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Seit acht Jahren lebt und arbeitet Albana Ejupi als bildende Künstlerin in Wien. Aktuell absolviert sie parallel zur künstlerischen Praxis einen PhD am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste. Ejupi geht der Frage nach, ob Materialien Erinnerungen in sich tragen – und wie aus ihnen Orte der Erinnerung, der Macht und des Widerstands werden.
In ihrem Wiener Atelier im sechsten Bezirk fällt gleich beim Hereinkommen eines der Projekte, an dem die Künstlerin Albana Ejupi aktuell arbeitet, auf: Es ist die Skulptur einer älteren, korpulenten Frau, jetzt noch am Rücken liegend, mit gespreizten Beinen. Sie solle später umgedreht werden, sagt Ejupi: „Sie wird auf allen vieren im Sand knien.“ Das Gerüst, auf das später eine spezielle Mischung aus Sand, Kleber, Gips und Farbe kommen soll, ist aus dickeren und dünnen gebogenen Eisenstangen geformt, mit Maschendraht umwickelt und rudimentär mit Bauschaum besprüht; der Betrachter bekommt eine Idee davon, wie die Skulptur am Ende aussehen wird. Am Arbeitstisch daneben liegen ein Trennschleifer, ein Schraubstock, verschiedene Kombizangen, Stabelektroden, Drahtspulen, eine Schweißbrille, ein paar Dosen Bauschaum und etliche Säcke Weißzement – sie zeugen von der künstlerischen Arbeit.
In einer Ecke hinter der Skulptur sind Fotografien des Skulpturen-Modells mit Klebeband an der Wand angebracht. Sie arbeite grundsätzlich immer mit echten Modellen, sagt Ejupi – es sei ihr und für ihre künstlerische Arbeit wichtig, einen persönlichen Bezug zu diesen Menschen zu haben. Bilder aus dem Internet kämen für sie ganz und gar nicht infrage, sagt sie. „Ich spreche meine Modelle auf der Straße an“, beantwortet die 32-Jährige die Frage danach, wie dann Künstlerin und Modelle zueinanderfinden. „Ich erzähle von meiner Arbeit und meinen Zugängen – und die meisten erklären sich bereit, sich bei mir im Atelier von mir fotografieren zu lassen.“
Dabei bevorzugt Albana Ejupi ältere, korpulentere Frauen; Modelle, deren Körper vom Leben gezeichnet wurden und ihre ganz eigenen Geschichten erzählen, so die Künstlerin weiter. „Das, was wir heute mit dem Konsum von Social Media erleben, diese perfekten, aufpolierten Menschen, die wir sehen und durch deren vermeintliche Leben, kosmetische Prozeduren, Modetrends oder Ernährungsgewohnheiten wir scrollen, könnte nicht weiter vom echten Leben, von unserem Alltag entfernt sein“, sagt sie.
Diese Menschen erzählen keine wahren Lebensgeschichten, so die Künstlerin weiter. „Ich finde, dass durch diese Darstellungen des Lebens heutzutage Intimität komplett missverstanden wird“, sagt Ejupi. „Denn der menschliche Körper trägt Geschichte, Erinnerungen; er trägt die Spuren seiner Erfahrungen, Wissen und Emotionen – er entwickelt sich, wie das Leben, immer weiter. Bis zum Ende“, sagt Ejupi. Und auf die in Arbeit befindliche Skulptur bezogen, die aus allerhand unterschiedlichen Baumaterialien geformt ist, führt sie aus: „Ich finde, der Körper ist das längste Bauprojekt. Wir sind nicht vollständig geboren und werden durch das Leben geformt – durch die Orte, an die wir kommen, die Menschen, die wir lieben, die Erfahrungen, die wir machen.“
Viele Künstlerinnen des Balkans nehmen Materialien, die sie ursprünglich begrenzen, definieren oder ausgrenzen sollten, und verwandeln diese in Werkzeuge der Selbstbestimmung und des Widerstands.
Albana Ejupi
Albana Ejupi wurde 1994 in Pristina im Kosovo geboren – „als einziges Mädchen der Familie mit einem älteren und einem Zwillingsbruder“, beginnt sie von ihrem Werdegang zu erzählen. Ihre Mutter, ihr Vorbild, ist Ärztin; und auch sie habe zunächst die Idee gehabt, in die Medizin gehen zu wollen. Auf ihre künstlerische Begabung sei sie während der Zeit im Gymnasium eher zufällig gestoßen, erzählt sie. „Ich habe das Zeichnen respektive die Kunst, die mich schon damals sehr interessiert hat, zu dieser Zeit aber mehr als ein Hobby gesehen“, sagt sie. Ihre Mutter habe sie dann auf Anraten eines Professors an der Schule in einen Kunst-Kurs eingeschrieben – „und seit damals hat mich die Kunst einfach nicht mehr losgelassen“, so Ejupi weiter.
