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Sasha Luccioni setzt sich seit Jahren für Nachhaltigkeit im KI-Bereich ein und stand bereits zweimal als Speakerin auf der Ted-Talks-Bühne. Jetzt will sie mit ihrem Start-up Sustainable AI Group ihre Erfahrung dafür verwenden, die mangelnde Transparenz rund um die Umweltbilanz von KI zu bekämpfen.
Sasha Luccioni nennt es „Human Nature“: Was wir nicht ständig vor Augen geführt bekommen, fällt aus dem Bewusstsein. Ähnlich verhält es sich mit der Umweltbilanz von KI – früher heizten Computer bei intensiver Nutzung die eigenen vier Wände auf; heute bleiben Rechenzentren sowie der Verbrauch von Energie, Wasser und Mineralien für die meisten Nutzer bei der Eingabe eines KI-Prompts unsichtbar. „Das finde ich problematisch“, so Luccioni. Die Akademikerin, die an der Schnittstelle von Forschung, Politik und Wissenschaftskommunikation arbeitet, hat maßgeblich dazu beigetragen, wie Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit KI heute verstanden wird. Die mangelnde Transparenz ist nur ein Aspekt, den sie angeht, um den Umgang mit KI nachhaltiger zu gestalten – denn sie glaubt, dass viele KI-Prompts gar nicht erst getippt werden würden, wenn Nutzer wüssten, was das für das Klima bedeutet.
Die Frau, die vom Time Magazine zu den „Most Influential People in AI“ gezählt wird, war nicht von Anfang an technikbegeistert. Zwar wuchs sie in einem Umfeld auf, das von Informatik und Mathematik geprägt war, sie entschied sich zunächst jedoch, ihrer Leidenschaft für Sprache zu folgen. Der Tech-Welt konnte sie dennoch nicht lange entkommen: Nachdem sie ihren PhD im Bereich KI an der Université du Québec à Montréal abgeschlossen hatte, arbeitete sie zunächst in der Industrie und wechselte später zu Morgan Stanley. Ihr Umweltbewusstsein wollte sie dabei jedoch nicht auf der Strecke bleiben lassen: Sie kündigte ihren Job und fand eine Postdoc-Stelle beim Wissenschaftler Yoshua Bengio, mit dem sie an KI-Klimaprojekten arbeitete. Ein Jahr später wurde die erste wissenschaftliche Studie ihrer Art über die Umweltauswirkungen von KI veröffentlicht. In Verbindung dazu wurde Luccioni
mit einer Frage konfrontiert, die ihre Arbeit heute maßgeblich prägt: „Schade ich mehr, als ich helfe?“
Luccioni beschäftigt sich mit dem ökologischen Fußabdruck von KI selbst. Obwohl das Thema zunehmend Aufmerksamkeit erhält, ist es für viele noch abstrakt. Die Forscherin zieht keine gute Bilanz: „KI-Rechenzentren dürften 2030 einen Wasserverbrauch wie 1,3 Milliarden Menschen haben“, heißt es in einem neuen Bericht, der auf den Forschungsdaten des UNU Institute for Water, Environment and Health beruht. Luccioni erzählt von den Tonnen an Wasser, die benötigt werden, um bei Verdunstungskühlung die immer leistungsfähigeren Grafikprozessoren (GPUs) in Rechenzentren zu kühlen. „In diesem Prozess verdampfen 70 bis 80 % des Wassers – ich denke, das ist eine dumme Art, Wasser zu nutzen“, sagt die Wissenschaftlerin. Hinzu kämen der hohe Verbrauch an wertvollen Mineralien, Metallen und seltenen Erden für die GPUs sowie die Emissionen, die bei Produktion und Transport entstehen.
Ich denke, es liegt jetzt an uns, die Dinge zu verändern.
Sasha Luccioni
Für Luccioni ist das größte Problem, dass der Energieverbrauch für KI in den nächsten Jahren maßgeblich steigen wird, anstatt zu fallen: „Für die nächsten fünf Jahre wird prognostiziert, dass sich der Energieverbrauch von Rechenzentren verdoppelt. Während die Welt versucht, ihren Energieverbrauch zu senken, bewegen sich Rechenzentren in die entgegengesetzte Richtung.“ Diese Aussage untermauere auch die International Energy Agency; ganz zu schweigen, ergänzt Luccioni, von den Bergen an Elektroschrott, die entstehen. Diese kommen laut UFH, einem Entsorgungsunternehmen in Wien, zustande, weil die Hardware in den Servern der Rechenzentren aufgrund von schnellen Leistungssteigerungen, dem Boom von KI-Anwendungen und dem Bedarf an hoher Ausfallsicherheit alle drei bis fünf Jahre ausgetauscht wird.
