„Wir sind alle Narzissten“

Schweizerin Evelyne Binsack

Die Schweizer Abenteuerin Evelyne Binsack über die Besteigung des Mount Everest und ihren Antrieb, über Grenzen zu gehen.

Evelyne Binsack liebt Extreme. Bei ihren Abenteuern erlebte sie Höhen und Tiefen, Erschöpfung und Triumph. Der treibende Motor, um solche Leistungen zu erbringen, müsse laut Binsack jedenfalls von innen kommen.

Sind Sie ein ehrgeiziger Mensch?
Ich würde eher sagen, dass ich ein Bestreben habe. Ehrgeiz entsteht, wenn man sich selbst mit jemand anderes in Konkurrenz setzt. Das Streben nach etwas kommt aber von innen. Ich hatte etwa das Bestreben, den Mount Everest zu besteigen, weil ich es tun wollte und nicht, weil ich schneller, größer oder besser sein wollte. Ich war nie ein Wettkampftyp. Ich habe immer gerne trainiert, Wettkämpfe fand ich aber blöd. Mir ging es darum, zu verstehen, wie weit ich meinen Körper bringen kann und wie es sich anfühlt, wenn er erschöpft ist. Und wie sich das wiederum auf die Psyche auswirkt. Da lernt man auch viel über die Probleme in unserer heutigen Leistungsgesellschaft.

… die ja ungesunde Züge annehmen kann.
Definitiv. Ich glaube Wettbewerb ist dann ungesund, wenn man anfängt, sich zu vergleichen. Man kann schon beobachten, was der andere macht, aber immer mit einem kreativen und bewundernden Impetus. Schließlich geht es darum, die Stärken des anderen in die eigenen zu integrieren. Möchte man jedoch immer die Nummer eins sein, ist der Antrieb falsch. Ich kann sagen, ich werde besser als ich selbst, nicht besser, als ein anderer. So wächst man als Person und lernt sich kennen.

Das klingt fast so, als wäre es Ihnen stets leichtgefallen, Ihre Grenzen zu akzeptieren.
Ganz so ist es leider nicht. Nachdem ich den Mount Everest, einen „Achttausender“, bestiegen hatte, wurde mir bewusst, dass ich keine Spitzen-Bergsteigerin mehr werde. Als Kind hatte ich starkes Asthma, schon in der Leichtathletik hatte es mich oft ausgebremst. Ich wäre trotz hartem Training nie in der Welt­elite angekommen. Viele Jahre später ließ ich meine Leistungsfähigkeit bei einem Arzt testen, das Ergebnis war eindeutig. Ich kann mich bis zu einer gewissen Grenze vollkommen auspowern, doch wenn die Lunge überstrapaziert ist, sackt sie in sich zusammen. Im Alltag spüre ich das nicht, aber in der Höhe dreht sich alles um Luft. Und wenn man zu wenig Luft hat, geht das an die Lunge, an die Zellen, ans Gehirn, alles kommt zusammen. Meine Grenze sind die 7.500 Höhenmeter, danach wird es zu gefährlich, aber so ist es eben. Wenn ich weiß, dass ich bei einer Sache mehr Energie investieren muss, als andere und nicht die gleichen Grundvoraussetzungen habe, stinkt mir das. Das war durchaus ein schmerzhafter Prozess. Ich hätte mich zu dieser Zeit gerne in die Top-Liga der Bergsteigerinnen eingereiht. Doch ich musste einsehen, dass mein Körper das nicht zulässt.

2005 haben Sie trotzdem versucht, noch einmal den Mount Everest zu besteigen.
Ja und da ist es auch gescheitert. Wir mussten die Expedition unter anderem wegen schlechter Wetterbedingungen bereits im Basiscamp abbrechen. 2005 war überhaupt ein schwieriges Jahr für Bergsteiger. Viele kehrten mit starken Erfrierungen von ihren Expeditionen zurück. Die Bedingungen waren sehr hart. Auch unser Expeditionsleiter holte sich schon zu Beginn Erfrierungen, weil er zu schnell zu hoch hinaus wollte. Er musste dann bald abbrechen und zurückfahren. Ein anderer Teilnehmer hatte eine Lungenkrankheit mitgebracht, sein Kollege war noch nie zuvor auf einem 8.000er gewesen. Ich wollte als Einzige die Zeit nutzen, wenn ich schon einmal akklimatisiert bin, und bis zum Schluss im Basislager ausharren. Es war auf jeden Fall nicht einfach, für keinen von uns. Wenn man jeden Tag im Basislager sitzt und die Wettermeldungen stündlich checkt und es dann für kurze Zeit gut aussieht, baut man unheimlich viel Energie auf. Dann kommt aber eine schlechte Nachricht, das Fenster schließt sich und man sackt in sich zusammen. Das war eine Zerreißprobe für uns. Schlussendlich haben wir dann abgebrochen, was sinnvoll war. Für mich kam der Abbruch jedoch trotzdem zu früh.

