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Vor ziemlich genau 30 Jahren eröffnete der erste Standort der Glasfabrik im 16. Wiener Gemeindebezirk. Vor acht Jahren ist der Antiquitätenhändler und Secondhand-Tandler in ein ehemals von den ÖBB genutztes Gebäude in der Felberstraße in unmittelbarer Nähe zum Westbahnhof gezogen. Auf 2.500 Quadratmetern zelebriert man hier den Ladenverkauf ohne Internetversand.
Bereits der Einstand zum Gespräch mit den Betreibern des Antiquitätenhändlers und Vintage-Spezialisten „Die Glasfabrik“ spricht Bände: Auf dem Tisch steht eine große Keramikschüssel, die aussieht, als wäre sie vor hundert Jahren in einer Wiener Backstube gestanden, vollgefüllt mit Croissants; perfekten Kaffee gibt es aus der italienischen Kaffeemaschine. Die Tassen gehören, was die Datierung betrifft, wahrscheinlich zum Jüngsten, was der Vintage-Laden hergibt, die Stühle sind aus gebogenem Metall mit zum Teil ramponierter Lederbespannung etwa aus den 1970er-Jahren und recht gemütlich. „Dieser Tisch“, sagt Christoph Matschnig, neben seinem Bruder Marcus Matschnig und Simon Weber-Unger einer der drei Betreiber der Glasfabrik, und legt seine Hand auf die steinerne weiße Platte, „gehörte früher Harry Glück“ – also jenem legendären Wiener Architekten, dessen Arbeiten, wie der Wohnpark Alterlaa, Heerscharen an architekturbegeisterten Menschen aus aller Welt nach Wien locken. „Die Tischplatte ist so schwer, dass sie von sechs Leuten aus seinem Penthouse getragen werden musste“, sagt Matschnig.
Sofort ist klar: Man sitzt mitten in einer Schatzkiste – wenn man etwas von diesen Schätzen versteht. Denn für Antiquitäten, ebenso wie für Secondhand-Ware aller Art bis hin zum Kitsch, gilt: Man muss sich mit den Objekten beschäftigen, um deren Wert einordnen und schätzen zu können; oder, wie beim Kitsch, man muss diese Gegenstände einfach nur lieben und das Unverständnis seiner Mitmenschen weitgehend ignorieren. Das Schöne ist für jeden etwas anderes.
Die Liebe zu den alten Dingen wurde den Brüdern Matschnig in die Wiege gelegt. „Schon unsere Eltern haben gerne Antikes gesammelt und waren mit uns Kindern auf vielen Flohmärkten unterwegs“, beginnt Christoph Matschnig zu erzählen – eine Liebe, die trotz abgeschlossenen Studiums an der Universität für Bodenkultur und der Uni Wien („Ich habe Angewandte Hydrobiologie und Gewässerkunde studiert; das hat wirklich gar nichts mit all dem zu tun!“) größer war, als der akademischen Vorbildung zu folgen und dem Studium eine entsprechende Profession aufzusetzen.
Er habe bereits während des Studiums mit seinem Bruder und Freunden nebenbei mit Antiquitäten gehandelt und nach dem Studium beschlossen, dort weiterzumachen. Also habe man vor ziemlich genau 30 Jahren das erste professionelle Geschäftslokal – die Glasfabrik in der Lorenz-Mandl-Gasse in Ottakring, die tatsächlich früher eine Glasfabrik gewesen ist – nach aufwendigen Renovierungsarbeiten bezogen. Vor etwa acht Jahren habe man dann die „neue“ Glasfabrik in der Felberstraße, in unmittelbarer Nähe zum Wiener Westbahnhof, eröffnet. Bis zum 31. Dezember 2032 könne man am Standort bleiben – danach wird das gesamte Areal in das Stadtentwicklungsgebiet Felberpark übergehen.
Bis dahin aber bleibe noch reichlich Zeit, sich zu überlegen, wie es mit der Glasfabrik weitergeht, sagt Marcus Matschnig, der zu seinem Neffen Simon, der im Herbst seine letzte Prüfung zum Bachelorstudium Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Boku antreten wird, schaut. Es sei nicht unbedingt der Plan gewesen, dass er – wie sein Vater und sein Onkel – mit den Antiquitäten weitermachen wollte, nimmt dieser gleich das Wort auf. „Ich wollte meinen Horizont unbedingt mit etwas erweitern, das in eine ganz andere Richtung geht, habe aber nebenbei immer in der Glasfabrik gearbeitet“, so Simon Matschnig weiter. Irgendwann habe auch ihn das Sammelfieber und die Leidenschaft für Antiquitäten gepackt, sagt er. Sein Vater Christoph Matschnig ergänzt: „Ich habe immer versucht, ihn seine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen, und habe auch immer wieder gefragt: ‚Willst du wirklich – sinngemäß – bis ans Lebensende in den Sachen von anderen Leuten wühlen?‘“ Heute sei er über dessen 30 Jahre jüngeren Blickwinkel auf Geschäft und Ware sehr froh, sagt er über seinen Nachfolger.
