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Die Masse ist klüger als das Individuum: Zahlreiche Experimente belegen die These, dass Gruppen Probleme durch dezentrale Zusammenarbeit besser lösen als einzelne Experten. Das Unternehmen WeBrain.ai kombiniert kollektive und künstliche Intelligenz, um diesen Effekt zu nutzen – statt auf Hierarchie setzt der „Chief Virtual Officer“ auf interne Expertise, damit Führungskräfte die richtigen Entscheidungen treffen können.
Die Idee entstand 2012: Die Beratung „1492“ sollte für Daimler die CFO-Tagung ausrichten; für einen Konzern mit rund 300.000 Mitarbeitenden weltweit, dessen Zahlen mit erheblicher Verzögerung im Management ankamen. Michael Hengl, Gründer und Geschäftsführer von WeBrain.ai, vergleicht das mit einer Vollbremsung im Blindflug: Wer ein Auto nur über den Rückspiegel steuert, merkt eine scharfe Kurve erst, wenn das Auto längst im Graben steht. Der ehemalige Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebber verlangte nach etwas Neuem. Das Ergebnis war eine Konferenz unter dem Motto „Wenn Daimler wüsste, was Daimler weiß“ – und die Geburtsstunde eines fiktiven „Chief Virtual Officer“, der genau das sichtbar machen sollte, was der Konzern zwar wusste, aber nicht in Echtzeit nutzen konnte.
Die wissenschaftliche Basis dafür gewinnen Hengl und sein Sohn Aaron Paul Hengl-Brandauer aus der eigenen Denkfabrik und Strategieberatung 1492, die Michael Hengl in den 90er-Jahren mit Katja Bellinghausen gründete; politisch unabhängig und selbst finanziert, mit Wurzeln in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie rund um Nobelpreisträger Friedrich von Hayek. Dessen These, dass Wissen in einer Gesellschaft dezentral verteilt ist und sich über Preissignale selbst reguliert, übernimmt Hengl mit einer Einschränkung: Selbstregulierung funktioniert nur innerhalb eines regulatorischen Rahmens, sonst drohe, wie er es nennt, ungezügelter Neoliberalismus.
Aus Tausenden von Laborexperimenten leitet WeBrain.ai drei Anwendungsfälle für kollektive Intelligenz ab. Erstens Koordination: Das Schwarmverhalten von Vogel- oder Fischschwärmen dient als Vorbild dafür, wie eine ganze Organisation gemeinsam die Richtung wechselt. Zweitens Ko-Kreation: Gemeinsames Entwickeln von Neuem über Hierarchie- und Abteilungsgrenzen hinweg reduziert Fehlentscheidungen dank kognitiver Vielfalt. Drittens Kognition: Das Kollektiv entscheidet, worauf die Führung im Unternehmen ihre Aufmerksamkeit überhaupt richten sollte.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Produktionsunternehmen, das laut Michael Hengl seit 2021 von einem Start-up auf 3.000 Beschäftigte gewachsen ist. Dort ruft am Schichtbeginn und -ende eine KI-Stimme namens Marie automatisiert alle Mitarbeitenden an, fragt nach Störungen und Stimmung; anonym, in jeder Sprache und jedem Dialekt, was angesichts vieler Beschäftigter aus Syrien, Marokko oder Afghanistan zentral ist. In einem konkreten Fall, den Hengl aus der Luftfahrtzulieferung schildert, führte ein gebrochener Flügel zu einer Vertragsstrafe von 4 Mio. €. Die Ursache (zu dünne, falsch gelieferte Nieten) fand Marie nach Angaben von
WeBrain.ai in einer Woche, weil ein Mitarbeiter ein auffälliges Klappern gemeldet hatte, das sonst niemand mit dem Qualitätsproblem in Verbindung gebracht hätte. „Der Chief Virtual Officer hat keinen Management- oder Kultur-Bias“, sagt Hengl-Brandauer – die Anonymität erleichtere es, unbequeme Beobachtungen auszusprechen.
Kollektive Intelligenz ist das goldene Willy-Wonka-Ticket.
Michael Hengl
Ihr größtes Referenzprojekt datieren die WeBrain.ai-Gründer auf die Jahre 2003 bis 2008: ein Consumer-Electronics-Konzern mit dem Auftrag, in 150 Ländern 3 Mrd. € einzusparen. Statt Kosten direkt zu adressieren, stellte WeBrain.ai die Frage nach dem Wiederkaufverhalten der Kunden in den Mittelpunkt und ließ Mitarbeitende weltweit über eine selbst programmierte Landingpage Verbesserungsvorschläge einreichen und bewerten. Als Vorbild diente unter anderem Apples Umgang mit Garantieverlängerungen unter Steve Jobs. Das Ergebnis der Initiative ist im Harvard Business Manager als Best Practice dokumentiert worden.
Andere Anwendungsfälle sind ein Crowdsourcing-Projekt bei der Erste Group zur strategischen Ausrichtung und ein Digitalisierungsauftrag des Europäischen Parlaments. Bei österreichischen Genossenschaftsbanken wie Raiffeisen oder auch dem Sparkassensektor sehen die Hengls das Modell besonders gut anwendbar, weil die Eigentumsstruktur von oben schwerer zu steuern ist als ein Konzern: Primärbanken agieren autonom – ein Umfeld, das sie durch 150 Jahre, zwei Weltkriege und vier Währungsreformen getragen hat, weil die Dezentralität antifragil wirkt.
So weit die KI auch reicht, Michael Hengl zieht eine klare Linie: Entscheidungen dürfen nicht voll automatisiert getroffen werden. WeBrain.ai setzt auf das Prinzip „Explainable AI“: Jede Handlungsempfehlung muss für das Management nachvollziehbar sein. Der Grundsatz „Human in the Loop“ sorgt dafür, dass die KI zwar Routen vorschlägt, aber niemand verpflichtet ist, dem zu folgen. Rechtlich und im Hinblick auf das Vertrauen in Führungsentscheidungen ist diese Grenze für die Unternehmer auf absehbare Zeit nicht verhandelbar.
Lizenziert wird bei WeBrain.ai der Chief Virtual Officer für die Konzernspitze oder als Mittelmanager-Ersatz auf Team- oder Schichtebene. Nach eigenen Angaben ist die KI hinter Marie und den anderen Anwendungen seit rund 20 Jahren trainiert und bereits bei mehr als 40.000 Führungskräften im Einsatz. „Die kollektive Intelligenz“, so Michael Hengl, „schafft viel bessere Inhalte in Echtzeit, schnellere Umsetzung zu viel geringeren Kosten und erhöht gleichzeitig das Engagement der Mitarbeiter. Das ist das goldene Willy-Wonka-Ticket.“ •
Foto: Nathan Murrell