleibt als Verantwortliche an Bord und wechselt quasi mit.

Die nächste Phase ist ambitioniert. „Wir wollen nicht mehr nur national das größte Start-up-Event sein“, sagt Kugler, „wir wollen auch im europäischen Kontext eines der größten werden.“ Sie nennt im Gespräch die in Helsinki stattfindende Start-up-Konferenz „Slush“ als Referenzpunkt. Mit der Swiss Startup Association im Rücken erhoffe man sich mehr Anerkennung, mehr Reichweite und ein stärkeres Netzwerk. „Das ist nicht nur ein struktureller Schritt, sondern ein strategischer.“

2025 hatten Michael Kubli, Präsident der ­„Startup Nights“, und Raphael Tobler, Präsident der Swiss Startup Association, auf der Bühne der „Startup Nights“ ein gemeinsames Ziel ausgegeben: Bis 2030 sollen die „Startup Nights“ 50.000 Besucher erreichen und damit das größte Start-up-Event Europas werden. Um das zu schaffen, muss Kugler einerseits das Team skalieren – denn hinter den „Startup Nights“ steht kein großes, fixes Organisationsteam. Kugler arbeitet mit einem kleinen Kern an festen Mitarbeitenden, die das Projekt über das Jahr hinweg tragen; rund um das Event im ­November wächst das Team jeweils stark an: 60 Freiwillige sind im Organisationskomitee tätig, zudem wurden ­dieses Jahr rund 400 Schichten in den zwei Tagen von Freiwilligen besetzt, die etwa an der Garderobe tätig waren. Dieses Modell erlaubt Flexibilität und hält die Struktur schlank, verlangt aber klare Abläufe und viel Vertrauen. Und es ist eine Herausforderung für Kugler, denn ­klassische Führung ist in so losen Strukturen nicht ­möglich. „Ich sehe mich nicht wirklich als Managerin“, sagt sie im Gespräch.

Doch nicht nur das Team wird sich verändern, auch der Standort wird ein anderer werden – denn 50.000 Gäste sind in Winterthur schlicht nicht darstellbar. „Nächstes Jahr wird sich nichts verändern, aber 2027 werden die ‚Startup Nights‘ in eine andere Stadt ziehen.“ Zürich ist eine naheliegende Option, aber Kugler will dazu noch nichts Konkretes sagen.

Trotz des Wachstums bleibt für Kugler ein Prinzip zentral: „Wir wollen unsere familiäre Atmosphäre beibehalten“, sagt sie. „Wir sind bodenständig, unkompliziert und auch ein bisschen wild.“ Genau das seien Start-ups aber auch, das solle sich daher im Event widerspiegeln. „Wir sind wie Start-ups in der frühen Phase auch ein bisschen unperfekt. Das macht es zugänglich.“ Die große Herausforderung sei, dieses Gefühl auch in Zukunft zu bewahren, während alles andere skaliert und professionalisiert wird.

Inhaltlich versteht Kugler die „Startup Nights“ nicht als Bühne, sondern als Ökosystem. „Bei uns stehen die Gründer und die Start-ups immer im Zentrum“, sagt sie. „Wir bringen das ganze Ökosystem zusammen, damit sie Unterstützung bekommen – über Investoren, Kunden, Mitarbeitende, Forschung, Sichtbarkeit oder Funding.“ Entscheidend sei, dass das Event sich nicht auf eine Branche oder ein Thema fokussiert, sondern Breite zulasse: „Wir wollen die ganze Start-up-Landschaft abbilden.“ Der Wechsel zur Swiss Startup Association soll genau das verstärken. „Wir erhoffen uns, dass wir das Community-Engagement über das Jahr erhöhen können“, sagt Kugler. Die Association habe viele kleinere Events, aber kein zentrales Highlight. Die „Startup Nights“ wiederum seien dieses Highlight, finden aber nur einmal im Jahr statt. „Zu­sammen ergibt das ein ganzjähriges Engagement für die Start-up-Community“, so Kugler.

Das Magazin Founded spielt in diesem Modell eine andere Rolle. „Wir machen keine News“, sagt Kugler. Das Magazin wolle Start-ups sichtbar machen und erklären, wie sie funktionieren, welche Herausforderungen sie im Vergleich zu KMUs haben und wie sie mit der restlichen Wirtschaft zusammenspielen. „Wir machen die Gründerkarriere bekannter und die Innovationen und neuartigen Businessmodelle verständ­licher – unter anderem mit Gründer-Interviews.“

Dass sie sich zwischen Event und Redaktion bewegt, ist kein Zufall. Unternehmertum habe sie schon früh interessiert, sagt Kugler; während des Studiums lernte sie den Entrepreneur Club Winterthur kennen und engagierte sich dort: „Mich hat gepackt, dass dort Leute sind, die positiv denken, nach vorne schauen und eher machen als reden.“ Gleichzeitig studierte sie Journalismus und Unternehmenskommunikation, schrieb für verschiedene Magazine und sammelte früh redaktionelle Er­fahrung. „So ist die Idee für ein eigenes Magazin entstanden.“ Heute führt sie zwei Marken, die unterschiedliche Logiken haben: „Events wachsen schneller“, sagt sie offen; „mit Journalismus Geld zu verdienen ist schwieriger.“ Aber genau diese Spannung scheint sie zu reizen – die „Startup Nights“ bringen Dichte und ­Momentum, Founded bietet Tiefe und Kontinuität. ­Beide zusammen begleiten die Szene.

Ein großes Ziel abseits des Wachstums bleibt, einen großen Namen der europäischen Start-up-Szene zu den „Startup Nights“ zu holen. „Einen der Skype-Gründer zum Beispiel; oder Daniel Ek von Spotify – den fände ich richtig cool.“ Kugler hat seit Kurzem jedenfalls eine Gemeinsamkeit mit ihrem Wunsch-Speaker: Ek war 2011 auf der ersten Forbes Under 30-Liste vertreten.

Fotos: Entrepreneur Club Winterthur

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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