Gleichzeitig würden generative KI-Modelle, so Luccioni, zunehmend für Aufgaben eingesetzt, für die sie gar nicht notwendig seien oder bei denen deutlich energieeffizientere Lösungen ausreichen würden. Laut dem UNU-Bericht verarbeitet Chat GPT täglich geschätzt 2,5 Millionen Prompts, was vergleichbar sei mit dem Stromverbrauch von 109.000 österreichischen Haushalten. „KI als Standardlösung für alles einzusetzen summiert sich“, sagt Luccioni. Dafür macht sie nicht nur die Nutzer verantwortlich – KI-Modelle würden zunehmend in alltägliche Software integriert.
Trotzdem sieht sie einen Teil der Verantwortung, den Trend umzukehren, sehr wohl in den Händen der Endkonsumenten: „Ich denke, es liegt jetzt an uns, die Dinge zu verändern.“ Bisher sei das Narrativ vor allem von KI-Unternehmen und den Betreibern der Rechenzentren geprägt worden. Viele von ihnen erkennen den steigenden Energiebedarf zwar an, sehen die Lösung jedoch vor allem in effizienterer Hardware und dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. Luccioni hingegen argumentiert, dass Effizienzsteigerungen allein nicht ausreichen und zusätzlich ein bewussterer Umgang mit KI-Anwendungen erforderlich sei. Auch die Politik trage Verantwortung – gesetzliche Rahmenbedingungen erleichtern derzeit den Bau neuer Rechenzentren. In einem ihrer kommenden Vorträge will Luccioni vermitteln: Es handelt sich um eine gemeinsame Verantwortung.
Im Kern ist ihr Lösungsvorschlag einfach: Transparenz. Die notwendigen Daten existierten bereits – die Unternehmen müssten sie nur offenlegen. Um Unternehmen dafür zu gewinnen, sagt sie, brauche es jedoch einiges an Überzeugungsarbeit, denn: „Es steckt viel Geld hinter KI.“
Ihr Ansatz setzt vor allem auf das Umweltbewusstsein der Nutzer. „Wenn etwa bei jeder Nutzung von Chat GPT ein kleiner Zähler anzeigen würde: ‚Hey, du hast 1.000 Token generiert und dabei 10 Watt Energie sowie 20 Gramm CO2 verbraucht‘ – idealerweise ergänzt um Informationen zum Wasserverbrauch, zum Standort des Modells und zur Herkunft dieser Daten –, dann würde das die Menschen zum Nachdenken anregen“, ist sich Luccioni sicher.
Gemeinsam mit Boris Gamazaychikov will sie dieses Problem in den kommenden Jahren systematisch angehen. Als Chief Scientific Officer der im Mai 2026 von ihr und Gamazaychikov gegründeten Sustainable AI Group berät sie Organisationen beim verantwortungsvollen Einsatz von KI. Ziel ist es, den ökologischen Fußabdruck von KI messbar zu machen. Dafür sollen Benchmarks und Standards entwickelt, Forschung betrieben und Studien veröffentlicht werden.
Mit ihrem Einsatz für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI und ihren Bemühungen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, hat sich Luccioni zu einer der bekanntesten Stimmen auf diesem Gebiet entwickelt. Ihr erster Ted Talk, der unter anderem auf die Klimarisiken von KI aufmerksam macht, wurde auf Youtube bereits rund 2,5 Millionen Mal aufgerufen; ihr zweiter, der vor einem halben Jahr veröffentlicht wurde, mehr als 100.000 Mal. Darin spricht sie unter anderem über ein geplantes Rechenzentrum, dessen jährlicher CO2-Ausstoß auf 3,7 Millionen Tonnen geschätzt wird – in etwa so viel wie die gesamten Emissionen Islands in einem Jahr.
Luccioni steht ein langer, steiler Weg bevor, wenn sie die KI-Branche in ihren Auswirkungen auf das Klima eingebremst und reguliert sehen möchte. Das Ziel ist aber klar und ihre Arbeit trägt schon Früchte: Sie hat bei dem Projekt „CodeCarbon" als Forscherin mitgewirkt – ein Open-Source-Tool, das den Energieverbrauch und den geschätzten CO2-Ausstoß von KI- und Machine-Learning-Anwendungen berechnet. Es hilft Forschenden und Unternehmen, die Umweltwirkungen ihrer Modelle sichtbar zu machen und effizientere, nachhaltigere KI-Systeme zu entwickeln. So werden die Computer der Nutzer zwar nicht heiß, wenn sie auf die Antwort der KI warten. Aber sie sparen sich zumindest einen Prompt: „Wie viel CO2 verursacht diese Frage?“
Foto: Clara Lacasse