Wie geht man mit einem solchen Scheitern um?
Für mich war es weniger der Misserfolg am Berg, sondern der Misserfolg im Team, der mir zu schaffen machte. Das Team hatte einen Bruch erlitten, als sich der Sponsor der Expedition eine Erfrierung holte, das Schiff hatte keinen Kapitän mehr. Die Tage darauf wurden nicht gerade einfacher. Ich habe so viel Motivation und so viel Substanz verloren. Auf der anderen Seite war es eine gute Erfahrung, weil ich menschlich lernen konnte.

Evelyne Binsack
...war die erste Schweizerin auf den „drei geografischen Polen“: Dem Gipfel des Mount Everest, dem Süd- und dem Nordpol. Ursprünglich absolvierte die Abenteurerin und Bergsteigerin eine Verkaufslehre in einem Sportgeschäft. 1991 erhielt sie das Diplom als Bergführerin.

Sind Sie in ein tiefes Loch gefallen?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich wusste ja schon, dass aus mir keine Spitzen-Bergsteigerin mehr wird. Da musste ich mich fragen, wozu ich noch Lust habe. Ich war damals keine Abenteurerin, sondern zu 100 Prozent Alpinistin. Ich hatte meine eigene Berufsbergführer-Schule. Und dann mache ich auf einmal eine Fahrradtour von der Schweiz bis nach Punta Arenas (in Chile Anm.), um zum Südpol zu gelangen. Ich fand das nicht so anspruchsvoll. Abenteurerin zu werden war für mich als Alpinistin eigentlich eine Degradierung. Zumindest in einer Sache konnte ich unseren Alpinisten-Vätern treu bleiben, denn ich bin nicht einfach zum Südpol geflogen, sondern habe die ganze Strecke mitgenommen. Unsere Alpinisten-Väter sind schließlich auch auf den Straßen und am Boden gekrochen, um an den Ausgangspunkt zu kommen. So kam mir die Idee, es ihnen gleichzutun und einmal zum Süd- und danach zum Nordpol zu reisen.

Waren Sie bei der Expedition tatsächlich unterfordert?
Unterfordert war ich ganz und gar nicht. Das war eine total harte Expedition. Gegen Ende, als es anfing, richtig taff zu werden, fühlte ich mich wieder ganz in meinem Element. In der Antarktis ist der Weg tatsächlich das Ziel, alles sieht gleich aus, tagelang nur Eis, nicht ein schöner Ausblick ist einem gegönnt. Besteigt man einen Berg bekommt man zumindest das Panorama als Belohnung.

Sind Sie irgendwann an Ihre Grenzen geraten?
Ja, bei der Expedition zum Südpol war die Erschöpfung sehr groß. Ich hatte zwar keine unmittelbaren Todesängste, aber ich wusste, jetzt gehen mir die Kräfte aus. Da war ich schon sehr stark mit meinen Ressourcen und Grenzen konfrontiert. Bei dieser Expedition kam hinzu, dass ich für das Kochen zuständig war. Das hört sich jetzt einfacher an, als es ist, denn Essen zu kochen ist unter solchen Extrembedingungen harte Arbeit. Das ist eine Aufgabe für zwei Personen, die fünf Stunden am Tag dauert. Wir waren die Ersten, die aufstehen mussten, während die anderen weiterschlafen konnten und hatten fünf Stunden Mehrarbeit. In dieser Zeit konnten die anderen ihre Kräfte schonen. Alleine, um eine Flasche von einem ins andere Zelt zu bringen, muss man sich die Vollmontur anziehen. Bei minus 40 Grad Celsius raubt einem das viel Energie. Erst, als ich meinen psychischen Einbruch hatte, wurde mir klar, dass es so nicht weitergeht.