Sie schob die Medizin beiseite und bewarb sich an der Kunstakademie in Pristina für die Malereiklasse. Als eine von insgesamt acht Kandidaten pro Jahrgang wurde Ejupi aufgenommen. „Ich muss an dieser Stelle erwähnen“, sagt sie, „dass ich für meine Mutter froh bin, dass mein Bruder Mediziner geworden ist.“ Auf den Bachelor folgten der Master und eine Auszeichnung als beste Absolventin ihres Jahrgangs – die weiteren Karriereschritte sollten in Wien folgen: „Weil Pristina für meine weitere Entwicklung als Künstlerin dann zu klein wurde und Wien, im Vergleich zu den Unis in London und Paris, die ich mir ebenfalls angeschaut habe, einfach geografisch näher am Kosovo gelegen ist“, so Ejupi weiter. An der Akademie der bildenden Künste absolvierte sie einen weiteren Master und arbeitet nun an der Fertigstellung ihrer Doktorarbeit. „Nächstes Jahr sollte ich damit fertig sein“, sagt die Künstlerin, „das ist realistisch.“ Das PhD-Studium diene dabei nicht nur ihrer theoretischen Weiterbildung, es unterstütze sie auch beim Denken und Weiterdenken ihrer Arbeit, so die Künstlerin weiter.
Ejupi arbeitet in all ihre Werke Sand aus dem Kosovo ein. „Dabei ist Sand ein Material, das traditionell mit männlicher Arbeit, mit Wiederaufbau und auch mit gesellschaftlichen Machtstrukturen verbunden ist“, erklärt sie. Als Künstlerin nutze sie dieses Material, um fragile, oft weibliche Körper zu schaffen. „Damit wird das Material selbst zu einem Ort der Transformation und des Widerstands“, erklärt Ejupi ihren Zugang. „Meine Forschung hat mir gezeigt, dass viele Künstlerinnen des Balkans mit ähnlichen Strategien arbeiten. Sie nehmen Materialien, die sie ursprünglich begrenzen, definieren oder ausschließen sollten, und verwandeln diese in Werkzeuge der Selbstbestimmung und des Widerstands. Für mich sind Kunst und Forschung deshalb keine getrennten Bereiche. Beide untersuchen, wie Geschichte, Geschlecht, Erinnerung und Macht in Materialien eingeschrieben sind und wie diese Materialien neu gelesen und transformiert werden können. Künstlerische Forschung bedeutet für mich nicht, Kunst zu erklären – sie bedeutet, sichtbar zu machen, welche politischen, historischen und feministischen Geschichten bereits im Material selbst vorhanden sind.“
Ejupi hat sich in der Zwischenzeit in ihre Arbeitskleidung, einen Jumpsuit mit kurzem Bein, geworfen und demonstriert, wie sie den Sand aus ihrer Heimat mit einem speziellen Leim und Farbe anmischt. Diese Mischung wird sowohl auf Leinwände als auch – in anderer Mischung – auf Skulpturen angebracht. Und während sie das Mischgerät in einem Kübel hin- und herbewegt, erzählt sie eine Schnurre: „Die Busfahrer, die von Wien in den Kosovo zurückfahren und mit denen ich eine Vereinbarung bezüglich meiner Sandlieferungen habe, wurden anfangs an der Grenze immer angehalten. Es hätte alles mögliche Illegale in den Sandsäcken versteckt werden können“, lacht sie. „Heute werden sie damit problemlos durchgewunken, weil alle wissen, dass der Sand für mich ist“, erzählt Ejupi.
Die blaue Sandmischung – seit Anfang des Jahres 2026 arbeitet Ejupi verstärkt mit der Farbe Blau – trägt die Künstlerin nun auf eine mit Stoffbahnen und kosovarischer Spitze präparierte, am Boden liegende Leinwand auf. Wieder sind eng ineinander verschlungene Körper zu erkennen. Mit Ölfarbe arbeitet Ejupi rund um die aufgebaute Sandmasse und schreibt seit Kurzem, wie sie sagt, auch Sätze (wie etwa „She is in your bed, I am in your head“) dazu, um die zuvor erwähnte falsch verstandene Intimität zu verdeutlichen.
Gedanklich, sagt Ejupi, sei sie ständig am Arbeiten. Das Denken sei für sie auch der größte Teil ihrer Arbeit. „Wenn du deine Gedanken dann auf die Leinwand bringst, schaltest du den Denkprozess eher ab und der Ablauf, das Handwerk übernimmt die Arbeit“, sagt sie. Es erfordere Disziplin, ins Tun zu kommen, seine Arbeit weiterzuentwickeln, so die Künstlerin, die von der Galerie Lukas Feichtner vertreten wird. Die nächste Ausstellung in Wien wird im September stattfinden; an einer weiteren großen Ausstellung in Tirana arbeitet Ejupi aktuell. Dafür, sagt sie, wurde sie von der Mane Foundation, einer von Samir Mane gegründeten gemeinnützigen Organisation, eingeladen. (Mane ist Präsident der Balfin Group und seit 2026 als erster albanischer Milliardär in der Billionaires List gelistet.) Eine Gruppenausstellung soll es Ende Juli in Aschaffenburg geben, und Ende des Jahres werden Ejupis Arbeiten noch in Hongkong gezeigt. Der Terminkalender sei gut gefüllt, so die Künstlerin, es gebe genug zu tun. Sie könne bereits seit etlichen Jahren von ihrer Kunst leben, sagt sie. Die Werke kosten – je nach Größe und Arbeit – zwischen 5.000 und 35.000 €.
Allerdings, so hakt Ejupi kurz ein, sei sie eine Künstlerin, die zwar viel arbeite, der Output allerdings sei nicht entsprechend überbordend. „Meine Arbeitsprozesse dauern einfach länger“, sagt sie. Außerdem steigere es die Begehrlichkeit, wenn nicht so viel von ihrer Kunst am Markt sei.
Fotos: Andreas Jakwerth