Denn die Erfahrung zeige: Trends kommen und gehen. Was vor wenigen Jahren schwer beliebt war, ist heute ein Ladenhüter, schließt sich Simon Weber-Unger an – wobei sein fachliches Spezialgebiet, für das er seit 2002 auch beim Auktionshaus Dorotheum beratend tätig ist (darunter wissenschaftliche Geräte, Fotoapparate und Kuriositäten auf diesem Feld), wohl den geringsten Trends unterliegt. Was dieser Tage gut verkauft wird, wollen wir wissen: „Sideboards“, sprudelt es in der Sekunde aus Simon Matschnig heraus. Besonders die jüngeren Kunden bevorzugen diese Möbelstücke. „Auch“, sagt Christoph Matschnig, „weil sie einfach zu übersiedeln sind. Sie müssen bedenken, die Jungen übersiedeln alle drei bis vier Jahre. Dazu kommt, dass diese schlicht gehaltenen Sideboards auch sehr gut zu den weitverbreiteten Ikea-Möbeln passen.“
Unsere schlicht gehaltenen Sideboards passen sehr gut zu den weitverbreiteten
Ikea-Möbeln.
Christoph Matschnig
Das schwedische Möbelhaus gehört – neben anderen Vintage-Spezialisten, also dem geschätzten Mitbewerb – zu den größten Konkurrenten der Glasfabrik. Das „Thriften“ sei aber in den letzten Jahren sehr in Mode gekommen, so der junge Matschnig abschließend. Zu zahlreichen Diplomaten aus aller Herren Länder, Antiquitätenjägern und -liebhabern haben sich mit den Jahren immer mehr Studenten in den Kundenstock der Glasfabrik gemischt, so Marcus Matschnig weiter. „Wir haben interessanterweise auch viele Besucher aus Japan im Haus“, ergänzt Simon Weber-Unger. „Ich glaube, wir wurden einmal in einem Fremdenführer als Attraktion angeführt. Das macht auch Sinn, weil man bei uns unter 20 € Fotos oder andere Kleinigkeiten als originelle Andenken aus Wien mitnehmen kann.“
Das Einkaufserlebnis sucht in der Tat seinesgleichen. Auf rund 2.500 Quadratmetern, verteilt auf drei Ebenen, findet sich von Möbeln (von Tisch, Stuhl, Kasten bis zum Kristallluster, vom Biedermeier über die 1960er- bis hin zu den 80er-Jahren) über Tischware, Schallplatten und entsprechende Abspielgeräte, Mode, Büsten bis Figurinen, Schreibgeräte, Uhren bis hin zu Schmuck, Fotografien und Bildern eigentlich alles, was in einem Haushalt Platz findet; und zwar von allem viel. Die Zeitspanne der Stücke liegt bei den Jahren 1680 bis 1980.
Jedes Stück, das ins Haus kommt, wird von einem der Betreiber oder Mitarbeiter in die Hand genommen, geprüft, kategorisiert, katalogisiert, falls nötig gereinigt und – nicht vollständig – restauriert sowie bepreist; das alles wie früher händisch. Ein sehr aufwendiger Prozess – darin sind sich alle einig. Diese Vorgehensweise sei nicht zuletzt auch ein Grund dafür, dass man in der Glasfabrik das Einkaufserlebnis ohne Internetversand zelebriere. „Das wäre dann noch einmal arbeitsaufwendiger“, sagt Christoph Matschnig; das Versehen der Stücke mit Barcodes und der Versand seien nicht abbildbar. Es macht aber schon auch Sinn, sich die Glasfabrik live und direkt vor Ort anzusehen, durch die Gänge und Etagen zu flanieren, Probe zu sitzen, Gläser, Tassen oder Teller auch in die Hand zu nehmen und sich ein wenig in der Zeit zu verlieren.
Als Händler bzw. Einkäufer von Nachlässen sei es oft auch so, als würde man selbst in andere Zeitkapseln eintauchen, schildert Weber-Unger. „Wir haben einmal einen Nachlass in der Kirchengasse abgeholt, wo der vordere Teil des Geschäfts vermietet war und laufend genutzt wurde und der hintere Teil seit dem Jahr 1900 unberührt die Zeiten überdauert hat“, erzählt er. Auch konnten sie Nachlässe aus Palais-artigen Wohnungen holen, die seit Jahrzehnten nur von einer einzigen Person bewohnt worden waren – die Szenerien, die man betrete, so Weber-Unger weiter, könnten unterschiedlicher nicht sein. Das fache den Sammlerinstinkt immer weiter an, sagt er. „Die meisten Antiquitätenhändler“, hakt Marcus Matschnig ein, „sind auch begeisterte Pilzsammler und/oder Fischer.“ Und weiter: „Man braucht Erfahrung, das notwendige Interesse, man braucht Geduld – und man braucht vor allem eine gute Nase!“
Fotos: Gianmaria Gava