In der Antarktis aufstehen und gehen ist natürlich nur schwer möglich. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?
Meine Teamkollegen haben den Koch-Job übernommen, ein Teammitglied hat mir mit meinem Schlitten geholfen. Und dann gab es da eben diese zwei, drei Tage, in denen ich diese totale Erschöpfung hatte. Ich musste aufpassen, nicht in die absolute Verzweiflung hineinzufallen. Das war schwere mentale Arbeit und ein sehr wertvolles Erlebnis, weil ich gelernt habe, wie sich die Erschöpfung auf mich auswirkt.
Nachdem meine Kollegen meinen Job übernommen haben, ging es aber schnell wieder bergauf mit meiner Energie. Das war eine sehr wichtige Erfahrung. Ich habe gelernt, dass es sich positiv auswirkt, alles für sein Team zu geben, denn dann kommt auch sehr viel zurück.

Welche Rolle spielt Selbstvertrauen in so einer Situation?
Selbstvertrauen ist eine Grundvoraussetzung, aber es muss berechtigt sein. Es gibt Menschen, die haben sich an einen hohen Status im Berufsleben gewöhnt und dadurch ein hohes Selbstvertrauen in ihre Arbeit und in sich. Leider führt das dazu, dass sie dieses Selbstvertrauen auch auf andere Tätigkeiten projizieren. Als ich in Nepal war, um Erdbebenopfern zu helfen, lernte ich einen australischen Rechtsanwalt kennen, der dort war, um den Mount Everest zu besteigen. Ich habe ihm angeboten für zwei Jahre in die Alpen zu kommen, um ihn zu trainieren. Er sagte, er habe keine Bergsteig- sondern nur Trekking-Erfahrung, werde den Berg aber trotzdem besteigen. Ich hatte ihn gewarnt und ihm gesagt, dass das nicht ausreicht. Später erfuhr ich, dass er schon in der ersten Etappe schwer gestürzt ist und mit dem Hubschrauber abtransportiert werden musste. Selbstvertrauen braucht eine Grundlage. Wenn ich der beste Fußballer der Welt bin, heißt es trotzdem nicht, dass ich den Mount Everest besteigen kann. Aber Männer und Frauen, die nur Superlative gewohnt sind, haben manchmal ein bisschen zu viel Selbstvertrauen. Das kann schnell gefährlich werden.

Gibt es auch unter Extremsportlern den Wunsch, zur Elite zu gehören?
Da gibt es schon sehr viel Konkurrenz, das ist klar. Alle möchten Sponsoren haben. Wir sind natürlich alle irgendwo auch Narzissten. Jeder will am Markt überleben, der Markt ist aber klein. Ich habe mich jedoch nie von Sponsoren bezahlen lassen. Ich verdiene mein Geld als Bergführerin, Coach und Buchautorin. Meine Expeditionen habe ich mir selbst finanziert. Nur die Flüge und die Ausrüstung habe ich manchmal zahlen lassen. Doch ich wollte immer die Freiheit haben, zu einer Expedition Nein sagen zu können. Nach jedem Abenteuer war zwar mein Bankkonto leer, aber ich war unabhängig. Ich verheirate mich jedes Mal mit meinen Projekten. Es geht um viel Geld und es ist ein hohes Risiko, wenn etwas nicht klappt. Aber ich habe keine Kinder und daher auch kein Bedürfnis, Geld auf die Seite zu legen.

Was treibt Sie denn an?
Ich bin mir bewusst, dass das Leben kurz ist. Wenn man 80 Jahre alt wird, ist man die ersten zwanzig Jahre und die letzten zwanzig Jahre nicht so produktiv. Ich habe also vielleicht 40 oder 50 Jahre, in denen ich alles geben, viel lernen und der Gesellschaft etwas zurückgeben kann. Die Frage ist: Wie viel Erfahrung sammle ich in dieser Lebensspanne? Mich treibt es an, dass ich mich immer auf den Weg mache, mich austeste, ausprobiere, anecke und die Grenzen auslote. Für mich gab es nie etwas anderes. Ich glaube dieser Antrieb war schon immer in mir drinnen.

Dieser Artikel ist in unserer Juli-Ausgabe 2018 „Wettbewerb“ erschienen.

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